Religionskritisches von Johann Georg Forster

Über Proselytenmacherei (1789)

von

Johann Georg Forster


Herausgegeben von Alois Payer (payer@payer.de)


Zitierweise / cite as:

Forster, Johann Georg Adam <1754 - 1794>: Über Proselytenmacherei.  -- 1789. -- Fassung vom 2005-01-26. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/forster01.htm    

Erstmals publiziert: 2005-01-26

Überarbeitungen:

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Dieser Text ist Teil der Abteilung Religionskritik  von Tüpfli's Global Village Library


Erstmals veröffentlicht in:

Berlinische Monatsschrift / Hrsg.: J. E. Biester, F. Gedike. -- Berlin : Haude und Spener. -- 2, 1789. -- S. 543 - 579 [Faksimile online: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/berlmon/berlmon.htm. -- Zugriff am 2005-01-24]

als Antwort auf:

Bender <Kurmainzischer Hofgerichtsrat und Beamter zu Eltville>: Proselytenmacherei. -- In: Berlinische Monatsschrift / Hrsg.: J. E. Biester, F. Gedike. -- Berlin : Haude und Spener. -- 2, 1789. --S. 195 - 199  [Faksimile online: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/berlmon/berlmon.htm. -- Zugriff am 2005-01-24]



Abb.: J. G. A. Forster / von J. H. W. Tischbein (?). -- Um 1785

"Johann Georg Adam Forster (* 27. November 1754 in Nassenhuben bei Danzig (heute Mokry Dwór in Polen); 10. Januar 1794 in Paris) war ein deutscher Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist und Revolutionär. Er nahm an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teil, lieferte wichtige Beiträge zur vergleichenden Länder- und Völkerkunde der Südsee und gilt als einer der Begründer der wissenschaftlich fundierten Reiseliteratur. Als deutscher Jakobiner gehörte er zu den Protagonisten der kurzlebigen Mainzer Republik.

Biographie

Das Leben Georg Forsters war kurz aber reich an Erfahrungen und Erlebnissen, wie sie im 18. Jahrhundert nur wenigen Menschen vergönnt waren. Von allen deutschen Aufklärern dürfte Georg Forster am meisten von der Welt gesehen haben.

Von Jugend an auf Reisen

Georg Forster war der Sohn des Naturforschers und evangelisch-lutherischen Pastors Johann Reinhold Forster und seiner Frau Justina Elisabeth, geb. Nicolai. Der Vater, der sich mehr für Philosophie und Naturwissenschaften interessierte, nahm seinen erst zehnjährigen Erstgeborenen 1765 mit auf eine Forschungsreise nach Russland, die ihn bis in die Kirgisensteppe am Unterlauf der Wolga führte. Bereits damals war der junge Forster an kartographischen Studien und an Bodenuntersuchungen beteiligt. Zudem lernte er bei dieser Gelegenheit fließend russisch.

Im Jahr darauf übersiedelte Johann Reinhold Forster nach London, um im Land seiner Vorfahren eine seinen Neigungen entsprechende Existenz als Lehrer und Übersetzer aufzubauen. Auch auf dieser Reise begleitete ihn Georg. Als 13-jähriger gab er in England sein erstes Buch heraus: eine Übersetzung der "Kurzen Russischen Geschichte" von Lomonossow, vom Russischen ins Englische, die in wissenschaftlichen Kreisen auf lobende Anerkennung stieß.

Mit Captain Cook um die Welt

Da der Vater sich im Laufe der Zeit einen Ruf als Wissenschaftler erworben hatte, erhielt er 1772 das Angebot der britischen Admiralität, Captain James Cook auf seiner zweiten Weltumsegelung zu begleiten. Seine Aufgabe als Naturforscher sollte es sein, einen wissenschaftlichen Bericht über die Reise zu erstellen und nach der Rückkehr zu publizieren. Johann Reinhold Forster setzte durch, dass sein nun 17-jähriger Sohn Georg als Zeichner mitkommen durfte.

Am 13. Juli 1772 stachen Vater und Sohn Forster an Bord der "Resolution" in Plymouth in See. Die Reise führte zunächst in den Südatlantik, dann durch den Indischen Ozean und antarktische Gewässer in den Südpazifik und zu den Inseln Polynesiens und schließlich um Kap Hoorn herum wieder zurück nach England, wo die Expedition am 30. Juli 1775 eintraf. Auf ihrer dreijährige Reise hatten die Forsters mit Cook u.a. Neuseeland, die Tonga-Inseln, Neu Kaledonien, Tahiti, die die Marquesas-Inseln und die Osterinsel erkundet und waren weiter nach Süden vorgedrungen als jemals Menschen vor ihnen. Cooks zweite Reise widerlegte endgültig die Theorie von einem großen, bewohnbaren Südkontinent.

Georg Forster beteiligte sich zunächst unter Anleitung seines Vaters, zumeist als Zeichner, an Studien zur Tier- und Pflanzenwelt der Südsee. Seine eigentlichen Interessengebiete aber, auf denen er bald selbständige Forschungen anstellte, waren die vergleichende Länder- und Völkerkunde. Er lernte schnell die Sprachen der polynesischen Inseln. Seine Berichte über die Polynesier werden trotz ihres aufklärerischen Duktus bis heute gelobt, da sie Forsters Bemühen wiederspiegeln, den Bewohnern der Südsee-Inseln mit Einfühlung, Sympathie und weitgehend ohne christlich- abendländische Vorurteile zu begegnen. Andererseits hütet er sich auch vor Idealisierungen der "edlen Wilden" Mit dieser Art der einfühlenden Beobachtung war Forster anderen Völkerkundlern seiner Zeit weit voraus.

Anders als etwa Louis Antoine de Bougainville, der mit seinem Reisebericht über Tahiti wenige Jahre zuvor die eher unkritische, idealistische Südseeromantik begründete, nahm Forster die Gesellschaften der südpazifischen Inseln sehr differenziert wahr. Er beschrieb die unterschiedlichen Sozialordnungen und Religionen, die er beispielsweise auf den Gesellschaftsinseln, den Freundschaftsinseln, in Neuseeland und auf der Osterinsel vorfand und führte sie auf die jeweils unterschiedlichen Lebensbedingungen zurück. Zugleich registrierte er aber auch, dass die Sprachen auf diesen weit verstreut liegenden Inseln relativ eng miteinander verwandt waren. So schrieb er etwa über die Bewohner der Tonga benachbarten Nomuka-Inselgruppe:

Ihre Sprache, die Fahrzeuge, Waffen, Hausrat, Kleidung, Puncturen (=Tätowierungen) , die Art den Bart zu stutzen; kurz, ihr ganzes Wesen stimmten mit dem, was wir hievon auch auf Tongatabu gesehen hatten, genau überein. Nur konnten wir (...) keine Art von Subordination unter ihnen gewahr werden, welche hingegen auf Tongatabu sehr auffallend war, und, in den Ehrenbezeugungen für den König, fast bis zur äußersten Sclaverey ging.

Begründer der modernen Reiseliteratur

Während sein Vater nach der Rückkehr den von der Admiralität gewünschten wissenschaftlichen Bericht schrieb, veröffentlichte Georg Forster 1777 die für das allgemeine Publikum gedachte Reisebeschreibung A voyage round the world (dt.: Reise um die Welt), aus der das obige Zitat stammt. Das 1778/80 erschienene Werk machte den jungen Autor sofort berühmt. Der Dichter Christoph Martin Wieland pries es als das bemerkenswerteste Buch seiner Zeit, und es gilt bis heute als eine der bedeutendsten Reisebeschreibungen, die je geschrieben wurden. Das Werk, mit dem die Geschichte der modernen deutschen Reiseliteratur beginnt, übte u.a. starken Einfluss auf Alexander von Humboldt und auf Ethnologen späterer Zeiten aus.

Forster pflegte eine geschliffene deutsche Prosa. Wissenschaftlich exakt und sachlich fundiert, verstand er es, zugleich spannend und gut lesbar zu schreiben. Seine Werke zeichnete vor der bis dahin üblichen Reiseliteratur aus, dass sie keine bloße Aneinanderreihung von Daten darstellten, sondern zusammenhängende, anschauliche und verlässliche ethnographische Fakten boten, die durch eingehende und teilnehmende Beobachtungen zustande gekommen waren. Immer wieder unterbrach er die reine Beschreibung, um philosophische Betrachtungen über das Beobachtete anzustellen.

Dabei galt sein Hauptaugenmerk immer den Menschen, denen er begegnete ihrem Verhalten, ihren Bräuchen, Sitte und Religionen und ihren Gesellschaftsformen. In Reise um die Welt gab er sogar Liedtexte der Polynesier samt Notation wieder. Das Buch ist bis heute eine der wichtigsten Quellen über die Gesellschaften in der Südsee, bevor sich auch dort der europäische Einfluss geltend machte.

Die Veröffentlichung brachte Georg Forster wissenschaftliche Ehrungen aus ganz Europa ein. Die angesehene Royal Society in London nahm den noch nicht 23jährigen 1777 als Mitglied auf. Ebenso verfuhren wissenschaftliche Akademien von Berlin bis Madrid. Da die Ehrungen aber kein Geld einbrachten, kehrte er 1778 nach Deutschland zurück, um eine Professorenstelle in Kassel anzutreten. In Göttingen lernte er Therese Heyne kennen, die Tochter eines Altertumsforschers an der dortigen Universität, die später als eine der der ersten freien Schriftstellerinnen Deutschlands hervortrat. Die beiden heirateten 1785, hatten drei Kinder, führten aber keine sehr glückliche Ehe.

Professor und Jakobiner

Als Professor für Naturgeschichte war Forster zunächst in Kassel, ab 1784 im damals polnischen Wilna tätig. Seit seiner Kasseler Zeit stand er in regem Austausch mit den wichtigsten Vertretern der Aufklärung in Deutschland, u.a. mit Lichtenberg, Lessing, Herder,

Wieland und Goethe. Er veröffentlichte regelmäßig Aufsätze über Forschungs- und Entdeckungsreisen seiner Zeit, etwa über Cooks dritte Expedition in die Südsee, an der er selbst nicht teilnahm, oder über die Meuterei auf der Bounty.

Ein weiteres Gebiet, auf dem Forster als einer der ersten deutschen Wissenschaftler forschte, war das der Indologie. Ende der 80er Jahre scheiterte jedoch sein Plan, eine von Zarin Katharina der Großen finanzierte, russische Indien-Expedition zu leiten. Daher nahm er 1788 die Stellung des Bibliothekars der Universität Mainz an.

Ansichten vom Niederrhein

Von Mainz aus unternahm er im Frühjahr 1790 gemeinsam mit dem jungen Alexander von Humboldt eine ausgedehnte Reise, die ihn in die Österreichischen Niederlande, nach Holland, England und Paris führte. Seine Eindrücke schilderte er in dem zwischen 1791 und 1794 erschienenen, dreibändigen Werk Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Johann Wolfgang von Goethe sagte von dem Buch: "Man mag, wenn man geendigt hat, gerne wieder von vorne anfangen und wünscht sich, mit einem so guten, so unterrichteten Beobachter zu reisen." Das Buch enthält u.a. kunsthistorische Betrachtungen die für die wissenschaftliche Kunstgeschichte ebenso stilbildend wurden, wie A Voyage round the world für die Ethnologie. Forster gehörte beispielsweise zu den Ersten, die zu einer gerechten Beurteilung der damals noch weitgehend als "barbarisch" abgetanen gotischen Kunst gelangten und nahm Einstellungen der Romantik vorweg.

Aber wie 15 Jahre zuvor in der Südsee, so galt auch auf dieser neuen Reise sein Hauptinteresse wieder dem sozialen Verhalten der Menschen. Volksaufstände in Flandern und Brabant und natürlich die Revolution in Frankreich hatten Forsters Interesse geweckt. Seine Reise in diese Gebiete sowie in die Niederlande und England, wo die bürgerlichen Freiheiten vergleichsweise weit entwickelt waren, sollte ihm nicht zuletzt dazu dienen, sich seines eigenen politischen Urteils zu vergewissern. Denn er war damals bereits ein überzeugter Gegner des Ancien Regime. Wie viele andere deutsche Gelehrte hatte auch er den Ausbruch der Revolution im Jahr zuvor als konsequente Folge der Philosophie der Aufklärung begrüßt. Bereits am 30. Juli 1789, kurz nach Bekanntwerden des Sturms auf die Bastille, hatte er seinem Schwiegervater, dem Göttinger Philologen Christian Gottlob Heyne, geschrieben:

Schön ist es aber zu sehen, was die Philosophie in den Köpfen gereift und dann im Staate zustande gebracht hat. (...) Also ist es doch der sicherste Weg, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären; dann gibt sich das übrige wie von selbst.

Gründung der Mainzer Republik

Nachdem die französische Revolutionsarmee unter General Custine am 21. Oktober 1792 Mainz besetzt hatte, gehörte Georg Forster zu den Männern, die schon zwei Tage später den Jakobinerclub "Freunde der Freiheit und Gleichheit" ins Leben riefen. Ab Anfang 1793 war er aktiv an der Gründung der Mainzer Republik beteiligt. Die erste auf bürgerlich- demokratischen Grundsätzen aufgebaute Republik auf deutschem Boden umfasste in etwa das linksrheinische Gebiet zwischen Landau und Bingen. Forster wurde Vize-Präsident der provisorischen Verwaltung und ließ sich als Abgeordneter in den Rheinisch- Deutschen Nationalkonvent wählen. Von Januar bis März 1793 war er Redakteur von "Die neue Mainzer Zeitung oder Der Volksfreund". In seinem ersten Artikel schrieb er:

"Die Pressefreiheit herrscht endlich innerhalb dieser Mauern, wo die Buchdruckerpresse erfunden ward."

Die Freiheit währte allerdings nicht allzu lange. Denn die Mainzer Republik existierte nur bis zum Abzug der Franzosen im Juli 1793.

Tod im revolutionären Paris

Forster hielt sich damals schon nicht mehr in Mainz auf. Als Abgeordneter des Nationalkonvents, des ersten demokratischen Parlaments in Deutschland, war er nach Paris entsandt worden, um die Angliederung der allein nicht lebensfähigen Mainzer Republik an Frankreich zu beantragen. Der Auftrag wurde zwar angenommen, hatte sich aber durch die Rückeroberung von Mainz durch die Truppen der anti-französischen Koalition erledigt.

Aufgrund eines Dekrets Kaiser Franz' II., das die Zusammenarbeit deutscher "Untertanen" mit der französischen Revolutionsregierung unter Strafe stellte, verfiel Forster der Reichsacht und konnte nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Völlig mittellos und ohne seine Frau, die ihn zusammen mit den Kindern schon in Mainz verlassen hatte, blieb er in Paris. Dort trat die Revolution gerade in die Phase der Schreckensherrschaft, der Terreur des Wohlfahrtsausschusses unter Maximilien de Robespierre.

Forster wurde sich nun des Unterschieds bewusst zwischen dem Anspruch der Revolution, das Glück der Menschheit zu befördern, und der revolutionären Praxis, die über das Glück und das Leben des einzelnen Menschen grausam hinweg gehen konnte. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Befürwortern der Revolution, wie etwa Friedrich Schiller, wandte sich Forster aber selbst unter dem Eindruck des Terrorregimes nicht von den revolutionären Idealen ab. Er sah die Ereignisse in Frankreich als ein Naturereignis an, das man nicht aufhalten könne und das seine Energien freisetzen müsse, um nicht noch zerstörerischer zu wirken. Kurz vor seinem Tod schrieb er:

"Die Revolution ist ein Orkan. Wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift."

Noch bevor die Terrorherrschaft ihren Höhepunkt erreicht hatte, im Januar 1794, starb Georg Forster, noch nicht 40jährig, an einer Lungenentzündung in einer kleinen Dachwohnung in der Rue des Moulins in Paris.

Nachleben

Bald nach Forsters Tod geriet sein Werk außerhalb der Fachwelt fast vollständig in Vergessenheit, wohl nicht zuletzt als eine Folge seines Engagements während der französischen Revolution. Je nach politischer Zeitströmungen wurde Forster bis in die Gegenwart hinein jeweils unterschiedlich beurteilt.

In der Zeit des aufkeimenden Nationalismus im nach- napoleonischen Deutschland verdeckte das Bild des "Vaterlandsverräters" Forster zusehends das des Forschers und Schriftstellers, auch wenn der Philosoph Friedrich Schlegel zu Beginn des 19. Jahrhunderts über ihn schrieb: "Unter allen eigentlichen Prosaisten atmet keiner so sehr den Geist freier Fortschreitung wie Georg Forster". Im wilhelminischen Deutschland und erst Recht während des Dritten Reichs blieb das Andenken Forsters verfemt. Die DDR dagegen instrumentalisierte die Erinnerung an ihn und versuchte, den Forscher und Revolutionär in ihre eigene Traditionsbildung einzubinden. So wurde beispielsweise die am 1. Juli 1987 eingeweihte Forschungsstation der DDR in der Antarktis nach ihm benannt. Auf der Suche nach demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte setzte seit den 1970er Jahren aber auch in der Bundesrepublik eine differenzierte Auseinandersetzung mit Forster ein. Sein Ruf als einer der ersten und bedeutendsten deutschen Ethnologen ist heute unbestritten. Seine Arbeiten gelten mit als ausschlaggebend dafür, dass sich die Ethnologie in Deutschland zu einem eigenständigen Zweig der Wissenschaft entwickelt hat."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Forster. -- Zugriff am 2005-01-24]


Über Proselytenmacherei1

An die Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift2

Verschiedenheit der Meinungen war nie ein Grund, der Sie3 bestimmt hatte, jemanden Ihre Freundschaft zu entziehen. Nie versagten Sie Ihre Hochachtung einem rechtschaffenen Manne, der aus Überzeugung und nach Grundsätzen, diese mochten von den Ihrigen so abstechend als möglich sein, ohne Beeinträchtigung der Rechte des einzelnen Menschen oder des gesellschaftlichen Vertrages handelte. Nur der Unwürdige war Ihnen verächtlich, der die Stimme der natürlichen Gerechtigkeit in seinem Busen übertäuben, und gegen besseres Wissen vorsetzlich die Befriedigung seines Willens auf Kosten der Freiheit und des Eigentums seines Mitmenschen suchen konnte.

Der Satz, von welchem alle Moralisten ausgehen: die Anerkennung derselben Rechte, die man für sich verlangt, in jedem einzelnen Menschen; führt mich also, mit dem Bewusstsein, dass er die unerschütterliche Grundlage Ihres Denkens und Handels bleibt, in vollem Vertrauen zu Ihnen, indem ich eine Meinung, welche von der Ihrigen abweicht und sie bestreiten soll, durch Ihre Monatsschrift vor das Publikum zu bringen wünsche.

Der August Ihrer Monatsschrift von diesem Jahr enthält, unter der Rubrik: Proselytenmacherei, ein Schreiben des Herrn Hofgerichtsrats Bender zu Eltvill im Rheingau an die katholische Witwe eines Protestanten;4 worin er ihr missrät, ihre Söhne in der lutherschen Religion erziehen zu lassen. Die öffentliche Bekanntmachung dieses Schreibens soll, Ihrer Erinnerung zufolge,

»zur Beschämung des Briefstellers dienen, der auf das hinterlistigste alle Motive in Bewegung zu setzen sucht, um eine schwache und betrübte Person zu einem unredlichen Schritte zu verleiten, indem er ihr denselben als Pflicht und als Befehl von Gott vorspiegeln will.«

Erlauben Sie mir, dass ich über die Wahl der auffallenden Worte, deren Sie Sich bedienen, ein wenig mit Ihnen rechten darf.

Proselytenmacherei. Ich begreife nicht, wie man im protestantischen Deutschland, welches so lange her bemüht gewesen ist, von allen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte, in Absicht der Vorstellungsart, der Sitten, Gebräuche, Religionen, und Verfassungen, der Armut und des Reichtums der Begriffe, des Gebrauchs, Missbrauchs und Nichtgebrauchs der Verstandeskräfte genaue Kenntnisse einzusammeln; ich begreife nicht, wie man da den Geist eines angeblich alleinseligmachenden5 Glaubens je soweit hat verkennen können, um sich zu schmeicheln, dass seine Bekenner dem ernsten Bestreben entsagen würden, Andersgesinnte zu ihrer Meinung zu überreden. Von wem mag sich die Behauptung wohl herschreiben, dass die Katholiken auf Bekehrungen je Verzicht getan? Niemand hat mir ihren Urheber zu nennen gewusst; und dies vielleicht um soviel weniger, als es gewiss ist, dass dieser Wahn erst seit kurzem gerügt wird, und überall so wenig Beifall findet, dass er kaum der Rüge wert zu sein scheint. Wenn ich einer Mutmaßung Raum geben dürfte, so würde ich seine Entstehung dort suchen, wo man ihn zuerst widerlegte. Von Schulverbesserungen, von Aufnahme der Wissenschaften und Künste, von Klösteraufhebungen, von Duldung andrer Glaubensverwandten, von Beförderungen protestantischer Gelehrten im katholischen Deutschland, hatte man, und zwar mit Recht, viel rühmen gehört. Wie leicht schwärmt man nicht für das Gute, welches jedem nach seiner Einsicht das Beste scheint! Es bedurfte nur einer lebhaften Einbildungskraft und eines edlen Enthusiasmus für die Wohltat der Reformation, um den Trugschluss zu erzeugen: dass ein aufgeklärter Katholik im Stillen schon mehr als halber Protestant sein müsse. Die Katholiken waren wohl weit entfernt, sich von dieser vermeintlichen Metamorphose ihrer selbst etwas träumen zu lassen; eben so entfernt, wie jene Protestanten, denen derselbe Enthusiasmus auf den Kopf zusagen durfte: sie könnten, ohne es selbst zu wissen, heimliche Jesuiten sein. Allein es währte gewiss nicht lange, so musste der Mann, der diese unsichtbaren Verwandlungen erspäht zu haben glaubte, sich selbst seinen Irrtum eingestehn, sobald er nämlich zur wirklichen Untersuchung schritt, und die deutschen Katholiken gegen das Ideal in seinem Kopfe hielt. Nach dieser Entdeckung wusste er sich dann vermutlich keinen andern Rat, als jenen so notorisch gewordnen Kampf mit seinem eigenen Hirngespinst. Die längstbekannte, nie bezweifelte Überzeugung der Katholiken, dass die Bekehrung der Andersgesinnten verdienstlich sei, musste itzt auf einmal etwas unerhörtes heißen, damit man über protestantische Sorglosigkeit laute Klagen erheben und uns in die polemisierenden Jahrhunderte zurückversetzen konnte. Wenn der Verdruss über jene Selbsttäuschung auch so weit gegangen wäre, dass er über alles und jedes Beginnen unsrer katholischen Landsleute die unbilligsten Urteile veranlasst hätte; so würden Sie Sich mit mir über eine so natürliche, dem menschlichen Herzen so angemessene, Wirkung wohl schwerlich gewundert haben.

Ich wiederhole also: dass die meisten Katholiken sich durch den Lehrbegriff ihrer Kirche berufen glaubten, Proselyten zu machen, dies konnte keinem in seiner Religion zweckmäßig unterrichteten Protestanten, keinem, für dessen Belehrung und Unterhaltung durch unsere zahllosen Journale gesorgt werden sollte, unbekannt geblieben sein. Der Glaube, dass außer dem Schoße der Kirche keine Seligkeit zu hoffen sei, stände ja mit der Menschenliebe im Widerspruch, wenn er nicht an den Wunsch eine allgemeine Bekehrung zu bewirken innig gebunden wäre. Diese beiden Grundsätze stehen und fallen miteinander; und die Katholiken können nicht eher aufhören zu bekehren, bis sie aufhören zu verdammen. Der aufgeklärte Protestant, der allen christlichen Parteien ziemlich gleiche Ansprüche auf die Seligkeit zugesteht, muss zwar nach seinem Gefühl diesen verdammenden Glauben mit seiner unmittelbaren Folge, dem Bekehrungseifer, missbilligen und verwerfen; allein er wird zugleich gestehn, dass der Katholik auch bei diesem Glauben wenigstens noch konsequent ist. Dass dieser Glaube, dass so mancher andere Glaube sich des menschlichen Herzens hat bemeistern können: darüber darf der Philosoph das Los der Menschheit bedauern, denn das ist seinem Glauben gemäß er wird aber unstreitig der letzte sein, der seinen Mitmenschen die güldene Freiheit absprechen möchte, zu glauben was sie wollen oder können. Diese Freiheit aufzuheben, ist nicht nur unerlaubt, sondern auch zum Glück nur in unaufgeklärten Ländern noch möglich.

»Der Himmel bewahre«, wird man mir antworten, »dass ein Protestant, er sei Philosoph oder nicht, den Einfall haben sollte, einen andern Glauben, wäre es auch der alleinseligmachende selbst, im Heiligen Römischen Reiche verfolgen oder in einem gehässigen Lichte darstellen zu wollen. Das aber lässt sich keinem wehren, dass er nach Grundsätzen einer erleuchteten Vernunft, welche seit kurzem so manche Riesenschritte getan, sich selbst von seiner Überzeugung Rechenschaft geben, sich gegen eine Religion, welche die Zahl ihrer Bekenner zu vermehren sucht, mit Gründen verwahren, seine Glaubensgenossen vor dem Abfall sichern, und der Wahrheit Zeugnis geben darf«.

Wahrheit! schönes, großes, heiliges Wort, unzertrennlich von Empfindung und Gedanken; und dem Menschengeschlechte so teuer, dass Religion und Philosophie an die Ergründung seines göttlichen Sinnes die höchste Glückseligkeit knüpften! Wer ist so blödsinnig, dass er Wahrheit nicht erkennen; wer so neidisch, dass er die erkannte Wahrheit nicht mitteilen möchte? Verzeihen Sie diese Apostrophe; Sie wissen ja, ich war von jeher ein Eiferer für

Die Sonnen: Wahr und Gut und Schön!6

Wahrheit also muss behauptet, muss mit Gründen verfochten werden; und so lange sie einem unaufgelöseten Problem ähnlich sieht, das ist, überall wo Verschiedenheit der Meinungen herrscht: kann ihre Erforschung ohne Diskussionen, ihre Mitteilung ohne Überredung nicht von Statten gehn. Indem ich hier die Gründe meiner Überzeugung darlege, wünsche ich ihre Gültigkeit anerkannt zu sehn; sie sind die Überredungsmittel, deren ich mich bediene, um meinen Erkenntnissen Eingang zu verschaffen, um Andere mit mir gleichförmig denken und empfinden zu lassen, um für meine Meinung Stimmen zu gewinnen. Indem Sie durch Ihre Monatsschrift dem Aberglauben, der Schwärmerei und dem Betrug entgegen arbeiten wollten, hatten auch Sie die Absicht, der Wahrheit, wie sie von Ihnen erkannt worden war, Beistimmung zu erwerben, Ihre Überzeugung in mehreren Köpfen geltend zu machen, Ihre Leser, mit einem Worte, zu überreden. Behauptungen, von deren Zuverlässigkeit man überzeugt ist, die man aber nicht ausbreiten will, bringt man auch nicht ins Publikum.

Von der Wahrheitsliebe ist also der Bekehrungsgeist unzertrennlich, insofern er das Bestreben ist, andere zu seiner Meinung zu gewinnen. Vom Wilden bis zum Großinquisitor7, vom frommen Schwärmer bis zum Philosophen sind wir alle Proselytenmacher1; und was so tief in der menschlichen Natur gegründet ist, kann nicht an sich, kann nur durch den Gebrauch unrechtmäßiger Mittel sträflich sein. Der Streit zwischen Protestanten und Katholiken hatte vieler Menschen Blut gekostet, als endlich ein feierlicher Friedensschluss jeder Partei die gewalttätige Beeinträchtigung der andern untersagte. Allein auch damals schon kannte man die Rechte der Menschheit zu wohl, damals schon hatte man sie mit so großem Nachdruck geltend zu machen gewusst, dass jedem deutschen Manne Freiheit des Gewissens zuerkannt, mithin auch allen Religionsparteien, deren Rechtmäßigkeit jene Sanktion förmlich bestätigte, gestattet wurde, Proselyten anzunehmen, die sich durch Bestimmungsgründe, welche ihnen überwiegend schienen, zu einem freiwilligen Tausch bewogen fänden. Dem Katholiken steht es also frei, aus eigener Wahl zur protestantischen Religion überzugehn, und eben so dem Protestanten, katholisch zu werden.

Wenn es nun unleugbar ist, dass der Geist der Proselytenmacherei so lange unter den Katholiken nicht erlöschen kann, bis die katholische Kirche durch eine bestimmte, alle ihre Bekenner bindende, Auslegung ihres Lehrbegriffs den Andersgesinnten die Hoffnung der Seligkeit zugestehn wird8; wenn ferner durch die itztgültigen Religionsverträge die Gewissensfreiheit anerkannt, und der Übergang von einer Kirche zur andern gestattet worden: wer möchte es wagen, den Katholiken ihre Proselytenmacherei zu wehren, oder auch nur dieses Wort mit dem Ausdruck der Verunglimpfung auszusprechen, um die Handlung selbst und die Religion, welche sie zu billigen scheint, in einem gehässigen Lichte zu zeigen? Die Erbitterung war einst heftig zwischen der protestantischen und katholischen Partei; kaum sind sie noch besänftigt, kaum ist Mäßigung und Duldung allgemeiner geworden; und in diesem reizbaren Zustande kann leicht ein hartes Wort die Ruhe stören und für einen wirklichen Angriff gelten. Die erneuerte Wut der Religionsstreitigkeiten — ich appelliere an Ihr Gefühl! — würde dem Schluss des achtzehnten Jahrhunderts keine Ehre machen.

»Sind denn aber die Schranken nicht zu bestimmen, innerhalb welchen eine wohlgemeinte Warnung erlaubt und unbeleidigend ist? Soll der eifrige Protestant ruhig zusehn, dass die katholische Religion von allen Seiten um sich greift, überall durch ihre Überredungskünste neue Bekenner an sich lockt, und das Häuflein seiner Glaubensgenossen größtenteils oder ( — meinen Sie? — ) endlich ganz verschlingt«?

Hier ist meine Antwort. Können die Protestanten wirklich der Macht der Überredung nicht widerstehen, ist es mit ihrem Herzen und ihrem Verstande so bestellt, dass die Lehre, für welche das Blut ihrer Väter einst geflossen, ihnen itzt verwerflich scheint: so ist ja alle Rettung verloren, aller Widerstand vergeblich, und jede Anklage eines katholischen Proselytenmachers bei dem Publikum eine Herausforderung, welche die gefürchtete Apostasie des großen Haufens und demnächst den Sturz der ganzen Partei nur beschleunigt. Setzen Sie den Islam, oder welche Religion Sie wollen, an die Stelle der katholischen; und das Resultat bleibt dasselbe. Könnte die göttliche Sendung Mohammeds durch Gründe verteidigt werden, welche jeden Einwurf Ihrer Vernunft und Ihres Gefühls besiegten, so müssten Sie noch heute Muselmänner sein.

Doch die gute Sache des Protestantismus ist bei weitem so verzweifelt noch nicht, als die Furcht vor den Bekehrern sie zu machen scheint. Was beide Parteien, nächst ihrer Überzeugung, an Gründen für ihre verschiednen Glaubensmeinungen vorzubringen wissen, ist alles längst gesagt; und wenn etwas mit Wahrscheinlichkeit behauptet werden kann, so ist es dieser Satz: den Polemikern auf beiden Seiten sei Trotz geboten, dass sie auch nur Ein neues Argument noch anzuführen wüssten! Ihr Streit ist schon darum nicht zu vermitteln, weil er die ersten Prinzipien betrifft, und schon darum schwer zu führen, weil die tiefsinnigsten Denker, wo es auf Prinzipien ankommt, einander so leicht missverstehn.a Doch, gesetzt, dass einige der größten menschlichen Geister jene allgemeingültigen Prinzipien, die jeder individuellen Menschenvernunft Gesetze geben, so gefasst — oder erraten — hätten, dass sie darüber einverstanden wären, und darnach über die Ansprüche der Religionen aburteilen könnten: so wäre doch ihr Urteil für die Millionen von eingeschränkteren Fähigkeiten unerreichbar, mithin kein Entscheidungsgrund. Auch die Vernunft κατ εξοχήν [kat' exochên]10 existiert nur für den, der sie zu fassen glaubt; jedem andern aufgedrungen, wird sie ein Götze, dessen Unfehlbarkeit zu predigen entweder Torheit oder noch schlimmere Anmaßung scheint.

a S. Herrn Reinholds vortreffliche Abhandlung über den Skeptizismus, im Julinsstück der Berl. Monatsschrift dieses Jahrs9.

Wenn man demnach, um Protestant oder Katholik zu werden, auf die ersten Prinzipien selten zurückzukommen pflegt, weil man es nicht kann oder mag: so müssen wohl andere Ursachen den Ausschlag geben, so oft eine von beiden Parteien einen Proselyten1 macht. Hat es ferner seine Richtigkeit, dass die Anzahl der von den Protestanten für die katholische Kirche gewonnenen Proselyten bedenklich ist: so wird die Veranlassung zu diesen Bekehrungen, sobald sie sich entdeckt, das Mittel an die Hand geben, ihnen Einhalt zu tun.

Es gibt nur zwei Wege, wie man auf die Überzeugung eines Menschen wirken kann: durch den Kopf, und durch das Herz. Je heller und erleuchteter aber der Verstand, je reiner, edler und einfacher das Gefühl; desto fester steht die Überzeugung, desto schwerer wird es, eine andere an ihre Stelle zu setzen, desto wichtiger, erhabener, vollkommener müssen die Gründe sein, wodurch man eine Bekehrung bewerkstelligen will. Sie werden mir zugeben, dass bei Protestanten, welche schön und wahr und gut empfinden, richtig und scharfsinnig denken, keine Bekehrung zu befürchten sei; weil Sie dem Katholizismus, sobald ihn Menschen von dieser Bezeichnung wählen könnten, entweder entschiedene Vorzüge einräumen müssten, oder wenigstens gegen den Übertritt mehr nichts als die bloße Verschiedenheit Ihrer Geisteskräfte einzuwenden hätten. Also: aus welcher Klasse von Protestanten kann sich die katholische Kirche Proselyten suchen? Die Antwort ist bereits im vorhergehenden enthalten: aus derjenigen Klasse, worin so mancher Protestant keinen Sinn für die Moralität seiner Religion, für ihre Gründe zu wenig Vernunft besitzt, und nur vermöge der zufälligen Verhältnisse seiner Lage und seines Aufenthalts durch Erziehung und Gewohnheit im Protestantismus erhalten wird. Wie nun jeder höhere Grad der Vernunft nur demjenigen, der ihn besitzt, Gesetze geben, und das geläuterte Gefühl seine Wirkungen von dem roheren nimmermehr erwarten darf: so reduzieren sich alle Mittel, welche nicht auf die Erweckung des moralischen Sinnes, und auf verstärkte Wirksamkeit der eignen Denkkräfte im einzelnen Menschen abzwecken, und wodurch man gleichwohl die Anhängigkeit an eine bisher nur aus Gewohnheit von ihm anerkannte Religion erzwingen will, auf eine wirkliche Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit, offenbare Gewalt, Recht des Stärkeren. Ist die Religion in die Verfassung unzertrennlich verwebt, ist sie ein Hauptrad der großen Staatsmaschine, und sieht sich aus diesem Grunde die gesetzgebende Macht gezwungen, um der Proselytenmacherei zu wehren, dem Gewissen des Bürgers Fesseln anzulegen: so hat alle freie Diskussion ein Ende; von Vernunft, Aufklärung und Wahrheitsliebe kann weiter nicht die Rede sein; Denkfreiheit und Moralität der Wahl sind vernichtet; Maschine steht nur gegen Maschine, und je früher man die zwei- oder dreimalhunderttausend Argumente Ihres Königs ins Feld rücken lässt, desto schneller und sicherer ist der Sieg des Protestantismus entschieden.

So wären wir aber heute noch auf demselben Punkte, wo man vor dreihundert Jahren stand; und so viele Märtyrer der Wahrheit, von allen Religionen und Sekten, wären ganz umsonst gestorben! Märtyrer der Wahrheit, sage ich; nicht der besondern Meinung, die ihnen wahr und der Aufopferung des Lebens wert dünkte, — denn unter widersprechenden Meinungen kann höchstens eine nur die wahre sein, und doch litten Huß11 und Servet12 wie Märtyrer des Kalenders, — sondern der teuer erkauften, mit Blut besiegelten Wahrheit: dass der Glaube eines Menschen, was immer sein Gegenstand sei, keiner Gewalt auf Erden untertan, und selbst vom eignen Willen unabhängig ist!

Nein. Die allgemeine Anerkennung dieser Wahrheit haben wir vor den dunkleren Jahrhunderten voraus; selbst die unumschränktesten Herrscher haben sie zur Richtschnur gewählt; und durch ihre Kraft ist das schreckliche Zwangssystem in Gewissenssachen endlich gefallen. Jene großen Regenten wagten es also, diejenige Klasse von Untertanen, deren Verstand und Gefühl den Argumenten der Bekehrer den wenigsten Widerstand leisten konnte, sich selbst zu überlassen. Ohne Zweifel hatte diese Sorglosigkeit die betrübtesten Folgen für die protestantische Kirche? Ganze Dörfer, ganze Städte und Distrikte bekannten sich zur katholischen Religion? Die protestantischen Pfarrer ermüdeten das Ohr ihrer Monarchen mit Klagen über die Verminderung der Zehenten?

Da wäre nun der Fall doch bedenklich, und die göttliche Sache der Wahrheit bedürfte wohl zu ihrer Rettung — menschlicher Hülfe. In der Tat muss ein jeder rechtschaffner Protestant, der in seinem System mehr Wahrheit und Menschenglück findet, als andre Lehrbegriffe ihm darzubieten scheinen für die Erhaltung dieses Systems unter solchen Umständen recht ernstlich besorgt sein: er muss es um so viel eher, da er keine unmittelbare Dazwischenkunft einer höhern Macht zum Besten irgend eines menschlichen Glaubens, auch nicht des wahren, in unsern Zeitläuften erwartet, sondern leicht den Beruf fühlen kann, statt aller Wunderkräfte seine Klugheit und Redlichkeit für das Werkzeug anzusehn, in welchem für diesesmal die Beschirmung der Wahrheit beschlossen liegt, Hier ist indessen keine Zeit zu verlieren. Was rät uns die Klugheit?

Zuerst, die Bekehrer selbst zu erforschen. Durch welche Vorspiegelungen, durch welche Künste gelingt es denen, die nach der so ängstlich wiederholten Klage der protestantischen Journalisten, von der katholischen Kirche zu diesem Geschäfte besonders ausersehen sein sollen, so viele Protestanten zu betören? Es werden vielleicht Männer von tiefer Einsicht, von warmem Gefühl, von hinreißender Beredsamkeit sein? Weit gefehlt! Von rohen Mönchen und verschmitzten Priestern sprechen die Kläger. »Jenen, so lautet ferner die Beschuldigung, ist ihre Regel der Inbegriff alles Wissens, ihr Gefühl ist Köhlerglaube, die Quelle ihrer Beredsamkeit ist die Legende. Diese, fährt man fort, erschleichen das Zutrauen, schmeicheln dem Gewissen, halten dem Eigennutz eine Lockspeise vor.« Wir wollen hier die Fragen: ob Menschen von dieser Bezeichnung wirklich vermöge eines erhaltnen Auftrags handeln? und die andre: ob man überhaupt noch Missionen in das protestantische Deutschland schickt, fürs erste unerörtert lassen; genug,

Die Proselyten; solcher Bekehrer sind also nur Wundersüchtige von schwacher Vernunft, oder Gewinnsüchtige von erstorbenem Gefühl. Die Unglücklichen! die Bedaurenswürdigen! — Welches grausame Schicksal stieß sie so weit hinab, dass sie die schönste Bestimmung des Menschengeschlechts verfehlen, im Gebrauch ihrer Anlagen glücklich zu sein, glücklich als denkende und empfindende Wesen? Wer fesselte ihre Vernunft, wer stumpfte ihr Gefühl?

»Sie sind Sklaven.«

Um ihrer Denkkraft Wirksamkeit, ihrem Gefühl sittliche Vollkommenheit zu verschaffen, fordern wir also ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte der Menschheit. Freie Menschen nur können ihrer Bestimmung gemäß handeln. Lasst uns hinwegeilen über das allzubekannte, allzuwahre, was, so oft man es erwähnt, die Lebenskraft selbst des Sklaven mit seiner Wahrheit durchdringt: Frei sein heiße Mensch sein; der Freie nur bilde sich hinauf zum Vollkommnen; er sammle und erkenne die Verhältnisse der Wesen zu ihm und untereinander, fühle ihre Harmonie, ehre die heilige Kraft der Menschennatur, die das Weltall in ihn trägt, und genieße die Wonne, sich selbst und seinen Himmel im Busen mit Andern zu teilen! Ein freier Bürger eines freien Staats, und zugleich ein Proselyt zu sein: das wäre dann entweder ein Widerspruch, oder es gereichte dem Kopfe und dem Herzen des Freiwählenden zur Ehre.

Man hat wohl eher den beklagenswerten Zustand jener Unglücklichen, die der Despotismus12a herabwürdigt, die er des Adels der Menschheit beraubt hatte, durch eine schlaue petitionem principii13 zum Beweise angeführt, dass die Vormundschaft eines Despoten ihnen unentbehrlich sei; als ob nicht selbst das roheste oder auch das verworfenste Volk eine größere Masse von Einsichten und mehr lauteres Menschengefühl in sich fasste, als je ein Despot allein besitzen kann. Doch es sei der Fürst der weiseste und beste Mann im Staate; Weisheit und Güte beweisen noch nicht das Herrscherrecht. Kann ich die gesetzgebende Macht meiner Vernunft über mich selbst nur veräußern? Die Gesetze einer Vernunft befolgen, die nicht die meinige ist? Sie annehmen, sie anerkennen, sie verstehn, setzt bei mir gleichen Grad der Vernunft voraus: allein alsdann höbe die letzte Voraussetzung die erste auf. Diesem Dilemma entgeht man nie: ohne Anerkennung gibt es keine Superiorität; Anerkennung aber ist unmöglich bei ungleichem Fassungsvermögen; mithin ist die Herrschaft, selbst des Weisesten und Besten, kein Recht, sondern Gewalt. Die Einschränkung der Gewissensfreiheit ist nur der auffallendste Akt dieser Gewalt; ein Akt, wodurch der Despotismus seinen Untergebenen die Rückkehr zu ihrer eignen Vernunft gar abzuschneiden, alle freiwillige Regungen in ihnen zu ersticken sucht. Mit der Freiheit: sich vom Übernatürlichen andre als die vom Regenten vorgeschriebnen Vorstellungen zu machen, verschwindet die letzte Veranlassung zur eignen Anstrengung der Vernunft; bei der maschinenmäßigen Befolgung einer Heilsordnung, die alles Nachdenken verbietet, erlischt der letzte Funke von Empfindung, womit nur erkannte Wahrheit das Herz zu erwärmen pflegt. Weise Regenten, denen diese tödliche Folgen unverholen blieben, schenkten daher dem Volke die Gewissensfreiheit als ein kräftiges Mittel zur eigenen Bildung, wodurch es vorbereitet werden könnte, die Majestätsrechte der Menschheit in sich selbst zu empfinden, und deren Ausübung dereinst in seine Hände zurückzufordern. O warum glaubten sie, dass es noch dieser Vorbereitung bedürfte? Warum fühlten sie sich nicht groß genug, um die Befreier ihres Volks zu werden? Warum bedachten sie es nicht, dass einen Teil ihrer Rechte aufzuopfern, soviel als gar nichts der Freiheit des Bürgers einräumen heiße, solange der Nachfolger auf dem Throne alles niederreißen darf was sein Vorfahr baute, und die Gesetzgebung von der Willkür eines jeden neuen Sultans, diese von den Eingebungen seines Divans14, und diese wieder von den Launen des Harems, abhängt?

Es soll mich nicht wundern, wenn man diese Gedanken eines schwärmerischen Anstrichs zeiht. Lebhaftigkeit des Geistes und Wärme der Empfindung führen uns bald über die Grenzen des Wirklichen hinaus; und was immer der Lieblingsgegenstand sei, womit sich unser intellektuelles Wesen beschäftigt, so idealisiert ihn unsre Phantasie. In Ihrer Monatsschrift2, diesem Schauplatz der Schwärmereien für und wider die Vernunft, mag immerhin auch die meinige ihre Stätte finden. Sollen wir schwärmen, so sei es für die Freiheit! Das ist wenigstens eine unschädliche, ehrwürdige, herz- und geistererhebende Schwärmerei, die nach dem Zeugnis der Geschichte, nicht immer ohne wohltätige Folgen bleibt. Doch itzt zurück aus unsern utopischen Theorien in die wirkliche sublunarische15 Welt.

Die Gewissensfreiheit existiert wirklich in einigen Staaten, deren Verfassung das Widerspiel der republikanischen ist; und man besorgt also im Ernst, dass die Bekehrung derselben zur katholischen Kirche unvermeidlich sei? Inzwischen, was nach der Theorie so zuverlässig war, so unfehlbar eintreffen musste, ist gleichwohl bis itzt noch nicht geschehen: kein Distrikt, keine Stadt, kein Dorf in jenen Ländern ist bekehrt, kein Pfarrer hat über die Verminderung seiner Herde und die Abnahme seiner Einkünfte geklagt. Beispiele von einzelnen Proselyten lassen sich nachweisen; allein sie bleiben seltne Ausnahmen, und können eben so wenig einen allgemein gewordnen Hang zum Katholizismus unter den Protestanten dartun, als Steblitzki16 und Lord Gordon17 die besondre Neigung der itzigen Christen zum Judentum beweisen. So gibt es auch neuerliche Beispiele, dass Katholiken zur protestantischen Religion übergetreten sind; nur fallen sie selten so in die Augen wie der Übertritt des itzigen Herzogs von Norfolk18, und man gibt sich keine Mühe sie zusammenzusuchen, weil die Kühnheit, daraus etwas allgemeines folgern zu wollen, hier jeden abschrecken muss. Bei der bekannten Denkungsart der katholischen Glaubensverwandten, die den Wunsch nach Bekehrungen rege und die Bewerkstelligung derselben verdienstlich macht, muss allerdings die Zahl der Proselyten, welche zu dieser Kirche übergehn, die der andern weit übersteigen, ohne jedoch für eine stärkere Neigung bei Protestanten zur Apostasie19 das mindeste erweislich zu machen. Der ganze Unterschied liegt darin, dass die Protestanten sich nicht wie so manche Katholiken, um neue Bekenner ihres Glaubens bewerben. Bedenkt man aber die unleugbar häufigen Versuche und Bemühungen eifriger Katholiken, die Protestanten zur Annahme ihres Bekenntnisses zu überreden, es sei nun, dass sie ihre Gründe vom weltlichen oder geistlichen Vorteil oder von beiden zugleich entlehnen, das Herz oder den Verstand in Anspruch nehmen; und zählt man noch hinzu, was so oft und dringend von der heimlichen Geschäftigkeit gewisser papistischen Ordensmänner durch den Weg geheimer Gesellschaften, physikalischer und hyperphysischer Prästigiatoren20 und andrer Emissarien in Ihrer Monatsschrift behauptet worden ist: so möchte man in Versuchung geraten, den unbedeutenden Erfolg dieser mächtigen Bestürmung, bei der vorausgesetzten Schwäche der Prinzipien des großen protestantischen Haufens, geradezu einem Wunder zuzuschreiben: wenn uns, in Ermangelung der aufgeklärten Vernunft, die Macht der Gewohnheit nicht das Rätsel lösete. Dass bei vernünftigen Männern Hypothesen sich in Dogmen verwandeln, dass die aufgeklärten Briten den Sonntag wie puritanische21 Kopfhänger feiern, dass die katholische Kirche sich noch der Kurie22 unterwirft, dass Sklaven sich misshandeln lassen von schwächern Tyrannen: diese und so viele Dinge mehr werden durch die Macht der Gewohnheit bewirkt. Wie? und der protestantische Glaube wäre allein nicht sicher unter ihrem Schutz? Wenigstens bei den Versuchen katholischer Proselytenmacher ihn wankend zu machen, sollte ich meinen, dass wir ruhig schlafen könnten. Oder wollen wir erst sehn, durch welche Mittel die Macht der Gewohnheit untergraben und überwältigt werden kann?

Zwei Kräfte gibt es allerdings, deren Wirksamkeit die Gewohnheit nicht widersteht: der Trieb der Selbsterhaltung, und das Beispiel. Ihre Art zu wirken ist sehr verschieden: die erste bringt schnelle, plötzliche Revolutionen zuwege; die zweite kommt unvermerkt und langsam zum Ziel. Der Druck des Despotismus, wenn er zu gewaltsam ist, weckt auch in einem anscheinlich erstorbenen Staatskörper das Selbstgefühl des Bürgers. Zum Selbstgefühl erwachen, heißt schon frei sein; denn ein jeder Despotismus ist wie der nächtliche Alp verschwunden, in dem Augenblick, wo das Volk zum ganzen Bewusstsein wieder erwacht. So schüttelt Frankreich itzt23 den Todesschlummer ab, in welchem es versunken lag, und wird frei. So befreite auch ein plötzliches Erwachen der Vernunft unsre deutschen Voreltern vom hierarchischen Joch, und nimmermehr wird dieselbe Reformation, die so schnell und unaufhaltsam jene aufs äußerste getriebenen Gemüter ergriff, durch eine ähnliche Veränderung wieder plötzlich und auf einmal in den Limbus24 der geistlichen Alleingewalt zurücksinken. Die einstimmige Missbilligung solcher Maßregeln, die auch nur dem leisesten Verdacht eines neuen Eingriffs in die Rechte der Gewissensfreiheit unterworfen sind, beweiset zur Genüge, dass die Tyrannei einer protestantischen Unfehlbarkeit schwerlich in der Reihe der ausführbaren Dinge zu suchen ist. Nichts geringeres aber als der Druck einer solchen Tyrannei könnte die Protestanten auffordern, das Joch ihrer Kirche plötzlich abzuwerfen; — doch auch alsdann gewiss nicht um ein schwereres freiwillig wieder aufzunehmen.

»Allein die Macht des Beispiels, diese langsam und sicher wirkende, sanft überredende, sich einschmeichelnde Macht, kann unvermerkt die Wachsamkeit der Protestanten einschläfern und alle Stützen ihrer Kirche untergraben.« Ich räume Ihnen ein, von dieser Seite drohet den Protestanten noch die meiste Gefahr. Wo katholische Fürsten protestantische Staaten beherrschen, und die Religion bei der Besetzung der Ämter ihnen mehr gilt als Geschicklichkeit und Verdienst: dort lassen sich die nachteiligen Folgen des Beispiels leicht voraussehen. Dagegen hat man aber in solchen Staaten dem Missbrauch der oberherrlichen Gewalt schon vorzubeugen und alle Besorgnisse in Zukunft überflüssig zu machen gewusst. Im Kurfürstentum Sachsen25 ist die Besetzung der Landesstellen mit Subjekten die der Augsburgischen Konfession nicht zugetan sind, dem katholischen Regenten gänzlich untersagt. In Hessen musste Friedrich II.26 unter der Garantie von England und Dänemark der Erziehung seiner Kinder entsagen, dem ältesten Sohn die Grafschaft Hanau abtreten, und den versammelten Ständen mit einem feierlichen Eide beteuern, dass sein Übertritt zur katholischen Religion keines der konstitutionsmäßigen Rechte der herrschenden reformierten Kirche schmälern sollte. Diesen Maßregeln muss man es zuschreiben, dass das Beispiel der regierenden Fürsten in beiden Ländern ganz unschädlich geblieben ist. Allein diese Unschädlichkeit, muss ich bekennen, ist die Wohltat der Verfassung, welche zwar von echtrepublikanischer Freiheit weit entfernt, aber gleichwohl frei genug gewesen ist, um der Willkür des Fürsten Grenzen zu setzen.

Ganz anders und ohne allen Vergleich gefährlicher müsste es um die Sicherheit der protestantischen Kirche in solchen Ländern stehen, wo alles von der unumschränkten Gewalt eines Einzigen abhängig ist. Gesetzt einmal, der Beherrscher einer protestantischen Despotie träte öffentlich zum katholischen Glauben über; er besetzte die öffentlichen Ämter mit Katholiken; er suchte durch eine Verordnung nach der andern den Geist der protestantischen Kirche umzumodeln, katholische oder eigentlicher papistische Grundsätze in denselben überzutragen, die Denk- und Gewissensfreiheit einzuengen, kurz alles dahin einzuleiten, dass der große Schritt einer feierlichen Wiedervereinigung mit Rom zuletzt weder auffallen noch empören könnte; gesetzt, er wäre schlau genug, das sinkende Ansehen des Papstes in Deutschland unter einem politischen Vorwand aufrecht zu erhalten; er legte endlich dem aufgeklärten Patriotismus der katholischen Erzbischöfe neue Hindernisse in den Weg, und hemmte dadurch die Fortschritte der deutschkatholischen Kirche zur Läuterung und Independenz27; — unter diesen, freilich höchst unwahrscheinlichen, Voraussetzungen den Erfolg bezweifeln zu wollen, verriete doch eine gänzliche Unbekanntschaft mit den Gesetzen der Analogie. Nur scheint es mir aus diesem eventuellen Falle, wie aus allem Bishergesagten, bis zur unleugbaren Evidenz zu erhellen, dass nicht der Katholizismus an und für sich, sondern einzig und allein in Verbindung mit den Gräueln einer despotischen Regierungsform, der protestantischen Kirche furchtbar ist. Nehmen wir den Katholizismus ganz hinweg aus der Reihe der Dinge, so können Sklaven immer noch durch irgend ein andres geistliches Zwangssystem, irgend ein symbolisches Formular, in Lasttiere verwandelt werden, an denen, wie an den polnischen Leibeigenen, die menschliche Gestalt, das Ebenbild der Gottheit und folglich das Sigel der Freiheit, kaum noch kenntlich ist.

Es ist keine neue Lehre, die ich hier vortrage; man hat schon längst gesagt, schon längst, vielleicht mit kräftigern Gründen, die Ohnmacht des hierarchischen Despotismus28, außer in Verbindung mit dem weltlichen, erwiesen; den letztern hat man vielfältig vor dem höchsten Tribunal der Menschheit aller Majestätsverbrechen angeklagt und schuldig erfunden. Seine Tücke sei indes noch so gefährlich, so können Umstände eintreten, welche ihn in gewissen Schranken halten, ihn nötigen, seinen weitaussehenden Projekten, wenigstens auf einige Zeit zu entsagen. Wenn unter mehrern Staaten von verschiednem Interesse und verschiedner Verfassung, die aber durch Sprache, Sitten, Handel und Literatur im engsten Verkehr miteinander stehen, einer oder der andere sich der uneingeschränkten Regierungsform nähert; so scheuet doch daselbst die Ungerechtigkeit die von jenem Verkehr unzertrennliche Publizität. Der gewöhnliche Despotismus schämt sich, wie die niedrigen Raubtiere, wie Tiger und Panther, wenn man ihn auf seinen Schlichen ertappt. Der Blutdurst muss wirklich so hoch steigen, wie bei den Nachfolgern Augusts auf dem Römischen Kaiserthron, eh er sich über diese Furcht hinaussetzt. Wäre demnach der Fall möglich, dass irgend ein Alleinherrscher den Katholizismus in protestantischen Staaten begünstigte, so scheint mir wenigstens in der Publizität ein sichres Zufluchtsmittel für die bedrängte Kirche zu liegen; die Besorgnisse der Untertanen und der Nachbarn würden vereinigt bis zum Throne dringen, und vielleicht wäre es nicht einmal nötig, die Stimme des Tadels und der Missbilligung zu erheben. Denn oft füllt auch ein sanfter, gutmütiger Fürst den Despotensitz; in diesem Falle würde man auch durch Anspielungen seinen Endzweck erreichen, und die Proselytenmacherei könnte dann der kleine Husar sein, den man statt des Despotismus peitschte.

Eine solche Metonymie29 hätte aber auch ihre Grenzen. Es wäre doch unter diesen Umständen unbillig, Scherz in Ernst zu verwandeln, und auf die Proselytenmacherei so aus allen Kräften loszuschlagen, als ob sie wirklich etwas verschuldet hätte. Am wenigsten dürfte es in einem solchen Falle — dem einzigen, wo es überhaupt zu entschuldigen wäre, gegen die Bekehrer Zeter! zu schreien — am wenigsten dürfte es da nötig sein, die Handlungen, Meinungen, Briefe, auch wenn Sie wollen, die Torheiten und Inkonsequenzen irgend einer Privatperson von übrigens unbescholtnem Rufe, öffentlich zur Schau zu stellen, und der Missdeutung oder gar der Verachtung Preis zu geben, bloß weil sie mit unserm Gemisch von Ahndungen, Fertigkeiten, Überzeugungen und Syllogismen, welches wir unsere Religion nennen, nicht zu reimen sind.

Beschämung! — ja! Beschämung des Briefstellers nennen Sie aber die andere Absicht, welche Sie bewogen hat, das Schreiben des Herrn Hofgerichtsrats Bender in Ihrer Monatsschrift abdrucken zu lassen. Sollte wohl sein Betragen dieses harte Urteil von Ihnen in einer öffentlichen Schrift verdienen? Er ein Katholik, rät seiner Glaubensgenossin, ihre Kinder katholisch zu erziehn, aus Pflicht zu seiner Religion und als Freund. Seit wenn ist es ein Verbrechen, nach seiner Überzeugung zu handeln? Seit wenn darf ein Freund keinen wohlgemeinten Rat erteilen, der die Gewissensruhe und die Annehmlichkeit der äußern Verhältnisse der so beratenen Person zur Absicht hat? Allerdings ein großes, unverzeihliches Verbrechen, dass ein katholischer Beamter in einem katholischen Lande katholische Grundsätze hat; dass er den Satz vom einzig seligmachenden Glauben steif und fest annimmt und darnach handelt; dass er von seinen Ältern, in der Schule, von orthodoxen Theologen seiner Kirche diese Meinung mit der Muttermilch und mit der ersten Milch des Unterrichts eingesogen hat! Ich müsste mich sehr irren, oder die Katholiken dürfen sich wohl über protestantische Intoleranz beschweren, wenn dasjenige, was nach protestantischen Grundsätzen höchstens ein bedaurenswertes Unglück ist, einem Menschen zum Verbrechen und zur Schande angerechnet wird? Ist es aber in den Augen eines Protestanten schändlich, ein Katholik zu sein, und seinem Glauben gemäß zu handeln; so wird man sich auch nicht wundern müssen, wenn Katholiken den Protestantismus verabscheuen, und von den Handlungen der Protestanten, die aus ihrem Lehrbegriff fließen, manches lieblose Urteil fällen sollten. Wahrlich, diese gegenseitige gute Meinung bereitet die beiden Parteien zu einer gar brüderlichen Verträglichkeit als Christen und Landsleute vor!

Mit einem nicht minder harten Ausdruck heißt es ferner: der Rat dieses Mannes sei auf das hinterlistigste motiviert; und gleichwohl hatte er nicht den Schaden, sondern den Vorteil der Witwe zur Absicht. Wenn ich mir Sie Selbst, meine Herren, an dem Platz des Briefstellers denke, der sich in seinem Gewissen verpflichtet glaubt, seiner Kirche die Kinder der Amtmannswitwe als Proselyten zuzusichern, so begreife ich wohl, dass Sie überzeugender, eindringender, pathetischer geschrieben; allein ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie, als Katholiken, andre Beweggründe gewählt hätten, oder bei deren Erwählung sich einer Hinterlist bewusst gewesen wären. Der Bekehrungseifer, den der alleinseligmachende Glaube notwendig zur Folge hat, suppeditiert30 alle in dem Schreiben vorkommende Argumente, und macht es begreiflich, dass der Briefsteller sogar geglaubt haben könne, ein Versprechen dürfe gebrochen werden, wenn nur der Kirche die Knaben nicht entgingen. Die Täuschung lässt sich leicht erklären, vermöge welcher man widerrechtlich handelt, und dennoch sein Gewissen dadurch zu beruhigen glaubt. Kennen wir nicht die Macht religiöser Meinungen über die Gemüter? Nicht die traurigen Wirkungen der Vorurteile und Autoritäten, zumal einer vermeintlich göttlichen Autorität? Diese rechtfertigte ja sogar vorzeiten jeden Angriff auf leibliche Freiheit und materielles Eigentum der Andersgesinnten; und noch itzt wird die Usurpation, womit sie ihre Aussprüche jeder Vernunft aufdringen und bei einem jeden Raisonnement31 vorausgesetzt wissen will, über den ganzen Erdball teils für rechtmäßig anerkannt, teils des verjährten Besitzes wegen toleriert. »Gott« — so lautet der gewöhnliche Ausdruck: — »Gott selbst hat geredet, hier verschwinden alle Einwürfe der Vernunft«. So urteilt der gewissenhafte Mann nach den Postulaten seines Glaubens. Dass dadurch ein Mensch, der vielleicht auch mit unüberwindlicher Stärke des Vorurteils an seinen Glaubensmeinungen hing, und von ihrer ausschließenden Wahrheit nicht weniger überzeugt sein mochte, in seinen Erwartungen hintergangen, dass ein feierlicher, freiwilliger Vertrag gebrochen wird; — von der Unredlichkeit dieses Schrittes, die Sie ihm vorwerfen, hat er keinen Begriff. Immerhin mag die Frömmigkeit mit der Jurisprudenz davon gelaufen sein; unredlich kann der Briefsteller nur alsdann erst heißen, wenn er von der Ungültigkeit seiner Gründe schon voraus überzeugt gewesen ist, wenn er die Witwe (die bei Ihnen wohl nur in Konformität einer gewissen Terminologie eine schwache und betrübte Person heißt) mit Vorspiegelungen, die seiner eignen Überzeugung nicht genügten, aufgefordert hätte, den Schatten ihres verstorbnen Ehemanns noch im Grabe zu beleidigen.

Sie scheinen mir in diesem Falle von einem Katholiken protestantische Grundsätze zu fordern, wenigstens seine Handlungen und Absichten nicht aus seinem Gesichtspunkte zu beurteilen, und auf diese Weise zu jenen harten Ausdrücken gekommen zu sein, womit nur vorsätzliche Verbrechen, keineswegs aber die Verirrungen, die aus religiösen Meinungen entspringen, geahndet werden dürfen. Dadurch geben Sie manchem Leser, ganz wider Ihre Absicht, eine hinreichende Veranlassung, Ihre Darstellung des katholischen Bekehrungseifers in die Klasse gewöhnlicher Kontroversschriften zu setzen und den Vorwurf der Proselytenmacherei zu retorquieren32. Ihre gewiss verdienstliche Bemühung, dem Heer von Betrügern aller Art entgegen zu arbeiten, und sowohl das geistige Eigentum unsrer klaren Begriffe als auch das materielle unsrer Barschaften vor jenem Raubgesindel zu sichern, macht den Wunsch in mir rege, dass nichts in Ihren Aufsätzen vorhanden sein möchte, was die Beschuldigung des Parteigeistes auch von fernher nur begünstigen könnte. Es ist aber unmöglich, bei der Wahrheitsliebe, die aus Ihren Aufsätzen hervorleuchtet, nicht zugleich zu bedauern, dass darin ein etwas leidenschaftlicher Synkretismus33 zuweilen sichtbar wird, welcher über wissentliche Betrüger, und über die treuherzigen Anhänger an Vorurteile der Erziehung und religiöse Autorität gleiche Verdammnis ergehen lässt; ein Synkretismus, welcher die edelsten Menschen, wenn sie eine Ihnen verdächtige Sache aus einem andern Gesichtspunkte ansehn, sogleich für Mitschuldige erklärt, und als solche zu züchtigen sucht. Ich darf wohl sagen, dass dieses Verfahren dem Nutzen, welchen Ihre Monatsschrift stiften kann, sehr wesentlichen Abbruch tut, ohne, so viel ich einsehe, den mindesten Ersatz zu liefern.

Es raubt Ihnen erstlich alles Zutrauen der Katholiken; nicht allein der sogenannten rechtgläubigen, die jeder Widerstand, wenns möglich wäre, zu größerer Anstrengung gegen den Protestantismus reizen muss; sondern auch derjenigen, die mit redlicher Unverdrossenheit unter ihren Glaubensgenossen die Masse von Kenntnissen zu vermehren, den Geist der Duldung und seine wohltätigen Wirkungen immer mehr zu verbreiten, und ihre Volksreligion nach und nach von allem papistischen Sauerteig zu reinigen wünschen. Diese gutdenkenden Männer muss es verdrießen, dass die Neckereien der Protestanten und ihre Vorwürfe den Eifer orthodoxer Katholiken gerade für diejenigen Sätze wach erhalten, deren Missbrauch und schädliche Missdeutung sie längst erkannt haben, deren Ansehn aber einschlummern muss, eh es ganz gestürzt werden kann. Anstatt also der Aufklärung des katholischen Deutschlands in die Hände zu arbeiten, wirken Sie ihr gerade entgegen. In der Tat fehlt es den Katholiken weder an Scharfsinnigkeit in Ansehung der Mängel, noch an Wetteifer mit den Protestanten, um ihnen abzuhelfen; allein das Allgemeinwerden dieser Denkungsart kann nur die Macht des Beispiels bewirken: des Beispiels der bereits aufgeklärtern Katholiken, die von ihren Fürsten als fähigere Köpfe hervorgezogen werden und durch eigne Vortrefflichkeit des Charakters glänzen müssen; der Protestanten, indem sie ihre Nachbarn den unendlichen Gewinn an Wohlstand und innerer sowohl als äußerer Prosperität aller Art, den ihnen politische und religiöse Freiheit verschafft, in vollem Maße empfinden lassen, und dadurch den Wunsch nach den Mitteln ähnliche Vorteile zu erlangen, im höchsten Grade erwecken müssen. Wie viel bleibt auf diesem Wege nicht noch den Protestanten für sich selbst und ihre katholischen Brüder zu erringen übrig?

Von der Härte, womit Sie Sich gegen Andersgesinnte äußern, besorge ich ferner einige unvorteilhafte Eindrücke auch für Ihre protestantischen Leser. Eines Teils wird dadurch die Abneigung gegen die Katholiken und der Religionshass nur genährt; andern Teils aber, wo dieses nicht der Fall ist, hebt die Unbilligkeit, die man Ihnen hier vielleicht Schuld geben möchte, auch die gute Wirkung auf, welche sonst Ihre öffentliche Schaustellung der neuen Schwarzkünstler, Desorganisateure34, Goldköche, Monddoktoren, Rosenfelder35, und anderer Betrüger unfehlbar in weit größerem Umfang äußern müsste.

Ward einmal der leiseste Verdacht von Parteilichkeit in einer Rücksicht veranlasst, so ist man immer geneigt in jedem Falle sie wieder im Spiel zu vermuten.

Bei der höchsten Achtung für die eigne Beruhigung, welche aus dem Bewusstsein einer guten Absicht entspringt, bleibt mir endlich der Wunsch noch übrig, dass Männer, die mit gleich redlichem Eifer, mit mannigfaltigen Schätzen der Erfahrung und des Wissens, mit erleuchteter Vernunft und richtiger Empfindung auf dem Wege der Erkenntnis fortschreiten, bloß des verschiednen Ganges willen, der jedem eigen ist, und eines Tones willen, den innere und äußere Verhältnisse modifizierten, um der besondern Ansicht willen, wodurch das Eine Wahre jedem anders erscheint, doch nie vergessen möchten, dass wechselseitiges Wohlwollen ihre höchste Ehre ist. Der Aufklärung unsers Jahrhunderts scheint es unwürdig, dass gelehrte Streitigkeiten zu persönlicher Verbitterung führen. Wie lange wird diese Intoleranz, die gehässigste von allen, noch dauren? Wenn wird man aufhören zu glauben, dass, weil diese oder jene Prinzipien und Meinungen uns wahr und alleingültig scheinen, sie darum in eben dem Lichte von andern gesehn werden müssen? Sollte man nie dahin kommen können, die Unabhängigkeit der Vernunft, die jeder für sich verlangt, auch allen andern zuzugestehn; dergestalt, dass kein ens rationis36 den freien Menschen fesseln, keine Vernunft der andern gebieten dürfe, dass die individuelle Vernunft eines jeden Menschen allen andern vernünftigen Geschöpfen das respektabelste Wesen sei, und dass die wahre Aufklärung, welche nimmermehr den Endzweck haben kann, gewissen allgemeingültig seinsollenden Prinzipien einen Despotensitz zu erbauen, vielmehr der eignen Vernunft und dem Gefühl eines jeden Menschen freie, ungehinderte Wirksamkeit verschaffe?

Allein bei der Stimmung unsrer Zeitgenossen, bei ihrem Wahlspruch: nul n'aura d'esprit hors nous et nos amis37, bei der traurigen Fertigkeit Andersgesinnte für ehrlos zu halten, und dieses Privaturteil auch sogleich im Druck zu verkündigen, bleibt die Denkfreiheit nur ein frommer Wunsch. Dürfen wir wohl, wenn die Katholiken über eine Abweichung von ihrem Religionssystem noch hie und da das brutum fulmen38 einer zukünftigen Verdammnis herabschleudern, dürfen wir da wohl von Unvernunft sprechen, so lange das mildere oder strengere Urteil, welches wir von diesem Glauben fällen, hinreichende Veranlassung gibt, eine sichere zeitliche Verdammnis, die Schändung des guten Namens, über uns zu bringen? Nach welchen menschlichen, nach welchen angeblich göttlichen Gesetzen kann dieses Verfahren gerechtfertigt werden? Noch einmal: die Nichtanerkennung der Wahrheit bringt keinem Menschen Schande, sondern die Nichtbefolgung der erkannten Wahrheit. Wer sich nicht belehren ließe, dass die drei Winkel eines Dreiecks zwei rechten Winkeln gleich sind, dem würde man zwar mit Recht die Fähigkeit zur Mathematik absprechen; aber ehrlos wäre er darum nicht. Sind nun Begriffe von Ehre und Schande nicht einmal mit der Anerkennung oder Nichtanerkennung mathematischer Axiomen verbunden, wie wäre es billig, sie an spekulative Sätze oder gar an Glaubenssachen, deren Evidenz schlechterdings nur subjektiv ist, zu knüpfen?

Doch gesetzt, die Wahrheit wäre das unverfälschte, ausschließende Eigentum der einen Partei: ist Entehrung der andern das natürliche Zeichen, woran man sie erkennt, das Mittel, wodurch man ihr allgemeine Annahme verschafft? Ich zweifle sehr, ob man auch bei dem glühendsten Bekehrungseifer den Nutzen der Verunglimpfung bei diesem Geschäfte behaupten, oder sich schmeicheln wird, seinen Gegner dadurch leichter zu gewinnen. Wo nun aber der Streit unterschiedne Meinungen betrifft, wo es vielleicht niemals ausgemacht werden kann, auf wessen Seite das Recht sich befindet, wo vielleicht Wahrheit und Täuschung auf allen Seiten unzertrennlich in und nebeneinander bestehen: was nutzt es da, die Ehre seines Gegners anzutasten? Ich erwarte keine Antwort auf diese Frage: dahingegen die andre: was es schadet? leicht so beantwortet werden kann, dass ein behutsameres Verfahren gegen Andersgesinnte ungleich rätlicher erscheint. Oder ist der gute Namen eines Privatmannes, der nach andern Grundsätzen als die unsrigen handelt, ein Ding womit man nach Gutdünken spielen kann? Dass Menschen, die das Bedürfnis geliebt zu werden innig empfinden, so leichtsinnig andern entziehen wollen, was sie liebenswürdig und achtungswürdig macht! Dass Philosophen sich einer Handlung nicht enthalten können, von welcher es, gelindestens zu reden, unentschieden ist, ob sie gut oder böse, nützlich oder schädlich sei! Dass der Wahrheitseifer noch immer so verzehrend brennt, zu einer Zeit, wo die Verschiedenheit der Meinungen nicht größer sein kann; wo der freie Untersuchungsgeist erst anfängt seine Fackel in die Gruft des Ungeheuers, Autorität, zu tragen; wo Scharfsinn und Tiefsinn, Erfahrung und Selbstgefühl so dringend bitten, die Entscheidung der immer nötiger gewordnen Frage: was ist Wahrheit? zuvor abzuwarten!

Diese Gedanken erwachten von neuem in mir bei der Lesung der wenigen Zeilen, womit Sie das Schreiben des mainzischen Beamten begleitet haben, und bewogen mich, Ihrem darin geäußerten Urteil über den Briefsteller meine Meinung von der Notwendigkeit, dem Nutzen und der Billigkeit Ihres Verfahrens entgegenzustellen. Ich will mir schmeicheln, dass ich dadurch bei manchem Ihrer Leser, der vermutlich auf Ihr bloßes Wort den Briefsteller schon der Hinterlistigkeit und Unredlichkeit schuldig glaubte, eine Revision des Prozesses veranlassen, bei einigen auch vielleicht Milderung des Urteils bewirken werde. Dies ist wohl die geringste Entschädigung, welche man einem unbescholtenen Manneb für die Kränkung, sich öffentlich beschuldigt und verurteilt zu sehen, verschaffen kann; und mich dünkt, auch ohne in irgend einem nähern, persönlichen oder unmittelbaren, Verhältnisse mit ihm zu stehn, würde keiner, dem meine Gründe einleuchten, Bedenken tragen, damit vor dem Publikum aufzutreten. Sehr erfreulich würde es mir sein, wenn dieser Aufsatz so beschaffen wäre, dass Sie Selbst über die darin verhandelten Gegenstände Ihre Gesinnung ein wenig mildern, und insbesondre Sich dadurch überzeugen könnten, in der Verurteilung des Briefstellers weiter gegangen zu sein, als die Unbekanntschaft mit seiner Denkungsart, und die in seinem eignen Schreiben vorangeschickten Religionsbegriffe es zu rechtfertigen scheinen. Auf keinen Fall, glaube ich, dass es schaden könne, durch die Eröffnung einer Ansicht der Sachen, welche von der Ihrigen abweicht, weiteres Nachdenken und nähere Prüfung zu veranlassen; dem Ziel, auf welches ich nur hindeuten konnte, kommt dann vielleicht ein andrer etwas näher, und was uns dabei an absoluter Wahrheit verloren gehen möchte, das gewinnen wir an relativer Erkenntnis wieder.

b Diesen Ruf hat Herr Bender, den ich übrigens gar nicht kenne.

Bedürfte die öffentliche Bekanntmachung meines Aufsatzes dennoch einer Entschuldigung, so fände ich einen sehr nahen Beruf dazu in dem Misstrauen, welches Ihre Monatsschrift, durch wiederholte Angriffe auf den Katholizismus und missbilligende Erwähnung einzelner Auftritte in katholischen Ländern, bei dem hiesigen Publikum gegen die von einem aufgeklärten Fürsten hergezogenen Nichtkatholiken endlich doch erwecken könnte. Dieser Schade wäre schon an sich so groß, dass er in meinen Augen von keinem vermeintlichen Vorteil aufgewogen werden kann; denn er ginge zuletzt darauf hinaus, die wohltätige Absicht, welche man durch die Anstellung der Ausländer, ohne Rücksicht auf ihre religiöse Meinungen, erreichen wollte, zu vereiteln. Wenn irgendwo gegen die Bekenner andrer als der herrschenden Glaubenssätze ein ungegründetes Vorurteil obwaltet; so scheint kein Mittel wirksamer dasselbe zu entkräften, als die Verpflanzung solcher Andersgesinnten in den Staat, damit sie als nützliche, rechtschaffene und ruhige Bürger von jedermann erkannt und nach ihrem Verdienste geschätzt werden können. Wie aber, wenn es in protestantischen Ländern hinlänglich ist, ein Katholik zu sein, um schon Misstrauen zu erwecken; wenn man sichs dort erlaubt, unter dem Vorwande der Bekehrungsgefahr die Privatverhältnisse eines jeden Katholiken mit neugierig-argwöhnischen Augen zu durchspähen; wenn Protestanten, nicht zufrieden diese Wachsamkeit, sie sei nun überflüssig oder nicht, auf ihre eigene Heimat und Staaten, wo der Protestantismus herrscht, vorsichtig einzuschränken, ihren Späherblick auch über die Grenze, gleichsam in Feindes Land — weil man dem Feinde keine Schonung schuldig zu sein glaubt? — umher irren lassen, und dort ohne Rücksicht auf die Gehässigkeit dieser Rolle, das Innere der Familie, welches sogar der Gesetzgebung heilig ist, auskundschaften, die willkürlichen Privatmeinungen der Menschen vor ihren Richterstuhl ziehen, und indem es die Sicherheit der protestantischen Kirche erheischen soll, mit einer Anmaßung, die sich bis itzt noch zu keinem Rechte hat legitimieren können oder wollen, gegen vermeintliche Vergehungen die harte Strafe der öffentlichen Beschämung zu erkennen? Vielleicht könnten auch billigdenkende Katholiken in diesen Schritten endlich einen unversöhnlichen Religionshass, einen zügellosen Parteigeist zu erblicken glauben, und sich dann selbst den Vorwurf machen, dass sie zu frühzeitig angefangen hätten, gegen Protestanten mit sorglosem Zutrauen und unbefangener Offenheit zu handeln. Je weiter sich im Mainzischen die Toleranz gegen Nichtkatholiken bereits erstreckt, desto mehr wird die Unbilligkeit daselbst auffallen müssen, womit einzelne Beispiele von weitgetriebener Anhängigkeit an den tridentinischen39 Lehrbegriff mühsam hervorgesucht werden, um eine Beschuldigung zu motivieren, die man hier so wenig verdient. Ist es nicht auffallend, wie selten von einer Seite die Beispiele von katholischer Intoleranz in hiesiger Gegend, und wie erpicht und verhetzt auf der andern manche Menschen auf diese Jagd sein müssen, da der im Grunde doch unbedeutende Vorfall in Eltvill von zwei verschiednen Einsendern aufgeschnappt worden ist? In der Tat, wenn man katholischer Seits alles einräumen wollte, was Sie in Beziehung auf den Eltviller Briefsteller nur verlangen können, wird sich dann wohl mehr daraus ergeben, als die Intoleranz eines individuellen Menschen? Man wird es bedauren, dass in einem, wie Sie ihn nennen, frei und besserdenkenden katholischen Staate, Ausnahmen von der Regel anzutreffen sind, und dass ein Beamter, der allenfalls Gelegenheit gehabt haben könnte, redlichere Ausleger der katholischen Lehre als Bellarmin40, Busembaum41 und Konsorten, um Rat zu fragen, unglücklicherweise nicht gewusst zu haben scheint, dass man auch ohne den Probabilismus42 ein guter Katholik, und auch als Katholik zuerst Mensch und Bürger sein könne. Aber mit diesem einzigen Falle, oder auch mit mehrern ähnlichen, wenn sich dergleichen finden ließen, es rechtfertigen wollen, dass diesem Lande der rege Geist der Proselytenmacherei zugeschrieben wird: dies hoffe ich, werden nicht allein Katholiken, sondern auch Protestanten einer zu weit getriebenen Besorgnis zuschreiben, um Ihnen keinen Vorwurf darüber zu machen. Es versteht sich von selbst, wenn man vom Geiste eines Landes spricht, so spricht man nicht von einzelnen Ausnahmen; sonst wären die Katholiken berechtigt die Stimme eines Herausgebers der Berlinischen Monatsschrift für den Geist des Protestantismus zu halten. Wenn also die Ausnahmen nicht gelten sollen, so ruhet allerdings der Geist der Proselytenmacherei in den mainzischen nicht nur, sondern in den meisten aufgeklärteren deutschkatholischen Staaten. Es werden von hier aus weder Missionare in protestantische Länder ausgeschickt, noch die hier wohnenden Protestanten durch Bekehrungsvorschläge beunruhigt. Protestanten können hier zu allerlei weltlichen Ämtern gelangen; die hiesige Universität43 hat sogar das rühmlichste Beispiel einer uneingeschränkten Toleranz gegeben, und ohne Rücksicht auf religiöse Meinungen einem Juden den medizinischen Doktorhut erteilt; endlich, unter dem milden Einfluss eines weisen Menschenfreundes auf dem Kurfürstlichen und Erzbischöflichen Throne hat die aufgeklärte Geistlichkeit einem protestantischen Gelehrten, meinem seligen Vorgänger Dieze43, in der hiesigen Johanniskirche eine ehrenvolle Grabstätte brüderlich eingeräumt. In einem Lande, wo ich, wie alle protestantischen Gelehrten, der uneingeschränktesten Gewissens- Denk- und Pressfreiheit genieße; in einem Lande, wo man sich der Usurpation der römischen Kurie und allen ihren Eingriffen in die Rechte der Menschheit mutig widersetzt; in einem Lande, wo alles von der Absicht des Regenten, Vorurteile hinwegzuräumen und eigenes Denken zu befördern, redende Beweise gibt: in diesem Lande fühle ich den Beruf, sowohl den katholischen Einwohnern das Zeugnis einer wahren brüderlichen Duldung fremder Religionsverwandten zu erteilen, als auch im Namen manches rechtschaffenen Nichtkatholiken, welcher hier das freundschaftliche Vertrauen würdiger Menschen mit mir teilt, öffentlich zu versichern, dass wir aus eigener Erfahrung und nach reiflicher Erwägung der Anklage, Ihrem Urteil über die mainzische Proselytenmacherei nicht beipflichten können. Herberufen, nicht um seine besondre Religionsmeinung in Aufnahme zu bringen, sondern um gemeinnützige Kenntnisse in Befolgung seiner Amtspflichten anzuwenden, ehrt der Ausländer hier den moralischen Endzweck und die frommen redlichen Lehrer und Bekenner eines jeden Glaubens, ohne dasjenige was ihm Menschliches jedem beigemischt zu sein scheint, damit verwechseln zu müssen. Verehrungswürdig aber ist ihm dasjenige Publikum, welches den apostasierenden Protestanten unfehlbar mit Verachtung auszeichnen würde; und dieser einzige Zug enthält einen Beweis von richtigem Gefühl, der alle bisher bekanntgewordenen vorgeblichen oder wahren Beispiele von Proselytenmacherei, insofern sie eine allgemeine Stimmung dartun sollen, zu Schanden macht.

Um die Übersicht zu erleichtern, fasse ich itzt die Hauptpunkte meiner Meinung zusammen.

  1. Der katholische Bekehrungseifer hat selbst unter den nachteiligsten Umständen für die protestantische Kirche, noch keinen beunruhigenden Erfolg gehabt.
  2. Die Gewissensfreiheit ist aber bei despotischen Regierungen immer in Gefahr.
  3. Aller Zwang bildet Maschinen, und jedes Symbol ist der freien Moralität des Menschen nachtheilig.
  4. Wenn Protestanten apostasieren19, so lässt sich in den meisten Fällen die Ursache auf Mangel an Einsicht und moralischem Gefühl zurückführen.
  5. Das einzige sichere Mittel diesem Mangel abzuhelfen ist Freiheit.
  6. Jedes andre Mittel ist gewalttätig, und schon darum unwirksam.
  7. Denn seiner Meinung die Beistimmung andrer verschaffen, (Proselytenmacherei) ist im Erkenntnistriebe gegründet, und an sich tadelfrei.
  8. Nach der gewöhnlichen Auslegung der katholischen Glaubenslehre kann der Bekehrungseifer sogar eine Pflicht scheinen.
  9. Unredlichkeit findet nur Statt, wo man gegen bessere Überzeugung handelt, und also nur in diesem Falle kann der Bekehrer Beschämung verdienen.
  10. Die Befugnis aber, Privatverhältnisse öffentlich bekannt zu machen, zu richten und zu bestrafen, wenn sie gegen die Meinung einer Privatperson anstoßen, ist dieser letztern noch nicht zugestanden.
  11. Auch ruhet wirklich der Geist der Proselytenmacherei in den deutschkatholischen Staaten, und einzelne Beispiele von intoleranten Menschen beweisen nichts wider diese Behauptung.
  12. Man ist vielmehr in verschiednen deutschkatholischen Staaten eifrig mit der Läuterung der Religionsbegriffe, mit Erringung der Unabhängigkeit von Rom, und mit der Einführung der Druck- und Gewissensfreiheit beschäftigt.

Diese Sätze, habe ich geglaubt gegen Sie, meine hochgeschätzten Herren, behaupten zu können. Itzt überlasse ich sie nebst meinen Gründen, ihrem Schicksal, und bitte Sie nur noch um Erlaubnis, hier an ein paar Worte unsers verewigten Lessing über einen gewissen Ring zu erinnern.

Der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen,
Bei Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! — Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? — O so seid Ihr alle drei
Betrogene Betrüger!45

Mainz, d. 7 Septemb. 1789

Georg Forster


Erläuterungen:

1 Proselytenmacherei

"Proselyt (griech., »Fremdling, Ankömmling«), je der von irgend einer Partei, namentlich einer Religion, zu einer andern übergehende. Bei den Juden hießen Proselyten (Judengenossen [Apostelgeschichte 2,11], hebr. gerim) diejenigen Heiden, die den Mosaismus völlig angenommen (auch »Proselyten der Gerechtigkeit«) und, wenigstens seit der neutestamentlichen Zeit, nach der Beschneidung sich einem Reinigungsbad, der sogen. Proselytentaufe, unterzogen hatten. Proselyten im weitern Sinne (früher fälschlich als »Proselyten des Tores« von der ersten Kategorie unterschieden) sind die bei Josephus und in der Apostelgeschichte oft erwähnten »Gottesfürchtigen«, die sich zum jüdischen Monotheismus bekannten und die Synagoge besuchten, ohne beschnitten zu sein und sich zur Beobachtung des Gesetzes zu verpflichten. Dieser Anhang der Synagogengemeinden bildete einen besonders fruchtbaren Boden für die christliche Mission. Proselytenmacherei heißt jetzt das zudringliche Bestreben, Bekenner einer andern Religion in die eigne herüberzuziehen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Berlinische Monatsschrift

"Die letzte moralische Wochenschrift war Gedicke und Biesters »Berlinische Monatsschrift«, 1783-1811, die beliebte und verbreitete Zeitschrift, deren nüchtern-bürgerlichem Kampfe gegen die Schwärmerei die deutsche Sprache das Wort »verbiestert« (»verbiesterte Genies«) verdankt.

Dieses Blatt war aber auch schon keine »moralische Zeitschrift« im alten Sinne mehr; sie erweiterte deren Grenzen, schloss sich an die Aufklärer und Rationalisten an und machte sogar Streifzüge in das Gebiet der Politik."

[Quelle: Goldfriedrich, Johann <1870 - 1945>: Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft (1740 - 1804). -- Leipzig : Verl. des Börsenvereins der Dt. Buchhändler, 1909. -- IX, 673 S. -- (Geschichte des deutschen Buchhandels / im Auftr. des Börsenvereins der dt. Buchhändler hrsg. von der Historischen Kommission desselben ; Bd. 3). -- S.320]

3 Sie = die Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift: Johann Erich Biester (1749 - 1819) und Friedrich Gedike (1754 - 1803)

4 Bender <Kurmainzischer Hofgerichtsrat und Beamter zu Eltville>: Proselytenmacherei. -- In: Berlinische Monatsschrift / Hrsg.: J. E. Biester, F. Gedike. -- Berlin : Haude und Spener. -- 2, 1789. --S. 195 - 199  [Faksimile online: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/berlmon/berlmon.htm. -- Zugriff am 2005-01-24]

5 alleinseligmachender Glauben

"Alleinseligmachende Kirche, Selbstbezeichnung der katholischen Kirche, sofern sie erklärt, dass außerhalb ihres Verbandes niemand selig werden könne. Der Satz: »Extra Ecclesiam nulla salus« (»außer der Kirche kein Heil«) ist, wenn auch nicht ganz mit diesen Worten, schon bei Cyprian (um 250) zu finden. Augustin, Leo d. Gr. und Gregor d. Gr. verfochten die Beziehung des Satzes auf den äußerlichen, organisierten Verband der katholischen Kirche und die Unterwerfung unter den römischen Bischof als den Oberhirten der Kirche. Noch jetzt gelten alle Nichtkatholiken als verdammt, und Milderungen dieser Lehre widerstreiten dem katholischen Dogma. Übrigens setzt auch die allgemeine protestantische Grundanschauung die Zugehörigkeit zu irgend welchem christlichen Kirchenverband als selbstverständlich voraus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

"18. Januar 2005, 18:03

kreuz.net Katechismusklasse: Welche ist die alleinseligmachende Kirche?

Ungeduldig marschiert der Herr Pfarrer in seinem Weinberg auf und ab. Schon vor zwei Wochen hat er eine dringende Frage an einen wichtigen Theologieprofessor geschickt. Ob die katholische Kirche heilsnotwendig sei, erkundigte er sich im Schreiben. Über die Rebzweige hinweg sieht der Pfarrer endlich den Postboten kommen. Der Theologe hat ihm geantwortet. War auch höchste Zeit.

Carissime Pater!

Vielen Dank für die Schilderung Ihrer Notlage. Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen wissen, ob die katholische Kirche zum Heil des Menschen notwendig ist?

Dass die verwirrten Schäfchen Ihrer Nachbarpfarrei zu Ihnen kommen, ist verständlich. Hat der dortige Pfarrer wirklich behauptet, dass es letztlich keine Rolle spiele, ob jemand katholisch oder protestantisch sei? Das kann nicht der Sinn dieser - wie schreiben sie? - „Gebetswoche der Einheit der Christen“ sein. Der Pfarrer möge sich eher darum bemühen, die getrennten christlichen Gemeinschaften in den Schoß der einen, heiligen und apostolischen Mutter Kirche zurückzuführen. Aber ich nehme an, dass auch Ihr Mitbruder die Dinge im Grunde so versteht. Als Vertiefung und Denkanstoß können Sie ihm folgende Zitate aus dem unfehlbaren Lehramt der Kirche vorlegen.

Das ehrwürdige vierte Laterankonzil, das im Jahre 1215 abgehalten wurde, erklärt, dass „die allgemeine Kirche der Gläubigen eine einzige ist und dass außerhalb von ihr niemand gerettet wird“.

Gleiches kann Ihr Mitbruder im Unionskonzil von Florenz (um 1444) nachlesen: „Die hochheilige Kirche glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand, der sich außerhalb der katholischen Kirche befindet - keine Heiden, keine Juden, keine Häretiker und keine Schismatiker - des ewigen Lebens teilhaft werden kann. Er wandert vielmehr in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“

Auch der selige Pius IX. († 1878) formuliert ähnlich: „Auf Grund des Glaubens ist festzuhalten, dass außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand das Heil erlangen kann. Die römische Kirche ist die einzige Arche des Heiles. Wer nicht in sie eintritt, wird in der Flut umkommen.“

Sie könnten, lieber Herr Pfarrer, Ihrem hochwürdigen Nachbarn noch viele andere Stellen aus dem unfehlbaren Lehramt der Kirche liefern. Doch die angeführten Texte sollten genügen. Die Stellen mögen hart erscheinen. Aber die Mutter Kirche ist der Wahrheit und nicht dem schmeichelnden Wort verpflichtet.

Die Zugehörigkeit zur Kirche ist nicht nur darum notwendig, weil das ein Glaubenssatz der Kirche ist. Nein, die Kirche ist als Mittel und Instrument unabdingbar, um in der Flut der Sünden nicht zu ertrinken. Ähnlich war die genannte Arche des Noah das nötige und einzige Mittel, um der Sintflut zu entgehen.

Die Notwendigkeit einer sichtbaren Mitgliedschaft in der Kirche ist freilich keine absolute. In besonderen Umständen, zum Beispiel im Fall einer unüberwindlichen Unkenntnis über die Kirche oder wenn es keine Möglichkeit gibt, die sakramentale Taufe zu empfangen, kann die sichtbare Zugehörigkeit zur Kirche durch das Verlangen nach der Kirche ersetzt werden. Dieses Verlangen mag in der sittlichen Bereitschaft, den Willen Gottes treu zu erfüllen, zum Ausdruck kommen.

Es stellt sich, Hochwürden, für Ihren theologisch verunsicherten Nachbarpfarrer jetzt wohl die Frage, wie man der heilsnotwendigen Römischen Kirche zugehört.

Dazu können Sie auf eine Stelle aus der berühmten Enzyklika „Mystici Corporis“ von Papst Pius XII. († 1958) verweisen: „Den Gliedern der Kirche sind in Wahrheit nur jene zuzuzählen, die das Bad der Wiedergeburt empfangen haben, den wahren Glauben bekennen und sich weder selbst zu ihrem Unsegen vom Zusammenhang des Leibes getrennt haben, noch wegen schwerer Verstöße durch die rechtmäßige kirchliche Obrigkeit davon ausgeschlossen worden sind.“

Diese wichtige dogmatische Erklärung des Lehramtes nennt drei Bedingungen, um ein Mitglied der Kirche zu sein:

- die Taufe
- das Bekenntnis des wahren Glaubens
- das Verbundensein mit der Gemeinschaft der Kirche

Noch ein Wort zur Predigt Ihres Nachbarpfarrers über die Protestanten: Jene Kinder, die außerhalb der Kirche gültig getauft werden, sind Glieder der Kirche, bis sie ihre Vernunft gebrauchen können und sich freiwillig vom Glaubensbekenntnis oder von der Gemeinschaft der Kirche trennen.

Ich hoffe, werter Herr Pfarrer, dass meine Ausführungen Ihnen und Ihrem Mitbruder genügen. Sollten Fragen auftauchen, können Sie sich jederzeit an mich wenden. Es lohnt sich, über diese Dinge im unfehlbaren Lehramt der Kirche zu lesen. Dann steht man auf einem soliden Grund. Viel Mut beim theologischen Gespräch mit Ihrem Kollegen.

Gott befohlen!

Herzlichst, Ihr Ludwig Ott"

[Ludwig Ott, geboren 1906, ehemals Professor für katholische Dogmatik an der Katholischen Universität Eichstädt]

[Quelle: http://www.kreuz.net/article.520.html. -- Zugriff am 2005-01-26]

6 Zitat aus: Gottfried August Bürger (1747-1794): Ode der funfzigjährigen Jubelfeier der [Göttinger Universität] Georgia Augusta am 17. September 1787 gewidmet von mehrern zu Göttingen Studierenden

Erhabenster, der du dass All gestaltet,
Zu deiner Herrlichkeit Palast,
Und in ein Lichtgewand, aus Finsternis entfaltet,
Dein Werk gekleidet hast!

Du hast im Raum, wo deine Sonne lodert,
Um Ein Zentralziel aller Kraft,
Zu dem erhabnen Tanz die Sphären aufgefordert,
Der nimmermehr erschlafft!

Es schwebt mit ihm, an Harmonien-Banden,
Der hohe Welt-Choral dahin,
Vom dem Pythagoras und Newton viel verstanden,
Und Keplers tiefer Sinn.

Im Geistesall, wo Form des Raums verschwindet,
Wo dumpf der Sinn des Zeitstroms Fall
Nur noch vernimmt, hast du weit Größer dich verkündet,
Als in dem Sinnenall.

Da lodern hoch, mit wunderbarem Glanze,
Die Sonnen Wahr und Gut und Schön,
Um die, - so willst du es - sich in vereintem Tanze
Des Geistes Künste drehn.

Vereinigung ersehnen die drei Flammen
Durch wechselsweisen Zug und Drang.
Auch hier rauscht die Musik der Sphären laut zusammen
In Einen Chorgesang;

Und rauschet fort, von Einem Strom gezogen,
Vom Strome der Vollkommenheit.
Ein Niagara stürzt der seine lichten Wogen
Ins Meer der Seligkeit. -

Georgia, die auch Gesang und Reigen
Erhabner Geisteskünste führt,
Tritt heut vor deinen Thron, ihr Haupt vor dir zu neigen,
Dem Anbetung gebührt.

Gefiel bisher dir höchsten Chorageten
Ihr Einklang mit dem großen Chor
Der Schöpfung, so vernimm, was ihre Söhne beten,
O Herr, mit mildem Ohr!

Gesegn' ihr heut im Jubelfeierkleide
Den Wunsch, den jede Brust ihr weiht,
Und bis zu Götterkraft den Lebenswein der Freude,
Den ihr Georg ihr beut!

Hoch aufgefrischt von dieses Tages Wonnen,
Und deiner Segenskräfte voll,
Erhalte sich ihr Schwung um die drei Geistes-Sonnen,
Um die sie schweben soll!

Nie müsse sie des Rhythmus Kunst verlernen,
Die Glied an Glied ins Ganze fügt!
So fliege sie den Flug mit ihren Folge-Sternen,
Den alles Leben fliegt!

Und werde stets zum Ziele fortgezogen,
Das nur der Gottgeweihte sieht,
Wohin mit Ozeans-Gewalt der Kräfte Wogen
Die Kraft der Kräfte zieht!

7 Großinquisitor

"Ein Großinquisitor ist
  • historisch im Mittelalter eine vom Vatikan verliehene Amtsvollmacht, durch Verhöre, Folter und Scheiterhaufen gegen so genannte Ketzer, also vom christlichen Glauben Abgefallene, vorzugehen. Beipiele bilden vor allem die Inquisition in Spanien und Portugal. In Deutschland gab es im frühen 13. Jahrhundert, im Hochmittelalter, den Großinquisitor Konrad von Marburg.
  • In der Gegenwart ist der Begriff nur mehr eine politische, mediale oder literarische Metapher der Erinnerung an diese Gräuel der mittelalterlichen Inquisition und Hexenjagden. Die eher literarischen oder Bühnenbearbeitungen des Themas behandeln die schlimmen Erfahrungen mit Diktatur, Überwachungsstaat und totalitärer Herrschaft, sei es die Zarenherrschaft, der Ostblock oder der Nationalsozialismus. Medial attraktiv ist das Plakative des Begriffs, der siehe Österreichs Tageszeitung Der Standard den Fernsehgebührenanspruch des ORF geißelt. Ähnlich der Zugriff des PC-Spieleherstellers Activision, der mit "ZORK - Der Großinquisitor" Ende der 1990er ein Adventure-Spiel herausbrachte, wobei das Wort das "Böse" als Gegenspieler-Figur verkörperte, der die "Magie" aus der Welt vertreiben wolle.

Eine bedeutende Reminiszenz an jene spanische Epoche besteht im Gemälde El Grecos "Der Großinquisitor".

Am meisten in der Allgemeinbildung assoziert wird nach wie vor wohl das Kapitel "Der Großinquisitor" aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis "Die Brüder Karamasow". Bemerkenswert ist, dass weiterhin dramaturgische Bearbeitungen dazu erscheinen, so das Hörspiel von George Tabori und aktuell die Inszenierung Adolfo Assors in seinem kleinen Garn-Theater in der Katzbachstraße in Berlin-Kreuzberg.

Nur in Fachkreisen bekannt ist das 1947 uraufgeführte Oratorium und Orchesterwerk des Komponisten Boris Blacher "Der Großinquisitor", das in seinen Solo- und Chorpartien sehr hohe Ansprüche an die Beteiligten stellen soll."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Finquisitor. -- Zugriff am 2005-01-26]

8 2. Vatikanisches Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche "Lumen gentium":

8. Unicus Mediator Christus Ecclesiam suam sanctam, fidei, spei et caritatis communitatem his in terris ut compaginem visibilem constituit et indesinenter sustentat, qua veritatem et gratiam ad omnes diffundit. Societas autem organis hierarchicis instructa et mysticum Christi Corpus, coetus adspectabilis et communitas spiritualis, Ecclesia terrestris et Ecclesia coelestibus bonis ditata, non ut duae res considerandae sunt, sed unam realitatem complexam efformant, quae humano et divino coalescit elemento. Ideo ob non mediocrem analogiam incarnati Verbi mysterio assimilatur. Sicut enim natura assumpta Verbo divino ut vivum organum salutis, Ei indissolubiliter unitum, inservit, non dissimili modo socialis compago Ecclesiae Spiritui Christi, eam vivificanti, ad augmentum corporis inservit (cf. Eph. 4, 16).

 


Haec est unica Christi Ecclesia, quam in Symbolo unam, sanctam, catholicam et apostolicam profitemur, quam Salvator noster, post resurrectionem suam Petro pascendam tradidit (cf. Io. 21, 17), eique ac ceteris Apostolis diffundendam et regendam commisit (cf. Mt. 28, 18 ss.), et in perpetuum ut columnam et firmamentum veritatis [12] erexit (cf. 1 Tim. 3, 15). Haec Ecclesia, in hoc mundo ut societas constituta et ordinata, subsistit in Ecclesia catholica, a successore Petri et Episcopis in eius communione gubernata,[13] licet extra eius compaginem elementa plura sanctificationis et veritatis inveniantur, quae ut dona Ecclesiae Christi propria, ad unitatem catholicam impellunt.

"I. 8. Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfasst und trägt sie als solches unablässig; so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16).

Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff), für immer hat er sie als "Säule und Feste der Wahrheit" errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen."

9 Reinhold, Karl Leonhard <1757 - 1823>: Von welchem Skeptizismus lässt sich eine Reformation der Philosophie hoffen? -- In: Berlinische Monatsschrift / Hrsg.: J. E. Biester, F. Gedike. -- Berlin : Haude und Spener. -- 2, 1789. --S. 49 - 72  [Faksimile online: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/berlmon/berlmon.htm. -- Zugriff am 2005-01-26]

"Reinhold, Karl Leonhard, Philosoph, geb. 26. Okt. 1758 in Wien, gest. 10. April 1823 in Kiel, war 1772-74 Novize bei den Jesuiten zu St. Anna und nach Aufhebung des Ordens Kleriker im Barnabitenkollegium bei St. Michael daselbst, verließ aber das Kloster, um sich nach Leipzig, später nach Weimar zu wenden, wo er zum Protestantismus übertrat, Mitarbeiter am »Deutschen Merkur« und Wielands Schwiegersohn wurde. Von 1787-94 war er Professor der Philosophie in Jena und seit dem letztern Jahr in Kiel. Zur Beförderung des Verständnisses der Kantschen Kritik hat er durch seine mit außerordentlichem Beifall gehörten Vorlesungen in Jena sowie durch die »Briefe über die Kantsche Philosophie« (im »Deutschen Merkur«, 1786) aufs erfolgreichste gewirkt. In dem »Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens« (Prag u. Jena 1789, 2. Aufl. 1795) unternahm er es, die Kantschen Lehrbegriffe tiefer zu begründen und aus den höchsten Prinzipien der philosophischen Selbsterkenntnis in strenger Folgerichtigkeit abzuleiten. Die Grundlage für die Kantsche Lehre fand er hier in dem Satze: »Im Bewusstsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und vom Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen.« Diese seine Doktrin nannte er »Elementarphilosophie«, lehnte sich jedoch bald zunächst an Fichte, dann im »Briefwechsel über das Wesen der Philosophie und das Unwesen der Spekulation« (Münch. 1804) an Bardili an und suchte sich auch später Herbart zu nähern, brachte es aber durch diesen häufigen Wechsel der Standpunkte dahin, dass er zuletzt von allen Parteien verleugnet wurde. Reinhold zeichnete sich als akademischer Lehrer durch Beredsamkeit, als Mensch durch Lauterkeit des Charakters aus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

10 kat' exochen (κατ εξοχήν, griech.): vorzugsweise, hauptsächlich; überhaupt.

11 Hus

"Jan Hus (auch Johannes Hus, nach seinem Geburtsort Husinec; gelegentlich 'Huss') (* um 1369/1370 in Husinec, Kreis Prachatitz im Böhmerwald (Süd-Böhmen); † 6. Juli 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen) war ein christlicher Reformator und Märtyrer. Er war Priester und eine Zeitlang Rektor der Universität Prag. Sein Geburtshaus beherbergt heute ein Museum und eine Gedenkstätte. Wahrscheinlich war sein Vater ein Bauer. Die nach Jan Hus benannte Bewegung der Hussiten geht zum Teil auf sein Wirken zurück.

Leben und Wirken

Bildungsweg

Jan Hus besuchte die Lateinschule in Prachatitz und studierte ab 1386 in Prag. Nach dem Studium an der Prager Karlsuniversität erhielt er 1396 den akademischen Grad des Magister Artium.

Die Studentenjahre verliefen bei Hus zunächst wie die seiner Kommilitonen auch: Wein, Radau und Mädchen waren interessanter als die Universität. Doch irgendwann hatte Hus ein Erlebnis, dass ihn von höheren Werten des Lebens überzeugte. Seine Gelehrtenkarriere nahm von da an einen zielstrebigen Verlauf.

Durch Hieronymus von Prag wurde er 1398 mit den Lehren des Oxforder Theologen John Wyclif vertraut, die er begeistert aufnahm. Tschechische Adelige, die seit der Vermählung der Schwester des Königs Wenzel mit Richard II. von England (1382) an der Universität Oxford studierten, brachten von dort Wyclifs Schriften nach Prag, zuerst die philosophischen, später auch die theologischen und kirchenpolitischen. Wyclif forderte aufgrund der sittlichen Verfallserscheinungen des Klerus in England die Abkehr der Kirche von Besitz und weltlicher Macht.

Jan Hus begann Theologie zu studieren und wurde 1400 er zum Priester geweiht. 1401 wurde er zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt. 1402 wurde er Professor, und übte das Amt des Rektors der Prager Universität von 1409 bis 1410 aus. Dort lehrte er Theologie und Philosophie.

Wirkung als Priester und Prediger

Ab 1402 predigte er in tschechischer Sprache in der in der Prager Altstadt befindlichen Bethlehemskapelle (gestiftet 1391) und führte das gemeinsame Singen während des Gottesdienstes ein.

Hus, der zunächst unter Erzbischof Sbinko von Hasenburg großes Ansehen genoss, wurde von diesem mehrfach zum Synodalprediger bestimmt. Er wurde Beichtvater der Königin.

Hus predigte eine strenge tugendhafte Lebensweise und eiferte gegen Zeitgeist und Mode, so dass er gelegentlich auch das Volk, speziell die Schuster, Hutmacher, Goldschmiede, Weinhändler und Wirte gegen sich aufgebrachte.

Beeinflusst durch die Lehren Wyclifs kritisierte er den weltlichen Besitz der Kirche, die Habsucht des Klerus und dessen Lasterleben. Dabei soll er häufig die unwürdigsten Vertreter des Klerus als Beispiele herangezogen haben. Er kämpfte leidenschaftlich für eine Reform der verweltlichten Kirche, trat für die Gewissensfreiheit ein und sah in der Bibel die einzige Autorität in Glaubensfragen. Deshalb erkannte er das Unfehlbarkeitspostulat des Papstes nicht an. Von Wyclif übernahm Hus die Lehre der Prädestination und setzte sich für die Landessprache als Gottesdienstsprache ein.

1408 erfuhr der Prager Erzbischof von Hus' Predigten und enthob ihn darauf hin seiner Stellung als Synodalprediger. Das Lesen der Messe und das Predigen wurden ihm verboten. Er hielt sich aber nicht an diese Verbote, predigte weiterhin gegen Päpste und Bischöfe und brachte in kurzer Zeit den größten Teil Böhmens auf seine Seite.

Um den Reformbestrebungen Herr zu werden, unterwarf sich der Prager Erzbischof dem Papst Alexander V, einem der damaligen drei Gegenpäpste, und erwirkte von ihm eine Bulle, welche die Auslieferung der Schriften Wyclifs und den Widerruf seiner Lehren forderte. Außerdem sollte das Predigen außerhalb der Kirchen verboten werden. Nachdem am 9.3.1410 diese Bulle veröffentlicht wurde, ließ der Erzbischof über 200 Handschriften Wyclifs öffentlich verbrennen und verklagte Jan Hus in Rom. Hus, der sich dort erfolglos durch Abgesandte vertreten ließ, wurde darauf hin im Juli 1410 mit dem Kirchenbann belegt. Gegenpapst Johannes XXIII bannte ihn im Februar 1411. Hus wurde exkommuniziert und aus Prag verwiesen. Darauf hin brachen in Prag Unruhen aus.

Aufgrund seiner Beliebtheit, die in Volksdemonstrationen gipfelte, lehrte er unter dem Schutz des Königs zunächst noch ein Jahr weiter. Er verurteilte nun die Kreuzzugs- und Ablassbullen von Papst Johannes XXIII (Gegenpapst in Pisa). Danach musste er fliehen.

Jan Hus und das tschechische Nationalbewusstsein

Böhmen befand sich in dieser Zeit in der paradoxen Situation, dass es als nicht-deutsches Territorium Hauptland des mittelalterlichen Deutschen Reiches war, mit Prag als kaiserlicher Residenzstadt. So lebten in Prag sehr viele Deutsche. Hus, dem es darum ging, nichts als die Sünde anzuprangern, griff in seinen Predigten häufig hohe Kirchenämter an. Dies traf, weil diese eben gerade die hohen Kirchenämter innehatten, häufig Deutsche. Manche sprechen bei Hus und seinen Anhängern von einem regelrechten Hass auf die Deutschen, zumindest habe er nicht klar differenziert.

Als die Prager Karlsuniversität zum Papstschisma Stellung nehmen solle, war Hus Wortführer der Tschechen. Die Universität war nach den vier Nationalitäten Bayern, Sachsen, Polen und Böhmen gegliedert. Trotz der mehrzählig tschechischen Studenten wurde die Universität von deutschen Lehrern geführt.

Hus erreichte zusammen mit Hieronymus von Prag 1409, dass König Wenzel von Luxemburg im Kuttenberger Dekret die Universitätsverfassung änderte. In dem Streit innerhalb der Universität, um die Anerkennung des Konzils von Pisa, sollte eine Mehrheit für die Neutralität gewonnen werden. Der König, der Hus verehrte, beugte sich dem böhmischen Druck. Zum erstenmal spielten bei einem Aufbegehren des Volkes nationalistische Motive eine Rolle. Wenzel erteilte den Tschechen drei Stimmen, den Bayern, Polen und Sachsen zusammen dagegen nur eine. Die Tschechen erklärten sich zusammen mit König Wenzel für neutral, während die Deutschen zusammen mit Erzbischof Sbinko an Gregor XII. festhielten. Darauf hin verließen wenigstens 1000 deutsche Studenten mit ihren Professoren Prag und veranlassten die Gründung der Universität Leipzig. Die nationalen Spannungen an der Prager Universität wurden dadurch verringert.

Der Zorn des Volkes richtete sich jedoch weiterhin gegen hohe Kirchenämter, die nach wie vor von Deutschen besetzt blieben, und vermischte sich mit einem allgemeinen Zorn auf Deutsche, von denen sich die Tschechen dominiert fühlten.

Nach seiner Flucht 1412 lebte Jan Hus bis 1414 auf der Ziegenburg ins Südböhmen und auf der Burg Krakovec in Mittelböhmen. Dort verfasste er mehrere seiner Werke und schuf damit die tschechische Schriftsprache (wie später Luther die deutsche Schriftsprache schuf).

Als der Papst (Johannes XXIII?) einen neuen Kreuzzug gegen den König von Neapel verkündete und jedem „Kreuzträger“ vollkommenen Ablass versprach, wetterte Hus auf öffentlichen Plätzen dagegen. Hus erfuhr dadurch großen Zulauf. In Prag brachen neue Unruhen.

Hus begab sich nun nach Husinec, seinem Geburtsort, wo er Streitschriften verfasste. Er erreichte, dass der mit der Kirche in Widerspruch liegende Teil des deutschen Adels ihn und seine Anhänger schützte. Einige werden sich wohl, im Falle des Erfolgs seiner Ideen, auch Hoffnungen auf den Besitz des Klerus gemacht haben, der nach Wyclifs Lehren bei Unwürdigkeit zu enteignen sei.

Hus durchzog das Land als Wanderprediger. In Massen strömten ihm neue Anhänger zu.

Das Konstanzer Konzil

1413 schrieb Hus De Ecclesia (Über die Kirche). Darin vertrat er die Ansicht, dass die Kirche eine nicht hierarchisierte Gemeinschaft sei, in der nur Christus das Oberhaupt sein könne. Darauf hin wurde er ein Jahr später vor das Konstanzer Konzil zitiert.

König Siegmund sicherte Hus freie Hin- und Rückreise zu und stellte am 18.Oktober 1414 einen Geleitbrief aus. Hus machte sich aber schon vorher auf den Weg, um seine Ansichten vor dem Konzil darzustellen, und erreichte Konstanz am 3. November, wo er sofort festgenommen wurde. Um seine Flucht zu verhindern , setzte man ihn am 28. November in der Wohnung eines Domherrn und am 6. Dezember im Verließ eines Dominikanerklosters gefangen.

Als Sigismund am 24. Dezember 1414 eintraf, war er über die Gefangennahme Hus' erzürnt. Er drohte damit, das Konzil zu verlassen. Man erwiderte ihm, dass es dann aufgelöst würde. Die Geleitszusage Siegmunds wurde für nichtig erklärt, da Hus seine "ketzerischen" Ansichten nicht zurücknehmen wolle und deshalb nicht mehr die weltliche Ordnung für ihn zuständig sei, sondern die kirchliche.

Im März des folgenden Jahres floh Papst Johann XXIII, als dessen Gefangener Hus galt, aus Konstanz Hus wurde dem Bischof von Konstanz ausgeliefert und auf dessen Burg Gottlieben am Rhein gefangen gehalten. Hier durchlebte er eine qualvolle Zeit. Bei Tage wurde er gefesselt und nachts neben einer Kloake mit den Händen an die Wand gekettet. Er wurde schlecht ernährt und war von Krankheit gepeinigt.

Am 4. Mai 1415 verdammte das Konzil Wyclif und seine Lehre, dessen man aber nicht mehr habhaft werden konnte, da er bereits 30 Jahre zuvor eines natürlichen Todes gestorben war.

Hus kam am 5. Juni in das Franziskanerkloster. Dort verbrachte er die letzten Wochen seines Lebens. Vom 5. bis 8. Juni wurde Hus im Refektorium vor dem Konzil verhört.

Ein ausführliche Rechtfertigung gestattete man ihm nicht, sondern verlangte von ihm den öffentlichen Widerruf und die Abschwörung seiner Lehren. Hus lehnte dies ab. Bis Ende Juni versuchte man noch mehrfach vergeblich ihn zum Widerruf zu bewegen.

Am 6. Juli 1415 wurde er in feierlicher Vollversammlung des Konzils im Dom als Ketzer zum Feuertod verurteilt auf Grund seiner Lehre von der Kirche als der unsichtbaren Gemeinde der Prädestinierten.

Der tschechische Reformator Jan Hus wurde am 6. Juli 1415 auf dem Brühl, zwischen Stadtmauer und Graben, zusammen mit seinen Schriften verbrannt. Seine Asche streuten sie in den in den Rhein.

Die Hinrichtung leitete Friedrich VI., der spätere Kurfürst von Brandenburg und Stammvater der preußischen Könige und deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern.

In seinem Abschiedsbrief hatte er an seine Freunde geschrieben:

"Das aber erfüllt mich mit Freude, dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen, worin ihre Bosheit geoffenbart wird. Ich weiß auch, dass sie meine Schriften fleißiger gelesen haben als die Heilige Schrift, weil sie in ihnen Irrlehren zu finden wünschten."

Die Hinrichtung löste die Hussitenkriege (1419 bis 1434) aus. Vier Kreuzzüge wurden gegen die aufständischen Taboriten entsandt. Die Kriege verwüsteten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht nur Böhmen und Mähren, sie griffen auch auf die Nachbarländer über, bis die Hussiten zuerst durch Zugeständnisse, dann durch Zwist und Verrat in eigenen Reihen besiegt wurden."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Hus. -- Zugriff am 2004-11-22]

12 Servet

"Michael Servetus (eigentlich Miguel Serveto y Reves; * 1511 in Tudela; † 27. Oktober 1553 in Genf) war ein spanischer Arzt, Gelehrter, Humanist, Theologe und Antitrinitarier. Er wird häufig auch als Servet geschrieben.

Servetus studierte in Toulouse Rechtswissenschaft und kam im Gefolge Karls V., dessen Kaiserkrönung er beiwohnte, nach Deutschland und stand hier in Diensten des kaiserlichen Beichtvaters Quintana. Als es ihm um 1530 nicht gelang, Johannes Oekolampad für seine von der Kirchenlehre abweichenden spekulativen Ansichten von der Trinität zu gewinnen, wandte er sich im Oktober dieses Jahres nach Straßburg, wo ihm Wolfgang Capito und Martin Bucer bekannt waren, und veröffentlichte in Hagenau sein Werk "De trinitatis erroribus" (1531), von dem der Rat zu Basel viele Exemplare vernichten ließ, und von dessen Verfasser Bucer urteilte, er "sei würdig, dass man ihm die Eingeweide aus dem Leibe reiße".

Dagegen suchte Servetus seine Ansichten in den am gleichen Ort erschienenen "Dialogi de trinitate" (1532) weiter zu begründen. Dann kehrte er nach Frankreich zurück, lebte meist in Paris oder Lyon, studierte Astrologie, Mathematik und Medizin und erwarb sich durch seine Herausgabe des Ptolemäus einen ebenso geachteten Namen als Geograf, wie er als Arzt und Physiologe sich namentlich durch seine bahnbrechenden Ausführungen über den kleinen Blutkreislauf hervortat.

Seit 1540 in Vienne lebend, geriet er durch seine 1553 in Lyon herausgegebene theosophische Schrift "Christianismi restitutio" mit der katholischen und protestantischen Theologie in Zwiespalt. Zwar entkam er aus dem Gefängnis in Lyon im April 1553, wurde aber in Genf festgenommen, und die Behörden wandten sich am 21. August um Auskunft nach Vienne, von wo man seine sofortige Auslieferung verlangte. Servetus wurde vor die Wahl gestellt, ausgeliefert zu werden oder sich in Genf dem Gericht zu stellen, und entschied sich für Genf. Calvins Rolle beim Prozess war die des Experten, der Servetus Häresie nachwies. Das Gericht holte weitere Gutachten von Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen ein, die sich alle, ebenso wie Calvin, für die Hinrichtung aussprachen. Calvin plädierte jedoch entgegen dem damaligen Zeitgeist für eine mildere Hinrichtung durch das Schwert statt durch das Feuer. Am 26. Oktober 1553 wurde Servetus vom Rat zu Genf zum Feuertod verurteilt, den er, standhaft bei seiner Lehre beharrend, am 27. Oktober 1553 erlitt.

Servetus war der einzige Ketzer, der zur Zeit Calvins in Genf hingerichtet wurde. Am 27. Oktober 1903, dem 350. Jahrestag seiner Hinrichtung, wurde etwa an der Stelle, wo seinerzeit der Scheiterhaufen brannte, der Servetus-Gedenkstein aufgestellt."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Servetus. -- Zugriff am 2005-01-26]

12a Despotismus

"Despotismus (Despotie, griech.), diejenige Regierungsform, bei der lediglich der Wille und die Willkür des Herrschers entscheiden. Man bezeichnet damit den höchsten Grad und die Ausartung eines autokratischen oder absolutistischen Regierungssystems (Tyrannis, Willkürherrschaft). In der Regel spricht man von Despotismus in der Bedeutung von Fürstendespotismus, und man nennt denjenigen Despotismus, der im 17. und 18. Jahrh. in den meisten deutschen Territorien zu finden war, einen patriarchalischen Despotismus, weil damals das Verhältnis zwischen Landesherrn und Landeskindern in der Tat vielfach einen gewissen patriarchalischen Charakter hatte. Der Despotismus besteht noch in Rußland (»despotisme tempéré par l'assassinat«, Despotismus durch Meuchelmord gemäßigt), wenn er auch einigermaßen mildere Formen angenommen hat."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

13 petitio principii (petitionem ist der Akkusativ) (lateinisch): ein Fehler im Beweis, der darin besteht, dass das zu Beweisende selbst in versteckter Form als Voraussetzung des Beweises benutzt wird.

14 Divan (persisch):  Versammlung, Gesellschaft, Rat, Audienz.

15  sublunarisch (lateinisch): unter dem Mond befindlich.

16 Steblitzki

Gedike, Friedrich <1754 - 1803>: Geschichte des ehemaligen Rathmanns Joseph Steblitzki zu Nikolai in Oberschlesien, nunmehrigen Juden Joseph Abraham. -- In: Berlinische Monatsschrift / Hrsg.: J. E. Biester, F. Gedike. -- Berlin : Haude und Spener. -- 2, 1786. --S. 152 - 173  [Faksimile online: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/berlmon/berlmon.htm. -- Zugriff am 2005-01-26]

17 Lord Gordon

"Gordon, Lord George, geb. 26. Dez. 1751 in London, gest. 1. Nov. 1793, dritter Sohn des Herzogs Cosmus George von G., diente anfangs in der Marine, verließ aber während des amerikanischen Freiheitskriegs den Seedienst und ward 1774 Mitglied des Unterhauses. Als durch die Akte von 1778 den Katholiken größere Freiheiten zugestanden wurden, trat er an die Spitze einer protestantischen Assoziation und rief durch seine Agitation im Juni 1780 nicht unerhebliche Unruhen in London hervor. Infolgedessen wurde Gordon des Hochverrats angeklagt, jedoch 1781 freigesprochen, weil es nicht bewiesen werden konnte, daß er das Volk zu Exzessen aufgemuntert habe. 1786 nahm er sich Cagliostros an und veröffentlichte Schmähartikel gegen Marie Antoinette von Frankreich. Um diese Zeit soll er zum Judentum übergetreten sein. Wegen seiner Angriffe gegen die Königin von Frankreich und die britischen Justizbehörden angeklagt, floh Gordon nach Amsterdam, wurde aber nach England zurückgeschickt und 1788 zu fünfjährigem Gefängnis in Newgate verurteilt, wo er starb. Sein Leben beschrieb Rob. Watson (1795)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

18 jetzige Herzog von Norfolk

"Norfolk, Charles Howard, elfter Herzog von, geb. 15. März 1746, sagte sich von der katholischen Kirche los und erhielt damit das Recht, seit 1780 als Abgeordneter von Carlisle im Unterhaus zu sitzen, wo er als Gegner der Minister North und Pitt auftrat. Dieselbe Opposition setzte er nach dem Tode seines Vaters 1786 als Herzog im Oberhaus fort. In vielen Beziehungen ein Sonderling, starb er 16. Dez. 1815 kinderlos. Die hinterlassenen Güter und Würden fielen einem Seitenverwandten zu, Bernard Edward Howard, geb. 21. Nov. 1765, der als erster katholischer Peer nach der Emanzipationsbill einen Sitz im Oberhaus erhielt. Er starb 19. März 1842."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

19 Apostasie: Abfall

20 Prästigiator (lateinisch): Gaukler, Taschenspieler, Betrüger

21 puritanisch

"Puritaner (neulat.), eine auf den Einfluss Genfs zurückzuführende Partei der Protestanten in England, die im Gegensatz zur Hochkirche die Kirche in ihrer evangelischen Reinheit (puritas, daher Puritaner) wiederherstellen wollte, völlige Unabhängigkeit der Kirche vom Staat, Einführung der reformierten Kirchenverfassung, strenge Kirchenzucht verlangte und in diesem ihrem Bestreben mit den zahlreichen katholischen Elementen in Lehre und Verfassung der englischen Staatskirche in Widerstreit geriet. Der englische Puritanismus trat bald in Verbindung mit dem schottischen Presbyterianismus und erfocht in der englischen Revolution (s. Anglikanische Kirche) gegen das ihm mit immer härtern Zwangsmitteln zusetzende Königtum einen vollständigen Sieg, dessen Früchte aber sofort der konsequentesten Partei der Puritaner, den sogen. Independenten (s. d.), zufielen. Spätere Phasen des Puritanismus bilden verschiedene Sekten, besonders die Gesellschaft der Freunde, die sogen. Quäker (s. d.). S. Presbyterianer."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

22 (römische) Kurie: Gesamtheit der Leitungs- und Verwaltungsorgane der römisch-katholische Kirche beim Heiligen Stuhl (Papst)

"Bei der Ausübung der höchsten, vollen und unmittelbaren Gewalt über die Gesamtkirche bedient sich der Papst der Behörden der römischen Kurie. Diese versehen folglich ihr Amt in seinem Namen und mit seiner Vollmacht zum Wohle der Kirchen und als Dienst, den sie den geweihten Hirten leisten.

CHRISTUS DOMINUS, 9"

[Quelle: http://www.vatican.va/roman_curia/index_ge.htm. -- Zugriff am 2005-01-26]

23 jetzt (1789): in der Französischen Revolution

24 Limbus: Vorhölle

"Limbus (lat., »Saum, Gürtel, Umgrenzung«), nach römisch-katholischem Lehrbegriff einer der Aufenthaltsorte abgeschiedener Seelen in der Unterwelt (Vorhölle). Er zerfällt in zwei Teile: den Limbus patrum, auch Abrahams Schoß genannt, in dem sich bis zur Höllenfahrt (s. d.) die heiligen Menschen des Alten Bundes befanden, und den Limbus infantum, den Ort der ungetauften Kinder."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

25 Sachsen

"Sachsen in Verbindung mit Polen.

Im Kurfürstentum folgte auf Johann Georg III. zunächst sein älterer Sohn, Johann Georg IV. (1691-94, s. Johann 34), dann der jüngere, Friedrich August I. (1694-1733, s. August 7), der an Prachtliebe seinem Großvater glich. Er verkaufte 1697 die sächsischen Ansprüche an das 1689 erledigte Sachsen-Lauenburg für 1,100,000 Gulden an Braunschweig, trat, um in Polen zum König gewählt zu werden, Pfingstmontag 1697 zur katholischen Kirche über; aber erst durch den halb erzwungenen Übertritt des Kurprinzen zum Katholizismus (27. Nov. 1712) wurde die Albertinische Linie dauernd der römischen Kirche gewonnen. In Dresden wurde katholischer Gottesdienst eingeführt und ein katholischer Ausländer, Fürst von Fürstenberg, zum Statthalter ernannt. Die Macht der Stände schränkte der Kurfürst erheblich ein, namentlich durch eine großzügige Neuorganisation des Finanzwesens (vgl. Wuttke, Die Einführung der Landakzise und der Generalkonsumtionsakzise in Kursachsen, Heidelberger Dissertation, 1890), die ihn von der ständischen Steuerbewilligung unabhängig machte, und Einführung einer fürstlichen Zentralregierung, des Geheimen Kabinetts; nur den Bestand der evangelischen Kirche in S. sicherten die Stände durch Einsetzung des Geheimen Kirchenrats, der das Direktorium in allen Kirchensachen erhielt.

Friedrich Augusts Erhebung zum König von Polen (als August II.) war für Sachsen von nachteiligen Folgen. Das Kurhaus Wettin hörte für immer auf protestantisch zu sein und trat damit in einen neuen Gegensatz zu den brandenburgischen Hohenzollern, die nunmehr unbestritten an der Spitze der Evangelischen im Reiche standen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

26 Friedrich II: von Hessen

"Friedrich II., Landgraf von Hessen, geb. 14. Aug. 1720 in Kassel, gest. 31. Okt. 1785, Sohn des Landgrafen Wilhelm VIII., in Genf erzogen, kämpfte als hessischer General im Österreichischen Erbfolgekrieg gegen die Franzosen, 1745-46 in Schottland gegen den Stuartschen Prätendenten, trat 1749 in Paderborn heimlich zum Katholizismus über, musste aber 1754 die Assekurationsakte anerkennen, die Hessen das reformierte Bekenntnis sicherte, trat 1756 in preußische Dienste und folgte 1760 seinem Vater in der Regierung. Obwohl berüchtigt durch seinen Menschenhandel, indem er 1776 im nordamerikanischen Kriege ein Korps von 12,000 Mann in britischen Sold gab, war er ein tüchtiger Fürst, regierte sparsam, sammelte einen ansehnlichen Schatz, liebte Künste und Wissenschaften, gründete das Museum Fridericianum, stiftete die Akademie der Künste und tat viel für die Verschönerung Kassels."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

27 Independenz: Unabhängigkeit

28 hierarchischer Despotismus = geistlicher (religiöser) Despotismus (siehe Anm. 12a)

29  Metonymie (griech., »Namenvertauschung«): rhetorische Figur, die für einen Gegenstand einen andern setzt, nicht auf Grund der zwischen beiden Gegenständen obwaltenden Ähnlichkeit (darin besteht das Wesen der Metapher), sondern auf Grund der nahen und leicht sich aufdrängenden sachlichen Beziehungen, in denen beide zueinander stehen.

30  suppeditieren (lat., »unter den Fuß geben«): jemand etwas zuschieben, darreichen, jemand mit etwas unterstützen

31 Raisonnement (französisch): Gedankengang, Schlussfolgerung

32  retorquieren (lat., »zurückdrehen«), erwidern

33 Synkretismus (griech.): ursprünglich nach Plutarch im günstigen Sinne das vor allem von den Kretern geübte Zusammenstehen Streitender gegen einen gemeinsamen Feind; dann mit ungünstiger Nebenbedeutung die ausgleichende Vereinigung gegensätzlicher Parteien, Sekten, Systeme etc. durch Verschmelzung der Ideen, durch Abschwächung der trennenden Gedanken sowie durch Ausstellung von Lehrsätzen, die jeder nach seiner Meinung deuten kann

34 Desorganisateur (französisch): Zersetzer

35 Rosenfelder

" Rosenfelder, Name einer schwärmerischen religiösen, seit 1769 in Preußen verbreiteten Sekte, die Johann Paul Philipp Rosenfeld (geb. 1733 in der Nähe von Eisenach) gegründet hatte."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

36 ens rationis (lateinisch): Gedankenwesen

37 "Niemand hat Geist außer uns und unsern Freunden" Zitat aus Moliere: Les femmes savantes

38 brutum fulem (lateinisch): gefühlloser Blitz

39 tridentinisch: wie es im gegenreformatorischen Konzil von Trient (1545 - 1563) festgelegt wurde

40 Bellarmin

"Bellarmin, Robert, gelehrter Jesuit, Hauptverfechter des römischen Katholizismus, geb. 4. Okt. 1542 in Montepulciano im Gebiet von Siena, gest. 17. Sept. 1621 in Rom, trat 1560 in den Jesuitenorden, studierte Theologie zu Padua und Löwen, wo er gegen Bajus (s. d.) auftrat. Seit 1576 hielt er im Collegium Romanum zu Rom seine berühmten Vorlesungen über die Kontroversen. Seit 1590 zu den wichtigsten kirchenpolitischen Sendungen verwendet, gelangte er zu den höchsten kirchlichen Würden und ward 1599 Kardinal. Durch seine eifrige Verfechtung des Molinismus (s. Molina) zog er sich die päpstliche Ungnade zu und ward 1602 als Erzbischof nach Capua versetzt. Nach Leos XI. Tode wäre er 1605 fast selbst wider seinen bestimmt ausgesprochenen Willen statt Pauls V. zum Papst erhoben worden. Sein Hauptwerk: »Disputationes de controversiis christianae fidei adversus hujus temporis haereticos« (Ingolst. 1586-92, 3 Bde., u. ö.) war lange Zeit die vornehmste Verteidigungsschrift des römischen Katholizismus. Selbst ein edler und reiner Charakter, forderte Bellarmin ernstlich die Abstellung vieler Mißstände in der päpstlichen Verwaltung. Weitverbreitet und in allen neuern Sprachen übersetzt ist sein Katechismus »Christianae doctrinae explicatio«. Seine Selbstbiographie (Rom 1675, Ferrara 1762) wurde lateinisch und deutsch mit geschichtlichen Erläuterungen von Döllinger und Reusch (Bonn 1887) herausgegeben. Die besten Gesamtausgaben seiner Werke erschienen in Köln 1617-20 (7 Bde.) und in Paris 1870-74 (12 Bde.). Sein Leben beschrieben der Jesuit Fuligatti (Rom 1624) und Couderc (Par. 1893, 2 Bde.)"

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

41 Busembaum

" Busembaum, Hermann, bekannter jesuitischer Moraltheolog, geb. 1600 in Notteln (Westfalen), lehrte seit 1640 in Köln Moral und wurde später Rektor des Jesuitenkollegiums in Münster, wo er 31. Jan. 1668 starb. In der Schrift »Medulla theologiae moralis« (wahrscheinlich 1650; zuletzt Rom 1844, Neudrucke Tournay 1848 und 1876, 2 Bde.) behandelte er die Grundsätze der jesuitischen Moral in bequemer Übersicht. Als Damiens' Mordversuch auf Ludwig XV. den Jesuiten zur Last gelegt und die Anklage, dass der Orden Mord und Aufruhr im Dienst seiner Zwecke gutheiße, aus Busembaums Lehrbuch bewiesen wurde, ließ das Parlament zu Toulouse dasselbe öffentlich verbrennen, und die Superioren der Gesellschaft verleugneten es. Der italienische Jesuit Zaccaria übernahm seine Verteidigung. Den von A. Ballerini begonnenen Kommentar vollendete Palmieri (2. Aufl., Prati 1893-94, 4 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

42 Probabilismus

"Probabilismus (neulat., Wahrscheinlichkeitslehre) heißt im philosophischen Sprachgebrauch die Lehre, wonach keinerlei Erkenntnis auf vollkommener Gewissheit, sondern höchstens auf einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit beruht. In der katholischen Moraltheologie versteht man unter Probabilismus die Lehre, wonach man im Zweifel über die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit einer Handlung der minder sichern, aber durch probable Gründe zu stützenden Meinung auch dann folgen darf, wenn sie weniger probabel ist. Dieser durch die Jesuiten vertretenen, durch laxe Anwendung (Laxismus) in Verruf geratenen und durch Pascal (s. d.) öffentlich bloßgestellten Lehre setzten vornehmlich die Dominikaner den Probabiliorismus (Tutiorismus) entgegen, wonach man der minder sichern Meinung nur folgen darf, wenn sie probabler ist als die entgegengesetzte. Alfons v. Liguori (s. d.), der anfänglich dem Probabilismus huldigte, und nach ihm die Redemptoristen lehren den Äquiprobabilismus, wonach die minder sichere Meinung gleich probabel wie die entgegengesetzte sein muss. "

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

43 d.h. Wilna

44 vermutlich Johann Andreas Dieze (1729 - 1785), Prof. der gelehrten Geschichte und Bibliothekar in Göttingen

45 Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781): Nathan der Weise (1779), 3. Aufzug


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