Einführung in

Entwicklungsländerstudien

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15. Grundgegebenheiten: Frau und Mann

Schwerpunkt Afrika


von Sibylle Luptovits und Friederike Gerland

herausgegeben von Margarete Payer

mailto: payer@hdm-stuttgart.de


Zitierweise / cite as:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil I: Grundgegebenheiten. -- Kapitel 15: Frau und Mann : Schwerpunkt Afrika / von Sibylle Luptovits und Friederike Gerland. -- Fassung vom  2001-02-21. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw15.htm. -- [Stichwort].

Erstmals publiziert: 2000-05-22

Überarbeitungen: 2001-02-21 [Update] 

Anlass: Lehrveranstaltung "Einführung in Entwicklungsländerstudien", HBI Stuttgart, 1998/99

Unterrichtsmaterialien (gemäß § 46 (1) UrhG)

©opyright: Dieser Text steht der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Verwertung in Publikationen, die über übliche Zitate hinausgeht, bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Herausgeberin.

Dieser Text ist Bestandteil der Abteilung Entwicklungsländer von Tüpfli's Global Village Library.


Skript, das von den Teilnehmern am Wahlpflichtfach "Entwicklungsländerstudien" an der HBI Stuttgart erarbeitet wird.


0. Übersicht



Kontraste


Abb.: Papua-Mann mit Penisfuteral, Irian Jaya, Indonesien (Foto: Karl Joseph)


Abb.: Muslim-Frau, Pakistan, 1988 (©Corbis)


1. Statt einer Einleitung: Mann und Frau bei den Dowayo in Kamerun


Abb.: Ungefähre Lage des Wohngebietes der Dowayo (©Mindscape)

"Das Leben von Männern und Frauen verläuft weitgehend in getrennten Bahnen. Ein Mann kann eine große Zahl von Frauen haben, aber seine Zeit verbringt er mit seinen Freunden, und sie verbringt ihre Zeit mit den anderen Ehefrauen und den Nachbarinnen. Das Verhaltensmuster ähnelt im großen und ganzen dem Schema, das wir auch aus ländlichen Gegenden bei uns kennen. Die Frau kocht für den Mann und die Kinder, aber er isst getrennt von ihr, unter Umständen in Gesellschaft eines älteren Sohns. Sie bestellen jeder ihr eigenes Stück Land. Sie baut ihre Nahrung an, er seine, auch wenn er ihr vielleicht bei den schwierigeren Teilen des landwirtschaftlichen Arbeitszyklus hilft. In einem Turnus, der im Voraus mit den anderen Ehefrauen ausgehandelt wird, treffen sie sich in seiner Hütte, um sexuell miteinander zu verkehren. Von Intimität oder Liebe im westlichen Sinn ist wenig zu spüren. Die Dowayos erzählten mir staunend von einem amerikanischen Missionar, dessen Frau ihm aus dem Haus entgegenlief, um ihn zu begrüßen, wenn er von einer Reise zurückkehrte. Sie amüsierten sich königlich über den verwunderlichen Umstand, dass man sich wegen Mitfahrgelegenheiten nicht an den Missionar, sondern an seine Frau wenden musste und dass er sie offenbar nie verprügelte.

Abb.: Dowayo-Mann wäscht seinen Sohn [Foto: Gardi, René: Kirdi. -- Zürich : Büchergilde Gutenberg, 1957. -- Abb. 123]

Daraus darf man nun nicht etwa den Schluss ziehen, dass die Frauen bei den Dowayos arme, unterdrückte, schüchterne Gänseblümchen sind. Sie stecken nicht nur ein, sie teilen auch aus und sind durchaus willensstark genug, sich zu behaupten. Ihre stärkste Waffe besteht darin, den Mann einfach sitzenzulassen und ins elterliche Dorf zurückzukehren. Der Mann weiß, dass es in diesem Fall sehr schwer ist, die Rinder wieder zurückzubekommen, die er als Brautpreis bezahlt hat. Es kann ihm ohne weiteres passieren, dass er am Ende ohne Frau und ohne Vieh dasteht. Aus diesem Grund wird er versuchen, die endgültige Auslieferung der Rinder so lange wie möglich hinauszuzögern. Es kommt nicht selten vor, dass die Frauen ihre Männer verlassen, und deshalb ist das System der Rindertransfers bei den Dowayos mindestens so anfällig für Verzögerungen wie der Geldverkehr der tüchtigsten kamerunischen Bank. Die Häufigkeit ehelicher Zerwürfnisse und das Versäumnis vieler Ehemänner, die Brautpreiszahlungen zu Ende zu führen, können den Ethnographen zur Raserei bringen, wenn er feststellen muss, dass ein und dieselbe Frau zwei oder dreimal in seinen Berechnungen auftaucht. So kann es passieren, dass eine Frau ihren Mann wegen eines anderen verlassen hat und dass jeder der beiden Männer dem Ethnologen seelenruhig erklärt, er sei mit ihr verheiratet. Der erste Ehemann teilt ganz bereitwillig mit, wieviel er für die Frau bezahlt hat, vergisst aber zu erwähnen, dass die Rinder, in denen der Brautpreis bestand, nie ausgeliefert wurden. Der zweite Ehemann deutet die Höhe des Brautpreises an, versäumt aber mitzuteilen, dass er ihn nicht den Eltern, sondern dem geschädigten ersten Ehemann gezahlt hat. Unterdes kann der erste Ehemann die Rinder durchaus dazu verwendet haben, andere -- längst überfällige -- Brautpreisschulden zu bezahlen. Die Eltern der Frau auf Abwegen gehen nun zu dem zweiten Mann, versuchen ihn zur Bezahlung der Rinder zu bewegen, die der erste nie herausgerückt hat, und drohen, ihm die Frau wegzunehmen. Er pariert mit dem Hinweis auf eine unbezahlte Schuld, die drei Generationen zurückliegt und bei der für eine Frau aus seiner Verwandtschaft der Brautpreis nicht erbracht wurde. Ein hoffnungslos verworrener Rechtsstreit entspinnt sich.

Abb.: Dowayo-Frau beim Wassertragen [Foto: Gardi, René: Kirdi. -- Zürich : Büchergilde Gutenberg, 1957. -- Abb. 111]

Die Wahl einer bestimmten Frau begründen die Dowayos nie mit deren Schönheit, sondern vielmehr damit, dass sie ihr Eigenschaften wie Folgsamkeit oder Gutartigkeit zuschreiben. Eine Frau darf nie einen beschnittenen Penis zu Gesicht bekommen, sonst wird sie krank. Ein Mann soll nie eine Vagina anschauen, weil er sonst allen Sexualtrieb verliert. Der Geschlechtsakt ist deshalb eine ziemlich verstohlene Aktion, die in völliger Finsternis stattfindet und bei der keiner der Beteiligten nackt ist. Die Frau legt den Blätterschurz nicht ab, der vorn und hinten ihre Blöße bedeckt. Die Männer trugen früher ein Lendentuch, das sie aufmachen mussten, um den aus einem Flaschenkürbis gearbeiteten Penisbeutel entfernen zu können, der nach der Beschneidung getragen werden musste. Heute trägt man Shorts, und nur alte Männer oder solche, die rituelle Handlungen vollziehen, tragen noch Penisbeutel. Die Frauen imitieren zum Scherz mit den Backen das Sektkorkengeräusch, das der Penis macht, wenn er aus dem Beutel herausgezogen wird; dieses Geräusch dient auch als verschämte Anspielung auf den Geschlechtsakt selbst. Die Frauen erwarten sogar noch in der Ehe stets eine Belohnung für geleistete sexuelle Dienste, was Missionsprediger zu unschmeichelhaften Vergleichen dieser Vorstellung vom ehelichen Zusammenleben mit der Prostitution bewogen hat. Das Bedürfnis, die jeweiligen Leistungen gegeneinander aufzurechnen, ist selbst im Verhältnis zwischen Ehepartnern stark ausgeprägt."

[Barley, Nigel: Traumatische Tropen : Notizen aus meiner Lehmhütte. -- Münchenn : dtv, 1997. -- (dtv ; 12399). -- ISBN 3423123990. -- Originaltitel: The innocent anthropologist (1986). -- S. 98 - 100. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


2. Gender und Sex


In der englischsprachigen Literatur unterscheidet man zwischen zwei Arten von "Geschlecht"::

"Der Begriff gender  eröffnet auch neue theoretische Möglichkeiten. Denn damit können in einer Gesellschaft mehr als bloß zwei Geschlechter erkannt, beschrieben und analysiert werden. Beispielsweise Schamanen, die in der traditionellen Literatur oft als homosexuelle Männer beschrieben, oder indische Tempeltänzerinnen, die als Prostituierte bezeichnet wurden. Das heißt, sie wurden von Ethnologen auf dem Hintergrund ihres eigenen kulturellen Verständnisses, was "Männer" und "Frauen" sind, definiert. Ihre (wertbeladene) Einteilung orientierte sich am biologischen Geschlecht (= Mann respektive Frau) und am sexuellen Verhalten dieser Menschen. Der gender-Ansatz erst ermöglicht danach zu fragen, ob Schamanen oder Tempeltänzerinnen in ihrer eigenen Kultur etwa als eine weitere eigenständige Kategorie von Menschen gelten. Einen Schamanen als homosexuellen Mann, eine Tempeltänzerin als Prostituierte zu bezeichnen, heißt, sie zugleich als gesellschaftlich unerwünschte, vom ,normalen" Leben (heterosexuell, partner-fixierte Sexualität) abweichende Menschen abzuwerten. Die Erkenntnis, dass eine Gesellschaft mehr als zwei gender für die Einteilung ihrer Mitglieder besitzen könnte, wurde erst mit diesem Forschungsansatz möglich, ob und wie Menschen eines bestimmten Geschlechts, aufgrund ihres sexuellen Verhaltens (homo- oder heterosexuell oder sexuell abstinent lebend) und aufgrund der kulturellen Rollen und Funktionen, die sie ausüben, als besondere Kategorie von Menschen eigenen Rechts erfasst und verstanden werden können. Die Arbeit von Sigrid Westphal-Hellbusch [im genannten Sammelband] wurde lange vor dem gender-Ansatz geschrieben und hat ihn bis zu einem gewissen Grad vorweggenommen, auch wenn sie ihn theoretisch nicht entwickelt hat. Sie zeigt deutlich auf, wie bei Bevölkerungsgruppen im Süd-Irak kulturell anerkannte Lebens- und Identitätsformen für Frauen und Männer existieren, die mit der üblichen Mann/Frau-Dichotomie nicht erklärt werden könnten."

[Brigitta Hauser-Schäublin <1944 - > in: Ethnologische Frauenforschung : Ansätze, Methoden, Resultate / Brigitta Huser-Schäublin (Hg.). -- Berlin : Reimer, ©1991. -- (Etnologische Paperbacks). -- ISBN 3496004924.  S. 12f. -- -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


3. Geschlechtsverkehr


"Für das Geschlechterverhältnis existieren in Afrika im Wesentlichen zwei Modelle.

[Barley, Nigel: Traumatische Tropen : Notizen aus meiner Lehmhütte. -- Münchenn : dtv, 1997. -- (dtv ; 12399). -- ISBN 3423123990. -- Originaltitel: The innocent anthropologist (1986). -- S. 213. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Abb.: Dowayo-Mädchen [Foto: Gardi, René: Kirdi. -- Zürich : Büchergilde Gutenberg, 1957. -- Abb. 33]

"Die Dowayos sind von einem relativ frühen Lebensalter an sexuell aktiv. Da sie ihr genaues Alter nicht kennen, ist man hier auf Schätzungen angewiesen, aber wie es scheint, beginnen die Erfahrungen auf sexuellem Gebiet etwa mit acht Jahren. Die sexuelle Betätigung wird nicht unterbunden. Ein Junge darf mit einer Auserwählten in ihrer Hütte die Nacht zusammen verbringen, wobei allerdings von der Mutter erwartet wird, dass sie ein Auge auf die beiden hat. Wahllose Promiskuität ist verpönt. In der Pubertät geht es mit den sexuellen Beziehungen bergab. Eine voreheliche Schwangerschaft gilt nicht als anstößig und wird im Gegenteil als willkommener Beweis für die Fruchtbarkeit des Mädchens angesehen, aber ein Kontakt mit dem Menstruationsblut kann bei einem Mann zur Debilität führen. Eine weitere Komplikation stellt die Beschneidung [s. Kapitel 16] dar."

[Barley, Nigel: Traumatische Tropen : Notizen aus meiner Lehmhütte. -- Münchenn : dtv, 1997. -- (dtv ; 12399). -- ISBN 3423123990. -- Originaltitel: The innocent anthropologist (1986). -- S. 95f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

"Ich saß bei ihm [einem Häuptling der Dowayo in Kamerun], und wir unterhielten uns lange über scharfsinnige Einzelheiten zum Thema Ehebruch. »Nehmen Sie zum Beispiel Mariyo« [Eine der Frauen des Häuptlings], sagte er. »Die Leute haben mir immer weiszumachen versucht, sie schliefe mit meinem jüngeren Bruder, aber Sie haben ja gesehen, wie sie außer sich geriet, als er krank war. Da zeigte sich doch, dass zwischen ihnen nichts war.« Für die Dowayos waren Sexualität und Zuneigung etwas so Verschiedenes, dass eins das andere ausschloss. Ich nickte weise, um meine Zustimmung zu bekunden; auf den Versuch, ihm klarzumachen, dass man die Sache auch anders betrachten konnte, verzichtete ich wohlweislich."

[Barley, Nigel: Traumatische Tropen : Notizen aus meiner Lehmhütte. -- Münchenn : dtv, 1997. -- (dtv ; 12399). -- ISBN 3423123990. -- Originaltitel: The innocent anthropologist (1986). -- S. 176. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


4. Heirat und Ehe


"Thus, marriage was not primarily arranged in response to the needs, desires, or appetites of individuals, but for the good of the family and for its perpetuation. People expected a daughter-in-law to serve her in-laws, to care for them in their old age and feed their ghosts after they were dead, and to continue their line by bearing sons. Under these circumstances, it was useful to arrange marriage in such a way that bride and groom did not know each other. The longer it took for affection and intimacy to develop between them the better, since the flourishing of such emotions would be a threat to the parent-child bond, and to the larger family itself."

[Pasternak, Burton ; Ember, Carol R. ; Ember, Melvin: Sex, gender and kinship : a crooss-cultural perspective. -- Upper Saddle River, NJ : Prentice Hall, ©1997. -- ISBN 0132065339. --  S. 143. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen]

"Frage:  Sie sagen sich also nie, dass Sie (und Ihr Ehemann) sich lieben?

Buaphet Khuenkaew: Nur wenn ich sehr wütend bin. Dann sage ich: »Wenn ich dich nicht lieben würde, wäre ich schon längst weg.«"

[Buaphet Khunkaew, 35jährig, Nordthailand, Schneiderin, Mutter von 2 Kindern, Buddhistin. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. --  ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 235. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Mit einer Heirat gehen mindestens 2 Personen eine Beziehung ein. In dieser Beziehung hat jeder seine Rechte und Pflichten. In vielen Gesellschaften der Entwicklungsländer ist die Ehe eine Art Vertrag. Der Vertrag wird durch ein Ritual besiegelt, der Heirat. Durch diesen Vertrag werden die Nachkommen aus dieser Ehe als Nachkommen der Lineage des Vaters (patrilinear) oder der der Mutter (matrilinear) oder beider legitimiert. Der Vertrag endet entweder mit dem Tod oder der Scheidung. Manchmal gibt es auch den Brauch, wenn der Ehemann oder die Ehefrau sterben, sie den Bruder des Mannes (Levirat) oder die Schwester der Frau heiraten (Sororat). Diese Art der Heirat nennt man "sekundäre Heirat". 

Innerhalb der Lineages wird sehr selten geheiratet. Die Frauen werden oft unter verschiedenen Lineages ausgetauscht. So müssen sich die Nachkommen eines Ahnen mit den Nachkommen eines anderen Ahnen verbinden, damit die Lineage fortbesteht.  Das Beziehungsnetz der angeheirateten Verwandtschaft ist die Ergänzung zur Blutsverwandtschaft. Durch eine Eheschließung wird zwischen zwei Lineages meist ein Bündnis geschlossen. Hierdurch sind die kollektiven Aspekte einer Ehe von Bedeutung, die durchaus nicht im Widerspruch zu den individuellen Aspekten stehen müssen.

Die Ehen wurden oft unter politischen oder ökonomischen Aspekten geschlossen. Auch in Europa war es in den letzten Jahrhunderten gang und gebe, dass Adel unter sich heiratete oder Geld zu Geld kam. Oder es wurden Ehen geschlossen, um sich mit ursprünglichen Feinden gut zu stellen. Bei den Lineages ist das nicht anders. Man versucht eine gute Partie zu machen, einen Frieden mit einer Ehe zu untermauern, näher an eine mächtige Lineage heranzukommen, um mehr Macht ausüben zu können, etc. Die Ehe verbindet zwei Lineages, sie ist ein Mittel zum Gütertausch und zum Aufbau guter Beziehungen. Es gab aber auch Mittel und Wege eine nicht gewollte Ehe nicht zustande kommen zu lassen. Aber da die Auswahl begrenzt war, stimmte der Wunsch der Lineage und der der Braut oder des Bräutigams häufig überein.

Im modernen Afrika sind diese Aspekte unter denen eine Ehe geschlossen wird nicht mehr ganz so stark vertreten, spielen aber dennoch eine Rolle.

In der Ehe selber wurden die Frauen als wertvoller angesehen als die Männer. Sie waren die einzigen, die Kinder bekommen konnten und so für das Fortbestehen der Lineage sorgten. Gerade weil die Kindersterblichkeit sehr hoch war und immer noch ist, oder die Lineage nach einem Krieg oder einer Krankheit sehr geschwächt war, waren fruchtbare Frauen, die viele Kinder bekamen wertvoll.

Als Entschädigung für den Verlust der Frau/des Mannes und ihrer/seiner Nachkommen innerhalb der Lineage gibt es mehrere Praktiken:

Im modernen Afrika, d.h. vorwiegend in den Städten, ist die Brautgabe in veränderter Form anzutreffen. Wenn ein Mann heiraten will und er lebt in einer Stadt, seine Lineage in einem Dorf, die des Mädchens ebenfalls, wird ein Verwandter des Mädchens geschickt, um die Brautgabe einzutreiben. Die Brautgabe besteht nicht mehr aus materiellen Gütern, sondern aus Geld. Sie hat die Bedeutung als ökonomischer Ausgleich verloren, der Verwandte der Frau behält oft das Geld für sich. Die Brautgabe hat ihre Bedeutung als Versprechen in dem Sinne, das irgendwann einmal ein Mann aus der Lineage der Frau eine Frau aus der Lineage des Mannes heiraten wird, verloren.

In großen Teilen Afrikas ist ein inflationäres Anwachsen des Brautpreises zu beobachten. Dafür nennt man zwei Gründe:

Wenn die Frau allerdings keine Kinder bekommen konnte, durfte der Mann die Frau zurückgeben und seinen Brautpreis zurückverlangen. Die Lineage der Frau hat ihre Arbeitskraft wieder und Kinder, die als Nachkommen der Lineage des Vaters legitimiert werden sollten, gab es nicht, somit ist der Brautpreis hinfällig geworden.

Abb.: Terminologie Kreuzbasen, Kreuzvettern, Parallelbasen, Parallelvettern

 

 


4.1. Formen der Eheschließung


In Sambia z.B. gibt es zwei Möglichkeiten der legitimen Eheschließung:

"Women tend to favor the ordinance form for egalitarian reasons. In general, they see the complicated and expensive divorce procedures, compulsory registration, and other new provisions -- including penalties for bigamy and provisions for alimony -- as sources of security within marriage. By contrast, men (who are generally more educated than women and so understand better the new form of marriage) tend to oppose ordinance marriage essentially for the same reasons that women favor it. In particular, men are not in favor of alimony. Some men also argue that this form of marriage encourages women to be arrogant to their husbands because it gives a wife the right to sue her husband for divorce on the grounds of adultery. "

[Monica Munachonga in: A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- ISBN 0804722137.  -- S. 179. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

"Frage: Sie haben lange mit Mr. Delfoart zusammengelebt, bevor sie ihn geheiratet haben.
Madame Delfoart:
Ja. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal heiraten würde.
Warum?
Madame Delfoart:
Ob man heiratet, bestimmt der Mann. Wenn ein Mann um die Hand einer Frau anhält, kann sie ja sagen. Ich wollte gerne verheiratet sein, aber solange Dentes mir keinen Antrag machte, konnte ich nicht heiraten. Eine Frau bittet einen Mann nicht, sie zu heiraten."

[Madame Dentes Delfoart, 41jährig, Haiti, Mutter von 6 Kindern, Pfingstkirchlerin. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 102. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Abgesehen vom teilweise problematischen Begriff "Ehe", gibt es verschiedenste Formen wie Ehen "angebandelt" und schließlich geschlossen werden, z.B.

In manchen Gesellschaften gibt es Regeln, die besagen, wen man heiraten darf (elementare Systeme) und in anderen Gesellschaften gibt es Regeln, die besagen, wen man nicht heiraten darf, aber nicht besagen, wen man heiraten soll (komplexe Systeme). Diese Regeln beziehen sich dann meist auf Gruppen von Personen, die man heiraten oder nicht heiraten darf. 


4.2. Zum Beispiel: Tibeter


Abb.: Satellitenfoto Hochland von Tibet (©Mindscape)

Rinchen Dolma Taring (geboren 1910), eine adlige Tibeterin, schildert das Zusammenwirken von Polygynie und Polyandrie im traditionellen Tibet in ihrem faszinierenden Buch

Taring, Rinchen Dolma <1910 ->: Eine Tochter Tibets : Leben im Land der vertriebenen Götter. -- Hamburg [u.a.] : Schröder, ©1972. -- ISBN 3547790433. -- Originaltitel: Daughter of Tibet (1970). -- Taschenbuchausgabe: Bergisch-Gladbach : Lübbe, 1995. -- ISBN 3404613236. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Daraus einige Zitate:

"Bald darauf schrieb Tsawa Tritrul an meine Mutter und das Gesinde von Tsarong und machte den Vorschlag, sie sollten Seine Heiligkeit um seine Zustimmung dafür bitten, dass Chensal Namgang Rigzin Chodon zur Frau nahm und den Namen Tsarong verliehen bekam. Mein Bruder Kalsang Lhawang war Mönch, und wenn es in einer tibetischen Familie keinen verheirateten Sohn gab, konnte man den Bräutigam einer Tochter -- oder mehrerer Töchter bitten, den Familiennamen anzunehmen. War nämlich kein Laienmitglied in der Familie, das im Regierungsdienst stand, konnten Verwandte Anspruch auf das Gut erheben, oder die Regierung übereignete es womöglich einem Kloster oder einer anderen verdienstvollen Institution. Mutter akzeptierte Tsawa Tritruls Vorschlag, sie konnte sich dabei auf die Zustimmung des Gesindes im Tsarong-Haus und unserer Verwalter auf dem Tsarong-Gut stützen. Chensal Namgang wurde also in unsere Familie aufgenommen und erhielt die Namen Dasang Dadul Tsarong. Von jetzt an werde ich ihn Tsarong nennen. ...

Abb.: Tibeterin (©Corbis)

Die Tsarong-Diener und Verwalter waren jedoch nicht völlig zufriedengestellt, weil Rigzin mit den Tsarong nicht blutsverwandt war. Wenige Monate nach der Heirat baten sie meine Mutter, dafür zu sorgen, dass Tsarong eine zweite Frau nahm, dass er eine ihrer Töchter heirate. (In Tibet galt die Meinung des Gefolges viel. Wenn sie an wichtigen Familienangelegenheiten interessiert waren, hielten die Leibeigenen Versammlungen ab und stellten fest, was die Mehrheit von ihnen wünschte. Dann wählten sie einen Repräsentanten, der ihren Entschluss der Familie überbrachte. Auf jedem Gut gab es eine eigene kleine Schule, die meisten Männer konnten lesen und schreiben.) Rigzin Chodon war eine charmante, freundliche Frau und hatte nichts gegen diesen Vorschlag einzuwenden, nur ihre Mutter, die alte Dame von Delek Rabten, war sehr dagegen, weil sie fürchtete, die Position ihrer Tochter würde geschwächt. Dennoch wurde meine älteste Schwester Pema Dolkar die zweite Frau Tsarongs, und viele Jahre lang lebten sie und Rigzin Chodon glücklich zusammen im Tsarong-Haus.

Rigzin Chodon hatte keine Kinder, aber sie liebte Pema Dolkars Kinder sehr und sie nannten sie Ama Ayala, das bedeutet Stiefmutter. Sie gehörte zu den nettesten Menschen, die ich je gekannt habe, sie war ungewöhnlich freundlich und aufgeschlossen, sehr belesen in Religion, Geschichte und Politik und von bemerkenswert gutem Aussehen. Sie war ein Jahr jünger als Pema Dolkar und erwies ihr stets den nötigen Respekt, weil das Alter, selbst wenn es sich nur um ein Jahr handelte, in Tibet große Bedeutung hatte. Bei Zeremonien im Tsarong-Haus oder bei offiziellen Anlässen musste sie als rangältere Lhacham (Dame) den ersten Platz einnehmen, aber zu Hause war sie sehr nett zu Pema Dolkar, und sie kleideten sich wie Zwillinge, selbst die Farbe ihrer Sonnenschirme stimmte überein. Auch war sie meiner Mutter sehr ergeben und kümmerte sich viel um Changchup Dolma und mich, sie vergaß nie, dass wir die jüngeren Schwestern ihres ersten Mannes waren. Tsarong verlor in jungen Jahren häufig die Geduld; bei dieser Gelegenheit erteilte sie ihm häufig sehr wertvolle Ratschläge. Im Alter von etwa siebenunddreißig Jahren wurde Rigzin Chodon Nonne und kehrte nach Lhuling zurück, auf das entlegene Gut ihres Bruders, vierzehn Tagesritte von Lhasa entfernt.

Zur Zeit seiner ersten Heirat waren Tsarongs Mutter und Schwestern Leibeigene einer Familie namens Mache, und als er Rigzin Chodon heiratete, erhielt er sie von ihren Besitzern geschenkt schriftlich, um für die Zukunft jede Unklarheit über ihren Status auszuschließen, und so wurde die gesamte Familie adlig." (S. 38f.)

"Ich [Rinchen Dolma] hatte etwa ein Jahr für Tsarong als Sekretärin gearbeitet, als er mich bat, seine jüngste Frau zu werden. Ich wandte ein, er sei bereits mit meinen beiden Schwestern verheiratet und ich fände es nicht klug, ihn zu heiraten. Er habe außerdem bereits genug Frauen und sei zu alt für mich; auch schiene es mir, falls ich viele Kinder haben würde, nicht gut, wenn wir alle gemeinsam im Tsarong-Haus wohnten. Er entgegnete, Pema Dolkar sei häufig nicht da und Tseten Dolkar werde ihn in etwa acht Jahren verlassen, um wie vereinbart Ngawang Jignie zu heiraten. Auch wegen des Altersunterschiedes von fünfundzwanzig Jahren beruhigte er mich und versicherte mir, ich könne ein zweites Mal heiraten, sobald ich einen geeigneten jungen Mann kennenlernte.

Tsarong beharrte darauf, dass ich ihn heiraten und im Tsarong-Haus bleiben solle, um weiterhin die Korrespondenz zu erledigen; er war so eindrucksvoll und überzeugend und ich so jung, dass ich schließlich einwilligte. Aber ich heiratete ihn nur widerstrebend, und obgleich er mich gern hatte, war ich keineswegs glücklich. Unsere Heirat wurde an einem Neujahrstag bekanntgegeben, eine besondere Feier gab es allerdings nicht, weil Tsarong zum vierten Male heiratete und ich keinen besonderen Wert darauf legte. Die umfangreiche Arbeit im Büro war anstrengend, und Tsarong, den ich nun Swang Chenpo (Seine Exzellenz) nannte, war sehr streng; ich weinte oft, wenn etwas schief gegangen war. Etwa einmal in der Woche besuchte Tsarong Tseten Dolkar, und ich war dann sehr glücklich, denn das war ein Feiertag für mich. Jeden Morgen fragte ich den Koch, welches Gericht Seine Exzellenz für den Tag bestellt hatte, und wenn er erwiderte »Heute gibt es phingde (Nudeln und Reis)«, wusste ich, daß Tsarong ins Horkhang-Haus gehen würde. An diesen Tagen spielte ich sho mit Pema Dolkar, wenn sie daheim war, bereitete jedoch stets für den nächsten Tag in aller Unschuld einige Dokumente zur Unterschrift vor und wartete dann auf Tsarong, als wäre nichts geschehen." (S. 95f.)

"Tsarong konnte deshalb gleichzeitig mit drei Frauen verheiratet sein, weil sie getrennt wohnten und er sie gerecht behandelte. Die beiden älteren Frauen waren einander gleichgestellt, und für midi war er mehr Vater als Gatte, obgleich er mich bei wichtigen Angelegenheiten häufig nach meiner Meinung fragte, weil er wusste, dass ich stets eine eigene Meinung hatte.

Nach der Geburt Tsering Yangzoms erhielt ich einen in englischer Sprache abgefassten Glückwunschbrief vom Prinzen Taring -- von Jigme, dem ältesten Sohn des Taring Radscha von Sikkim. Dem Brief beigefügt waren ein Foto und ein zweiter Brief in Englisch an meine jüngste Schwester Changchup Dolma. (Damals beherrschte Jigme die tibetische Schrift noch nicht besonders gut). Er bat mich, meiner Schwester den Brief zu übersetzen, weil er sie -- falls sie einwilligte -- heiraten wollte. Als ich ihr den Brief vorlas, lachte sie nur und statt einer Antwort behielt sie den Brief und gab das Foto zurück; ich sagte ihr, ich hielte eine derartige Heirat für sehr angemessen, denn ich kannte Jigme sehr gut. Ich bedankte mich sofort bei Jigme für seine Glückwünsche und versprach zu schreiben, sobald ich eine Antwort von Changchup Dolma hätte. Ich schrieb ihm, ich sei froh über seinen Vorschlag und wolle meiner Schwester zuraten.

Danach zeigte ich Tsarong den Brief und Jigmes Foto, erzählte von Changchup Dolmas Brief und erklärte auch ihm, dass ich die Heirat für sehr angemessen hielt. Tsarong dachte nach und fragte dann, ob ich in Jigme verliebt gewesen sei, als wir in Indien gemeinsam die Schule besucht hatten. Ich erwiderte, wir hätten uns zwar während der Ferien in Kalimpong häufig gesehen, von Liebe sei jedoch niemals die Rede gewesen. Tsarong sagte, seiner Meinung nach sei es viel besser, wenn ich Jigme heirate, denn wir beide sprachen Englisch und konnten gemeinsam im Tsarong-Haus arbeiten. Er fügte hinzu, dass er des großen Altersunterschiedes wegen sehr glücklich sei, wenn ich um meines künftigen Wohlergehens willen einen netten jungen Mann heiratete.

Ich stimmte seinem Vorschlag zu und Tsarong schrieb an Jigmes Vater, den Taring Radscha, und machte den Vorschlag, Jigme solle mich heiraten, bei der Tsarong-Familie in Lhasa wohnen und solange im Geschäft helfen, bis Dadul Namgyal erwachsen sei.

Der Taring Radscha erwiderte, er könne unmöglich seinen ältesten Sohn in eine andere Familie geben, aber er wäre sehr glücklich, wenn Tsarong damit einverstanden sei, dass ich und Changchup Dolma zur Taring-Familie kämen. Ich solle Jigme heiraten und Changchup Dolma den jüngeren Bruder Chime Dorje. Dann sei es ihm gleich, so schrieb er, wo Jigme arbeite. Tsarong war hocherfreut und auch Pema Dolkar gefiel der Vorschlag so gut, dass sie mich baten, Jigme sogleich von der Doppelhochzeit zu berichten. Tsarong hielt es für wichtig, dass wir uns bald einmal trafen, und er lud den Taring Radscha ein, uns mit seinen beiden Söhnen zu besuchen, wenn er bei seiner jährlichen Pilgerfahrt zum Monlam-Fest nach Lhasa käme.

Als die Tarings im Frühling des Jahres 1929 in Lhasa eintrafen, schickte mir Jigme sogleich einen Brief, erklärte seine Zustimmung zu der Doppelhochzeit und schrieb, er wolle mich bald sehen. Sein Leibdiener brachte diesen Brief und einige englische Bücher ins Tsarong-Haus. Ich zeigte ihn Tsarong und der schlug vor, wir sollten ein Essen geben, bei dem die beiden Familien miteinander reden könnten. Außerdem sollte ich Jigme mitteilen, er könne jederzeit ins Tsarong-Haus kommen, um mich zu sehen. Jigme erwiderte darauf, er wage nicht, mich in diesem Stadium aufzusuchen, freue sich allerdings sehr auf unser Wiedersehen anlässlich des Essens.

Als es dann soweit war, freuten Jigme und ich uns sehr. Changchup Dolma und Chime Dorje lernten sich kennen und beide waren noch sehr scheu, obgleich sie sich offenbar mochten. Chime Dorje war noch größer und sah noch besser aus als sein Bruder. Als Pema Dolkar später Changchup Dolma fragte, ob sie als Chime Dorjes Braut auf dem Taring-Gut wohnen wolle, erwiderte Changchup Dolma, sie sei mit dieser Regelung durchaus einverstanden, schließlich würde ich ja in derselben Familie sein. Bevor der Taring Radscha heimkehrte, wurden die Heiratsverträge aufgesetzt. Von da an lebten Tsarong und ich getrennt, weil ich vor meiner Hochzeit mit Jigme kein Kind mehr haben wollte.

Zeuge des Vertrages war Kalon Dhokhar Ragashar, der damals Kadon im Kashag war. In dem versiegelten Vertrag stand: »Seine Exzellenz, der Tsarong Shap-pi, ist so überaus freundlich, seine jüngere Frau Rinchen Dolma mit dem ältesten Prinzen Taring, Jigme Sumtsen Wang-po zu verheiraten; die Prinzessin Changehup Dolma ehelicht den Prinzen Chime Dorje, den zweiten Sohn des Radscha Tsodrak Namgyal von Taring, Prinz des Gott-Königs von Sikkim. Durch die Heirat ihrer Kinder wird ein enges Bündnis zwischen den Häusern Taring und Tsarong geknüpft. Im Falle von Rinchen Dolma gilt, dass ihre Tochter Tsering Yangzom ebenso behandelt wird wie die Kinder der älteren Tsarong-Frauen, und ungeachtet dessen, ob sie im Haus verheiratet wird, indem sie einen Bräutigam mitbringt, oder ob sie in eine andere Familie gehen wird, trägt Tsarong die volle Verantwortung und nicht Taring.« Die Hochzeit wurde auf das darauffolgende Jahr, 1930, festgesetzt." (S. 102 -104)

"Gab es in einer Familie nur Mädchen, dann hatten sie bei der Auswahl des Bräutigams mehr Freiheit; man stellte ihnen junge Männer vor, und viele Familien wünschten, dass ihr Sohn in das Haus eines reichen, hübschen Mädchens zog. Man zwang ein Mädchen nur selten, gegen seinen Willen zu heiraten, und im großen und ganzen hatten Mädchen dieselben Rechte wie die jungen Männer aber es war wichtig, dass ein Mädchen einen guten Ruf besaß. Ein uneheliches Kind wirkte sich auf das Leben eines Mädchens im allgemeinen ungünstig aus und sie verlor dadurch meistens die Möglichkeit, in eine nette, wohlhabende Familie einzuheiraten. Die Schwangerschaft eines unverheirateten Mädchens wurde daher strengstens geheimgehalten. Gerieten Nonnen in andere Umstände badeten sie in heißen Schwefelquellen, um eine Abortion herbeizuführen; blieben die Maßnahmen erfolglos, wurden die Säuglinge gelegentlich ausgesetzt, damit sie umkamen. Das war jedoch sehr ungewöhnlich für ein buddhistisches Land, und wenn es doch einmal geschah, wurden die Babies im allgemeinen gefunden und adoptiert.

Obgleich die Polygamie praktiziert wurde, damit das Eigentum in einer Familie blieb -- oder weil die erste Frau unfruchtbar blieb, war die Polyandrie doch gebräuchlicher. Meistens hatten mehr Schwestern einen gemeinsamen Ehemann, oder zwei, drei Brüder teilten sich eine Ehefrau. In polyandrischen Ehen wurde das Mädchen offiziell mit dem ältesten Bruder verheiratet, obgleich im Verlobungsvertrag stand, dass sie die »Frau des Sohnes oder der Söhne des Soundso« werden sollte. Kinder aus einer solchen Verbindung betrachteten stets den ältesten Bruder als ihren Vater, selbst wenn durch seine Abwesenheit zur Zeit der Empfängnis sicher war, dass einer der jüngeren Brüder der leibliche Vater sein musste. Aber die meisten Tibeter sind monogam, und einige legen freiwillig religiöses Gelübde ab, für den Rest ihres Lebens keinen anderen Partner zu haben. Aber es ist nicht nötig, dass beide Ehepartner diesen Schwur ablegen. Als ich Jigme heiratete, gelobte ich Monogamie, und obgleich ich nicht weiß, ob Jigme diesen Schwur auch abgelegt hat, weiß ich doch, dass er mir stets ein treuer Ehemann gewesen ist.

In Tibet glaubt man im allgemeinen, dass eine Ehe nicht geschieden werden sollte. Wenn etwas schief geht, ist es eine wichtige Pflicht der Freunde des Paares, zu vermitteln und beiden Partnern bei der Lösung des Konfliktes zu helfen. War eine Scheidung unvermeidlich und hatte die Frau einen Sohn, dann war er der einzige legale Erbe -- selbst wenn der Vater wieder heiratete und weitere Söhne zeugte. Die meisten Scheidungen wurden auf privater Ebene durch Vermittlung von Freunden geregelt, um unangenehme und langwierige Prozesse zu vermeiden. Der Mann durfte all sein Eigentum behalten, wenn er im Regierungsdienst stand, war er jedoch der schuldige Teil -- wenn er seine Frau oder die Kinder schlecht behandelt hatte, zuviel spielte oder untreu gewesen war -, musste er das Haus verlassen, und seine Söhne erbten alles. Die Frau hatte das Recht, all ihren Schmuck zu behalten, und bekam einen Anteil am Getreide oder Geld der Familie, je nach sozialer Stellung. Wenn die Familie viele Güter besaß und viele Kinder da waren, erhielt die Frau gelegentlich ein Landgut, mit dem sie dann tun konnte, was sie wollte. Einige geschiedene Frauen heirateten wieder und gründeten neue adlige Familien. Im allgemeinen blieben alle Söhne beim Vater, die Töchter bei der Mutter; war der Mann in die Familie der Frau gekommen, nahm er gewöhnlich wieder mit, was er eingebracht hatte, und erhielt überdies einen gerechten Anteil am Besitz. Die Kinder blieben dann bei der Mutter. Alle Absprachen wurden schriftlich festgehalten, für den Fall zukünftiger Streitigkeiten oder einer etwaigen späteren Gerichtsverhandlung. In diesem Falle musste das Gerichtsurteil von jedermann anerkannt werden.

Nach einer Scheidung konnte ein Paar nach Belieben wieder heiraten.

Ein Mädchen oder ein Junge wurde im allgemeinen durch einen Freund oder Verwandten aufgefordert, in eine Familie zu kommen, indem der Vermittler an einem günstigen Tag mit einem zusammengefalteten Schal in das Haus kam. Die Eltern wurden bereits vorher von der bevorstehenden Einladung unterrichtet. War ihr Kind damit einverstanden, erteilten sie ihre Zustimmung, und das Nyenchang, die Verlobungsfeier, wurde angesetzt (nyen = gutes Verhältnis, chang = Bier). Diese Feier fand sofort oder zu einem etwas späteren Zeitpunkt statt, und die Eltern, die das Mädchen oder den jungen baten, in ihre Familie zu kommen, mußten ein Dokument vorbereiten, das mit Gebeten an eine Gottheit begann zum Beispiel an die Göttin der Gesundheit, die man bat, den Beginn des neuen Lebensabschnittes zu segnen. Die Namen beider Elternteile waren aufgeführt, und das junge Paar gab sich das Versprechen, einander treu zu sein, die Eltern zu lieben und zu achten, die jüngeren Geschwister und die Leibeigenen der Familie gut zu behandeln. Beide hatten dieselben Rechte. Das Mädchen versprach, den Mann zu achten, und der junge Mann versprach, seine Frau stets zu lieben und ihr niemals untreu zu werden. Beide Parteien stellten einen Zeugen für diesen Vertrag, der von den Eltern und den Repräsentanten beider Häuser unterzeichnet wurde." (S. 108 - 110)

Einen Eindruck von den genealogisch komplizierten Verhältnissen bei den Tsarongs gibt folgende (stark vereinfachte!) Übersicht:

verheiratet mit Einige der Kinder des Tsarong Wangchuk Gyalpo (1866 - 1912) und der Yangchen Dolma (1877 -1919) ebenfalls verheiratet mit
Dasang Dadul (Tsarong II) Samdup Tsering (Sohn) (1887 -1912), zweimal verheiratet, seine Witwe, Rigzin Choden, heiratete Tsarong II als dessen erste Frau  
Pema Dolkar (Tochter) (1892 - 1957  
Tseten Dolkar (Tochter) (1898 - 1940) Horkhang
Rinchen Dolma (Tochter) (1912 - ) Jigme Taring

5. Wohnfolge



6. Familienarten


Eine Übersicht über alle Gesellschaften der Welt ergibt für die Gesellschaften (nicht die individuelle Weltbevölkerung!) folgende prozentuale Verteilung von erlaubten Eheformen:


6.1. Monogamie


In Gesellschaften, in denen Monogamie praktiziert wird, tritt die Kernfamilie auf. Die Kernfamilie besteht aus den (meist) verheirateten Eltern und deren Kindern. Diese Kernfamilie tritt in den westlichen Industrieländern oder in sehr armen Gebieten sehr häufig auf. Die Kernfamilie ist unabhängig und flexibel, sie ist nicht an andere Familienmitglieder gebunden und kann für sich entscheiden. Sie ist auf sich allein gestellt und kann sich in Krisensituation selten auf die Hilfe anderer Familienmitglieder verlassen. Wenn man heiratet, zieht man meist an einen neuen Ort (natolokal).


6.2. Polygynie


Ein Mann ist mit mehreren Frauen verheiratet und hat mit diesen mehrere Kinder. Da mehrere Frauen mehr Felder bearbeiten konnten und mehr Nachkommen gebären, war dies in traditionellen Gesellschaften Afrikas oft die bevorzugte Form der Ehe. Sie war besser geeignet um zu ermöglichen, was ein Mann von der Ehe erwartet: Reichtum und zahlreiche Nachkommenschaft. Sie bestand im Allgemeinen aus zwei bis drei nebeneinander geordneten "Kleinfamilien". Jede Ehefrau lebte mit ihren Kindern in eigener Behausung und bestellte das Feld, das ihr vom Ehemann zugewiesen wurde. Zwischen der Anzahl der Frauen und dem Bodenbauertrag bestand ein direktes Verhältnis. Damit hatte der Ehemann die Möglichkeit, sich ökonomische Werte ohne Gegenleistungen zu erbringen, was ihm Macht verlieh.

Ein Motiv, warum Frauen Polygynie befürworten, zeigt folgende Aussage einer Yoruba-Frau:

"When we abstain from having sexual intercourse with our husband for the two years we nurse our babies, we know he will seek some other woman. We would rather have her under our control as a co-wife so he is not spending money outside the family."

[Zitiert in: Pasternak, Burton ; Ember, Carol R. ; Ember, Melvin: Sex, gender and kinship : a crooss-cultural perspective. -- Upper Saddle River, NJ : Prentice Hall, ©1997. : Ill. -- ISBN 0132065339. --  S. 89. -- Dort Quellenangabe. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

"Frage: Wie alt waren Sie, als Sie geheiratet haben?
Pama (erste Frau):
Dreiundzwanzig.
Wie haben Sie und (Ihr Ehemann) Soumana sich kennengelernt?
Pama (erste Frau):
Manchmal kennt der Mann die Frau überhaupt nicht. Aber da wir beide im gleichen Dorf lebten, kannten wir uns. Unsere Großeltern waren miteinander verwandt. Die Eltern des Mannes haben die Pflicht, ihm eine Frau zu suchen, deshalb haben sich Soumanas Eltern an meine Eltern gewandt.
Und dann hat Ihr Mann eine zweite Frau geheiratet -- Fatoumata?
Pama (erste Frau):
Ja, sie hilft mir. Wir helfen einander.
Sie waren also froh darüber, dass Ihr Mann noch eine zweite Frau genommen hat?
Pama (erste Frau):
Ja. Wir wurden im gleichem Monat getraut, meine Mitfrau und ich, weil es sehr lange dauerte (vier Jahre), bis meine Eltern auf die Anfrage von Soumanas Eltern antworteten. Er dachte, sie würden ablehnen, und deshalb hielt er nach einer neuen Frau Ausschau. Doch dann haben beide Familien gleichzeitig zugesagt.
Kannten Sie Fatoumata vorher?
Pama (erste Frau):
Sie kannte mich, und ich kannte sie.
Für uns ist diese Art Ehe schwer verständlich, weil wir unserer Tradition nach immer nur mit einem Menschen verheiratet sein dürfen. Wie ist Ihr Verhältnis untereinander?
Pama (erste Frau):
Wir helfen einander und Soumana.
Kommen Sie immer gut miteinander aus?
Pama (erste Frau):
Wenn Menschen zusammenleben, gibt es immer mal Streit.
Es wäre schlimm, wenn Sie nicht miteinander auskämen.
Pama (erste Frau):
Das wäre schwierig.
Glauben Sie, dass Soumana noch mehr Frauen nehmen wird?
Pama (erste Frau):
Ja, damit sie mir helfen können. Auch wenn Soumana mit vier Frauen verheiratet wäre, könnte ich mich erst recht glücklich schätzen, denn ich wäre immer die erste Frau. Das gibt mir einen höheren Status. Ich würde entscheiden, wer welche Arbeiten erledigt.
Wenn Soumana noch eine Frau nehmen wollte, würde er es Ihnen vorher sagen?
Pama (erste Frau):
Er würde es mir mitteilen.
Was wäre, wenn Sie sie nicht mögen?
Pama (erste Frau):
Es ist nicht meine Sache zu entscheiden, ob ich sie mag oder nicht. Soumana entscheidet.
Wie funktioniert so eine Familie aus zwei Frauen und einem Ehemann?
Pama (erste Frau):
Er verbringt eine Nacht bei mir und die nächste bei ihr."

[Pama Kondo, 34jährig, Mutter von 5 Kindern, und Fatoumata Toure, 28jährig, Mutter von 4 Kindern, Kofrauen, Mali, Musliminen. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 170f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


6.3. Polyandrie


Die Polyandrie erlaubt der Frau mit mehreren Männern verheiratet zu sein, meist hat sie also mit mehren Männern Kinder. Die Kinder leben bei ihr und die Männer leben entweder in einer gesonderten Männerhütte oder bei der Frau. Polyandrie führt zu einer bedeutend geringeren Fortpflanzungsrate, da ja die Häufigkeit der Geburten hauptsächlich von den Frauen abhängt.

Ployandrie ist nur in wenigen Gesellschaften ausdrücklich erlaubt, so bei den


6.4. Besuchsehe


Diese Art von Ehe und Familie kommt nur im Matriarchat vor. Die Frau sucht sich einen oder mehrere Männer aus, die sie von Zeit zu Zeit besuchen. Die Männer kommen für einen Abend, essen mit der Frau, haben mit ihr Geschlechtsverkehr und gehen danach wieder. Für das Essen müssen sie bezahlen. Die Rechte an den Kindern hat natürlich die Frau, sie leben dann auch bei ihr.


6.5. Erweiterte Familie/Zusammengesetzte Familie


Es gibt außer der Familienart wo die Ehegatten (egal ob polygam oder monogam) mit ihren Kinder zusammen eine Familie bilden, auch noch andere Familienarten. Die eine Möglichkeit ist die erweiterte Familiengruppe, bei ihr wohnen Personen aus mehreren Generationen, mit ihren Kindern, zusammen, z.B. Großeltern, Eltern, Kinder (die drei Haupttypen sind patrilokal, matrilokal und avunlokal). Eine zusammengesetzte Familiengruppe entsteht dann, wenn Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern zusammenleben, hier ist es häufig anzutreffen, dass zwei Brüder und ihre Familien zusammenleben.

Die verschieden Familienarten lassen sich mit den Wohnfolgen beliebig kombinieren. Z.B. wohnt eine monogame Familie bei den Eltern des Vaters (patrilokal) usw. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus.

In den Städten haben sich, wie schon gesagt hauptsächlich monogame Familien gebildet. Es gibt vereinzelt den Fall, dass die Frau finanziell unabhängig vom Mann ist. Bei dieser Art von Familie kann es passieren, dass die Kinder bei der Frau wohnen und der Mann nur eine untergeordnete Rolle spielt. Seine Funktion als Ernährer fällt weg. Auf dem Land, in den Dörfern ist das Leben noch sehr traditionell. Die politische Macht wird nicht mehr von den Ältesten ausgeführt, sondern von Beamten, gewählten Bürgermeistern. Dort ist die politische Macht der Lineage nicht mehr so groß, aber die Solidarität und Blutsverwandtschaft spielt immer noch eine wichtige Rolle.

In den Familien in Afrika ist die Arbeitsteilung auf dem Land meist so geregelt, dass die Frau die sich wiederholenden, monotonen Arbeiten verrichtet und der Mann die groben, schweren Arbeiten. Die Kinder helfen der Frau bei der Arbeit.


6.6. Zum Beispiel: die !Kung San


Abb.: Lage der Kalahari, des Lebensraums der Buschmanngruppen (©Mindscape)

Marjorie Shostak lässt in ihrem faszinierenden Buch

Shostak, Marjorie <1945 - 1996>: Nisa erzählt : das Leben einer Nomadenfrau in Afrika. -- Reinbeck : Rowohlt, ©1982. -- 342 S. : Ill.  -- (rororo ; 4978). -- ISBN 3499149788. -- Originaltitel: Nisa : the life and words of a !Kung woman (1981)

ihre Informantin, Nisa, selbst zu Wort kommen:

"Wenn ein Mann eine Frau heiratet und dann noch eine Frau heiratet, neben der ersten eine zweite hat, dann sind sie nachts zu dritt, und der Mann wechselt von einer Frau zur anderen. Zuerst hat er Sex mit der älteren Frau und dann mit der jüngeren. Aber wenn er zu der jüngeren geht, ist die ältere eifersüchtig; sie hält ihn fest und beißt ihn. Die beiden Frauen kämpfen miteinander und beißen sich. Die ältere Frau geht zum Feuer und wirft brennendes Holz auf die beiden. Sie beschimpft ihren Mann: «Was hat dich dazu gebracht, dass du zu einer anderen Frau gehst und mit ihr schläfst, während ich, deine erste Frau, neben dir liege? Habe ich denn keine Vagina? Warum beachtest du sie nicht und gehst zu diesem Mädchen. Mit ihr hast du Sex, aber mit mir nicht!» Manchmal streiten sie sich in dieser Art die ganze Nacht bis in den Morgen.

Abb.: !Kung-Frau (©Corbis)

Eine Nebenfrau ist wirklich etwas Schlimmes!

Mein Vater hatte nie wirklich zwei Frauen -- das heißt nur einmal, für zwei Nächte. Mein Vater hatte meiner Mutter nur gesagt, er würde mit seinem Bruder in ein anderes Dorf gehen, Geschenke austauschen und dort schlafen. Er hatte ihr nicht gesagt, dass er dort hinging, um Saglai, eine andere Frau, zu holen.

Die beiden Männer verließen unser Dorf, und als sie im anderen Dorf ankamen, tauschten sie Geschenke aus und übernachteten dort. Am nächsten Tag brachen sie wieder auf, und mein Vater nahm Saglai mit. Als die Sonne tief am Himmel stand, kamen sie in unser Dorf zurück.

Meine Mutter, meine Tante und ich hatten an diesem Tag Mongongonüsse in der Nähe gesammelt. Auf dem Nachhauseweg machten wir an der Wasserstelle Rast. Dort sah meine Tante Saglais Spuren im Sand. Meine Tante kannte Saglai und wusste gleich, dass es ihre Fußabdrücke waren. Sie sagte: «Chuko, hier saß eine Frau, und daneben saß dein Mann.» Meine Mutter sagte: «Oh? Was hat Gau da zu suchen? Er hatte doch gesagt, er wolle um einige Perlen bitten. Und du sagst, er ist mit einer Frau zurückgekommen?» Meine Mutter war sehr wütend.

Wir gingen zurück und brachten die Mongongonüsse ins Dorf. Als meine Mutter meinen Vater sah, wuchs ihr Zorn. Sie bearbeitete ihn mit den Fäusten und schrie: «Ist das deine Frau, die hier vor der Hütte sitzt? Warum hast du mir nicht gesagt, dass du eine andere Frau mitbringen würdest? Dass du Saglai mit der großen Vagina holen wolltest? Saglai, die Frau für kaltes Wetter.» Meine Mutter schimpfte so sehr, dass Saglai sich nicht in die Hütte wagte. In der Nacht schlief sie draußen.

Am nächsten Morgen fürchtete sich mein Vater immer noch vor meiner Mutter, und er schwieg. Sein jüngerer Bruder sagte: «Warum sagst du deiner Frau nicht, dass du Saglai aufgeben willst? Als wir noch in ihrem Dorf waren, habe ich dich davor gewarnt, sie einfach mitzunehmen. Auf dem Rückweg hast du sogar selbst gesagt, Chuko sei sicher nicht einverstanden. Und du hast versprochen, ihr zu erklären, dass du Saglai bereits geheiratet hast und sie deine Nebenfrau sei. Aber das hast du ihr nicht gesagt. Als Chuko mit dir schimpfte, hättest du ihr sagen müssen, dass Saglai in der Hütte schläft. Du hättest sie nicht vor der Hütte schlafen lassen dürfen.» Mein Vater sagte: «Das bringt mich um. Chuko schreit uns an und beschimpft uns. Sie hat Saglai befohlen, vor der Hütte zu schlafen. Wie hätte ich es wagen können, sie in die Hütte zu bringen?»

Meine Mutter sagte zu meinem Vater: «Wenn ich dir gesagt hätte: 'Gau, ich werde alt und kann nur noch langsam laufen. Suche dir eine andere Frau, und bringe sie hierher. Sie wird Wasser für mich holen und Feuerholz suchen, mit dem wir das Feuer in Gang halten, und sie wird neben mir sitzen', wenn ich das zu dir gesagt hätte und du hättest mir zugehört, hättest du eine andere Frau nehmen können. Aber du hast mich betrogen und mir etwas aufgezwungen. Deshalb solltest du dich schämen.»

Abends legten wir uns schlafen. Als am nächsten Morgen der Hahn krähte, stand Saglai auf und ging zurück in ihr Dorf -- allein. Sie war zwei Nächte in unserem Dorf, dann ging sie morgens wieder weg.

Mein Onkel sagte zu meinem Vater: «Steh auf, gehe ihr nach, und bringe sie zurück in ihr Dorf» Mein Vater sagte: «Das tu ich nicht. Ich bin in ihr Dorf gegangen und habe sie hierhergebracht, aber Chuko hat sie abgelehnt. Warum sollte ich ihr folgen?» Sein jüngerer Bruder sagte: «Was? Das weißt du nicht? Wenn Saglai auf dem Rückweg von einem wilden Tier angefallen und getötet wird, sogar wenn sie sicher ihr Dorf erreicht, werden ihre Verwandten kommen und dich zur Rechenschaft ziehen, weil du sie mitgenommen und geheiratet hast!»

Mein Vater erwiderte: «Ich folge ihr nicht. Sie ist erwachsen, und sie ist weggelaufen. Warum sollte ich mich deswegen aufregen?»

Mein Großvater Tuka, der Vater meines Vaters, heiratete viele Frauen! Zuerst hatte er eine, dann eine andere und dann noch eine andere. Er ging zu seiner ersten Frau, danach zu seiner zweiten Frau und dann zu seiner dritten. Eine schlief allein, die beiden anderen teilten eine Hütte. Er lebte eine Weile bei den beiden, dann bei der anderen. Dann ging er zu den beiden zurück und lebte wieder bei ihnen.

Manchmal, wenn er bei den beiden in der Hütte schlief, stand er ganz leise auf und ging zu seiner dritten Frau. Seine erste Frau, die älteste, schimpfte mit ihm: «Was suchst du dort drüben, Tuka?» Sie war sehr eifersüchtig. Dann verließ Tuka seine dritte Frau und legte sich wieder neben die erste Frau. Dort lag er und wartete darauf, bis sie einschlief. Wenn sie am Einschlafen war, stand er auf und sah sie an. Er flüsterte: «Wirst du dich wieder aufregen?» Wenn sie keine Antwort gab, ging er zu seiner dritten Frau und blieb die Nacht über dort. Beim ersten Hahnenschrei kam er in die andere Hütte zurück. Seine erste Frau fragte ihn: «Wo warst du?» Und er antwortete: «Uhn, uhn, ich habe gerade Wasser gelassen.»

Aber eines Nachts, nachdem er bei seiner ersten Frau gewesen war und sie verlassen hatte, um zu seiner dritten Frau zu gehen, wachte die erste Frau auf und sagte: «Tuka, was tust du da draußen? Warum schläfst du nicht? Was suchst du mitten in der Nacht vor der Hütte?»

Er antwortete: «Meine Frau, ich bin auch mit den anderen verheiratet. Was glaubst du wohl, warum ich sie geheiratet habe? Ich habe sie geheiratet, und ich möchte sie lieben. Dich liebe ich auch. Du bist nicht die einzige, die mir etwas zu geben hat. Willst du etwa behaupten, ich soll mit einer anderen Frau nicht schlafen, mit der ich verheiratet bin? Soll ich nur mit dir schlafen? Du redest Unsinn.»

Ich erlebte das auch einmal. Bevor ich mit Tashay Kinder hatte, brachte er eine andere Frau in unsere Ehe. Ich war noch ein junges Mädchen, und die andere Frau, Tiknay, war auch ein junges Mädchen. Er heiratete uns beide und sorgte für uns.

Zuerst fragte er mich, und ich lehnte ab. Er fragte mich immer wieder. Immer und immer wieder. Schließlich sagte ich: «Also gut, heirate sie und bringe sie hierher.» Aber als er mit ihr kam, wollte ich sie nicht haben. Ich begrüßte sie noch nicht einmal.

Wir drei lebten weniger als ein Jahr zusammen. In dieser Zeit hielt ich mir Tashay vom Leib, und ich hatte keinen Sex mit ihm. Ich sagte, er würde ihren Schmutz bei mir lassen, er würde noch feucht von ihrer Vagina zu mir kommen. Und das wollte ich nicht.

Wir stritten viel, besonders nachts. Mitten in der Nacht, wenn alle anderen schliefen, hatte Tashay Sex mit ihr, und wenn er sie liebte, stießen sie gegen mich und weckten mich auf. Einmal dachte ich: «Wer stößt mich so und lässt mich nicht schlafen?» Ich stand auf, nahm ihre Decke und warf sie ans Feuer. Ich schrie: «Steht auf, ihr zwei! Geht in den Busch und vögelt dort. Ich möchte hier ruhig schlafen.» Tiknay stand auf, und wir kämpften miteinander. Wir kämpften, bis Tashay uns trennte. Später legten wir uns alle wieder hin und versuchten zu schlafen.

Am nächsten Morgen nahm ich ein Messer und versuchte, Tashay zu erstechen. Tiknay nahm es mir weg. Da brach es aus mir heraus: «Tiknay, verschwinde! Steh auf und geh in dein Dorf zurück. Wie kommt es, dass es so viele Männer gibt und du keinen geheiratet hast? Warum hast du meinen Mann geheiratet?»

Tiknay antwortete: «So war es nicht ... dein Mann hat mich hierhergebracht. Ich bin nicht von mir aus gekommen.» Ich sagte: «Es ist mir gleichgültig, wie du hergekommen bist. Es gibt viele andere Männer, und ich muss meinen Mann nicht mit dir teilen! Hat nur er einen Penis? Haben nicht alle Männer einen Penis? Den hier soll ich haben, und danach sollst du ihn haben? Also steh auf und gehe in dein Dorf zurück!»

Schließlich jagte ich sie davon, und sie kehrte zu ihren Eltern zurück. Erst nachdem sie gegangen war, durfte Tashay mich wieder berühren. Erst nachdem ich sie weggejagt hatte, lebten wir wieder zusammen und liebten uns." (S. 127 - 131)


7. Scheidung


"Not only do these [Zambian] women lack property rights in their husbands' groups if they become widowed, they also have no rights to maintenance in the event of divorce. A divorced woman's kinship group is expected to assume responsibility for her support. In the urban socioeconomic System, divorce under customary law has highly adverse consequences for women, particularly for less-educated women, who are in the majority. Thus, women with no alternative means of support are likely to remain in unsatisfactory marriages."

[Monica Munachonga in: A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- ISBN 0804722137.  -- S. 178. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


8. Witwentum


"The fact that a widow has no rights to inherit property from her husband has led to a new social problem in urban areas: the dispossession of widows and orphans. This did not occur in traditional rural societies because the husband's heir also "inherited" the widow and assumed responsibility for the children; the problem of the widow's inheritance from her deceased husband was not pressing because she was expected to marry one of her husband's heirs. But this does not necessarily apply in modern urban society, and there widows' economic circumstances have declined. Although the government has made efforts to introduce legislation on succession that would protect the interests of women, the proposed system of distributing a man's property has not received popular support, particularly among men (including some in influential positions, such as members of Parliament).* Moreover, the idea of widow inheritance is incompatible with the Western notion of free choice of marriage Partners, an aspect of marriage that is favored by both men and women in present-day Zambia, particularly those who have been exposed to Western education."

[Monica Munachonga in: A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- ISBN 0804722137.  -- S. 177f. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


8.1. Zum Beispiel: die Kurumba von Lurum (Burkina Faso)


Abb.: Ungefähres Wohngebiet der Kurumba (©Mindscape)

"Der Ehemann darf niemals bei seiner sterbenden Frau bleiben. Bei der Mitteilung ihres Ablebens muss er heftig weinen und wird von seinen Freunden an den Armen gehalten, sein Zusammenbrechen zu verhindern. Nachher wird er von den Freunden in einer anderen Konzession auf vier Tage versteckt. Er nimmt nie am Begräbnis teil. Auch, wenn er sich wieder herauswagt, wird er ständig einen Hirsestengel in der Hand tragen, die Schattenseele seiner verstorbenen Frau wegzujagen, die ihn gerne attackieren kommt. Während der gesamten Trauerzeit darf man dem Witwer nichts Gutes sagen. So war z. B. der Schmied Salam Konfé in Mengao sichtlich verstimmt, als wir ihn 1965 bei unserer Ankunft wegen seines guten Aussehens beglückwünschten. Die Ursache der Verstimmung: Er war vor kurzem verwitwet und fürchtete daher wohl, dass die Schattenseele seiner Frau sich erbosen könnte, und ihm ein Leid zufügen, wenn er nicht abgehärmt aussähe.

Weit größer sind die Vorsichtsmaßnahmen, die eine Frau nach dem Tode ihres Mannes beobachten muss. Sofort nach dem Ableben ihres Gatten verlässt die Frau die Konzession, nimmt nicht am Begräbnis teil und versteckt sich für 13 Tage in einer anderen Konzession. Sie darf das Haus unter keinen Umständen verlassen und wird von alten Frauen bedient. Sie legt allen Schmuck ab, weint, lässt aber die Haare ungeschoren. Nach 13 Tagen kehrt sie in Begleitung vieler alter Frauen in ihr eigenes Haus zurück. Im Opferhaus der Familie ihres verstorbenen Mannes wird ihr von einer alten Frau das ganze Kopfhaar abrasiert und die Haare auf den Opferstein gelegt. Man reicht ihr Hals- und Armbänder aus weißer Baumwolle, die sie nun ein volles Jahr tragen muss. Dieses Jahr verbringt sie in der Familie ihres verstorbenen Mannes, entweder bei dessen Vater oder bei einem Sohn. Nach Ablauf des Trauerjahres gibt man ihr Hirse zu essen, führt sie wieder ins Opferhaus und nimmt ihr dort den Trauerschmuck ab. Man frägt die anwesenden Männer der Familie, ob einer von ihnen die Witwe zur Frau wolle. Darauf muss sie sogleich 'nein' sagen und weinen. Findet sich ein Bewerber, so hört sie nach einiger Zeit mit dem Weinen auf, holt ihre Sachen aus ihrem Haus und geht zu ihrem neuen Gatten. Ist die Frau jung, hübsch und arbeitsam, so entsteht oft ihretwegen Streit. In einem solchen Fall darf sie selbst unter den Bewerbern wählen. Dieser Mann kann ein Bruder des Verstorbenen sein, ja es kann auch ein Sohn des Verstorbenen sein, doch muss er der Sohn einer anderen Frau des Toten sein. Von ihrem neuen Mann erhält sie neue Kleider, dann Schmuck, Kanaris, Kalebassen. Ihren Eltern muss er nichts geben. Die kleinen Kinder ihres ersten Mannes bis zu vier oder fünf Jahren bleiben bei ihr und werden wie eigene Kinder des zweiten Mannes gehalten, müssen aber später in die engere Familie ihres verstorbenen Vaters zurückkehren. Sie bleiben zwar innerhalb derselben Großfamilie, aber ein Bruder ihres Vaters wird zu ihrem 'Vater'. Will die Witwe kein männliches Mitglied der Familie ihres verstorbenen Gatten heiraten, muss sie die Konzession nach dem Trauerjahr verlassen und darf nie mehr zurückkehren. Sie lässt in diesem Fall durch alte Frauen alle ihre Sachen holen, da sie sofort weg muss, wenn sie sich weigert, einen der vorgeschlagenen Männer zu heiraten. Will sie ihre Kinder sehen, so muss sie in eine andere Konzession gehen und alte Frauen von diesem Gehöft holen die Kinder herbei. Opfert sie aber im Opferhaus der Familie ihres verstorbenen Mannes ein Huhn, so kann sie in die frühere Konzession hinein und dort mit ihren Kindern beisammen sein. Hat sie den Wunsch nach einer neuerlichen Ehe, so muss der Bewerber ihren Vater nur um Erlaubnis bitten und ihm Kola im Wert von etwa 50,- CFA (1962) schenken."

[Schweeger-Hefel, Annemarie ; Staude, Wilhelm: Die Kurumba von Lurum : Monographie eines Volkes aus Obervolta (Westafrika). -- Wien : Schendl, ©1972. -- ISBN 3852680352. -- S. 295f.]


9. Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern


Bei einem weltweiten Überblick über die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann lassen sich folgende Muster erkennen:

Tätigkeit fast immer nur Männer meistens Männer Männer bzw. Frauen bzw. beide meistens Frauen fast immer Frauen
Primäre auf die Subsistenz gerichtete Tätigkeiten Jagen bzw. Fangen von großen und kleinen Tieren fischen,
Großtiere hüten;
Honig von Wildbienen sammeln;
das Land roden;
Vorbereiten des Bodens für die Pflanzung bzw. Saat
Schalentiere (Muscheln u.ä.) sammeln;
Sorge für Kleintiere;
pflanzen bzw. säen;
Pflege der Saat bzw. Pflanzung;
Ernte;
melken
Wildpflanzen sammeln  
Sekundäre auf die Subsistenz gerichtete Tätigkeiten und Tätigkeiten für den Haushalt   Tiere schlachten Fleisch und Fisch konservieren Sorge um die Kinder;
kochen;
Zubereitung von pflanzlicher Nahrung, Getränken und Milchprodukten;
Wäsche waschen;
Wasser tragen;
Brennmaterial sammeln
Sorge für die Kleinkinder
Andere Bauholz beschaffen;
nach Mineralien und anderen Bergbauprodukten schürfen;
Herstellung von Schiffen und Booten, Musikinstrumenten, Gegenständen aus Knochen, Horn oder Schnecken/Muschelgehäusen;
Krieg und Kampf
Häuser bauen;
Netze knüpfen;
Seile herstellen;
politische Macht ausüben
Häute und Leder bearbeiten;
Herstellung von Körben, Matten, Kleidung, Töpferware
Garn spinnen  

[Vorlage der Tabelle: Pasternak, Burton ; Ember, Carol R. ; Ember, Melvin: Sex, gender and kinship : a crooss-cultural perspective. -- Upper Saddle River, NJ : Prentice Hall, ©1997. -- ISBN 0132065339. --  S. 48. -- Dort Quellenangaben. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen]

In afrikanischen Familien wird eine Dominanzbeziehung deutlich in der Beziehung Ehemann Ehefrau. Die Familie bildet eine Wirtschaftseinheit. Der Arbeitsanteil der Geschlechter ist nicht gleichmäßig verteilt. Die Frau macht einen Großteil der Feldarbeit, mehr als ihr Mann. Grundsätzlich kann die Ehefrau zwar Widerstand leisten und sich dagegen auflehnen, doch wenn sie in dieser Haltung verharrt, dann unterliegt sie schließlich dem Zwang, ihren Mann zu verlassen und in ihre Ursprungsfamilie zurückzukehren, was bedeutet, dass sie auf ein gemeinsames Leben mit ihrer Familie und ihren Kindern verzichten muss. Nur unter dem Umstand, dass der Brautpreis nicht gezahlt ist, kann sie ihre Kinder mitnehmen. Ihre eigene Lineage reagiert mit Unzufriedenheit auf ihre Trennung, weil sie natürlich Folgen auf die Beziehung zwischen den Lineages hat.

Weil im heutigen Afrika fruchtbares Land immer knapper wird und die daraus resultierenden Minifundien immer weniger eine Familie ernähren können, wandern die Männer auf der Suche nach Einkommensquellen (wenigstens temporär) in die Städte ab. Deshalb hat sich die kleinbäuerliche Landwirtschaft femininisiert. Frauen verrichten 70% der Tätigkeiten. Sie produzieren einen Großteil der Grundnahrungsmittel und sind allein für die Ernährung und Erziehung der Kinder zuständig. Da die Haus- und Feldarbeit oft kein direktes Einkommen bringt und nicht in Statistiken erscheint, wird sie unterbewertet bzw. nicht gezählt. Eine afrikanische Frau arbeitet oft einen 16-Stunden Tag, an dem sie Feuerholz, Tierfutter, Wasser holt, Nahrung anpflanzt und erntet, kocht und für die Familie sorgt. So bleibt keine Zeit und Energie, um auf ihre Gesundheit zu achten und sich um Ausbildung oder Weiterbildung zu kümmern. Dadurch ist es ihr schwer möglich, den Kreislauf aus niedrigem Status und Armut zu durchbrechen.

Abb.: Frauen beim Maisanbau, Ruanda, 1994 (Quelle: FAO)

 

Abb.: Frauen beim Unkrautjäten in Reisfeld, Tansania, 1994 (Quelle: FAO)

"Frage: Sind Männer und Frauen in Guatemala gleichberechtigt?
Lucia:
Ich bin sicher, dass wir die gleichen Fähigkeiten besitzen, aber ich glaube, dass Frauen im Nachteil sind, weil sie weniger Geld verdienen als Männer. Wenn ein Mann mit seiner Arbeit fertig ist, braucht er nicht weiter zu arbeiten. Aber Frauen machen zu Hause Webarbeiten, und sie müssen immerzu arbeiten. Wir arbeiten viel, aber wir bekommen nicht viel Geld. Frauen waschen Wäsche, backen Tortillas, putzen das Haus, baden die Kinder und weben. Männer dagegen tun nur eine Arbeit und werden dafür bezahlt.
Was machen Sie noch außer ihrer Hausarbeit?
Lucia:
Ich habe versucht, Schweine zu züchten, aber ich habe mein Geld verloren, weil alle Ferkel gestorben sind. Jetzt habe ich nur noch Hühner, aber wir hatten eine Seuche, und viele sind gestorben. Ich habe nur noch drei. Außerdem webe ich Armbänder und längere Brillenbänder. Ich bekomme drei Quetzal für das Dutzend. Wenn ich den ganzen Tag durcharbeite, bekomme ich 24 Armbänder fertig. Ich verdiene dann sechs Quetzal am Tag. Ich verkaufe sie an einen Händler und der nimmt sie mit nach Panjachel oder Sololá oder in eine andere Stadt und verkauft sie dort für einen höheren Preis."

[Lucia Sicay Choguaj, 28jährig, Guatemala, Mutter von 4 Kindern, Katholikin. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 88. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

"Frage: Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle der Frau? Welche Arbeiten sollte sie erledigen?
Bachau:
Frauen sollten auf dem Feld arbeiten. Sie sollten sich um den Haushalt und um die Kinder und um ihren Ehemann kümmern.
Was ist die Rolle des Mannes?
Bachau:
Ich bin der Hüter des Hauses."

[Bachau Yadav, 32jährig, Ehemann von Mishri Yadav, 27jährig, Nordindien, Mutter von 6 Kindern, Hindu. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. --  ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 114. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

"Die Trockenzeit war jetzt wirklich angebrochen, und das Land verwandelte sich in eine mit Stoppelgras bewachsene ausgedörrte Wildnis. Auch die Dowayos [in Kamerun] wechselten von Grund auf ihren Lebensstil: Außer in den Bergen, wo Bewässerungsmöglichkeiten bestanden, war es bis zur nächsten Regenzeit mit dem Ackerbau vorbei. Die Männer beschäftigten sich mit Trinken, Weben, einfachem Herumsitzen oder sporadischem Jagen, während die Frauen Fische fingen oder Körbe und Krüge fertigten. Die jungen Männer zogen auf der Suche nach Lohnarbeit und lasterhaften Vergnügungen in die Städte."

[Barley, Nigel: Traumatische Tropen : Notizen aus meiner Lehmhütte. -- Münchenn : dtv, 1997. -- (dtv ; 12399). -- ISBN 3423123990. -- Originaltitel: The innocent anthropologist (1986). -- S. 190. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


9.1. Zum Beispiel: Kenia


Abb.: Mutter mit Kindern beim Holzsammeln, Senegal (Quelle: ILO)

"Bent double under fifty pounds or more of stout fuelwood branches, a woman staggers along a dirt road in Kenya, her face stretched taut as a drum by the yoke tied round her forehead. By her side, her husband strolls erect, a furled brolly his only load. It is a typical Kenyan sight, for in Kenya, as in many other parts of the world, women are the main beasts of burden. The practice here may have originated in the need for men to be ready to fend off the attacks of wild animals or rival tribes. The dangers have disappeared but the custom has been kept alive for male convenience.

Perhaps half of rural households in Kenya are, in practice, headed by women. As the population grows and landholdings shrink, an increasing proportion of men are migrating to the cities for work, leaving the wife behind to look after farm and family. So Kenya's women are a tough and sturdy breed, more muscular than their wiry, slender menfolk: women like Rachel Mwangene, a well-built thirty-four-year-old from the Taita Hills, who has to cope alone with a house, four children, three cows, seven goats, one sheep and a two acre farm. Her husband is a casual labouter in Mombasa earning about 300 shillings (£20 or $40) per month, but he brings home less than 50 shillings and that is handed over to his mother to control. The rest disappears on rent, food, fares and possibly wine and women too. The family lives in a circular mud hut twelve feet in diameter, capped with a pointed gnome's hat of thatch. The more spacious tin-roofed house next door stands empty because Rachel has no time to patch the crumbled, leaking walls. Building and mending houses (except for the wooden frame) is women's work in most of Kenya too.

Rachel's day is long. She rises 'when the sky is beginning to lighten', cooks breakfast, gets the children off to school and cleans the house. Then she sets off for the holding, two miles away up and down hill, where she tethers the animals to graze and gets down to planting, digging or weeding her casava and cowpeas, eating a snack in the field. On her way home she gathers whatever firewood she finds. Then she fetches water, half an hour's walk away, with the return journey uphill. As the sun begins to set, she cooks the evening meal of ugali (maize porridge) in a pot balanced on three stones, until it is as stiff as bread dough: 'You are stirring solidly for an hour,' she complains, 'and it gets harder and harder until at the end the sweat is pouring off you.' Getting the maize ground is another chore: twice a week she must trek two miles to the nearest neighbour who possesses a hand mill."

[Harrison, Paul: Inside the Third World : the anatomy of poverty. -- 3. ed. -- Middlesex : Penguin, ©1993. -- (Penguin books). -- ISBN 0140172173. -- S. 328f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


10. Stellung der Frau


Die Stellung der Frau gibt es nicht, es gibt nur die jeweilige Stellung der Frau in bestimmter Hinsicht. 

The belief in the universal secondary status of women "assumes a model of society where there are unambiguous, rigid hierarchies, and so clear criteria for assigning their rank to any individual. Even if we clearly separate issues of value (bad/good) from those of control (sub/superordinate), there are no simple scales on which men and women can be ranged. Women are deemed both good and bad, and both evaluations may be represented as stemming from their naturalness. Similarly, they may be subordinate in some areas of life (e.g. legal rights) and superordinate in others (e.g. control of the house), and both descriptions could be based on their putative natural qualities."

[Ludmilla J. Jordanova, zitiert in: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology / ed. by Alan Barnard ...-- London [u.a.] : Routledge, ©1996. -- ISBN 041520318X. --  S. 256. -- Dort Quellenangabe. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Im Buch

Whyte, Martin King: The status of women in preindustrial societies. -- Princeton, NJ : Princeton University Press, ©1978. -- 222 S. -- ISBN 0691093806

identifiziert der Autor neun voneinander relativ unabhängige Bereiche bzw. Domänen, in denen Frauen jeweils einen bestimmten, für die betreffende Gesellschaft und Gesellschaftsschicht typischen Status haben., z.B.:

"Frage: Sie haben mir erzählt, dass sich Männer über die Geburt eines Sohnes mehr freuen als über die einer Tochter. Wie ist das bei Frauen?
Poppy:
Sie sind natürlich auch glücklich, aber Männer -- wenn es ein Junge ist ... ooohhh! Dann sind sie besonders glücklich.
Gibt es eine größere Feier, wenn es ein Junge ist?
Poppy:
Ja, die Mutter bekommt ein Geschenk und wird besser umsorgt, als wenn es ein Mädchen ist.
Wird diese Sonderstellung der Männer auch später beibehalten?
Poppy:
Ja. Männer genießen höheres Ansehen. Der Mann ist der Haushaltsvorstand, deshalb muss man ihn um Erlaubnis fragen, wenn man etwas möchte. Die Leute würden zuerst meinen Mann um Erlaubnis bitten, bevor sie zu mir kämen.
Simon ist also der Haushaltsvorstand -- oder treffen Sie Entscheidungen gemeinsam?
Poppy:
Normalerweise entscheiden wir gemeinsam, aber nicht immer. Meistens muss ich ihn erst um Erlaubnis fragen. Es ist schwierig, weil es Tradition ist, dass Männer einen nichts alleine machen lassen. Ihr Mann muss es Ihnen erlauben."

[Poppy Quampie, 37jährig, Südafrika, Bürohilfe, Mutter von 3 Kindern und 1 Stiefkind, Reformiert. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 223. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


10.1. Wirtschaftliche Stellung der Frau


"Women subsidize economic progress in at least four ways: through 

Women carry the gross share of part-time employment worldwide. In addition to the generally accepted observation that much of their productive work is uncompensated by wages, their hourly earnings in sectors like manufacturing compare unfavorably to men's. As reported in a survey of nine developing countries, women earned between 50 percent (South Korea) and 80 percent (Burma) of the wages of men who are comparably employed. A review of rural women's income conducted by the International Labor Organization reveals that women sometimes earned as little as one-third to one-fifth of the wages earned by men for work of equal or greater difficulty."

[Judith Bruce and Daisy Dwyer in: A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- ISBN 0804722137.  -- S. 5. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Abb.: Frau beim Maisstampfen, Sambia. 1994 (Quelle: FAO)

In der vorkolonialen Zeit hatten Frauen die Aufgaben der Reproduktion und Subsistenzproduktion, letztere mit mehr oder weniger Unterstützung der Männer. Ihre Funktion, wie auch die der Männer, zur der Erhaltung der Gemeinschaft stand im Vordergrund. Als mit der Kolonialherrschaft der Abbau von Bodenschätzen und die Geldwirtschaft einsetzte, ergaben sich im besten Fall Bildungs- und Verdienstmöglichkeiten. Dabei war der Vorteil des individuellen Verdienstes Männern vorbehalten, Frauen hatten höchstens im Dienstleistungsbereich geringe Einkünfte. Die Aufgabe der Reproduktion und Subsistenzproduktion blieb Frauen unvermindert erhalten, sie nahm durch den Abzug von Männern enorm zu, die für die Kolonialherrscher und später für den Weltmarkt arbeiten mussten. Die Wanderarbeit veränderte die herkömmlichen Produktionseinheiten. Macht und Status der Frauen, die vorher von der gesellschaftlichen Stellung getragen wurden, zerbröckelten. 


Abb.: Marktfrau in Dakar, Senegal, 1979 (Quelle: FAO)

In den Städten arbeiten viele Frauen als Händlerin, wobei sie oft ihre eigenen Erzeugnisse verkaufen, wie Lebensmittel aus dem eigenen Garten, Kleider und Handarbeiten. Auch als Hauspersonal oder in schlechtbezahlten Jobs aus Handwerk und Industrie. In Textilfabriken asiatischer Freihandelszonen z.B. nähen die Frauen, was als ungelernte Tätigkeit gilt, weil sie diese Fähigkeit schon mitbringen. Männer bedienen Zuschneide- und Bügelmaschinen, dafür werden sie angelernt und entsprechend besser bezahlt. Durch die Globalisierung entstehen viele der neuen Frauenarbeitsplätze in klassischen Frauenberufen, während höher technisierte, höher qualifizierte und besser bezahlte Stellen nach wie vor mit Männern besetzt werden.

In Lateinamerika erbringen Frauen v.a. Dienste für private Haushalte, in Asien arbeiten sie zu gleichen Teilen in Handwerk und Dienstleistungen, in Afrika überwiegend im Handel. 

Die selbstgeschaffenen Jobs bringen bei niedrigerer Produktivität und geringeren Qualifikationsanforderungen wenig Geld und keine soziale Absicherung ein. Z.B. Kenia: Da sich seit 1986 die Preise verdoppelt haben und die Einkünfte von Frauen mehr gesunken sind als die übrigen, sie aber die Erhaltung und Versorgung der Familie zu tragen haben, müssen sie die Verluste durch mehr Arbeit hereinbringen. Viele Mädchen müssen früh ins Erwerbsleben einsteigen, anstatt in die Schule zu gehen . Vielen Frauen bleibt am unteren Ende der sozialen Stufenleiter keine andere Möglichkeit als Prostitution.

Der Anteil an Frauen der lohnabhängigen Arbeitnehmerschaft wächst in vielen Teilen der Welt. In der Industrie betrug ihr Anteil 1960 in den Entwicklungsländern 9 %, 1990 waren es 16 %.

Aber Frauen ziehen aus der Erwerbstätigkeit geringeren Nutzen als Männer, da sie häufig nur Teilzeitjobs oder Stellen für gering Qualifizierte haben. Zudem sind sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt. 

Eine mänlich-chauvinistische Einstellung zur Erwerbstätigkeit der Frau aus Sambia:

"Industrialization or urbanization is completely threatening to destroy Zambia's traditional life. The most threatened are marriages, which are breaking down in the thousands. Sociologists have attributed this hitherto unknown problem to heavy drinking and sheer negligence by husbands. But the country's independence has posed a new danger to Zambian marriages, this time not from drunken husbands, but from the working woman. Obviously, the wife who feeds the family including her husband (i.e., if he is not earning) feels she is on top of the world. She often humiliates her husband by reminding him that as breadwinner, she is in charge of the house. Which husband can take this kind of insult? Even though a man may be a loafer ... his dominant role as traditional head of the family should be respected. Zambian girls, women, and wives, this is good advice which you should not ignore. . . . Take it up!" (Zambia Daily Mail 1982)

[Zitiert in: A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- ISBN 0804722137.  -- S. 174. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


10.2. Bildungschancen der Frau



Abb.: Frauen in Senegal werden über die Vorteile eines verbesserten Herdes unterrichtet (Quelle: FAO)

"The sources of women's educational handicaps lie mainly in the home. Girls are expected to take on their burden of adult work at an earlier age than boys, since their mothers simply cannot cope without assistance. Seven-year-old girls in one Upper Volta [= Burkina Faso] survey worked more than five hours a day, while boys of the same age got away with only forty minutes. Fifteen-year-old girls were putting in nine hours a day, their boy colleagues-only four and a half hours. Families who cannot afford to educate all their children invariably give priority to the boys, and Third World women generally marry earlier than men -- two out of five before they are twenty.

The design of school systems often works against the girls, too. Co-educational schools, sparsely scattered, are predominant, and even at primary level male teachers outnumber female by two to one in Asia and Africa. As daughters enter their teens, families become increasingly reluctant to allow them to be taught by men, alongside pubescent boys, at distant schools that mean a long walk past the eyes of other males. All these factors conspire to create an increasing pressure to withdraw a girl from school at puberty."

[Harrison, Paul: Inside the Third World : the anatomy of poverty. -- 3. ed. -- Middlesex : Penguin, ©1993. -- (Penguin books). -- ISBN 0140172173. -- S. 333f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Die Einschulungsraten der Mädchen sind meist geringer als die der Jungen; sie verlassen aus verschiedenen Gründen frühzeitig die Schule; meist weil ihre Arbeitskraft daheim beansprucht wird, sie schwanger werden oder die Familie sie verheiraten will. So wird aufgrund geschlechtsspezifischer Stereotypen Mädchen häufig der Zugang zur Bildung verweigert oder erschwert. 

Abb.: Hauswirtschaftsunterricht, Eritrea, 1996 (Quelle.FAO)

Die für Mädchen oft noch qualitativ schlechteren Schulen vermitteln ihnen kaum Fertigkeiten, mit denen sie Geld verdienen können, sondern eher hauswirtschaftliche Kenntnisse nach europäisch-bürgerlichem Vorbild, auch in der Sekundarstufe. In Kenia z.B. rentiert sich der Schulbesuch für Jungen mehr als für Mädchen, weil Mädchen auch mit höherer Schulbildung kaum Chancen auf Schreibtischposten haben. 

Auf den Universitäten gibt es für Frauen ebenfalls geringere Möglichkeiten. Infolge der hohen Ausfallsquote sind es noch weitaus weniger Frauen, die bis zur Hochschule vordringen. Der Human Development Report 1994 nennt für Afrika südlich der Sahara im Jahr 1990 die Zahl von 35 Studentinnen pro 100 Studenten, das entspricht 26% der Gesamtzahl, in den Industrieländern sind es im Vergleich 49%1 


10.3. Ernährungschancen der Frau


Abb.: Mutter mit Kind, Hungersnot in Südsudan, 1998 (Quelle: Norwegian People's Aid)

Da Mädchen ein niedrigerer Status beigemessen wird, ist Indikator des traditionell niedrigen Status der Frau auch die bei ihnen extreme Mangelernährung, z.B. Kropfbildung aufgrund von Jodmangel ist in Eritrea bezeichnend häufiger als bei Männern. Oft sind sie wegen traditioneller Speisetabus, die ihnen oft gerade Eiweißnahrung, Fleisch und Eier, untersagen, und weil es für sie üblich ist, sich beim Essen als letzte zu bedienen, blutarm und unterernährt.

In manchen Ethnien isst die Frau, was der Mann übrig lässt. 


10.4. Gesundheitschancen der Frau


Einerseits führt der Druck bzw. Wunsch, viele Kinder zu gebären, die häufigen Schwangerschaften herbei. Da die Frauen aufgrund traditioneller Speisetabus oft blutarm bzw. unterernährt sind, ist die Müttersterblichkeit 30 bis 200 mal so hoch wie in Industrieländern. Unsachgemäß ausgeführte Abtreibungen führen oft zum Tod der Mütter. Andererseits entstehen die Schwangerschaften, weil kaum Verhütungsmittel verwendet werden. In Afrika wurden sie 1994 nur von 15% der Frauen verwendet. Die traditionellen Verhütungsmittel sind in Vergessenheit geraten, moderne sind vielen unbekannt oder unerreichbar. Viele Kliniken verabreichen sie nur mit Zustimmung der Ehemänner. Die Verfügung über den eigenen Körper bleibt für viele Frauen eine Utopie. Aber gerade arme Frauen brauchen wiederum viele Kinder für die Mitarbeit und vor allem Söhne, um über sie Zugang zu Land zu gewinnen. Von daher zeigten nicht auf afrikanische Verhältnisse abgestimmte Familienplanungsprogramme wenig Erfolge, wenn nicht existenzsichernde Maßnahmen dazukamen. 


10.5. Familienplanung und Gesundheit der Frau


In Afrika werden Familienplanungsprojekte durchgeführt, die davon ausgehen, dass die Förderung von Frauen eng im Zusammenhang mit der Gesundheitssituation der Familie steht. Durch Untersuchungen wurde erkannt, dass zwischen dem Bildungsstand der Frauen und der Zahl ihrer Kinder sowie Gesundheit der Familie ein Zusammenhang besteht, weiterhin zwischen Arbeitsbelastung der Frauen und Ernährungszustand der Familie, Einstellung der Männer und Zugang der Frauen zu Gesundheitseinrichtungen sowie Familienplanung, dem Alter der Mütter und der Säuglingssterblichkeit, Länge des Geburtsintervalls und der Müttersterblichkeit.

Durch das Einbeziehen von Frauenförderung in die Familienplanung sollen sowohl Bevölkerungswachstum und dadurch auch der Gesundheitszustand der Familien verbessert werden. 

Während in den Entwicklungsländern die Bevölkerungszahlen ständig wachsen, sinken die Gesundheitsetats. Durch Risikogeburten, zu alte und zu junge Mütter und illegale Abtreibungen ist die Sterblichkeitsrate der Mütter und Säuglinge sehr hoch. 

Die moderne Familienplanung knüpft an die Forderung nach Geburtenkontrolle als Grundrecht und dem "Birth Control Movement" in Europa und den USA an, das Wurzeln in den feministischen und sozialistischen Theorien des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte. Das Recht auf Geburtenkontrolle wurde damals als Voraussetzung für die Emanzipation der Frauen gesehen; heute wird sie zusätzlich als Vorbedingung zur Gesunderhaltung der Familien gesehen. Maßnahmen wie Aufklärung der Bevölkerung zur Erhöhung der Akzeptanz von Mitteln der Familienplanung, Lieferung von Verhütungsmitteln, Stärkung der Gesundheitsverwaltungen auf unterer Ebene zur Durchführung eigener Programme fördern die Familienplanung. Sie beruhen auf Grundsätzen der Wahrung der Menschenwürde ( Ausschluss von Zwangssterilisierungen etc.), Respektierung der kulturellen und religiösen Traditionen, Integration der Familienplanung in Maßnahmen der Familiengesundheit wie Mutter-Kind-Fürsorge und Sicherung der medizinischen Beratung und Betreuung. Während Wandlungen im traditionellen Sektor ( wie Einstellung zur Familiengröße ) kaum direkt beeinflussbar sind, ergeben sich im modernen Sektor mehr Ansatzmöglichkeiten, wie Förderung von nichtformaler Ausbildung und Mütterclubs, Beratung und Aufklärung von Frauen und Männern unter besonderer Einbeziehung der männlichen Bevölkerung, Aus- und Fortbildung von medizinischem Fachpersonal, Einführung angemessener Kostendeckungssysteme. Dadurch wird die Selbstbestimmung der Frauen im privaten, (z.B. selbstverantwortlich die erwünschte Kinderzahl zu haben), öffentlichen und politischen Bereich angestrebt.

Abb.: Werbung für Ein-Kind-Familie in China, 1985 (©Corbis)

Die Betonung von Familienplanung ist die Folge der Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern. Regierungen und internationale Organisationen versuchen mit Programmen (z.B. Kondomverteilungen) die Bevölkerung zur Familienplanung aufzurufen.

Eine Organisation auf diesem Gebiet ist die UNFPA (United Nations Fund for Population Activities). 1967 gegründet mit Sitz in New York, finanziert durch öffentliche Mittel und Spenden. Unter anderen ist eine ihrer Aufgaben, die Verbreitung der Familienplanung, zu dem Zweck werden regionale Zentren eingerichtet. In ihnen kann man Verhütungsmittel bekommen, dort wird über Mittel und Wege der Familienplanung informiert und Werbung für Familienprogramme gemacht.Internet: http://www.unfpa.org

Abb.: Frauen werden über Intrauterinpessare aufgeklärt, Marokko, 1987 (Quelle: FAO)

Um Familienplanung betreiben zu können, müssen die Männer und Frauen die Entstehung von Schwangerschaft und dann ihre Verhütung kennen lernen. Andererseits müssen die Menschen, die wollen, dass die Frauen Familienplanung betreiben, sich auch mit den Gründen, die zu den vielen Kindern führen auseinandersetzen. Diese Gründe können sehr vielfältig sein. Vielleicht sind viele Kinder ein Zeichen für Fruchtbarkeit, von der Stärke einer Familie, oder sie werden als Arbeitskräfte, als Altersversorgung gebraucht, oder die Kindersterblichkeit ist sehr hoch. Also gehört zur Familienplanung auch die Bewusstseinsänderung, die Bekämpfung der Armut, Verbesserung der Hygiene/Gesundheit usw. Wenn ein Mensch im Alter zu verhungern droht, weil er keine Kinder hat, wird er natürlich, trotzdem er weiß, er sollte nicht so viele Kinder bekommen, weil die Bevölkerung sonst zu groß wird, viele Kinder bekommen, damit die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Eines das Erwachsenenalter erreicht und ihn ernähren kann.

Außerdem müssen den Menschen die Verhütungsmethoden nahe gebracht werden, damit sie keine Scheu haben, sie zu benutzen und sie auch richtig benutzen. Die Verhütungsmittel müssen zu einer Selbstverständlichkeit werden, anerkannt werden. Was nützt es, wenn man zwar Kondome kennt, man weiß, wie man sie benutzt, sie auch irgendwo liegen hat, sie aber nicht benutzt, weil man sie vergisst, sie nicht selbstverständlich dazugehören.

In manchen Programmen hat man deshalb versucht, die Kondome erst einmal spielerisch kennenzulernen, sie spielerisch in den Alltag zu integrieren, dass sie ins Bewusstsein kamen. Diese Programme hatten recht guten Erfolg. Man muss versuchen, den Menschen Kondome so nahe bringen, dass sie unersetzbar sind, einfach zum Alltag dazugehören. Dann sind die Menschen eher bereit, sie zu benutzen.

Es ist natürlich auch wichtig, dass die Menschen verstehen, warum überhaupt Familienplanung betrieben werden soll. Wenn sie sie für unnötig halten, werden sie auch keine betreiben.

Familienplanung wird zwar manchmal auch selbständig betrieben, aber das ist dann keine Familienplanung, wie wir sie uns vorstellen. Da in vielen Entwicklungsländern immer noch Jungen als "besserer, wertvollerer" Nachwuchs angesehen wird, werden viele Mädchen kurz nach der Geburt getötet, oder wenn man die Möglichkeit dazu hat, abgetrieben. Wenn eine Familie nur Mädchen bekommt, sie aber nicht tötet, wird sie natürlich versuchen, möglichst viele Kinder zu bekommen, damit irgendwann ein Junge dabei ist.

Ein Problem ist auch, dass die Frauen häufig kein Selbstbestimmungsrecht haben, was die Anzahl ihrer Kinder betrifft. Der Mann erlaubt oft keine Maßnahmen für Geburtenkontrolle, da muss man die Einstellung der Männer verändern, um etwas zu erreichen.

Ein wichtiger Aspekt der Familienplanung mit Kondomen ist die Verhütung von Geschlechtskrankheiten und AIDS. AIDS ist sehr weit verbreitet in den Entwicklungsländern (ca. 60% der infizierten Menschen leben im subsaharischen Afrika), da viele Frauen durch Prostitution und mangelnde Verhütung mit AIDS infiziert werden und dann viele andere damit infizieren. Durch die Polygynie und häufigen Partnerwechsel wird die Ausbreitung noch verstärkt. Mütter infizieren ihre Kinder bei der Geburt. Bei uns kann man zwar das Risiko für das Kind, bei der Geburt mit AIDS infiziert zu werden, weitgehend verringern, aber in Entwicklungsländern sind diese medizinischen Möglichkeiten nicht so verbreitet und zugänglich. Dann wird diese Krankheit für die ganze Familie eine Bedrohung. Aufklärung ist hier sehr vonnöten.


Abb.: HIV-positive Mutter mit Kind, Thailand  (©Corbis)


Abb.: HIV-positives Kind, durch AIDS verwaist, Thailand  (©Corbis)

Aus dem am 23.11.1999 veröffentlichten AIDS epidemic update : December 1999 / UNAIDS. -- URL: http://www.unaids.org/publications/documents/epidemiology/surveillance/wad1999/Una99e53.doc. -- Zugriff am 1999-11-24. -- Am 2001-02-21 toter Link:

"For some years, it has been clear that Africa -- especially south of the Sahara -- is the area of the world worst affected by HIV and AIDS. Infection levels are highest, access to care is lowest, and social and economic safety nets that might help families cope with the impact of the epidemic are badly frayed, in part because of the epidemic itself.

At the start of the 21st century, some 23.3 million Africans south of the Sahara are estimated by UNAIDS/WHO to have HIV infection or AIDS. That is almost 70% of the world's total in a region that is home to just 10% of the world's population. As prevention efforts elsewhere reduce the number of infants acquiring HIV, the continent's lead in terms of child infections is more compelling than ever: UNAIDS/WHO estimate that nearly 90% of the half million children born with the virus or infected through breastfeeding in 1999 were living in sub-Saharan Africa.

Recently, 15 studies of HIV prevalence in the general population conducted in various African countries have added enormously to our understanding of the spread and shape of the epidemic - an understanding which up to now has been based largely on anonymous screening of blood taken from pregnant women at antenatal clinics. The new studies suggest that, in many African countries, antenatal estimates tend to underestimate the real levels of HIV infection in women. The reason is that infected women progressively become less fertile: the longer their HIV infection progresses, the less likely they are to get pregnant. And because many HIV-infected women are no longer becoming pregnant, they are not showing up at antenatal clinics where blood samples for anonymous HIV testing are taken. The antenatal estimates thus fail to reflect the true extent of HIV infection in the female population as a whole.

On the other hand, the population-based studies suggest that infection levels in men are lower than the levels of HIV recorded among pregnant women.

The conclusion seems to be that there are significantly more women than men living with HIV infection in sub-Saharan Africa. The ratio of women to men is not the same everywhere, and it changes over time. Current information suggests that more men than women become infected in the early stages of a heterosexual epidemic, especially in settings where a small number of sex workers rapidly become infected and in turn spread HIV to a much larger number of men. Over time the male-female gap is closed, and eventually the ratio is reversed. On average, however, the 15 studies conducted in both rural and urban areas in nine different African countries suggest that between 12 and 13 African women are infected for every 10 African men. UNAIDS/WHO estimate that, at the end of 1999, 12.2 million women and 10.1 million men aged 15-49 were living with HIV in sub-Saharan Africa.

Why more women than men are infected is not fully understood. A combination of factors are clearly involved, including the fact that HIV passes more easily from men to women through sex than from women to men. However, a prime factor is surely the difference in age patterns of HIV infection in men and women. Women tend to become infected far younger than men for both biological and cultural reasons. According to recent studies in several African populations, girls aged 15-19 are around five or six times more likely to be HIV-positive than boys their own age. The infection rate in men eventually catches up, but not until after they reach their late 20s or early 30s. Clearly, older men -- who often coerce girls into sex or buy their favours with sugar-daddy gifts -- are the main source of HIV for the teenage girls."

Armut, fehlende Gesundheit (AIDS), zu viele Menschen, Hoffnungslosigkeit, fehlende Bildung, fehlende Identität bedrohen die Familien und die Kinder in Entwicklungsländern. Aufgrund dieser Missstände sind die Eltern nicht in der Lage, ihre Kinder gut zu erziehen und ihnen ein Zuhause zu geben, die Familie hat ihre Schutzfunktion verloren und ist nicht mehr in der Lage ihren Aufgaben nachzukommen. Solange diese Missstände nicht beseitigt sind, wird sich die Situation der Kinder und Familien nicht ändern. 

Viele Probleme könnten vielleicht eingedämmt werden, z.B. AIDS, wenn Menschen Zusammenhänge, in diesem Fall von Geschlechtsverkehr und der Übertragung von AIDS verstehen würden. Aber die Menschen haben andere Denkweisen, einen anderen Hintergrund und eine andere Mentalität. dass die Menschen in Entwicklungsländern anders denken, als die in den Industrieländern trägt auch zu Problemen bei. Es ist sinnlos, ihnen Verhaltensweisen aufzudrängen, die bei uns herrschen, Hilfsprogramme mit westlichem Denkansatz durchzuführen. Wenn man nicht auf die dortigen Gegebenheiten und Menschen eingeht haben sie keine Wirkung. Deshalb muss man erst die Denkansätze und Verhaltensweisen und woher sie kommen, verstehen, auf die Menschen eingehen und mit für sie verständlichen Mitteln arbeiten, um effektive Hilfe leisten zu können.


10.6. Rechtsstatus der Frau


Während formal-rechtlich die Beschränkungen für Frauen abgebaut werden, führen die Wirtschaftskrise und religiöse wie politische Fundamentalismen zu einer neuen Ausgrenzung und Unterordnung von Frauen. Heute ist ein Gleichheitsparagraph in den Verfassungen zwar selbstverständlich, doch es wird nicht in gesellschaftliche Realität umgesetzt. Oft immunisieren Regierungen sich, im Gegenteil, damit gegen Kritik. 

In Afrika z.B. existiert neben den Gesetzen westlicher Prägung, die teils aus der Kolonialzeit ererbt, teils nach der Unabhängigkeit neu geschaffen wurden, noch ein Gewohnheitsrecht, das meist die Menschenrechte von Frauen beschneidet, besonders im Ehe-, Erb- und Besitzrecht. 

"The young age at marriage for women, the large age difference between spouses, the frequency of polygyny, the unequal work burden between the sexes, the high bride price, and the low educational level of women all combine to perpetuate the low status of women. Traditionally, the status of African women has been that of nonadults. Even in countries in which there is now legislation to protect women's rights, they suffer from de facto discrimination. Most often they have no say in their own marriage and divorce. Their husbands or other male family members have legal or de facto control over them and their children. Usually women cannot accept employment, engage in money transactions, or dispose of own income without permission from male family members. Even though African women often provide the primary or sole economic support of children, their husbands or older members of their husband's or their own family usually have the right to decide on the living arrangements, education, future occupation, and marriage partners of their children (Symposium on Law and the Status of Women, 1977)."

[Boserup, Ester: Economic and demographic relationships in development : essays. -- Baltimore [u.a.] : John Hopkins University Press, ©1990. -- ISBN 0801839300. -- S. 261]

Nach traditionellem Recht hat der Ehemann und seine Lineage Verfügung über die Fortpflanzungskraft seiner Frau, somit über die Kinder, die Früchte seiner Felder und über ihren Erlös. Die Frau hat die Pflicht, die Familie mit Nahrung zu versorgen.

Die nigerianische Frauenrechtlerin Iheoma Obibi klagt das Recht auf Information ein, das die Charta für Menschenrechte und Rechte der Völker 1981 garantiert, da Regierungen oft den weitverbreiteten Analphabetismus, die Uninformiertheit und Unwissenheit von Frauen ausnützen, um ihnen Rechte vorzuenthalten. Diese Neuerung besteht teils wegen schlechter Kommunikationsmöglichkeiten, teils wegen Angst und Abhängigkeit der Frauen von männlichen Autoritäten vielfach nur auf dem Papier. Viel Aufklärungsarbeit unter Männern wie Frauen ist erforderlich, um sie umzusetzen. Standfestigkeit und Selbstvertrauen von Frauen sind noch schwach entwickelt. 

"Frage: Haben Ihre Frauen zu Hause die gleichen Rechte wie Sie?
Soumana Natomo (Ehemann):
Der Ehemann, der Vater, steht immer höher als die Frauen. Ich genieße größeren Respekt. Ich bin das Oberhaupt der Familie, und ich stehe höher. In der muslimischen Gesellschaftsordnung stehen die Männer höher. Wenn Sie einmal erleben sollten, dass Frauen höher stehen, dann ist das nicht gut.
Welche Rolle spielen Frauen Ihrer Meinung nach in Ihrer Kultur?
Soumana Natomo (Ehemann):
Die Männer sagen den Frauen, was sie tun dürfen. Zum Beispiel ist immer der Mann dafür verantwortlich, dass die Frau gläubig ist, dass sie sich in ihrer Religion richtig verhält, und er erklärt seinen Kindern den Glauben.
Auf welche Leistungen Ihrer (beiden) Frauen sind Sie besonders stolz?
Soumana Natomo (Ehemann):
Eine der (wichtigsten) Aufgaben von Frauen ist, dass sie handeln und Geld heimbringen. Und auch darauf, dass sie Kinder haben, können sie stolz sein. Das ist auch sehr wichtig, denn wenn man im Alter keine Kinder hat, die für einen arbeiten, ist man zur Armut verurteilt.
Hätten Sie etwas dagegen, wenn Ihre Töchter nicht heirateten?
Soumana Natomo (Ehemann):
Das wäre unmöglich. Dem muslimischen Glauben nach wäre das sehr schlimm. Alle Leute würden auf sie herabschauen."

[Soumana Natomo, 41jährig, Muslim,  gemeinsamer Ehemann von Pama Kondo, 34jährig, Mutter von 5 Kindern, und Fatoumata Toure, 28jährig, Mutter von 4 Kindern, Kofrauen, Mali, Musliminen. -- Zitiert in: Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  S. 176f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


10.7. Zum Beispiel: Feminismus in Afrika


In der Enzyklopädie

Africana : the encyclopedia of the African and African American experience / editors: Kwame Anthony Appiah ... -- New York, NY : Basic Civitas, ©1999. -- ISBN 0465000711. -- [Unentbehrlich!]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}. -- S. 738ff.

schreibt Gwendolyn Mikell (Georgetown University) zum Stichwort Feminism in Africa u.a.:

"The forms of African feminism emerging in various parts of the continent do not grow out of individualism within the context of industrial societies, as did Western feminism. In the West, economic and social trends historically pushed women into more active roles in the economy, and Western feminism has focused on women's struggle for control over reproduction and sexuality. However, African women have had different experience. African feminist debates do not focus on theoretical questions, the female body, or social identity. Rather, like many of its Third World counterparts, African feminism ist distinctly heterosexual, supportive of motherhood, and focused on issues of 'bread, butter, culture, and power'. The average fertility rate in Africa has stayed near six children per woman, and this reality shapes African women's lives. The practical orientation of African feminism grows out of a cultural heritage of female integration within corporate, agrarian, and family-based societies, and a more recent history of political domination and economic exploitation by the West.

In contrast to Western feminism, which emphasizes individual female autonomy, African feminism emphasizes authentic public participation and decision making by women. The issue of African clitoridectomy is one that African women say they themselves should be and are working to resolve -- not Western women. African women are now exploring ways to incorporate their own views of women's development into African development policies and the activities of nongovernmental organizations. During the 1990s women leaders both inside and outside of government criticized the effects of national policies on women. Political leaders and the military victimized some women for their criticism of social policies: women's demonstrations were disrupted, they were jailed, their markets were burned, and they were forced out of public positions. Nevertheless, African women's experiences of the hardship of economic restructuring and the growing democratization of their societies during the 1990s have pushed them toward greater boldness in voicing their grievances and focusing attention on women's status within their societies."

"The crises in African economic and political life have caused serious hardship for women in the 1980s and 1990s, but this has also generated a new burst of African feminism. Previously, African states were hesitant to discuss women's issues and grievances publicly. However, they were not hesitant to accuse women of subversion or a lack of patriotism when their organizations demonstrated against state policies or when they lobbied international organizations to improve conditions for women. Often, African leaders targeted women when they acted collectively to protest wage cuts or artificially high food prices. Sometimes governments victimized female merchants and entrepreneurs by charging that these women were hoarding commodities or illegally producing products, and states defamed female aristocrats who offered political opposition.

It is not surprising that the economic arena has generated many defiant responses from African women and feminist organizations. Women are responsible for much of the farm work in Africa, but colonial rule and the market economy have often isolated women from sources of finance and sometimes damaged their traditional rights to own land. A result has been the concentration of resources in male hands. Women have noted that increasingly, under the pressures of the market economy, their families and lineages have fragmented. Men have divorced or delayed marriages, and men have migrated across borders seeking work in response to resource scarcity at home. During the 1980s and 1990s the International Monetary Fund and World Bank pressured African countries to implement structural adjustment programs that required cuts in health care, social services, and education. These programs harmed women and children disproportionately. But now, African women are refusing to suffer 'down on the farm.' Much of women's feminist activism in the 1990s is designed to focus state and public attention on the welfare of women and children, and to create new economic policies that are beneficial to the entire populace.

Likewise, although African women played important roles in nationalist politics or liberation struggles that brought their countries to independence, very-few were chosen as government ministers or diplomats, and most were excluded from leadership positions in political parties. Nevertheless, women in such countries as Côte d'Ivoire and Kenya used their astute knowledge to build women's political organizations that could apply pressure on political parties and begin to hold state politicians accountable to the community. The experiences of women in Cöte d'Ivoire, Ghana, Nigeria, Kenya, and South Africa provide us with examples of effective feminist action in the current period of democratization and the struggle against military rule.

Now, at the dawn of the twenty-first century African women have taken a leadership role in setting new economic and political agendas. One of the legacies of the United Nations Fourth World Conference on Women, held in Beijing in 1995, is that African women are determined to shape the policies of their countries. They have pushed for additional support for girls' education, including training for careers in industrial fields, the sciences, agriculture, or the professions, and for greater gender sensitivity in government and private sector hiring policies.

Increasingly, African women have led national dialogues about women's human rights. In West and East Africa, and also in Zimbabwe, Namibia, and South Africa, women are stepping up their campaign against sexism and exploitation. African feminists have opposed such practices as early marriage, female genital mutilation, women's exposure to acquired immune deficiency syndrome (AIDS) through unsafe sex practices, and various forms of medical neglect. In northern Nigeria and Côte d'Ivoire, as well as in South Africa and Kenya, Muslim women have argued that they can be good Muslim wives and mothers even as they pursue professional training, a role in community and regional dialogues, or public office.

African feminists today have fostered a greater awareness of the connections between gender and the political economy of the state by openly discussing the links between the public and private experiences of African women. They have challenged the reluctance to talk about gender conflicts, and they have prompted women to address collectively political actions that affect their lives. African feminists have generated a new model of what feminism is about and new femininist views on civil society, the family, and the state."

In derselben Enzyklopädie schreibt Marian Aguiar zum Stichwort Feminism in Islamic Africa u.a. (a.a.O., S. 741):

"in recent years the rise of Islam as a means asserting national and cultural identity has shaped the feminist discussion taking place within Islamic societies in Africa. Feminists have questioned wheter Islamic theology and law are inherently oppressive to women, or whether sexism lies in the ways in which the Koran and other Islamic texts have traditionally been interpreted by male-dominated institutions ranging from national governments to rural brotherhoods. They have also debated, along with their critics, whether feminism is a Western concept, and at odds with an Islamic society. 

Most feminists in and beyond Africa agree that some of the feminist victories of the 1960s through the early 1980s have been eroded since the rise of Islamic fundamentalism in the late 1980s. In Algeria, feminists fought against the Family Code legislation passed in 1984, which counteracted feminist gains concerning such issues as equal inheritance and equal divorce rights. Today women who stray outside the conservative norms dictating female dress and behaviour risk anthing from public censure to state persecution to vigilante violence, particularly in Algeria. In response, new feminist groups have sprung up in Egypt, Algeria, Morocco, and Tunisia, when working with human rights groups.

Some of these activists argue that Islamic law itself is inherently patriarchal: Islamic law recognizes only patrilineal succession, in which children inherit titles and property from their fathers, while before the advent of Islam, many sub-Saharan societies observed matrilineal succession, in which mothers and their families controlled the inheritance of titles and property. In addition, Islamic law allows fathers to have custody of their children, and allows polygamy and unilateral divorce for men only.

Other African feminists argue that Islam and feminism are potentially compatible if interpreted in a profeminist way. According to scholar Mervat Hatem, feminist activists such as Malak Hifni Nassif and Huda Shaarawi in Egypt and Bechira Mrad in Tunisia call for a 'synthesis' in contemporary Islamic society; They propose a model that would maintain the structure of traditional family life while affirming the value of women's education and employment outside the home.

Still other feminists, such as the Egyptian Nawal el Saadawi, argue that such an ideal ignores the fact that a Muslim woman's public and private lives cannot be separated. In Islamic cultures, the responsibility of maintaining tradition often falls upon women. Through childrearing, as well as her dress and conduct, a woman is expected to uphold her society's traditional values, both at home and in public. Furthermore, in many nations the norms and values of the private sphere are, in fact, encoded in civic law. Feminists have organized around these so-called Personal Status Laws since the early twentieth century. These national codes, which regulate marriage, family, and spousal relations, effectively legislate the rights of women. For example, even if a woman has a legal right to work or run for office, she may be lawfully restricted from these activities if her husband objects to them. Tunisia is often cited as the most progressive Islamic country because of its relatively liberal Personal Status Laws.

As the rise of Islamic movements has coincided with the ongoing globalization of Western media and culture, debates within the feminist community (and elsewhere) about norms and practices affecting Islamic African women have become increasingly charged. At stake, often, are claims to cultural authenticity. Three of the most controversial issues are the veil, female circumcision, and polygamy.

These and other issues have provided material for a wealth of feminist activism, scholarship, and creative work in Islamic Africa. Nawal el Saadawis now classic text The Hidden Face of Eve was a groundbreaking study from Egypt, and writers such as the Moroccan Fatima Mernissi are continuing a tradition of feminist scholarship. The lives of women in Islamic Africa have been portrayed in the fiction of authors such as Mariama Bâ from Senegal and Assia Djebar Leila Sebbar from Algeria."


11. Weiterführende Ressourcen


11.1. Yahoo Categories



11.2. Virtual Libraries


WWW Virtual Library Anthropology. -- URL: http://anthrotech.com/resources/. -- Zugriff am 2001-02-21


11.3. Organisationen


UNFPA -- United Nations Population Fund. -- URL: http://www.unfpa.org/. -- Zugriff am 2001-02-21

UNO WomenWatch : The UN Internet Gateway on the Advancement and Empowerment of Women. -- URL:  http://www.un.org/womenwatch/ . -- Zugriff am 2001-02-21

UNIFEM -- United Nations Develpment Fund for Women http://www.unifem.undp.org/. -- ["It is not acceptable for Women to constitute 70 percent of the world's 1.3 billion absolute poor. Nor is it acceptable for women to work two-thirds of the world's working hours, but earn only one tenth of the world's income and own less than one-tenth of the world's property. Many fundamental changes must be made."]. -- Zugriff am 2001-02-21

terre des femmes. -- URL: http://www.terre-des-femmes.de/. -- Zugriff am 2001-02-21


11.4. Andere Internetressourcen


Schwimmer, Brian: Kinship and social organization : an interactive tutorial. -- URL: http://www.umanitoba.ca/anthropology/kintitle.html. -- Zugriff am 2001-02-21


11.5. Ressourcen in Printform


Africana : the encyclopedia of the African and African American experience / editors: Kwame Anthony Appiah ... -- New York, NY : Basic Civitas, ©1999. -- 2095 S. : Ill. -- ISBN 0465000711. -- [Unentbehrlich!]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

The challenge of local feminisms : women's movements in global perspective / ed. by Amrita Basu. -- Boulder [u.a.] : Westview, ©1995. -- 493 S. : Ill. -- ISBN 0813326281. -- [Sehr interessante Übersicht]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Coontz, Stephanie: The way we never were : American families and the nostalgia trap. -- New York, NY : BasicBooks,  ©1992. -- 391 S. -- ISBN 0465090974. -- [Gegen Sozialromantik. Sehr lesenswert!]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Culture and human sexuality : a reader / ed. by David N. Suggs ... -- Pacific Grove, CA : Brooks/Cole, ©1993. -- 496 S. -- ISBN 0543169988

Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology / ed. by Alan Barnard ...-- London [u.a.] : Routledge, ©1996. -- 658 S. -- ISBN 041520318X. --  [Empfehlenswert!]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Ethnologische Frauenforschung : Ansätze, Methoden, Resultate / Brigitta Huser-Schäublin (Hg.). -- Berlin : Reimer, ©1991. -- 331 S. : Ill. -- (Ethnologische Paperbacks). -- ISBN 3496004924. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Die Familie : eine Kulturgeschichte der Familie / hrsg. von Ingeborg Weber-Kellermann. -- Frankfurt a. M. [u.a.] : Insel, 1996. -- 347 S. : Ill. -- (insel taschenbuch ; 1839). -- ISBN 3458335390. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Fox, Robin <1934 - >: Kinship and marriage : an anthropological perspective. -- Harmondsworth : Penguin, ©1967. -- 271 S. : Ill. -- (Pelican books). -- [Sehr klare Einführung]. -- Nachdruck: Cambridge University Press. -- ISBN 0521278236. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Frauen dieser Welt / Hrsg. Faith D'Aluisio ... 2. Aufl. -- München : Frederking und Thaler, 1999. -- 156 S. : Ill. -- ISBN 3894055111. -- Originaltitel: Women in the material world (1996). --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Fuchs, Peter: Das Antlitz der Afrikanerin. -- Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt, ©1966. -- 247 S. : Ill. -- [Bildband]

The gender / sexuality reader : culture, history, political economy / ed. by Roger N. Lancaster ... New York [u.a.] : Routledge, ©1997. -- 574 S. -- ISBN 0415910056. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Hanak, Ilse: Frauen in Afrika : "... ohne uns geht gar nichts". -- Frankfurt a. M. : Brandes und Apsel, 1995. -- 372 S. : Ill. -- ISBN 3860991345

A home divided : women and income in the Third World / ed. by Daisy Dwyer ... -- Stanford, CA : Stanford University Press, ©1988. -- 289 S. -- ISBN 0804722137. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Kinship : selected readings / ed. by Jack Goody. -- Harmondsworth : Penguin, ©1971. -- 395 S. -- (Penguin books). -- [Reader]

Lexikon Dritte Welt / hrsg. Dieter Nohlen. -- Vollständig überarbeitete Neuausgabe. -- Reinbeck : Rowohlt, ©2000. -- (rororo ; 16527). -- 869 S. -- ISBN 3499606844. -- [sehr empfehlenswert]. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Maquet, Jacques: Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen in Afrika. - München : Kindler, 1971. -- 256 S. : Ill. -- (Kindlers Universitätsbibliothek). -- Originaltitel: Societé et pouvoir en Afrique

Mead, Margaret <1901 - 1978>; Heyman, Ken: Family. -- New York : Macmillan, ©1965. -- 208 S. : Ill. -- [Klassiker. Mit zahlreichen Fotografien]

Mir-Hosseini, Ziba: Marriage on trial : a study of Islamic family law, Iran and Morocco compared. -- London [u.a.] : Tauris, ©1993. -- 245 S. -- (Society and culture in the modern Middle East). -- ISBN 1860641822

Pasternak, Burton ; Ember, Carol R. ; Ember, Melvin: Sex, gender and kinship : a crooss-cultural perspective. -- Upper Saddle River, NJ : Prentice Hall, ©1997. -- 324 S. : Ill. -- ISBN 0132065339. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Seager, Joni ; Olson, Ann: Der Frauenatlas : Daten, Fakten und Informationen zur Lage der Frauen auf unserer Erde. -- Frankfurt a. M. : Fischer, ©1986. -- 128 S. : Ill. -- (Fischer Taschenbuch ; 4558). -- ISBN 3596245583. -- Originaltitel: Women in the world : an international atlas (1986)

Seager, Joni: The state of women in the world atlas. -- New revised 2. ed. -- London [u.a.] : Penguin, ©1997. -- 128 S. : Ill. -- ISBN 0140513744. -- [Sehr informativ]. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

To have and to hit : cultural perspectives on wife beating / ed by Dorothy Ayers Counts ... -- 2. ed. -- Urbana, IL [u.a.] : University of Illinois Press, ©1999. -- 315 S. -- ISBN 0252067975. --  [Über einen der grausamsten Aspekte des Verhältnisses Mann - Frau]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}

Van den Berghe, Pierre L.: Human family systems : an evolutionary view. --- Prospect Heights, IL : Waveland, 1980. -- 254 S. : Ill. -- ISBN 088133510X

Vivelo, Frank Robert: Handbuch der Kulturanthropologie: eine grundlegende Einführung. - - München : dtv, 1988. - 357 S. : Ill. -- ISBN 3-423-04470-5. -- Originaltitel: Cultural anthropology : a basic introduction (1978)

Wernick, Robert: Die Familie / von Robert Wernick und der Redaktion der Time-Life-Bücher. -- Amsterdam : Time-Life, ©1976. -- 176 S. : Ill. -- (Menschliches Verhalten)

Wichterich, Christa: Frauen der Welt : vom Fortschritt der Ungleichheit. -- Göttingen : Lamuv, 1995. -- 239 S. -- ISBN 3889774016. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}


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