Einführung in

Entwicklungsländerstudien

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21. Kernprobleme: Wohnen


verfasst von Martina Gottschick

herausgegeben von Margarete Payer

mailto: payer@hdm-stuttgart.de


Zitierweise / cite as:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil II: Kernprobleme. -- Kapitel 21: Wohnen / verfasst von Martina Gottschick. -- Fassung vom 2001-02-22. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw21.htm. -- [Stichwort].

Erstmals publiziert: 1999-09-06

Überarbeitungen:  2001-02-22

Anlass: Lehrveranstaltung "Einführung in Entwicklungsländerstudien", HBI Stuttgart, 1998/99

Unterrichtsmaterialien (gemäß § 46 (1) UrhG)

©opyright: Dieser Text steht der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Verwertung in Publikationen, die über übliche Zitate hinausgeht, bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Herausgeberin.

Dieser Text ist Bestandteil der Abteilung Entwicklungsländer von Tüpfli's Global Village Library.


Skript, das von den Teilnehmern am Wahlpflichtfach "Entwicklungsländerstudien" an der HBI Stuttgart erarbeitet wird.


0. Übersicht



1. Einleitung


Generell lassen sich zwei Formen des Wohnens bzw. Siedelns unterscheiden: 

Der Nomadismus lässt sich in den Vollnomadismus und Halbnomadismus untergliedern. 

Bei dem Vollnomadismus ist der geschlossene Familienverband mitsamt dem Hausrat und Zelten das ganze Jahr über mit den Herden unterwegs, nur zeitweise trennen sich vom Familienverband Gruppen.  Die Routen sind festliegende traditionelle Wanderwege. 

Dagegen wandert beim Halbnomadismus nur ein Teil der Familie. Zu den Hauptverbreitungsgebieten des Nomadismus zählen die Halbwüste, Steppen und Savannen Nordafrikas, Vorder- und Zentralasiens.

Andrerseits gibt es die Sesshaftigkeit, die sich durch einen ständigen Wohnsitz auf dem Land oder in der Stadt auszeichnet. 

Obwohl ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung der Entwicklungsländer im ländlichen Raum wohnt, und obwohl die Landflucht vor allem darauf beruht, dass trotz Slums usw. die Lebensbedingungen in Städten von den Betroffenen oft als besser angesehen werden, werden in  vielen Büchern über Entwicklungsländer besonders die Probleme der städtischen Siedlungen hervorgehoben, auf die auch ich mich im Folgenden verstärkt konzentrieren möchte. Gibt es auch feine Unterschiede in der Terminologie dieser Siedlungen, sie werden Slums, unregulierte Siedlungen, Elendsviertel, barrio (spanisch = Stadtviertel), favelas (Bezeichnung für Elendsquartiere brasilianischer Großstädte) genannt, so ergeben sich doch dieselben Grundprobleme.


2. Grundprobleme


Die Qualität des Wohnens zeichnet sich durch eine Vielzahl von Faktoren aus. Zum einen sind es Faktoren, die die Behausungen betreffen, zum anderen trägt die Infrastruktur ein erhebliches Maß dazu bei. 

Die folgende Tabelle stellt die Diskrepanz der Industrieländer zu den Entwicklungsländern dar und gibt einen Einblick über die problematische Wohnsituation in den Entwicklungsländern.

Tabelle: Vergleichende Daten zur Wohnsituation in einigen Industrie- und
Entwicklungsländern:

Land Wohnraum / Person % der Bev. mit Zugang zu sicherem Wasser % der Bev. mit Zugang zu Entsorgung
insges.
 75/80
insges.
90/95
ländl.
90/95
städt
90/95
insges.
90/95
ländl.
90/95
städt.
90/95
Kanada (81)*  1,78 96,0(71) 99,5(81) 97,5 99,8 99,1 96,9 99,6
BRD (West) (78)* 1,84 99,7(68) ... ... ... 100.0(78) ... ...
Japan (78)* 1,24 92,7(78) ... 84,5 95,0 99,7 100,0 99,7
Uruguay (75) 0,98 ...  ... 5,0 85,0 61,0 65,0  60,0
Ungarn (80)* 0,96  ... 99,0(85) 100,0 98,0 99,0 98,0 100,0
Kuba (81)* 0,92 ... 93,0 85,0 96,0  66,0 51,0 71,0
Syrien (70) 0,78 ... 85,0 78,0 92,0 83,0 82,0 84,0
Brasilien (72) 0,75 62,0 87,0 ... ... 83,0 ... ...
Südkorea (80) 0,53 66,0 93,0 76,0 100,0 100,0 100,0 100,0
Kolumbien (75) 0,44 64,0 87,0 74,0 98,0 63,0 33,0 76,0
Sri Lanka (81)  0,44  19,0 53,0 49,0 87,0 61,0 60,0 67,0
Guatemala (73) 0,37 39,0 62,0 43,0 92,0 60,0 52,0 72,0
Marokko (71) 0,34 ...  55,0 18,0 94,0 41,0 18,0  69,0
Thailand (76) 0,32 25,0 86,0 87,0 98,0 74,0 72,0 80,0
Mexiko (70)  0,31 62,0 83,0 62,0 91,0 50,0 17,0 70,0
Indien (71) 0,31  31,0 81,0 79,0 85,0 29,0 14,0 70,0
Pakistan (80) 0,23 25,0 79,0 71,0 96,0 33,0 19,0 62,0

[Vorlage der Tab.: Hein, Wolfgang: Unterentwicklung : Krise der Peripherie ; Phänomene, Theorien, Strategien. --  Opladen : Leske, 1998. -- ISBN 3810016632. --  S. 32. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Quellen:


2.1. Infrastruktur und äußere Gegebenheiten


2.1.1. Sanitäre Einrichtungen


Beim Zugang zu Sanitäreinrichtungen gibt es eine weite Spannbreite. So haben immerhin in den Entwicklungsländern 74% der städtischen Bevölkerung, aber nur 22% der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Sanitäreinrichtungen. Besonders in Südasien ist der Prozentanteil insgesamt, also der Zugang der Gesamtbevölkerung zu Sanitäreinrichtungen, mit 33% extrem gering. Diese Zahl ergibt sich aus dem Zugang der städtischen Bevölkerung mit 71% und der ländlichen Bevölkerung mit 19%. [Quelle: UNICEF: "Kinderarbeit 1997", 1996, S.174]

Jedoch zählen die Sanitäreinrichtungen, also Waschgelegenheiten und Toiletten, zu den Grundgegebenheiten für menschenwürdiges Wohnen. Sind keine vorhanden, so stellt die mangelnde Hygiene vor allem in unregulierten Siedlungen, Slums und Elendsvierteln ein gesundheitliches Risiko dar. Häufige Folgen sind Darm- und Durchfallerkrankungen, die insbesondere für Kinder oft tödlich enden. 

Unterschiedlichste Latrinen existieren und wurden entwickelt, um diesem Mangel entgegenzuwirken. Insgesamt gibt es etwa 20 verschiedene Systeme, die an die unterschiedlichen Bedürfnisse angepasst worden sind.

Folgendes sind die wichtigsten Toilettentypen:

Keine Toilette
 
Benutzung von Straßenrand, freien Flächen, Gebüsch, Gewässern usw. Evtl. Vergraben ("Katzenmethode")

In ländlichen Gebieten vorwiegende Methode, auch in manchen Städten weit verbreitet

Einfache Trockengrubenlatrine

am weitesten verbreitete Bauweise

Entlüftete Trockengrubenlatrine (VIPL -- ventilated imroved pit latrine)

Abzugsrohr kann als Fliegenfalle dienen

Spültoilette mit geringem Wasserverbrauch (PFL -- pour-flush latrine)

Konventionelles WC

kann an Faulgrube mit Drainage oder an Schwemmkanalisation angeschlossen werden

Bauanleitung für Wasserklosett

Sickergrube

[Vorlage der Abb.: WHO nach: Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern : medizinisches Handeln aus bevölkerungsbezogener Perspektive / H. J. Diesfeld ... -- Berlin [.u.a.] : Springer, ©1997. --ISBN 3540611568. -- S. 94, dort Quellenangabe. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen} und: Werner, David ; Thuman, Carol ; Maxwell, Jane: Where there is no doctor : a village care handbook. -- Revised ed. -- London : Macmillan, 1993. -- ISBN 0333516516. -- S. 137ff. -- {Dieses Buch ist erhältlich von: The Hesperian Foundation. -- URL: http://www.hesperian.org/. -- Zugriff am 2001-02-22} und: Village Technology handbook / VITA. -- Rev. ed. -- Mt. Rainier : VITA, 1975. -- S. 156]

Die am meisten verwendete Latrinenart sind die "VIP"6- Latrinen. Sie sind am billigsten, sehr leicht zu handhaben und kommen überwiegend in ländlichen Gebieten vor. Sie besteht aus einer Grube, einer Plattform und einem Überbau. An der Seite ist ein Rohr befestigt, welches der Luftzirkulation dient. Vorteile dieser Konstruktion sind:

Die Nachteile der "VIP"-Latrinen:

[Vgl. dazu: The poor die young / ed. by Sandy Cairncross ... --  London : Earthscan, ©1990. -- ISBN 1853830194. -- S. 134]

Außerdem gibt es Latrinen mit Wasserspülung, die in den asiatischen Ländern traditionell verwendet werden und daher weit verbreitet sind. Voraussetzung ist eine ausreichende Wasserversorgung, da die Wassermenge, je nach Art, zwischen 2-3 und 8-20 Litern variieren kann. Zu unterscheiden sind die mechanischen Spülsysteme und Wasserspülung per Hand. 


2.1.2. Qualität und Quantität des Wassers


Wasser gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Neben der Wasserqualität spielt die Quantität eine ebenso wichtige Rolle. Zum einen ist Trinkwasser überlebenswichtig, zum anderen ist Wasser unabdingbar für die Reinigung und Hygiene. Obwohl sich die Wasserversorgung in den Entwicklungsländern in den letzten Jahren erheblich verbessert hat, ist sie dennoch nicht ausreichend. Wasserleitungen sind in den erschlossenen Gebieten vorhanden oder aber die reichere Bevölkerung lässt sich ihre eignen Wasserleitungen legen. Somit sind vor allem die Unterkünfte in den illegalen Siedlungen der Städte und in den ländlichen Regionen ohne Wasserleitungen ausgestattet. Folglich müssen die Leute ihr Wasser aus Flüssen und Quellen beziehen. Oft sind dies weite Wege, welche in Relation zu einem geringerem Wasserverbrauch stehen. Hinzu kommen die "ungeklärten Einleitungen von Industrie- und Agrargiften, die die Oberflächengewässer [im Hinterland vergiften]." [Armut : ein Sach- und Lesebuch / hrsg. Misereor ... -- Bad Honnef : Misereor, 1998. -- ISBN 388916157X. --  S.28]

In den Städten gibt es auch öffentliche Wasserhähne bzw. Pumpen. Jedoch bilden sich durch den Wassermangel und die unregelmäßige Betriebszeiten der Wasserversorgungssysteme häufig lange Warteschlangen davor. Die Leute sind teils so frustriert, dass sie vandalieren, was eine konstante Wasserversorgung noch weniger möglich macht. Jedoch nicht nur die ärmeren Bevölkerungsschichten begehen illegale Handlungen, sondern auch die reichen Leute zapfen Hauptleitungen an, wenn der Wasserdruck zu gering ist. Außerdem sind die Rohre oft schlecht verlegt, durch Erdrutsche können diese zerstört werden und durch die improvisierten Leitungen ist der Wasserverlust extrem hoch.

Bei enormen Wassermangel bleibt den Armen häufig nichts anderes übrig als ihr Wasser aus Abwasserkanälen zu beziehen oder aber von Straßenhändlern zu kaufen. Diese Verkäufer berechnen das Wasser meist eimerweise und zu überhöhten Preisen. So kostet z.B. in Jakarta ein Liter sauberes Wasser mehr als ein Liter Benzin.

Der Mangel an Wasser führt somit zum einen zu einer unzulänglichen Hygiene, welche wiederum Infektionskrankheiten fördert. Zum anderen muss ein großer Teil des Einkommens für Wasser ausgegeben werden, so dass der Betrag für Lebensmittel schrumpft, was die Menschen in einen labilen Ernährungszustand versetzt. Ein weiteres gesundheitliches Risiko stellt das nicht ausreichend geklärte Trinkwasser dar. So ist es nicht verwunderlich, wenn nach den Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 80% der Krankheiten auf den Genuss von Schmutzwasser und auf mangelnde Hygiene zurückzuführen sind. [Armut : ein Sach- und Lesebuch / hrsg. Misereor ... -- Bad Honnef : Misereor, 1998. -- ISBN 388916157X. --  S.28]


2.1.3. Müllbeseitigung


Schätzungsweise 30-50% des Abfalls, welcher in den städtischen Zentren erzeugt wird, bleibt uneingesammelt. Die ärmeren Stadteile besitzen keine oder nur eine unzulängliche Müllabfuhr. Dafür gibt es mehrere möglichen Gründe:

  1. Besonders die Siedlungen, die von der Stadtverwaltung als illegal betrachtet werden, werden von den öffentlichen Dienstleistungen ausgeschlossen. Sie besitzen keinerlei Anspruch auf eine Müllabfuhr.
  2. Die Städte sind selbst so arm, dass ihre Haushaltsgelder nicht ausreichen, um die öffentlichen Dienstleistungen zu bezahlen. So dass der Müll zum größten Teil nur von privaten Firmen eingesammelt wird.
  3. Das Einsammeln des Mülls ist in den ärmeren Gebieten unrentabel. Die Bevölkerung wirft meist nur solche Abfälle weg, die zum Recycling und Weiterverkauf ungeeignet sind. 
  4. Als letzter Grund sei noch anzuführen, dass die ärmeren Stadteile oft für Fahrzeuge unerreichbar sind. Es fehlen die Verbindungsstraßen und auch der Platz zwischen den Häusern ist zu eng, um mit einem Fahrzeug durchzukommen.

Aufgrund des Platzmangels in den Städten bleibt der Müll oft dicht neben den Behausungen liegen, wo er den Ratten und Aasfressern als Nahrung dient. Diese Müllberge bieten einen optimalen Nährboden für Krankheitserreger. Häufig blockiert der Abfall auch Abwasserkanäle, so dass es zu Überschwemmungen kommt. Zusätzlich stellen die Müllberge ein erhöhtes Brandrisiko dar.

Der Abfall birgt jedoch auch eine Einkommensquelle für viele ärmeren Haushalte. Insbesondere Frauen und Kinder sammeln Glas, Plastik, Metall, Papier und Lumpen ein, um diese weiterzuverkaufen. Entweder ziehen sie von Tür zu Tür und sammeln den Abfall ein oder sie gehen auf die großen Müllhalden der Städte. Durch den direkten Kontakt mit den Bakterien, setzen sie sich einem besonders hohen Gesundheitsrisiko aus.

Abb.: Siedlung an Müllhalle von Rabat, Marokko 
"Looking for one's dinner amongst the garbage ... we have thus learned to fight with dogs and negotiate with crows ..."

[Quelle der Abb. und der Bildlegende ist das sehr eindrucksvolle Buch: Dayot, Liliane: Maroc : amnésie internationale = Morocco : international amnesia. -- Paris : Paris-Méditerranée, ©1999. -- ISBN 2842720636. -- S. 47]


2.1.4. Kanalisation


Die Wasserentsorgung stellt ein weitaus größeres Problem in der bestehenden Infrastruktur der Entwicklungsländer dar, als die Wasserversorgung. Wie man in der Tabelle oben sehen kann, ist die Wasserentsorgung besonders in den ländlichen Gebieten Pakistans, Indiens und Mexikos mangelhaft. Ein Grund dafür sind die weit verstreuten Siedlungen, denen die Regierungen keine Aufmerksamkeit schenkt. Die Erschließungskosten wären immens. Dagegen werden Investitionen in den Städten getätigt.

Dort ergeben sich andere Probleme. Illegale Siedlungen entstehen meist auf unbrauchbarem Land, wodurch die Errichtung eines Kanalisationssystems erschwert wird. Schlechte Böden behindern das Verlegen der Rohre. Zudem sind die willkürlich gebauten Häuser hinderlich beim Bau und bei der Planung. Außerdem können Erosionen oder liegengelassener Müll die bestehenden Kanalisationssysteme beschädigen oder verstopfen. Hinzu kommen heftige tropische Niederschläge, deren Wassermenge die Abwassersysteme nicht auffangen können. Die Folge davon sind Überschwemmungen, beschädigte Häuser und ein erhöhtes Gesundheitsrisiko der Anwohner. Denn das Abwasser, welches Spülwasser, Exkremente etc. beinhalten kann, ist ein optimaler Herd für Infektionskrankheiten. Die Berührung führt zu Infektionen von denen Kinder besonders betroffen sind, da sie häufig im Wasser spielen oder baden. Ein weiteres Problem stellt die hohe Bevölkerungsdichte in diesen Gebieten dar, die die Ansteckungsgefahr erhöht. 

Abb.: Gefahren von infolge mangelhafter Kanalisation stehendem Niederschlagswasser (Regenzeit!)

[Vorlage der Abb.: The poor die young / ed. by Sandy Cairncross ... --  London : Earthscan, ©1990. -- ISBN 1853830194. -- S. 160]


2.1.5. Gesundheitszentren 


Auf die Gesundheitsdienste soll hier nur kurz eingegangen werden, da sie ausführlich im Kapitel Gesundheit dargestellt werden. Im Bereich des Wohnens sind wiederum die Nähe und Erreichbarkeit der Gesundheitszentren bestimmende Faktoren.

In einer Vielzahl von Fällen kommt es vor allem auf eine schnelle medizinische Versorgung an. Doch gerade dieser Bereich stellt oft eines der größten Hindernisse dar. In den ländlichen Regionen fehlt es an der medizinischen Basisversorgung. Krankenhäuser und Arztpraxen findet man meist nur in den größeren Städten vor. Ein Teilgrund dafür ist, dass die einheimische Ärzteschaft es bevorzugt in den lukrativeren Ballungszentren zu arbeiten. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Versorgung in der Stadt reibungslos abläuft. Wiederum sind die illegalen Siedlungen besonders betroffen. Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge können nicht zu der Unfallstelle gelangen, da es weder geteerte Straßen noch Platz für die Fahrzeuge gibt. Andrerseits fehlt den Bewohnern auch das Geld, um die Arztkosten bezahlen zu können. Oft scheitert die medizinische Behandlung auch an Kleinigkeiten, fehlt ein Ausweis, wird die Aufnahme verweigert.

Lebensrettende Maßnahmen werden also aufgrund von physikalischen, logistischen, finanziellen, gesetzlichen, sozialen und kulturellen Gründen beschränkt. Für die Menschen endet das deswegen oft tödlich.


2.1.6. Verkehrsinfrastruktur


Durch das rapide Stadtwachstum der letzten Jahre ist eine Stadtplanung beinahe unmöglich geworden. Oftmals ist die Stadtverwaltung nicht mehr in der Lage, sich ausreichend um die Infrastruktur zu kümmern. So fahren z.B. in Paraguay "buchstäblich Museumsbahnen, [ ], die kaum dem modernen Verkehr gewachsen sind." Oder aber "indische Bahnen bleiben stehen, weil der Strom fehlt, weswegen Kohle nicht zu den Elektrizitätswerken transportiert werden kann, weswegen Strom fehlt." [Wolff, Jürgen H.: Entwicklungspolitik, Entwicklungsländer : Fakten, Erfahrungen, Lehren. --  München : Olzog, 1998. -- ISBN 378828761X. --  S. 55, 62] Daraus wird sichtbar wie schwierig es ist aus solchem Kreislauf herauszukommen. Verspätungen, überfüllte Busse und U-Bahnen gehören zur Tagesordnung. Daher treten an die Stelle der Stadtverwaltungen private einflussreiche Unternehmen, die sich u.a. mit dem Bau von Hochstraßen, Stadtautobahnen und U-Bahnen kümmern. Häufig ist der Bau mit einer Auflösung billigen Wohnraums verbunden, worunter die arme Bevölkerung wiederum zu leiden hat.

Ein weiteres Problem stellt die starke Zunahme der Kraftfahrzeuge dar. Viele Hauptverkehrsstraßen sind dadurch so überlastet, dass das tägliche Verkehrschaos und die Staus in den Großstädten zur Gewohnheit geworden sind. Hinzu kommt, dass die Kraftstoffe reichlich Blei und Schwefel enthalten, was zu einer überhöhten Luftverschmutzung führt. So wurden schon zwischen 1980 und 1984 an 294 Tagen im Jahr in Delhi die WHO Höchstwerte für Ruß überschritten. Es ist also nicht verwunderlich, wenn die Verkehrspolizisten dort Atemschutzmasken tragen müssen und die Anzahl an Atemwegserkrankungen höher ist als üblich.

Lösungsansätze lassen sich in São Paulo finden, wo es ein Autoverbot bei Smog gibt und die Busse mit umweltfreundlichen Methan fahren.


2.1.7. Energie


Ähnlich wie bei der Wasserversorgung ist keine oder nur eine unregelmäßige Stromversorgung vorhanden. 

In den ländlichen Regionen existieren meist keine Stromnetze, da die Erschließungskosten sehr hoch sind. Die Bevölkerung sammelt Biobrennstoffe wie z.B. Dung und Holz, die zum Feuermachen verwendet werden. Das Sammeln ist jedoch sehr zeitintensiv und kann zu Umweltschäden führen, wird das Holz verbraucht und keine Aufforstung betrieben.
In den Großstädten fehlen diese Biobrennstoffe, hier findet man sich vor einer anderen Situation wieder. Als Beispiel sei das Armenviertel in Salvador da Bahia im Nordosten Brasiliens genannt. Sechzehn Jahre hat die Präfektur gebraucht die Siedlung ans städtische Stromnetz anzuschließen. Davor haben die Bewohner provisorische Leitungen verlegt und das Stromnetz illegal angezapft. Jedes Haus wurde von der Stromgesellschaft an das Stromnetz angeschlossen und mit Stromzähler ausgestattet. Durch die offizielle Stromversorgung sind die Probleme jedoch nicht gelöst. Nun stellen die Erschließungskosten sowie die hohen Gebühren eine so große finanzielle Belastung dar, dass die Bewohner wieder zu den illegalen Leitungen zurückkehren. [Armut : ein Sach- und Lesebuch / hrsg. Misereor ... -- Bad Honnef : Misereor, 1998. -- ISBN 388916157X. --  S. 118ff.]


2.2. Beschaffenheit der Häuser


Gardi schreibt in seinem Buch "Auch im Lehmhaus lässt sich's leben", dass jedes Haus ein Spiegelbild seiner Bewohner sei (S. 7). Dieser Satz beschreibt treffend den Gebrauch der Baumaterialien, Umgang mit Raum und Wohnfläche, Einrichtung und Ausstattung und den Standort die im Folgenden genauer zu betrachten sind.


2.2.1. Baumaterialien


Grundsätzlich kommen so gut wie alle Materialien als Baustoff in Frage:

Welche Baustoffe verwendet werden, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, wie z.B.

Die Vielfalt an Baumaterialien lässt sich nach Heinz Frick [Existenzminimumhäuser für die Tropen. -- 1985. -- ISBN 3905453118. -- S. 21]  in fünf Hauptgruppen gliedern:

  1. Regenerative Baustoffe: Dazu zählen alle pflanzlichen und tierischen Rohstoffe, welche durch einen natürlichen geschlossenen Kreislauf dem Bedarf entsprechend angebaut und erzeugt werden können. Diese werden überwiegend bei den traditionellen Bauweisen verwendet, da sie in der unmittelbaren Umgebung vorkommen und zudem bei ihrer Auf- bzw. Verarbeitung einen geringen Energieaufwand benötigen. 

    Eines der wichtigsten regenerativen Baustoffe ist Holz. Es ist vielseitig einsetzbar, so kann man es als Pfosten, Träger, Balken, Boden oder auch für die Dachkonstruktion verwenden. Die Bretter eignen sich als Wände und für Schalungen oder werden zu Fenstern und Türen weiterverarbeitet.

    Daneben sind Bambus, Stroh, Schilf und Blätter in den Entwicklungsländern wichtige Baustoffe. Zum einen sind dies sehr billige Materialien, zum anderen lassen sie sich leicht verarbeiten. Bambus ist ebenso breit einsetzbar wie Holz, dagegen werden Stroh, Schilf und Blätter vorwiegend für die Dachdeckung und als Wände verwendet. 
    So bestehen die Häuser im Pfahlbaudorf Ganvié (am Nordwestrand des Nokwé-Sees im Süden von Dahomey in Westafrika) überwiegend aus regenerativen Baustoffen. "Die Pfosten, welche die Plattform tragen und die Hauskanten bilden, sind währschafte Baumstämme, [...]. Wichtigstes Baumaterial für das Haus sind dann die Palmblattrippen und gespaltene Bambusstäbe, die mit Pflanzenfasern aller Art zusammengehalten werden." [René Gardi: "Auch im Lehmhaus lässt sich´s leben", 1973, S.47] Die Seitenwände bestehen aus aneinandergereihten Stäben, welche eine gute Luftzirkulation ermöglichen. Das Dach besteht aus Gras und schützt die Bewohner vor Sonne und Regen. 

    Abb.: Schilfhaus, Uru-Indios, Titicacasee, Peru

    Abb.: Strohhaus, Äthiopien

    Abb.: Gästehaus der Ma'dan, Irak: Riesenschilf als Trägerstruktur, Verkleidung aus Schilfmatten

    [Quelle der Abb.: Stulz, Roland ; Mukerji, Kiran: Appropriate building materials : a catalogue of potential solutions. -- Rev., enlarged ed. -- St. Gallen : SKAT, 1998. ISBN 3908001447. -- S. 91, dort Quellenangabe]
  2. Natürliche Recycling-Baustoffe: Sind nicht regenerierbare Baustoffe, die bei entsprechender Verarbeitung wiederverwertet werden können. Zu ihnen zählen Erde, Lehm und Natursteine.

    Erde wird häufig zur Wandkonstruktion verwendet. Eignet sich aber nur in trockenen, heißen Klimazonen, da sie längeren Regenfälle nicht standhalten kann. Außerdem ist sie weder Termiten- noch Erdbebenbeständig.

    Lehm (d.h. Ton gemischt mit Sand, kleineren Gesteinsbruchstücken oder Kalk) ist ein besonders guter Baustoff. Er besitzt folgende Eigenschaften: gute Wärmehaltung, Schalldämmung, Feuerbeständigkeit und Nagelbarkeit. Zudem ist er ein kostengünstiger Baustoff. Lehm wird ebenso wie die Erde für die Wandkonstruktion eingesetzt, wobei sich drei unterschiedliche Bauweisen unterscheiden lasse. Beim Lehmsteinbau werden die Lehmsteine per Hand hergestellt und in der Sonne getrocknet, beim Lehmstampfbau wird der Lehm in Schalungen gestampft und beim Tragerippenbau wird er als Füllmaterial für das Gerippe aus Holz oder Bambus verwendet. Häufig werden dem Lehm auch noch Zusatzstoffe beigemischt, um seine Eigenschaften zu verändern. Oder aber der Ton wird zu Ziegeln gebrannt, wodurch die Qualität verbessert wird.

    Abb.: Verwendungsmöglichkeiten von Lehm bzw. Erde im Bau

    [Quelle der Abb.: Stulz, Roland ; Mukerji, Kiran: Appropriate building materials : a catalogue of potential solutions. -- Rev., enlarged ed. -- St. Gallen : SKAT, 1998. ISBN 3908001447. -- S. 10, dort Quellenangabe]

    Natursteine lassen sich in Hartgesteine wie z.B. Granit, Syenit,... und Weichgesteine wie z.B. Sandsteine, Kalksteine,... unterscheiden. Natursteine sind vielseitig einsetzbar. Sie sind geeignet als Fundierungen, Mauerwerk, Stützen, Einfassung sowie für die Dachdeckung.

  3. Künstliche Recycling-Baustoffe: Werden aus den in anderen Bereichen anfallenden Abfällen oder aus Verpackungsmaterialien hergestellt.
  4. Naturnahe, industriell gefertigte Baustoffe: Umfassen den Bereich der gebrannten Steine und Ziegeln sowie die Gruppe der kaltgepressten Steine.
  5. Glas, Metalle und Kunststoffe: Sind künstliche Baustoffe deren Herstellung große Energiemengen verbraucht.

    Zu den künstlichen Baustoffen gehören u.a. Beton und Zementprodukte sowie Metalle (Wellblech!), deren Herstellung jedoch sehr aufwendig ist. Kunststoffe lassen sich durch ihre veränderbaren molekularen Eigenschaften vielfältig einsetzten so eignen sich beispielsweise Termoplasten als Abwasserrohre, Duroplasten als Kunststoffprofile und Abwasserrohre und Elastomere als Isolierschaum und Dichtung.

Im allgemeinen lässt sich zwischen den traditionellen Bauweisen und den modernen unterscheiden. Die verschiedenen Baumaterialien sind dabei eine Kostenfrage. Traditionelle Bauweisen verwenden Materialien, die man in der Umgebung vorfindet (bzw. vorfand so lange man z.B. im Wald einfach Holz schlagen konnte). Dahingegen benötigen die neuen Baustile- Hochhäuser etc. - meist Materialien, wie Beton, Zement, etc.. Diese müssen häufig importiert werden und sind zudem auch noch häufig ungeeignet für das Klima. Dennoch fördern die Regierungen solche Projekte und entfremden die Bewohner dadurch von ihrer Kultur und ihrem Lebensstil. Daneben stellen jedoch auch durch die Ausrichtung an den Industrieländern Häuser in westlich gebauten Stil- also auch aus dementsprechenden Materialien- ein Prestigeobjekt dar.

Auch hier sei wieder auf die Slums in den Städten hingewiesen, denen weder natürliche Baurohstoffe aus der Umgebung zur Verfügung stehen und die sich die "westlichen" Baustoffe nicht leisten können. Für sie besteht nur die Möglichkeit sich eine Bleibe aus Pappkartons, Stoffen, Plastik, Holzlatten, Blech, etc. zusammenzubauen. "Diese bieten jedoch nur einen begrenzten Schutz gegen normale Witterungserscheinungen und können extremen Belastungen kaum Stand halten" [Hein, Wolfgang: Unterentwicklung : Krise der Peripherie ; Phänomene, Theorien, Strategien. --  Opladen : Leske, 1998. -- ISBN 3810016632. --  S. 31. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}] 


2.2.2. Raum und Wohnfläche


Die Raum und Wohnfläche kann sehr stark variieren. Wie die Tabelle zeigt gibt es zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländer besonders starke Unterschiede. So besitzt in Kanada durchschnittlich jede Person fast zwei Räume, wo hingegen sich in Pakistan 1980 mehr als vier Menschen einen Raum teilen mussten. Die Extreme nennt sich "bed spacer": in Manila teilen sich mehrere Personen schichtweise ein Bett! Man kann davon ausgehen, dass diese Zahlen heute noch weiter auseinander klaffen, dass sich der Lebensstandard in den westlichen Ländern weiter gesteigert hat. Zu berücksichtigen sei auch noch, dass die Größe der Wohnräume von Land zu Land doch recht unterschiedlich groß sind. Man kann also davon ausgehen, dass sich das Leben in den ärmeren Gegenden der Entwicklungsländern vor allem außerhalb der Häuser abspielt.


2.2.3. Weitere Gesichtspunkte


Würde man die unterschiedlichen Baustile aufzählen, würde das den Rahmen des Kapitels sprengen. Es lassen sich jedoch grob folgende drei Bauweisen festlegen. 

[Vgl. dazu Frick, Heinz: Existenzminimumhäuser für die Tropen. -- Rugell : Domé, 1985. -- ISBN 3905453118. -- S. 34ff.] 

Das Dach sollte den Bewohnern Schutz vor Sonne, Regen und Sturm bieten. Tonziegeln bieten einen guten Schutz vor Regen und absorbieren die Wärmestrahlung. Darüber hinaus sind sie beständiger als organische Dachbedeckungen.

Vorteilhaft sind Wände aus luftdurchlässigen Materialien, die der Ventilation und Kühlung dienen.

Die Häuser sollten mit kommunalen Wasserleitungen oder aber mit einem Grundwasserquelle ausgestattet sein. Vorteilhaft wären Regenauffangbecken und Standorte an Flüssen oder Seen. 
Zu den minimalen Grundausstattungen einer Behausung zählen: eine Schlafgelegenheit, eine Kochstelle, Vorratsbehälter und natürlich die sanitären Anlagen.

Abb.: Worauf auch zu achten ist: Faktoren in der Bauweise und Umgebung, die für krankheitsübertragende Insekten förderlich sind

[Vorlage der Abb.: The poor die young / ed. by Sandy Cairncross ... --  London : Earthscan, ©1990. -- ISBN 1853830194. -- S. 195]

Dies sind einige Punkte worauf bei einer Behausung in den Tropen zu achten ist. 
Leider stellt die Realität teilweise immer noch ein anderes Bild dar.


2.2.4. Beispiele traditionellen Wohnens


Da eine systematische Darstellung aller traditionellen Wohnformen den Rahmen dieses Kapitels bei weitem sprengen würde, seien hier unsystematisch einige Beispiele dargestellt.


Straßenwohnung, Calcutta, Indien

tagsüber

nachts (Größe der mit einer Plastik abgedeckten Fläche ca. 3 x 5 m) 

"Dieser kleine Platz an einer Hauswand im Zentrum Calcuttas ist Wohnstätte einer fünfköpfigen Familie. Sie muss dafür an einen 'Organisator' eine wöchentliche Miete entrichten. Dafür ist ihnen dieser Platz über längere Zeit gesichert.

Tagsüber wird die Plastikfolie, die als Regenschutz dient, abgebaut und an der Wand verstaut. Ebenso werden alle Kartons und Matten weggeräumt. In einer Mauernische wird ein Feuer gemacht und gekocht. Wasser wird von einem nahe liegenden Hydranten geholt. Nachts wird zwischen einem Lichtmast, einem Zählerkasten und der Hauswand eine Plastikfolie gespannt, die gegen die tropischen Regengüsse schützen und ein Mindestmaß an Privatheit bieten soll."

[Quelle von Abb. und Text: Bier, Michael: Asien: Straße, Haus : eine typologische Sammlung asiatischer Wohnformen. -- Stuttgart [u.a.] : Krämer, ©1990. -- ISBN 3782840070. -- S. 48f.]


Gehöft der Muktele, Nordkamerun

[Dieses Heimwesen] "liegt bei Tala Mokolo in einem abgelegenen Tal und gehört dem Bauern Djabai. Wegen seiner Hanglage ist es interessant, denn vom Eingang bei Haus 1 bis zu den Küchenhäusern, die mit 5 bezeichnet sind, führen achtzehn Stufen, und der Höhenunterschied von Haus 11 bis hinab beträgt mindestens sechs Meter. ... Bis zum Haus 1, in welchem der Vater wohnt, steigt man bereits ein paar Stufen hinab. Durchmesser knapp vier Meter, kein anderes Haus ist so groß. Die Durchgänge sind eng und niedrig. Von Haus 1 führen mehrere Stufen in einem finsteren Gang hinab zu Haus 2. Dort wohnt seine erste Frau Vadai. Eigentlich gehört ihr Haus 4 unten links, aber des Zauberers Orakel hat ihr eine schwere Krankheit prophezeit, wenn sie weiterhin dort schläft. Jetzt ist dort Davdaggou, eine Tochter der dritten Frau, untergebracht. Sie hat offenbar den bösen Geist nicht zu befürchten. Das leerstehende Haus 3 liegt wieder tiefer , und von dort noch einmal über Stufen abwärts kletternd kommt man endlich in den gedeckten Hof mit den Speichertürmen (6). Mit 7 ist ein Hühnerhaus bezeichnet. Die Wohntürme (4) und Küchen (%) schließen gegen außen ab. Wo sie nicht aneinandergebaut sind, versperren hohe Zwischenmauern den Zugang. Djabai hat gegenwärtig drei Frauen, eine vierte lief ihm davon. Sie wohnte im höher gelegenen Haus 10. Nun hat er sich dort zum Trost eine Hirsebierküche eingerichtet. Haus 11 enthält Vorräte. Im Haus 13 starb ein Sohn, nun ist es am Zerfallen, man hat es als Unglück bringend aufgegeben. Im Haus 12 wohnt während der Ferien der Schüler Fétékoué, der etwa fünfzehn Jahre alte Sohn des Vadai. Er besitzt ein richtiges Bett, einen Stuhl, ein Klapptischchen, und die Wände hat er mit den üblichen Bildern aus einer gefundenen Zeitschrift beklebt, mit Mädchen und Boxern. Aus Kistenbrettern hat er sich eine Tür gezimmert, die er mit einem Vorhängeschloss versperren kann. Nur des Schülers Haus im Gehöft ist abschließbar! ...

Auch hier im Muktele-Gehöft wohnt der Hausherr ganz vorn beim Eingang, und ihm entgeht also kaum etwas vom Tagesgeschehen. Von Erziehungsmaßnahmen ist bei kurzfristigen Besuchen nur wenig zu bemerken. Es wird nicht oft gerügt oder abgewehrt, und die Kinder genießen große Freiheiten, und doch wird ihnen eindrücklich bewusst, dass sie mitzuhelfen haben. In der Familiengemeinschaft wirtschaftet und arbeitet man zusammen im Gehöft oder auf den Feldern, die in nächster Umgebung liegen. Man lebt beieinander und miteinander, und so werden die Kinder früh auch eingespannt."

[Gardi, René <1909 - >: Auch im Lehmhaus lässt sich's leben : über traditionelles Bauen und Wohnen in Westafrika. -- Zürich : Ex Libris, ©1973. -- S. 77 - 81]


Gehöft, Gurunsi-Nord, Obervolta

Durchmesser: ca. 65 Meter

"Das Gehöft wird von der Familie Bationo bewohnt. Fünf Brüder und ein verheirateter Sohn des Ältesten bilden zusammen eine Großfamilie. Der Chef mit dem Vornamen Bamoua hat sechs Frauen, sein Bruder namens Nebelbue vier, der nächste, er heißt Niama, ist mit drei Frauen verheiratet. Die beiden anderen Brüder sind monogam, und da der verheiratete Sohn auch erst eine Frau besitzt, leben in diesem Gehöft sechzehn Frauen, das entspricht der Anzahl der Wohnungen an der Peripherie. Wer genau zählt, wird drei weitere leere Wohnungen finden. Fünfunddreißig Kinder sind hier zu Hause. Nur fünfunddreißig auf sechzehn haushaltungen. Das ist natürlich zu wenig, aber siebenundfünfzig Kinder sind in diesem Gehöft gestorben, bevor sie zwei Jahre alt geworden sind. ...

Wir zählten auch die Haustiere. Gemeinschaftsbesitz der Großfamilie sind zwei Kühlein. Auch das ist kümmerlich, aber eine Anzahl sind ein Jahr zuvor einer Epidemie zum Opfer gefallen und konnten noch nicht ersetzt werden. Außerdem besitzt man Schafe, Ziegen, einen einzigen Esel, ein paar magere Hunde, Katzen, Perlhühner, Truthühner, gewöhnliche Hühner und Tauben. Man isst übrigens keine Eier, das Federvieh wird nur als Fleischlieferant gehalten. Die Haustiere außer den Kühen gehören den einzelnen Männern, die Schweine .. gehören nicht zur Familie ... Sie sind deshalb Besitz der Frauen, die in dieser patrilinearen Ordnung, die hier herrscht, ja auch Fremdlinge sind. ...

In einem ungefähren Kreis von fünfundsechzig Metern Durchmesser stehen der Peripherie entlang die Wohnhäuser der einzelnen Frauen und ihrer Kinder. Die Väter, die mehrere Frauen besitzen, wohnen bald da und bald dort. Die verschiedenen Farbtöne [im Plan] grenzen immer eine Wohnung von der andern ab, es gibt übrigens auch keine Durchgänge von einer Wohnung in die andere.

Haus Nummer 2 hat drei Kammern, Haus 3 daneben aber fünf. So wechselt das von einer Wohnung zur anderen. Die Grundrisse der Räume sind rund, oval, gleichen Pflaumen oder auch Rechtecken mit abgerundeten Ecken. Die Rückwände, selbstverständlich fensterlos, bilden gegen außen eine geschlossene Mauer, so dass das Gehöft aus der Ferne wirklich wie eine niedere Burg anzusehen ist. Nur drei schmale Öffnungen, die des Nachts mit dicken Sparren versperrt werden, führen ins Innere. Sie sind mit der 7 versehen. Der Haupteingang ist unten neben dem großen Baobab [Affenbrotbaum] (8). Die einzelnen Wohnhäuser, die diesen festen Ring bilden, sind mit ihren unregelmäßigen Grundrissen so ineinander verschachtelt, dass sich das Durcheinander nur von den Dächern aus einigermaßen entwirren lässt. ...

Hier in dieser großen Wohngemeinschaft trennt sich jede Familie sorgfältig mit einem Mäuerchen von der nächsten ab (mit den Nummern 4 angedeutet). ... [Die] Mauern [5] sind etwas höher als die andern Trennmauern, man sieht, dass sie fast geschlossen sind, mit einem nur schmalen Einschlupf. Dort, gegen die andern wohl abgeschirmt, wäscht man sich. Auch hier die Betonung des Privaten. Die 1 bezeichnet die großen Häuser, dei dem Chef des Gehöftes zur Verfügung stehen. Eine komfortable Treppe (9) führt auf die breiten Dachterrassen, die wie alle andern mit einer Brüstung versehen sind. Innerhalb des Wohnhausringes stehen nun die Speicher und Ställe. Nummer 6 ist ein Schweinestall. Unser Plan enthält sechsunddreißig Speichertürme nebst ein paar Ställen

[Gardi, René <1909 - >: Auch im Lehmhaus lässt sich's leben : über traditionelles Bauen und Wohnen in Westafrika. -- Zürich : Ex Libris, ©1973. -- S. 136 - 139]


Haus eines Färbermeister in Zinder, Niger

"Dieses Haus gehört dem Färbermeister Katche in Zinder, einer Stadt in der Republik Niger. Gegen die Straße hin (unten auf dem Plan) ist eine fast schmucklose Fassade mit dem einzigen Eingang. Von der Straßenseite ist kaum zu beurteilen, wo es sich um eine Hauswand und wo um eine hohe Mauer handelt, welche mit den Hausfassaden die ganze «Konzession» abschließt. Hier wohnt der vermögliche Färber mit seiner Frau und fünf verheirateten Söhnen, die auch zur Zunft gehören. Nummer 1 ist ein Empfangsraum mit Liegestühlen. Der alte Herr bewohnt mit seiner Frau das schönste Gebäude (2). Um dorthin zu gelangen, geht man in diesem Labyrinth durch einen zweiten Empfangsraum (13). Die Söhne wohnen mit ihren kinderreichen Familien in den Häusern Nummern 3 (Sohn Ali), 4 (Sohn Sanda) und 5 (Sohn Abdu). Die Söhne Idi und Laudi wohnen vorn gegen die Straße zu in den Häusern 6 und 7. Mit der Zahl 8 sind drei gedeckte runde Küchen bezeichnet. Im Haus 10 sind allerlei Vorräte aufgestapelt, ein paar Säcke Hirse, Erdnüsse, etwas Zucker und ähnliches. Die 9 entspricht einem ziemlich großen Turmspeicher, in Nummer 11 wohnen zahllose Tauben, die man als Braten besonders schätzt. Unten rechts (12) ist ein gedeckter Tierstall. Tagsüber vagabundieren Schafe und Ziegen in den verschiedenen Höfen umher. Irgendwo im vordersten Hof ist ein schönes Reitpferd angepflockt. Ganz versteckt oben links (15) befindet sich die WC-Grube. Die ganze «Konzession», die auf drei Seiten von andern Gehöften eingeschlossen ist, beträgt dreißig mal fünfundzwanzig Meter."

[Gardi, René <1909 - >: Auch im Lehmhaus lässt sich's leben : über traditionelles Bauen und Wohnen in Westafrika. -- Zürich : Ex Libris, ©1973. -- S. 185]


Bauernhaus aus der Provinz Luang Prabang, Laos

Vorderansicht

Seitenansicht

[Quelle der Abb.: Clément-Charpentier, Sophie ; Clément, Pierre: L' habitation Laodans les régions de Vientiane et de Louang Prabang. -- Paris : Peeters, 1990. -- 2 vol. -- Vol. I, S. 22]

Dieses laotische Bauernhaus aus Teakholz ist ein Musterbild von dem Klima angepasster Architektur: in der heißen Trockenzeit bietet der Raum unter dem Haus einen kühlen Platz für Arbeit und Muße, die luftige Bauweise ergibt eine angenehme Durchlüftung; in der Regenzeit bietet die Pfahlbauweise Schutz vor den Regenmassen; das insekten- und feuerresistente Teakholz garantiert eine lange Lebenszeit des Gebäudes. Leider gelten heute Betonbauten oft als prestigereicher und diese Gebäude werden abgerissen um Beton-Wellblechkonstruktionen Platz zu machen.


Baracken-Slumsiedlung, Rabat, Marokko

Abb.: "Brarik"-Siedlung, Rabat, Marokko
"Those who cannot build a house build a »Brarik « [=Baracke]."

[Quelle der Abb. und der Bildlegende ist das sehr eindrucksvolle Buch: Dayot, Liliane: Maroc : amnésie internationale = Morocco : international amnesia. -- Paris : Paris-Méditerranée, ©1999. -- ISBN 2842720636. -- S. 67]


3. Typische Gefahren aufgrund der Wohnprobleme


[Zum Folgenden vgl. The poor die young / ed. by Sandy Cairncross ... --  London : Earthscan, ©1990. -- ISBN 1853830194. -- S. 213ff. ]

Durch die unzureichenden Wohnverhältnissen ist die Bevölkerung Gefahrenrisiko ausgesetzt, zu diesen zählen:


4. Ursachen für die Wohnprobleme


Eine der Ursachen ist die Bevölkerungsexplosion der Städte. 

Abb.: Bevölkerungswachstum von Jakarta, Indonesien 1600 bis 1985

[Vorlage der Abb.: Bier, Michael: Asien: Straße, Haus : eine typologische Sammlung asiatischer Wohnformen. -- Stuttgart [u.a.] : Krämer, ©1990. -- ISBN 3782840070. -- S. 29]

Es wird vermutet, dass es im Jahr 2015 33 "Megastädte" mit mehr als acht Millionen Menschen geben wird. Diese Städte werden sich vorwiegend in Asien und Lateinamerika befinden. Hauptursache hierfür ist die Landflucht. Die Stadt bietet größere Überlebensmöglichkeiten; es gibt medizinische Einrichtungen, Schulen, Arbeit auf dem informellen Sektor,.... Des weiteren gehen die meisten internationalen Hilfeleistungen von den Städten aus. Die Migrationsbewegungen verstärken sich bei Missernten, Bürgerkriege und Naturkatastrophen. Die Stadtverwaltung ist überfordert, eine richtige Stadtplanung wird unmöglich. Illegale Siedlungen entstehen, deren Bewohner mit den oben aufgeführten Problemen zu kämpfen haben. Das Bevölkerungswachstum übersteigert die Kapazität der Städte. Fakt ist, dass zehn Millionen Menschen täglich 20 000 Tonnen Lebensmittel und 100 000 Tonnen Brennstoff benötigen. Eine Verbesserung der Wohnqualität hängt also von verschiedenen politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren ab.


5. Weiterführende Ressourcen


5.1. Organisationen


UNCHS -- The United nations Centre for Human Settlements (Habitat). -- URL: http://www.unchs.org/. -- Zugriff am 2001-02-22

VITA -- Volunteers in Technical Assistance. -- URL: http://www.vita.org/. -- Zugriff am 2001-02-22. -- ["VITA is a not-for-profit private volunteer organization that has provided technical information to requesters in the developing countries for 40 years through its volunteer-based Inquiry Service."]


5.2. Virtual libraries


Forum: habitat in developing countries. -- LINKS. -- URL: http://obelix.polito.it/forum/links/default.htm. -- Zugriff am 2001-02-22

5.3. Andere Internet-Ressourcen


Natural Building Resources. -- URL: http://www.strawbalecentral.com/index2.html. -- Zugriff am 2001-02-22. -- [U.a. eine gute Photo Gallery sowie viele Links]

Sustainable Building Sourcebook / City of Austin's Green Building Program. -- URL: http://www.greenbuilder.com/sourcebook/. -- Zugriff am 2001-02-22. -- [Empfehlenswerter Volltext zu nachhaltigem Bauen]


5.4. Ressourcen in Printform


Armut : ein Sach- und Lesebuch / hrsg. Misereor ... -- Bad Honnef : Misereor, 1998. -- 192 S. -- ISBN 388916157X

Bier, Michael: Asien: Straße, Haus : eine typologische Sammlung asiatischer Wohnformen. -- Stuttgart [u.a.] : Krämer, ©1990. -- ISBN 3782840070. --  [Sehr empfehlenswert!]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Clément-Charpentier, Sophie ; Clément, Pierre: L' habitation Lao dans les régions de Vientiane et de Louang Prabang. -- Paris : Peeters, 1990. -- 738 S. in 2 Bd. : Ill. -- [Vorbildliche, reich illustrierte Monographie]

Frick, Heinz: Existenzminimumhäuser für die Tropen. -- Rugell : Domé, 1985. -- 79 S. Ill. -- ISBN 3905453118 

Gardi, René <1909 - >: Auch im Lehmhaus lässt sich's leben : über traditionelles Bauen und Wohnen in Westafrika. -- Zürich : Ex Libris, ©1973. -- 248 S. : Ill. -- [Sehr anschaulich. Pflichtlektüre!]

Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern : medizinisches Handeln aus bevölkerungsbezogener Perspektive / H. J. Diesfeld ... -- Berlin [.u.a.] : Springer, ©1997. -- 445 S. : Ill. -- ISBN 3540611568. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Grundprobleme der Entwicklungsregionen : der Süden an der Schwelle zum 21. Jahrhundert/ hrsg. von Peter J. Opitz. -- München : Beck, 1997. -- 261 S. -- ISBN 3406420303. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Hein, Wolfgang: Unterentwicklung : Krise der Peripherie ; Phänomene, Theorien, Strategien. --  Opladen : Leske, 1998. -- ISBN 3810016632. --  S.31-34. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Human settlement / ed. by John Rennie Short. -- New York : Oxford University Press, ©1992. -- 256 S. : Ill. -- ISBN 0195209443. -- [Hervorragend illustriert.]

The poor die young / ed. by Sandy Cairncross ... --  London : Earthscan, ©1990. -- 309 S. : Ill. -- ISBN 1853830194

So lebt der Mensch : Familien in aller Welt zeigen, was sie haben / Peter Menzel ... -- Hamburg : GEO, 1996. -- 255 S. : Ill. -- ISBN 3570190633. -- [Die Fotografien aus verschiedenen Ländern zeigen sehr eindrücklich verschiedene Wohnkulturen.]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Stulz, Roland ; Mukerji, Kiran: Appropriate building materials : a catalogue of potential solutions. -- Rev., enlarged ed. -- St. Gallen : SKAT, 1998. -- 434 S. : Ill. -- ISBN 3908001447

Technologie und Ergologie in der Völkerkunde / hrsg. von Walter Hirschberg. -- Berlin : Reimer
Bd. 2. -- Christian F. Feest ; Alfred Janata ... -- 1989. -- ISBN 3496001275. -- S. 103 - 157: Bauformen. -- [Einführung mit Literaturangaben]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Werner, David ; Thuman, Carol ; Maxwell, Jane: Where there is no doctor : a village care handbook. -- Revised ed. -- London : Macmillan, 1993. -- 446 S. : Ill. -- ISBN 0333516516. -- [Hervorragendes Basic-Health-Buch, auch in Spanisch, Portugiesisch, Hindi, Arabisch, Bahasa Indonesia, Suaheli, Vietnamesisch, Italienisch und anderen Sprachen erhältlich]. -- {Dieses Buch und andere ähnliche sind erhältlich von: The Hesperian Foundation. -- URL: http://www.hesperian.org/. -- Zugriff am 2001-02-22}

Wolff, Jürgen H.: Entwicklungspolitik, Entwicklungsländer : Fakten, Erfahrungen, Lehren. --  München : Olzog, 1998. -- ISBN 378828761X. --  S.44-53


Zu Kapitel 22: Ernährung