Einführung in

Entwicklungsländerstudien

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23. Kernprobleme: Bevölkerung

1. Teil I


verfasst von Evi Hartmann

herausgegeben von Margarete Payer

mailto: payer@hdm-stuttgart.de


Zitierweise / cite as:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil II: Kernprobleme. -- Kapitel 23: Bevölkerung / verfasst von Evi Hartmann. -- 1. Teil I.  -- Fassung vom 2001-02-22. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw231.htm. -- [Stichwort].

Erstmals publiziert: 1999-12-14

Überarbeitungen:  2001-02-22 [Update]

Anlass: Lehrveranstaltung "Einführung in Entwicklungsländerstudien", HBI Stuttgart, 1998/99

Unterrichtsmaterialien (gemäß § 46 (1) UrhG)

©opyright: Dieser Text steht der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Verwertung in Publikationen, die über übliche Zitate hinausgeht, bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Herausgeberin.

Dieser Text ist Bestandteil der Abteilung Entwicklungsländer von Tüpfli's Global Village Library.


Skript, das von den Teilnehmern am Wahlpflichtfach "Entwicklungsländerstudien" an der HBI Stuttgart erarbeitet wird.


0. Übersicht



1. Einführung


1.1. Statt eines Vorworts


"Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Befürchtungen, es könnte für die Menschen einmal keinen Stehplatz mehr geben -- was die Vermehrung natürlich zum Stillstand brächte. In den sechziger und siebziger Jahren wurde befürchtet, die Menschenzahl werde so groß, dass die Nahrungsreserven nicht ausreichten und Hungerkatastrophen die Folgen wären. Gleichzeitig hob die Sorge um die Biosphäre an: der Verbrauch durch die Weltbevölkerung sei größer, als die natürlichen Kreisläufe zu regenerieren imstande sind. Die Realität sieht so aus: Starke Jugendjahrgänge strömen jährlich in großen Wellen in die schwachen Arbeitsmärkte. Immer mehr junge Menschen werden in den Landregionen überflüssig und benötigen eine Ausbildung für Berufe und einen Bedarf, der nur langsam wächst oder erst geschaffen werden muss. So vegetieren sie in den Randzonen der Städte als Almosenempfänger in einer alles überwuchernden Schattenwirtschaft. Das vollzieht sich auf den Entwicklungskontinenten zu einer Zeit, in der der Norden der Welt immer höhere technologische Standards aufzwingt und neue Quellen des Reichtums in Information, Kommunikation und globalen Finanztransfers entdeckt und nutzt.

Die Entwicklungsländer geraten also in ein Dilemma: kaum ausgebildete Menschenmassen im erwerbsfähigen Alter geraten in eine Weltentwicklung, die auf Arbeitsersparnis, Automation und Freisetzung von Arbeitskräften zielt. Um sich in einer solchen Welttendenz erfolgreich einzubringen, müsste das Erwerbspotential dieser Völker einen gewaltigen Bildungssprung hinein in die Computerrevolution des modernen Welt schaffen. Es gibt keine Industrieform mehr wie in Europa um 1900, die noch große Mengen Ungelernter aufnehmen konnte. Heute gibt es auf den Entwicklungskontinenten weder ökonomisch-technisch noch klimatisch-ökologisch die Möglichkeit, einen Schlot- und Fließband-Industrialismus einzurichten, der junge Arbeitskräfte in solchem Ausmaß sinnvoll und volkswirtschaftlich profitabel beschäftigen würde. Die soziale Sorge um chancenlose Generationen markiert eine neue Runde im Nord-Süd-Konflikt, denn er könnte die Welt in eine Katastrophe stürzen. Wie aus einem Schlangenei können religiöse Fanatismen und ethnisch-nationalistische Bewegungen hervorkriechen und Drittweltländer dazu verführen, die Immigrationsdrohung in das Repertoire ihrer Verhandlungsmacht aufzunehmen, wie sie es mit dem Ökologieproblem schon versucht haben."

[Schmid, Josef <1937 - >: Der sechsmilliardste Mensch. -- In: Neue Zürcher Zeitung. -- Internationale Ausgabe. -- 237 (12.10.1999). -- S. 11]


1.2. Sechs Milliarden Menschen


Abb.: 12 October 1999 [Quelle: UNFPA]

Ungefähr am 12. Oktober 1999 hat die Weltbevölkerung 6 Milliarden Menschen erreicht! Noch nie in der Geschichte der Menschheit war unser Planet so bevölkert wie heute. Obwohl in fast allen Ländern die Geburtenraten sinken, kommen pro Minute mehr als 150, jedes Jahr ca. 80 Millionen Menschen hinzu, mehr als 95 Prozent davon in Entwicklungsländern. Dabei verzeichnet Asien mit etwa 58 Millionen Menschen pro Jahr in absoluten Zahlen das höchste Wachstum, Afrika mit 2,9 Prozent pro Jahr das schnellste. 

Folgende Tabelle zeigt eindrucksvoll die Bevölkerungsbewegungen im Jahr 1999:

 

Welt

Industrieländer

Entwicklungsländer

Bevölkerung (1999)

5.981.667.000 1.181.215.000 4.800.452.000
Geburten pro:      
Jahr
Monat
Woche
Tag
Stunde
Minute
Sekunde
136.900.676
11.408.390
2.632.705
375.070
15.628
260
4,3
13.234.966
1.102.914
254.519
36.260
1.511
25
0,4
123.665.710
10.305.476
2.378.187
338.810
14.117
235
3,9

Todesfälle pro:

     
Jahr
Monat
Woche
Tag
Stunde
Minute
Sekunde
52.732.914
4.394.410
1.014.095
144.474
6.020
100
1,7
11.831.411
985.951
227.527
32.415
1.351
23
0,4
40.901.503
3.408.459
786.567
112.059
4.669
78
1,3

Zuwachs pro:

     
Jahr
Monat
Woche
Tag
Stunde
Minute
Sekunde
84.167.762
7.013.980
1.618.611
230.597
9.608
160
2,7
1.403.555
116.963
26.991
3.845
160
3
0,0
82.764.207
6.897.017
1.591.619
226.751
9.448
157
2,6

Todesfälle von Säuglingen pro:

     
Jahr
Monat
Woche
Tag
Stunde
Minute
Sekunde
7.787.693
648.974
149.763
21.336
889
15 
0,2
103.967
8.664
1.999
285
12
0,2
0,0
7.683.726
640.311
147.764
21.051
877
15
0,2

[Quelle: Weltbevölkerungsuhr 1999 / Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. -- URL: http://www.dsw-online.de/wbuhr1999bg.html. -- Zugriff am 1999-10-06]

Die Weltbevölkerung ist sehr ungleichmäßig verteilt:

Abb.: Bevölkerungsdichte 1999

[Quelle der Abb.: http://www.ciesin.org/datasets/gpw/gppycpd-12in.gif. -- Zugriff am 1999-10-12]


1.3. Wann sind es zehn Milliarden?


Wegen der jungen Altersstruktur der Bevölkerungen in Entwicklungsländern wird trotz sinkender Geburtenraten das hohe absolute Wachstum noch bis weit in das nächste Jahrtausend anhalten. Heute besteht weitgehende internationale Übereinstimmung darüber, dass die Weltbevölkerung in den nächsten dreißig Jahren auf mindestens 8,1 -- wenn nicht sogar auf 8,5 Milliarden Menschen -- ansteigen wird. 

Abb.: Bevölkerungsentwicklung in Industrie- und Entwicklungsländern

[Quelle der Abb.: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung . -- URL: http://www.dsw-online.de/datenposter99bg.html. -- Zugriff am 1999-10-06. -- Am 2001-02-22 toter Link]

Abb.: Fünf Szenarien der Bevölkerungsprojektion bis 2150

[Quelle der Abb.: Long-Range World Population Projections: Based on the 1998 Revision / United Nations. -- URL: http://www.popin.org/longrange/lrfig1.htm. -- Zugriff am 1999-10-07. -- Am 2001-02-22 toter Link]

Projektionsszenario (Bevölkerungswachstum)
Jahr bzw. Zeitraum Ersatzniveau     Niedrig     Niedrig bis Mittel Mittel Hoch bis Mittel Hoch Konstant
Bevölkerung (Mio.)
1995 5,666 5,666 5,666 5,666 5,666 5,666 5,666
2000 5,962 6,028 6,028 6,055 6,082 6,082 6,113
2025 7,424 7,275 7,275 7,824 8,379 8,379 9,069
2050 8,310 7,343 7,547 8,909 10,409 10,674 14,421
2075 8,663 6,402 7,024 9,319 12,026 13,149 26,048
2100 8,924 5,153 6,324 9,459 13,430 16,178 52,508
2125 9,142 4,074 5,779 9,573 14,735 19,986 113,302
2150 9,349 3,236 5,329 9,746 16,218 24,834 255,846
Zuwachssrate pro Jahr
1995-2000 1.02 1.24 1.24 1.33 1.42 1.42 1.52
2020-2025 0.71 0.50 0.50 0.84 1.17 1.17 1.65
2045-2050 0.29 -0.23 -0.07 0.34 0.69 0.87 2.02
2070-2075 0.13 -0.73 -0.39 0.11 0.51 0.83 2.57
2095-2100 0.11 -0.92 -0.40 0.04 0.40 0.83 2.93
2120-2125 0.09 -0.93 -0.34 0.06 0.37 0.86 3.16
2145-2150 0.09 -0.92 -0.32 0.08 0.39 0.87 3.32

Tab: Entwicklung der Weltbevölkerung 1995 bis 2150 nach verschiedenen Projektionsszenarien

[Vorlage der Tab.: Long-Range World Population Projections: Based on the 1998 Revision / United Nations. -- URL: http://www.popin.org/longrange/tab1.htm. -- Zugriff am 1999-10-07. -- Am 2001-02-22 toter Link]

Regional sehen die Projektionen für das mittlere Szenario folgendermaßen aus:

Region
Jahr Total Afrika Europa Latein-
Amerika,
Karibik
Nord-
Amerika
Ozeanien Asien (ohne
China und
Indien)
China Indien
Bevölkerung (Mio.)
1995 5,666 697 728 480 297 28 1,282 1,221 934
2000 6,055 784 729 519 310 30 1,391 1,278 1,014
2025 7,824 1,298 702 697 364 40 1,912 1,480 1,330
2050 8,909 1,766 628 809 392 46 2,262 1,478 1,529
2075 9,319 2,077 549 857 390 48 2,423 1,386 1,589
2100 9,459 2,215 515 877 388 49 2,476 1,340 1,600
2125 9,573 2,264 508 894 390 50 2,512 1,338 1,617
2150 9,746 2,308 517 912 398 51 2,558 1,361 1,642
Anteil an Weltbevölkerung
1995 100 12 13 8 5 1 23 22 16
2000 100 12 13 8 5 1 23 22 16
2025 100 13 12 9 5 1 23 21 17
2050 100 17 9 9 5 1 24 19 17
2075 100 20 7 9 4 1 25 17 17
2100 100 22 6 9 4 1 26 15 17
2125 100 23 5 9 4 1 26 14 17
2150 100 24 5 9 4 1 26 14 17

[Vorlage der Tab.: Long-Range World Population Projections: Based on the 1998 Revision / United Nations. -- URL: http://www.popin.org/longrange/tab2.htm. -- Zugriff am 1999-10-07. -- Am 2001-02-22 toter Link]


2. Definition "Bevölkerung", "Überbevölkerung"


Bevölkerung = Gesamtheit der in diesem Gebiet lebenden Personen
( Das bedeutet nicht das gleiche wie Volk!!!)

Meist die Gesamtheit der Bewohner eines Gebietes, einer Ortschaft, eines Landes usw. in dem verhältnismäßigen Anteil der beiden Geschlechter, in der Gliederung nach Alter, Familienstand, Siedlungsweise, Beruf, Gebürtigkeit, Konfession usw. drückt sich die Struktur der Bevölkerung aus. Die statistisch erfassbaren Bevölkerungserscheinungen sind Gegenstand der Bevölkerungsstatistik oder Demographie, die sich sowohl mit dem Stand der Bevölkerung als auch mit der Bevölkerungsbewegung befasst. Die natürliche Bevölkerungsbewegung wird durch fortlaufende Ausschreibung der Geburten und Sterbefälle, der Eheschließungen und Ehescheidungen, der Zu- und Abwanderungen (Bevölkerungsbilanz) erfasst. 

Schon Karl Marx (1818 - 1883) hat darauf hingewiesen, dass "Bevölkerung" eine Abstraktion ist, die mit konkreten Differenzierungen gefüllt werden muss:

"Wenn wir ein gegebnes Land politisch-ökonomisch betrachten, so beginnen wir mit seiner Bevölkerung, ihrer Verteilung in Klassen, Stadt, Land, See, den verschiednen Produktionszweigen, Aus- und Einfuhr, jährlicher Produktion und Konsumtion, Warenpreisen etc. Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z. B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung (als) falsch -- Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z. B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhen. Z. B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z. B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen, und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen."

[Marx, Karl <1818 - 1883 >: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. -- 1857 [erst 1941 posthum erschienen].. -- Zitiert in: Schmid, Josef: Einführung in die Bevölkerungssoziologie. -- Reinbeck : Rowohlt, ©1976. -- (rororo Studium ; 98). -- ISBN 3499210983. -- S. 42, dort Nachweis]

Man darf insbesondere nicht vergessen, dass wir nicht eine Menschheit haben, sondern 200 Staats- und Verwaltungseinheiten:

"Ihre inneren Kämpfe und Ansprüche an die Außenwelt sind die eigentlichen Beweger des Weltgeschehens: Krieg und Frieden, Aufstieg und Zerfall, Aus- und Einwanderung, ja selbst die Gründung staatlicher Zusammenschlüsse enthalten immer den Seitenblick auf das damit veränderte Bevölkerungsvolumen. Diese 200 Einheiten sind die eigentlich Zuständigen. Die Vereinten Nationen sind eine Versammlung souveräner Staaten, die über Resolutionen den Eindruck machen, als spreche die Menschheit Menschheit mit einer Stimme. Das verwischt die Unterschiede hinsichtlich Bevölkerungsgrößen, Entwicklungsstadien und Entwicklungschancen. Von diesen 200 staatlichen Einheiten sind nach Weltbankkriterien 150 den Entwicklungsländern zuzurechnen: 4,8 Mrd. Menschen mit einem Verdoppelungspotential in 35 Jahren; 34% davon sind 15 Jahre und jünger, nur 5% sind über 64 Jahre; das Bruttosozialprodukt pro Kopf beträgt 1500 $."

[Schmid, Josef <1937 - >: Der sechsmilliardste Mensch. -- In: Neue Zürcher Zeitung. -- Internationale Ausgabe. -- 237 (©11999-10-12). -- S. 11]

Wenn man von Überbevölkerung spricht und damit meint, dass die Tragfähigkeit der Erde bzw. bestimmter Gebiete überschritten ist, sollte man unterscheiden:

Bevölkerung und Ressourcenverbrauch hängen nämlich -- außer auf dem reinen Überlebensniveau --  nicht direkt zusammen, sondern nach folgendem vereinfachten Schema:

Ressourcenverbrauch = (Bevölkerungszahl) x (Ressourcenverbrauch pro Person) x (nichtnachhaltige Nutzung pro verbrauchte Ressourceneinheit)

Ein durchschnittlicher US-Bürger verbraucht 50mal so viel wie ein durchschnittlicher Inder und 100mal so viel wie ein Durchschnittsbürger eines der ärmsten Länder. Das bedeutet:

Arme Eltern in einem armen Entwicklungsland bräuchten 50 bis 200 Kinder bis ihre Kinder so viele Ressourcen verbrauchen wie die Kinder einer US-Zweikinderfamilie! (Für Deutschland gelten ähnliche Größenordnungen)

Während 18% der Weltbevölkerung an Unterernährung oder Fehlernährung leiden, leiden ca. 15% der Weltbevölkerung an Überernährungsproblemen!


3. Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung


Bezüglich des Zusammenhangs von Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung gibt es grundsätzlich drei Gruppen von Anschauungen:

  1. Bevölkerungswachstum ist ein Anreiz zu wirtschaftlicher Entwicklung
  2. Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung haben keinen Zusammenhang
  3. Bevölkerungswachstum hemmt wirtschaftliche Entwicklung

3.1. Meinung: "Bevölkerungswachstum ist ein Anreiz zu wirtschaftlicher Entwicklung"


Solche Ansichten gehen davon aus, dass die Ressourcen für wirtschaftliches Wachstum noch längst nicht voll genutzt sind und dass es nur auf die menschliche Erfindungsgabe ankommt, neue Ressourcen zu erschließen. Erfindungsgabe wird aber durch Bedürfnisse angestachelt. Bedürfnisse werden durch Notwendigkeiten hervorgerufen.

Als Urvater solcher Ansichten kann man den Feldgeistlichen Johann Peter Süßmilch (1707 - 1767) ansehen:

Süßmilch, Johann Peter <1707 - 1767>: Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung, desselben erwiesen von Johann Peter Süssmilch. -- 1742.

Grundsatz für Süßmilch ist, dass

"die Weisheit des Schöpfers wollte, dass die Erde überall mit Menschen sollte erfüllet und mit Einwohnern besetzt werden" [Süßmilch kann sich dabei auf die Bibel berufen:  Genesis 1,28: "Gott segnete sie <das erste Menschenpaar> und sprach zu ihnen: »Pflanzet euch fort und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über des Meeres Fische, die Vögel der Luft und über alles Getier, das sich am Boden regt.«"]

Nach Süßmilch kann die Erde nach göttlichem Plan 13 Milliarden Menschen ernähren. Pflicht des Staates sei die Hebung der Anzahl der Bewohner durch folgende Maßnahmen:

  1. Beseitigung all dessen, was die Eheschließung verhindern oder verzögern könnte
  2. Beseitigung aller Hindernisse der ehelichen Fruchtbarkeit: "die meisten zur Zeugung geschickten Jahre verfließen, und statt 10 und mehr Kinder kommen kaum 4 - 5 von solcher Ehe; die ungleichen Ehen zwischen Jünglingen und mehr als 40jährigen Frauen, wie auch zwischen Jungfern und alten abgelehnten Männern .. sind ganz zu verbieten."
  3. Vorsorge für die Erhaltung des Lebens der Untertanen
  4. Verhinderung der Auswanderung und Förderung der Einwanderung

[Darstellung nach: Schmid, Josef: Einführung in die Bevölkerungssoziologie. -- Reinbeck : Rowohlt, ©1976. -- (rororo Studium ; 98). -- ISBN 3499210983. -- S. 21, dort auch Nachweise]

Die einflussreichste Vertreterin dieser Ansicht ist Ester Boserup, besonders in ihren Büchern: 

Boserup, Ester: The conditions of agricultural growth : the economics of agrarian change under population pressure. -- New York : Aldine, 1965. -- 124 S. --  ISBN 0226066738

Boserup, Ester: Population and technological change : a study of long-term trends. -- Chicago : University of Chicago Press, 1981. -- 255 S. -- ISBN 0202070034

Boserup, Ester: Economic and demographic relationships in development : selected essays. -- Baltimore : Johns Hopkins University Press, ©1990. -- vi, 307 S. -- (The Johns Hopkins studies in development). -- ISBN 0801839300

Ester Boserup vertritt die Ansicht, dass langfristig gesehen Bevölkerungswachstum eher zu wirtschaftlicher Entwicklung führt als eine stagnierende oder rückläufige Bevölkerung. Ihr Hauptargument ist, dass Bevölkerungswachstum die Hauptantriebskraft ist, die zur landwirtschaftlichen Nutzung ungenutzten Landes, zu Landgewinnung, der Entwicklung neuer Sorten und Rassen von Nutzpflanzen und Nutztieren, neuen Düngern, neuen Bewässerungsmethoden usw. führt. Der britische Agrarwirtschaftler Colin Clark formuliert das Kernargument so:

[Population growth] "is the only force powerful enough to make such communities change their methods, and in the long run transform them into much more advanced and productive societies. The world has immense physical resources for agriculture and mineral production still unused. In industrial communities, the beneficial economic effects of large and expanding markets are abundantly clear. The principal problems created by population growth are not those of poverty, but of exceptionally rapid increase of wealth in certain favoured regions of growing population, their attraction of further population by migration, and the unmanageable spread of their cities."

[Clark, Colin <1905 - >: Population growth and land use. -- London [u.a.] : Macmillan, 1967. -- Preface. -- Zitiert in: Weeks, John R.: Population : an introduction to concepts and issues. -- 7.ed. -- Belmont, CA [u.a.] : Wadsworth, ©1999.  -- ISBN 0534553052. -- S. 449. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

In der gleichen Argumentationslinie liegt Albert O. Hirschman, dessen Argumentation sich so zusammenfassen lässt:

  1. Eine Erhöhung der Bevölkerungszahl verringert den Lebensstandard, wenn man die Produktion nicht erhöht
  2. Es ist eine grundlegende psychologische Tatsache, dass die Menschen sich gegen eine Verminderung der Lebensstandards wehren
  3. Der Widerstand gegen die Verminderung des Lebensstandards führt zu einer Verbesserung der Fähigkeit, die Umwelt unter Kontrolle zu bringen und sich für Entwicklung zu organisieren. Dies führt dazu, dass die Gemeinschaft nun fähig wird, zuvor nicht genutzte Möglichkeiten des wirtschaftlichen Wachstums zu nutzen,
[Hirschman, Albert O.: The strategy of economic development. -- New Haven  : Yale University Press, 1958. -- 217 S. : Ill. -- (Yale studies in economics ; 10)]

Gegen solche Ansichten argumentiert Nathan Keyfitz 1987:

"the England that produced Shakespeare and shortly after that Newton held in all 5 million people, and probably not more than one million of these could read or write ... The thought that with more people there will be more talent for politics, for administration, for enterprise, for technological advance, is best dismissed ... For the most part, innovation comes from those who are comfortably located and have plenty of resources at their disposal."

[1986 Report by the Executive Director / United Nations Population Fund. -- New York : UN, 1987. -- Zitiert in: Weeks, John R.: Population : an introduction to concepts and issues. -- 7.ed. -- Belmont, CA [u.a.] : Wadsworth, ©1999.  -- ISBN 0534553052. -- S. 450. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


3.2. Meinung: "Bevölkerungswachstum hat auf wirtschaftliche Entwicklung keinen Einfluss"


Entwicklung ist die beste Antibabypille

Sowohl Wirtschaftswissenschaftler, die alles Heil in kapitalistischer Marktwirtschaft sehen, Technokraten als auch Marxisten sind der Ansicht, dass Bevölkerungswachstum nur ein sekundäres Phänomen ist. Entscheidend seien die sozioökonomischen Rahmenbedingungen.

Am populärsten unter den Vertretern dieser Ansicht waren Joseph Collins (1945 - ) und Frances Moore Lappé:

Collins, Joseph <1945 - > ; Lappé, Francis Moore: Vom Mythos des Hungers : die Entlarvung einer Legende, niemand muss hungern. -- Frankfurt a. M. : Fischer, 1980. -- 478 S. -- (fischer alternativ ; 4049). -- ISBN 3596240492. -- Originaltitel: Food first : beyond the myth of scarcity, ©1977

Lappé, Francis Moore ; Collins, Joseph <1945 - >: Zehn Legenden um den Hunger in der Welt : "Food first" comic. -- Zürich : Erklärung von Bern, 1977. -- 95 S. -- Originaltitel: World hunger : ten myths, ©1977

Im zweiten Büchlein fassen die beiden Autoren ihre Stellung zu unserem Problem so zusammen:

"Weder die Größe der Bevölkerung eines Landes noch deren Wachstum ist heute der Grund für das Vorhandensein von Hunger. Sowohl Hunger wie auch Bevölkerungswachstum sind Symptome desselben Leidens: nämlich den unsicheren Verhältnissen und der Armut, in der die Mehrzahl der Menschen leben, herrührend von der Monopolisierung der Produktivkräfte eines Landes durch einige Wenige. Hohe Geburtenziffern sind symptomatisch, für das Fehlen von sozialer Sicherheit. In einem rapiden Bevölkerungswachstum spiegelt sich oftmals das Bedürfnis der Bevölkerung, viele Kinder zu haben, damit die Familie über zusätzliche Arbeitskräfte verfügt, um .ihr mageres Einkommen aufzubessern und die Eltern auch versorgt sind, wenn sie einmal alt sind. Es wird damit ein Ausgleich geschaffen zur hohen Kindersterblichkeit, dem Ergebnis unzureichender Ernährung und Gesundheitsfürsorge. Mehr noch, hohe Geburtenziffern widerspiegeln die soziale Machtlosigkeit der Frauen, die durch die Armut noch verschärft wird. Keineswegs lassen wir die Langzeitfolgen eines rapiden Bevölkerungswachstums außer Acht. Wenn wir jedoch wirklich ernsthaft darum bemüht sein wollen, die Bevölkerung und die Ressourcen dieses Planeten in ein Gleichgewicht zu
bringen, dann müssen wir uns diesen grundlegenden Fragen zuwenden. Und es ist nicht nur ein nutzloses sondern ein tragisches Ablenkungsmanöver, das sich unser Planet einfach leisten kann, wenn gegen hohe Geburtenraten angegangen wird, ohne die Gründe der Armut zu bekämpfen, die nur großen Familien die Möglichkeit zum Überleben gibt." [S. 39f.]

Aus demselben Büchlein folgen hier die ersten drei Seiten des Comic:

Friedrich Engels (1820 - 1895), der Mitbegründer des Marxismus, geht in Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie [Entstanden Ende 1843 bis Januar 1844. Erstdruck in: Deutsch-Französische Jahrbücher, Paris 1844] ausführlich auf die pessimistische Bevölkerungslehre von  Thomas Robert Malthus (1766 - 1834; siehe unten) ein [Marx, Engels: Werke ( MEW). -- Berlin : Dietz. -- Bd. 1, S. 517 - 522. -- In: Marx, Engels: Ausgewählte Werke. -- Berlin : Directmedia, 1998 -- 1 CD-ROM. -- ( Digitale Bibliothek ; Band 11). -- ISBN 3932544153. -- S. 525ff. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie diese CD-ROM  bei amazon.de bestellen}] 

Engels' Grundannahme ist:

"Die der  Menschheit zu Gebote stehende Produktionskraft ist unermesslich. Die Ertragsfähigkeit des Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und Wissenschaft ins Unendliche zu steigern." [Marx, Engels: Werke ( MEW). -- Berlin : Dietz. -- Bd. 1, S. 517]

Zusammenfassend sagt Engels zu Malthus:

"Die Malthussche Theorie ist übrigens ein durchaus notwendiger Durchgangspunkt gewesen, der uns unendlich weitergebracht hat. Wir sind durch sie, wie überhaupt durch die Ökonomie, auf die Produktionskraft der Erde und der Menschheit aufmerksam geworden und nach der Überwindung dieser ökonomischen Verzweiflung vor der Furcht der Übervölkerung für immer gesichert. Wir ziehen aus ihr die stärksten ökonomischen Argumente für eine soziale Umgestaltung; denn selbst wenn Malthus durchaus recht hätte, so müsste man diese Umgestaltung auf der Stelle vornehmen, weil nur sie, nur die durch sie zu gebende Bildung der Massen diejenige moralische Beschränkung des Fortpflanzungstriebes möglich macht, die  Malthus selbst als das wirksamste und leichteste Gegenmittel gegen Übervölkerung darstellt. Wir haben durch sie die tiefste Erniedrigung der Menschheit, ihre Abhängigkeit vom Konkurrenzverhältnisse kennengelernt; sie hat uns gezeigt, wie in letzter Instanz das Privateigentum den Menschen zu einer Ware gemacht hat, deren Erzeugung und Vernichtung auch nur von der Nachfrage abhängt; wie das System der Konkurrenz dadurch Millionen von Menschen geschlachtet hat und täglich schlachtet; das alles haben wir gesehen, und das alles treibt uns zur Aufhebung dieser Erniedrigung der Menschheit durch die Aufhebung des Privateigentums, der Konkurrenz und der entgegengesetzten Interessen."
[Marx, Engels: Werke (MEW). -- Berlin : Dietz. -- Bd. 1, S. 521]

Trotz vollmundiger Deklamationen gehört gerade das kommunistische China zu den Ländern, in denen Bevölkerungswachstum am rigidesten und menschenverachtendsten direkt bekämpft wird.

Als Beispiel der liberal-ökonomischen Sicht genüge folgende Zitat von Julian L. Simon (1932 - 1998):

"We are confident that the nature of the physical world permits continued improvement in humankind's economic lot in the long run, indefinitely. Of course, there are always newly arising local problems, shortages, and pollution, resulting from climate or increased population and income and new technologies. Sometimes temporary large-scale problems arise. But the world's physical conditions and the resilience of a well-functioning economic and social system enable us to overcome such problems, and the solutions usually leave us better off than if the problem had never arisen. That is the great lesson to be learned from human history."

[Simon, Julian Lincoln <1932 - 1998>: Guest essay: There is no environmental crisis. -- In: Miller, George Tylor: Living in the environment : principles, connections, and solutions. -- 9. ed. -- Belmont [u.a.] : Wadsworth, ©1996.-- ISBN 053423898X. -- S. 25]


3.3. Meinung: "Bevölkerungswachstum hemmt wirtschaftliche Entwicklung"


Die Antibabypille ist die beste Entwicklung

Im Zuge der Französischen Revolution veröffentlichte 1793 William Godwin (1756 - 1836), der Stammvater des Anarchismus, die Abhandlung:

Godwin, William <1756-1836>: An enquiry concerning political justice and its influence on general virtue and happiness. -- London : Print. for G.G.J. and J. Robinson, 1793. -- Volltext: URL: http://dwardmac.pitzer.edu/anarchist_archives/godwin/PJfrontpiece.html. -- Zugriff am 2001-02-22]

Godwin vertritt darin die anarchistisch-aufklärerische Ansicht: Wenn die menschlichen Verstandeskräfte nach ihrer Entfesselung von politischen Banden unerschöpflich sind, dann wird auch die Welt in ihren Ressourcen unerschöpflich sein. 1820 präzisierte Godwin in einer Antwort auf Malthus:

"Zu einer Zeit, wo die Erde sich weigern wird, eine noch dichtere Bevölkerung aufzunehmen, werden die Menschen, die dann leben, aufhören, sich fortzupflanzen, denn es veranlasst sie hierzu weder ein Irrtum, noch ein Gefühl der Pflicht."

[Zitat mit Nachweis in: Schmid, Josef: Einführung in die Bevölkerungssoziologie. -- Reinbeck : Rowohlt, ©1976. -- (rororo Studium ; 98). -- ISBN 3499210983. -- S. 33]

Gegen das optimistische Menschenbild und Weltbild Godwins wandte sich der anglikanische Geistliche Thomas Robert Malthus (1766 - 1834) in seinem 1798 erschienenen Büchlein: 

[Malthus, Thomas Robert <1766 - 1834>:] An essay on the principle of population : as it affects the future improvement of society. With remarks on the speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet and other writers / [ursprünglich anonym erschienen]. -- 1. ed. -- 1797. -- Volltext im Internet: http://www.trmalthus.com/essay.htm. -- Zugriff am 2001-02-22

Abb.: T. R. Malthus

Den Kernpunkt der Malthusschen Lehre gibt folgendes Zitat:

"I think I may fairly make two postulata.

Assuming, then, my postulata as granted, I say, that the power of population is indefinitely greater than the power in the  earth to produce subsistence for man.

A slight acquaintance with numbers will show the immensity of the first power in comparition to the second." [Chapter 1]

Die Konsequenzen, die Malthus für die Bevölkerungspolitik daraus zog, sind nur noch von historischem Interesse. Doch werden auch heute noch Vertreter der Meinung, dass die Tragfähigkeit der Erde sich erschöpft, als Neomalthusianer bezeichnet, obwohl heute niemand mehr behauptet, dass sich die Möglichkeiten der Nahrungsgewinnung nur in einer arithmetischen Reihe steigern lassen.

Einer der bekanntesten "Neomalthusianer" ist der Biologe Paul Ehrlich. Er veröffentlichte schon 1968 das Buch:

Ehrlich, Paul R.: The population bomb. -- New York : Ballantine Books, [1968]. -- 223 p.

Seine Position zeigt folgende Aussage in einem Interview 1996:

"Do you think of population as a sheer numbers problem? Is there a definitive carrying capacity of the Earth?

PAUL EHRLICH: The carrying capacity of the Earth depends on the behavior of the individuals. At current behavior we're clearly above the carrying capacity because we're reducing the capacity of the planet to support people in the future. Now that doesn't mean that, in theory, if you worked out a system by which everyone was vegetarian and nobody went anywhere, you might be able to permanently support something like the present population--although few scientists who look at all the factors think that would be possible. By almost any standard, we are beyond carrying capacity now; but that doesn't mean we can't still go beyond that capacity for some time." 

[Ehrlich, Paul and Anne: Interview. -- In: E/The Environmental Magazine. -- Nov./Dec. 1996. -- URL: http://www.emagazine.com/november-december_1996/1196conv.html. -- Zugriff am 1999-10-04]

Die radikalste Form vertritt das The Voluntary Human Extinction Movement [URL: http://www.vhemt.org/. -- Zugriff am 2001-02-22]

"VHEMT (pronounced vehement) is a movement not an organization. It's a movement advanced by people who care about life on planet Earth. We're not just a bunch of misanthropes and anti-social, Malthusian misfits, taking morbid delight whenever disaster strikes humans. Nothing could be farther from the truth. Voluntary human extinction is the humanitarian alternative to human disasters. ... As VHEMT Volunteers know, the hopeful alternative to the extinction of millions, possibly billions, of species of plants and animals is the voluntary extinction of one species: Homo sapiens... us.Each time another one of us decides to not add another one of us to the burgeoning billions already squatting on this ravaged planet, another ray of hope shines through the gloom."


3.4. Wer hat recht?


Der Bamberger Professor für Bevölkerungswissenschaft Josef Schmid (1937 - ) glaubt zum 12.10.1999 folgende Bilanz ziehen zu können:

"Um die richtige Einschätzung des Bevölkerungsfaktors in Entwicklungsländern gibt es heute -- wie schon hundertfünfzig Jahre zuvor -- immer wieder Streit. Da stoßen alle Großideologien in Nationalökonomie und Politik aufeinander wie zu Malthus' und Ricardos Zeiten. Joan Robinson, die Keynes-Schülerin in Cambridge, scheint recht zu bekommen: «Bevölkerungsfragen sind so mit Emotionen befrachtet, dass sie gar nicht rational diskutiert werden können.»

[Schmid, Josef <1937 - >: Der sechsmilliardste Mensch. -- In: Neue Zürcher Zeitung. -- Internationale Ausgabe. -- 237 (©1999-10-12). -- S. 11]


4. Modell des demographischen Übergangs


Aus der Annahme heraus, dass sich Prognosemöglichkeiten für die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung eines Landes aus der Beschreibung und Deutung des empirischen Verlaufs der Bevölkerungsentwicklung in den Industriestaaten in den vergangenen etwa 150 Jahren ergeben, entwickelte nach Vorarbeiten amerikanischer Demographen (seit 1929) die Population Division der UNO gegen Ende der 60er Jahre ein Fünf-Phasen-Modell demographischer Transformation.. 

Dieses Modell wurde verschiedentlich kritisiert, da die medizinischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Randbedingungen in heutigen Entwicklungsländern oft sehr verschieden sind von den entsprechenden Bedingungen, als in Europa und Nordamerika entsprechende Prozesse abgelaufen sind.

Da jedoch in der Literatur und in den Diskussionen immer wieder dieses Modell zitiert wird, sei das idealtypische Schema des demographischen Übergangs hier kurz vorgestellt:

Abb.: Modell des demographischen Übergangs

  1. Prätransformative Phase: recht hohe Niveaus von Geburten- und Sterberaten (20..40/1000) im Fließgleichgewicht ergibt konstante Zuwachsrate auf niedrigem Niveau. 
  2. Frühtransformative Phase: Rasches Absinken der Sterberate durch verbesserte medizinische und hygienische Verhältnisse, Verringerung der Säuglingssterblichkeit bei konstant hoch bleibenden Geburtenraten ergibt starkes Anwachsen der Bevölkerungszahl. 
  3. Mitteltransformative Phase: Weiteres Abnehmen der Mortalität, einsetzender Rückgang der Fertilität (erst allmähliche Veränderung des generativen Verhaltens). Die Schere zwischen Geburten- und Sterberate ist am weitesten geöffnet.
  4. Spättransformative Phase: Verbreitete Geburtenkontrolle bewirkt fallende Geburtenraten. Die Sterblichkeit verringert sich kaum noch. Die Schere zwischen Geburten- und Sterberate beginnt sich zu schließen. 
  5. Posttransformative Phase: Niedrige Geburten- und Mortalitätsniveaus (ca. 10/1000). Größere Schwankungen treten nur noch bei den Geburtenraten auf. Die Bevölkerungszahl stagniert. 

5. Bevölkerungswachstum -- Wachstumsraten -- Verdoppelungszeiten


Die menschliche Population der Erde hat sich seit ihren Anfängen auf die heutige, schwindelerregende Zahl von 6 Mrd. Menschen vergrößert. Die Hälfte dieses Zuwachses entstammt den letzten 35 Jahren und die Dynamik dieses natürlichen Wachstums stellt verschiedene staatliche aber auch internationale Organisationen vor schier unlösbar erscheinende Probleme.

Die Verdoppelungszeit bei gegebener Wachstumsrate lässt sich mit einer Faustregel einfach berechnen:

Verdoppelungszeit = 69 : Wachstumsrate

Im Jahr 1804 betrug die Weltbevölkerung etwa 1 Milliarde, im Jahr 1927 etwa 2 Milliarden. Die Verdoppelung der Bevölkerungszahl brauchte also 123 Jahre. Der nächste Verdoppelungsschritt auf 4 Milliarden war 1974 vollzogen -- nach nur noch 47 Jahren. Eine weitere Verdoppelung auf rund 8 Mrd. Menschen wird seitdem für das Jahr 2028 angenommen, also nach 54 Jahren.

Die prozentualen Wachstumsraten der einzelnen Länder der Erde sind sehr unterschiedlich -- auch wenn die Unterschiede auf den ersten Blick gar nicht so wesentlich erscheinen. 

Wachstumsraten (WR) (in %) und Verdoppelungszeit (VZ) (in Jahren, gerundet auf ganze Jahre)
WR VZ Beispiele 1998 WR VZ Beispiele 1998
Unter 0%   Deutschland (-0,2%)
Italien (-0,1%)
2,0 35 Nordafrika
Ruanda, Swaziland
Marokko
El Salvador
Tonga
0,0 unendlich Europa
Österreich
0,1 693 "Entwickelte" Länder
0,2 347 Japan 2,1 33 Malaysia
Dominikan. Rep., Mexiko, Peru
Mikronesien, Vanuatu
0,3 231 Frankreich 2,2 32 Zentralafrikan. Rep., Ghana, Sambia
Algerien
Philippinen
Bolivien
0,4 173   2,3 30 Äthiopien, Guinea-Bissau, Uganda
Papua Neuguinea
0,5 139   2,4 29 Afrika
Burundi, Guinea, Tansania
Pakistan
Samoa
0,6 116 Nordamerika
Cuba
USA
2,5 28 Afrika südlich der Sahara
Naher Osten
Afghanistan, Iran, Nepal
Honduras
0,7 99 Nordkorea
Trinidad & Tobago
Australien
2,6 27 Elfenbeinküste, Äquatorialguinea, Mosambik
Belize
0,8 87 Uruguay
Kanada
2,7 26 Angola, Kap Verde, Tschad, Dschibuti
Kambodscha
Paraguay
0,9 77 China, Singapur
Puerto Rico
2,8 25 Kamerun, Madagaskar, Somalia
Laos
1,0 69 Südkorea, Thailand
Guyana, Niederl. Antillen
2,9 24 Burkina Faso, Nigeria, Sierra Leone, Sudan
Westsahara
Guatemala
1,1 63 Ozeanien
Botswana, Zimbabwe
Chile
3,0 23 Eritrea, Gambia, Mauritius, Niger
Nicaragua
1,2 58 Sri Lanka
Argentinien, Brasilien
3,1 22 Komoren, Kongo (Brazzaville), Liberia, Mali
Jordanien
1,3 53 Welt
Seychellen
Nauru
3,2 22 Kongo (Kinshasa)
Syrien, West-Bank
Solomonen
1,4 50 Asien
Malawi, Südafrika
Israel
Albanien
3,3 21 Benin, Senegal
Saudi-Arabien, Jemen
1,5 46 Gabun
Tunesien
Indonesien, Mongolei, Vietnam
Jamaica
3,4 20 Maldiven
1,6 43 Entwicklungsländer
Lateinamerika + Karibik
Namibia
Türkei
Myanmar
Bahamas
3,5 20 Sao Tome & Principe, Togo
1,7 41 Kenya
Indien
Panama, Surinam
Fidschi
3,6 19 Iraq
1,8 39 Reunion
Bangladesh
Ecuador, Venezuela
Franz. Polynesien
3,7 19 Mayotte
Libyen
1,9 37 Lesotho
Ägypten
Kolumbien, Costa Rica, Franz. Guiana, Haiti
Kiribati
3,8 18 Marshall-Inseln
3,9 18  
4,0 17  
4,5 15 Gazastreifen

[Quelle der Prozentangaben: World Population Profile 1998 / US Census Bureau. -- Table A-5. -- URL: http://www.census.gov/ipc/prod/wp98/wp98.pdf. -- Zugriff am 1999-10-19]


6. Geschichte der Weltbevölkerung


Einen guten Eindruck von der Geschichte der Weltbevölkerung bekommt man, wenn man die Jahre betrachtet, in denen die Weltbevölkerung gegenüber dem vorherigen Datum jeweils um eine Milliarde zugenommen hat:

Weltbevölkerung in Milliarden Jahr Zeitraum für den Zuwachs um eine Milliarde
1 1804 ganze Menschheitsgeschichte
2 1927 123 Jahre
3 1960 33 Jahre
4 1974 14 Jahre
5 1987 13 Jahre
6 1999 12 Jahre
Projektion (mittlere Variante):    
7 2013 14 Jahre
8 2028 15 Jahre
9 2054 26 Jahre

[Quelle: Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung. -- http://www.dsw-online.de/wbprojektionbg.html. -- Zugriff am 1999-10-06]


7. Grundbegriffe der Demographie


7.1. "Demographie"


Aus dem Griechischen hergeleitetes Synonym für Bevölkerungslehre oder Bevölkerungswissenschaft (demos = Volk; graphein. = beschreiben).


7.2. Demographische Ereignisse


Wachstum und Struktur der Bevölkerung wird von vier Faktoren, den demographischen Ereignissen, bestimmt:

Deshalb bilden Geburten, Sterbefälle und Wanderungen die wichtigsten demographischen Variablen.


7.3. Demographische Komponenten


Versucht man in die komplexen, komplizierten, unverstandenen und unerforschten demographischen Zusammenhänge etwas begriffliche Ordnung zu bringen, dann kann man mit Jürg A. Hauser folgende vier Begriffsgruppen zur Unterscheidung der Komponenten benennen:

Den Zusammenhang zwischen den demographischen Komponenten zeigt folgende Graphik:

[Stark vereinfacht nach: Hauser, Jürg A. <1942 - >: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt. -- Bern [u.a.] : Haupt. -- Bd. 2. -- 1991. -- (UTB ; 1569). -- ISBN 3825215687. -- S. 25. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


7.4. Statistische Daten


Um nun alle diese Variablen zur Bestimmung der Bevölkerung zu erhalten, benötigt man die Statistik, die das wichtigste Hilfsmittel der Demographie darstellt. Die Statistik ist also der Produzent und Ermittler von Informationen. Sie läuft  in 3 Phasen ab:

  1. Datenerhebung
  2. Datenverarbeitung
  3. Datenpräsentation

Die Datenerhebung ist die kritischste Phase. Sie gestaltet sich oft schwierig durch politische Manipulationen, die hohe Analphabetenrate in manchen Entwicklungsländern, die Wohnungsprobleme, veraltete Daten und die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung.


7.5. Die wesentlichsten Geburten- und Sterbeziffern


Will man ein möglichst klares Bild über die Sterbe- und Fruchtbarkeitsverhältnisse einer demographischen Einheit gewinnen, müsste man mindestens (!) nach Alter und Geschlecht differenzieren, also folgende Ziffern bestimmen:

Da diese vielen verschiedenen Ziffern schnell unübersichtlich werden und es gerade in Entwicklungsländern an zuverlässigem Datenmaterial oft fehlt, benutzt man der Einfachheit wegen die 

Weitere oft gebrauchte Ziffern sind: 


7.6. Alters- und Geschlechtsaufbau


Dieser Faktor gibt an, wieviel Prozent der gesamten Bevölkerung wie alt sind. Wird in Form von Tabellen oder Graphiken (Bevölkerungspyramiden) dargestellt, wobei oft die Geschlechter unterschieden werden.

Es gibt folgende Grundtypen von Bevölkerungspyramiden:

Pagodenform
Idealtypisch Beispiele


Pagodenform

Sehr junge, rasch wachsende Bevölkerung mit relativ geringer Lebenserwartung bei Geburt (hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit). Ca. 45% der Bevölkerung sind Kinder von 0 bis 14 Jahren. Rasches Bevölkerungswachstum.

Heute typisch für Entwicklungsländer, vor allem in Afrika


Nigeria 1997


Uganda 1997


Zimbabwe 1997


Bangladesh 1997


Mongolei 1997

Zukunftsaussichten: Beispiel Nigeria


Nigeria 2025


Nigeria 2050

Dreiecksform (Pyramidenform)
Idealtypisch Beispiele


Dreiecksform (Pyramidenform)

Junge und rasch wachsende Bevölkerung mit gegenüber Pagodenform stark verringerter Säuglings- und Kindersterblichkeit. Rasches Bevölkerungswachstum.

Entsprach deutscher Bevölkerung vor 1. Weltkrieg


Indien 1997


Südafrika 1997


Indonesien 1997


Brasilien 1997

Zukunftsaussichten: Beispiel Indien


Indien 2025


Indien 2050

Glockenform
Idealtypisch Beispiel


Glockenform

Gegenüber Dreiecksform deutliche Verringerung der Geburtenhäufigkeit und Verringerung der  Säuglings- und Kindersterblichkeit. Entspricht einer stabilen bzw. stationären Bevölkerung (langfristig gesehen weder Bevölkerungswachstum noch Bevölkerungsrückgang)

Langfristig wurde eine solch stationäre Bevölkerung noch in keinem Land beobachtet.


Schweden 1997


USA 1997

Zukunftsaussichten: Beispiel USA 1950 bis 2050 (animated gif)

Abb.: Alterspyramide der USA 1950 - 2050

Quelle der Abb.: 
http://www.ac.wwu.edu/~stephan/Animation/pyramid.html
.
 -- Zugriff am 1999-07-08

 

 

Urnenform
Idealtypisch Beispiele


Urnenform

Bevölkerung, die Geburtenrückgang und/oder starke Auswanderung junger Leute erfahren hat. Langfristig Bevölkerungsrückgang. Starke Alterung.

Typisch für die meisten europäischen Länder infolge des Geburtenrückgangs seit ca. 1965.


Deutschland 1997


Thailand 1997


China 1997

Zukunftsaussichten: Beispiel China und Thailand


China 2025


China 2050


Thailand 2025


Thailand 2050

[Quelle aller Bevölkerungspyramiden: http://www.census.gov/ipc/www/idbpyr.html. -- Zugriff am 1999-10-12]

Der Alters- und Geschlechtsaufbau einer  Bevölkerung ist entscheidend für die künftige Bevölkerungsentwicklung und die Entwicklung sozialer Probleme: demographische Entwicklungen sind außerhalb von Krisenzeiten keine plötzlich hereinbrechenden Katastrophen, sondern sind Jahrzehnte zuvor vorhersehbar, auch wenn Politiker, die nur zwischen zwei Wahlterminen hecheln, so tun, als ob es ganz unerwartete Probleme wären (siehe die Diskussionen um Renten und Krankenversicherungen in Deutschland!). Nur langfristige, auf demographischen Daten beruhende, weltweite Sozialpolitik könnte immense Krisen verhindern (siehe oben die Alterstruktur für Thailand 2050: 1980 ein Entwicklungsland, 2050 Probleme mit einer hohen Rentenlast).

Selbst wenn heute weltweit eine Reproduktionsrate von Frauen von 2,1 erreicht würde, die den bloßen Erhalt einer Bevölkerungsgröße garantiert,  würde die Weltbevölkerung noch weiterhin 50 Jahre lang wachsen bis sie sich bei ca. 8,6 Milliarden stabilisiert! Der Grund ist die Altersstruktur, besonders der Frauen.

Man teilt die Alterstruktur grob in drei Klassen:

Wenn in einer Bevölkerung viele Frauen in der reproduktiven Phase und der vorreproduktiven Phase sind, dann wird die Bevölkerung noch eine Zeit lang wachsen, selbst wenn die Frauen nur eine Reproduktionsrate von 2,1 haben. Heute ist die Hälfte der Frauen der Welt in der reproduktiven Phase und ein Drittel der Weltbevölkerung ist unter 15 Jahre und hat die reproduktive Phase noch vor sich. Dies ist der mächtigste Faktor für das Anwachsen der Weltbevölkerung! Nur wenn sehr viele Frauen auf Kinder ganz verzichteten, wäre dieser Trend zum Bevölkerungswachstum zu stoppen.

Aus dem Altersaufbau einer Bevölkerung ergeben sich demographische Belastungsquoten: die Anzahl der nicht-erwerbstätigen Kinder und Jugendlichen bzw. Alten, die auf je 100 Erwerbstätige fallen. Aus praktischen Gründen berechnet man diese Quoten so:

Jugendlastquote plus Alterslastquote ergibt die demographische Gesamtlastquote.

Dass die so berechneten Lastquoten sehr problematisch sind und nur grobe Hinweise geben, braucht nicht betont zu werden.


7.7. Bevölkerungsprognosen 


Bevölkerungsprognosen verfolgen das Ziel die zukünftigen Entwicklungen der demographischen Endgrößen zu erhalten. Wichtig hierbei die Bevölkerungsgröße, Schätzungen über Entwicklungen der Geburten und Sterbewerte und der Strukturwerte Alter und Geschlecht sowie der regionalen Verteilung.


7.8. Bevölkerungsdynamik


Bevölkerungsdynamik beinhaltet das Wachstum sowie die Veränderung der Struktur einer Bevölkerung verursacht durch veränderte Fruchtbarkeits-, Sterbe- und Wanderungswerte.

Die beiden wichtigsten Messzahlen für Bevölkerungsdynamik sind:


Zu Kapitel 23, Teil II