Einführung in

Entwicklungsländerstudien

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23. Kernprobleme: Bevölkerung

2. Teil II


verfasst von Evi Hartmann

herausgegeben von Margarete Payer

mailto: payer@hdm-stuttgart.de


Zitierweise / cite as:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil II: Kernprobleme. -- Kapitel 23: Bevölkerung / verfasst von Evi Hartmann. -- 2. Teil II. -- Fassung vom 2001-02-22. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw232.htm. -- [Stichwort].

Erstmals publiziert: 1999-12-14

Überarbeitungen:  2001-02-22 [Update]

Anlass: Lehrveranstaltung "Einführung in Entwicklungsländerstudien", HBI Stuttgart, 1998/99

Unterrichtsmaterialien (gemäß § 46 (1) UrhG)

©opyright: Dieser Text steht der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Verwertung in Publikationen, die über übliche Zitate hinausgeht, bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Herausgeberin.

Dieser Text ist Bestandteil der Abteilung Entwicklungsländer von Tüpfli's Global Village Library.


Skript, das von den Teilnehmern am Wahlpflichtfach "Entwicklungsländerstudien" an der HBI Stuttgart erarbeitet wird.


0. Übersicht



8. Sterblichkeit


Abb.: Kirchengesang "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen", Deutschland, 15. Jhdt.


Abb.: Den Tod stets vor Augen: Beinhaus in Naters, Wallis, Schweiz

[Das obige Lied wurde von Martin Luther um zwei Strophen erweitert. Es fand Aufnahme in alle evangelischen Gesangbücher, z.B. Gesangbuch der EKD, Nr. 518]


8.1. Allgemeines


"Unbestritten ist das Sterblichkeitsniveau ein fundamentaler Faktor der Gesundheits- und Lebensbedingungen einer Bevölkerung, ein maßgebender Indikator des sozialen und ökonomischen Entwicklungsstandes eines Landes. Es zu verbessern, die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt zu heben, ist ein Grundziel aller Entwicklungsanstrengungen, ist ein Grundziel der meisten Kulturkreise. Vielleicht wird weniger ein «langes Leben» an und für sich angestrebt als vielmehr ein Leben in Gesundheit, befreit von den durch soziales und ökonomisches Elend hervorgerufenen Krankheiten und/oder physisch-psychischen Mangelerscheinungen. Dieses Ziel, ein entscheidendes Element in der Entwicklungsstrategie, bringt aber zugleich auch eine Hebung der durchschnittlichen Lebenserwartung, eine Senkung der Sterblichkeit mit sich.

Obwohl aus der Sicht jedes Individuums wünschbar, kann sich eine plötzliche Senkung der Sterblichkeit -- wenn sie die Gesellschaft unvorbereitet trifft -- für die Gesamtheit äußerst problematisch auswirken. Um die Tragik dieses Problemkreises zu vermeiden -- oder, der heutigen Weltlage besser gerecht werdend, zu lindern --, muss man sich der sozialen, ökonomischen und demographischen Konsequenzen nicht nur bewusst sein, sondern gleichzeitig auch Maßnahmen gegen allfällige nachteilige Nebeneffekte bereithalten. Jeder technische Fortschritt -- so auch der stetige Kampf gegen Krankheit und Tod -- bringt nicht nur positive, sondern auch negative Folgen, die ihrerseits wiederum neue Maßnahmen erforderlich machen. Ohne solche Maßnahmen bleibt der Fortschritt kaum bestehen, kommt vor allem nicht in wachsendem Masse der Allgemeinheit zugute und wirkt am Ende gar schädlich."

[Hauser, Jürg A. <1942 - >: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt. -- Bern [u.a.] : Haupt. -- Bd. 2. -- 1991. -- (UTB ; 1569). -- ISBN 3825215687. -- S. 71. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

"Als der mächtige, «unsinkbare» Luxusdampfer Titanic auf seiner Jungfernfahrt 1912 einen Eisberg rammte und daraufhin in den Fluten versank, fanden laut Passagierliste von den 143 weiblichen Erstklassepassagieren nur 4, von den 93 Frauen zweiter Klasse hingegen 15 und von den 179 weiblichen Passagieren dritter Klasse gar deren 81 den Tod. Der Tod macht den Schlussstrich unter jedes Leben und doch steht, wie das tragische Beispiel der Titanic andeutet, der Zeitpunkt für diesen Schlussstrich nur allzu oft in direkter Beziehung mit der sozialen und ökonomischen Klasse, in der man durchs Leben reist. «Arm stirbt sich früher» mag statisch-komparativ zutreffen. Vergleiche von Sterblichkeitsniveaus in Slums und in Villenvierteln, in Industrie- und in Entwicklungsländern, kurz in armen und in reichen Bevölkerungsschichten unterstützen diese Behauptung. Stimmt sie aber auch in der dynamischen Analyse? Stimmt sie in dieser allgemeinen, absoluten und aggregierten Form? Oder ist- in einer oft gehörten und häufig vertretenen Formulierung gefragt - wirtschaftliches Wachstum eine notwendige Voraussetzung für eine Verbesserung der Sterblichkeitsverhältnisse?"

[Hauser, a.a.O., S. 72]

Da das Sterblichkeitsniveau "geradezu  zu einem Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung, des Nord-Süd-Gefälles, geworden" ist, kommt Hauser zu folgender Antwort auf diese Fragen:

"Allgemeiner formuliert: Die Parabel «Titanic» trifft letztlich immer zu -- «regional» und «sozial» sind lediglich andere Ordnungskriterien und deuten immer auf den Unterschied zwischen arm und reich."

[Hauser, a.a.O., S. 73]


8.2. Gründe für die Sterblichkeitssenkung


"Es sind hauptsächlich folgende sechs Faktoren, die im westlichen Kulturkreis zu dieser enormen Sterblichkeitssenkung beigetragen haben, Faktoren, die alle samt und sonders in direktem Zusammenhang mit der Steigerung des Prokopfeinkommens, mit der allgemeinen ökonomischen und sozialen Entwicklung stehen:

  1. Die steigende wirtschaftliche Produktivität ermöglichte zuerst einmal einen, an Gütern und Dienstleistungen gemessen, steigenden Lebensstandard.
  2. Stabilere politische Verhältnisse in immer größeren Territorien verminderten im 19. Jahrhundert zumindest gegenseitige mörderische Kriegsaktionen und trugen dadurch auch zu einer besseren Verteilung von Gütern -- insbesondere zwischen Mangel- und Überschussgebieten -- bei.
  3. Die Schaffung gesunder sanitärischer Verhältnisse, die sogenannte «öffentliche Hygiene», reduzierte drastisch gewisse letal verlaufende Krankheiten und Todesursachen, die auf verdorbene Esswaren, verseuchtes Wasser und anderes mehr zurückzuführen waren.
  4. In ähnlicher Weise wirkte sich die Verbesserung der privaten Hygiene auf die Sterblichkeit aus.
  5. Die gewaltigen medizinischen Fortschritte zusammen mit Auf- und Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens trugen außerdem enorm zur Verhütung und Kontrolle gefährlicher Krankheiten bei.
  6. Der Auf- und Ausbau eines Netzes der sozialen Sicherheit im Laufe der gesamten sozioökonomischen Entwicklung sorgte einerseits dafür, dass bestehende soziale Unterschiede immer mehr ausgeglichen wurden, d. h. dass mehr oder weniger jedermann in angemessenem Maße zumindest seine Grundbedürfnisse decken konnte. Anderseits wurden dadurch auch umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der individuellen und kollektiven Sicherheit bei Produktion, Verkehr, Konsum etc. eingeleitet.

Wie stark nun jeder dieser 6 Faktoren bei der Sterblichkeitssenkung im westlichen Kulturkreis ins Gewicht fiel, können wir nicht berechnen. Schätzungen gehen dahin, dass etwa ein Drittel auf die allgemeine Hebung des Lebensstandards und die verbesserten politischen Bedingungen zurückzuführen sei; ein weiteres Drittel ist wahrscheinlich der Verbesserung der öffentlichen und privaten Hygiene und das letzte Drittel schließlich dem Wirken der modernen Medizin und dem Ausbau des sozialen Sicherheitsnetzes zuzuschreiben."

[Hauser, Jürg A. <1942 - >: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt. -- Bern [u.a.] : Haupt. -- Bd. 2. -- 1991. -- (UTB ; 1569). -- ISBN 3825215687. -- S. 75f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Die Gründe für die immer noch hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit in vielen Entwicklungsländern, den Hauptgrund einer hohen vorzeitigen Sterblichkeit, zeigt folgende Graphik:

Abb.: "In heutigen Entwicklungsgebieten der Dritten und Vierten Welt ist eine nach wie vor hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit oft eine Folge des Zusammenwirkens der «Großen Drei»

  1. Unter- / Fehl-Ernährung

  2. Diarrhöen

  3. Luftwegs-Infektionen

unter den «Herausragenden Zehn»; zusätzlich:

  1. Eingeweide-Parasiten

  2. Keuchhusten

  3. Tuberkulose

  4. Unfälle

  5. Anämie

  6. Malaria

  7. Masern

Während Unterernährung klinisch zu Marasmus führt, so hat Fehl-Ernährung mit spezifischem schweren Proteinmangel den Kwashiorkor zur Folge. Den Nährboden dieser «multifaktoriellen Interdependenz» mit einer «multiplen Pathologie» bildet der «Teufelskreis Armut» als ein System von Unterentwicklung und Bedürftigkeit auf allen Ebenen des täglichen Lebens."

[Quelle von Abb. und Text: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Die Lebenszeit : vom aufgeschobenen Tod und von der Kunst des Lebens. -- München : Beck, ©1991. -- ISBN 3406332110. -- S. 229]

Aber auch in Entwicklungsländern haben wir einen rasanten Rückgang der Durchschnittsziffer der Sterblichkeit. Allein zwischen 1945/49 bis 1950/54 senkte sich die Durchschnittsziffer der Sterblichkeit in Entwicklungsländern um 20%, ein rasanter Fortschritt, der in Europa seinesgleichen sucht.

Als Beispiel für ein Entwicklungsland mit rapider Sterblichkeitssenkung sei Sri Lanka angeführt:


8.2.1. Zum Beispiel: Sri Lanka (Ceylon)


In Sri Lanka, früher Ceylon, sind dankzuverlässiger und langfristiger statistischer Zeitreihen die Hintergründe der Abnahme der Sterblichkeit gut bekannt und durchleuchtet.

Die folgende Tabelle zeigt, dass das Jahr 1947 für Ceylon (heute Sri Lanka) bezüglich der Sterblichkeit die große demographische Wende darstellte:

Sterbeziffer und Lebenserwartung bei Geburt in Sri Lanka (Ceylon)
Jahr rohe Sterbeziffer (Todesfälle pro 1000 EW) Lebenserwartung bei Geburt
beide Geschlechter männlich weiblich
1920 - 24 28,9      
1925 -29 24,9      
1930 - 34 22,4      
1935 - 39 24,5      
1940 - 44 19,7      
1946 20,3      
1947 14,3     51
1949 12,6      
1950 -54 11,5      
1955 - 59  9,9      
1960 - 64 8,5     61
1981 6.0  69.60  67.75 71.54
1985 6.2 69.09 66.61 71.70
1990 5.8 71.00 68.59 73.54
1995 5.8 72.18 69.62 74.86
1998 6.0 72.55 69.82 75.41

[Quelle der Daten: U.S. Bureau of the Census, International Data Base. -- URL: http://www.census.gov/ipc/www/idbprint.html. -- Zugriff am 1999-10-20; sowie Hauser, s.unten]

"Hauptkrankheiten und Todesursachen [in Ceylon] vor der großen Wende

Die hauptsächlichsten Krankheiten und Todesursachen vor der großen Wende im Sterblichkeitsverlauf ... können in Ceylon allgemein 5 breiten Kategorien zugeordnet werden:

  1. Hunger und Fehlernährung: Das Ernährungsproblem war ein Hauptfaktor in der Verursachung von Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes und Infektionen der Luftwege. Chronischer Hunger und Verhungern als Resultat von Missernten und allgemein sehr niedriger Agrarproduktivität waren häufig auftretende Ereignisse im Leben der einfachen Bauern des 19. Jahrhunderts, während Fehl- und Mangelernährung eine gängige Erscheinung unter der gesamten Bevölkerung in der ganzen 1. Phase darstellten. ...
  2. Krankheiten als Folge unhygienischer Verhältnisse und nicht einwandfreien Wassers: Die hauptsächlichsten Krankheiten in dieser Kategorie waren Cholera, Dysenterie und Enteritis, Typhus und Hakenwurmbefall. Die Probleme traten am akutesten in den rasch wachsenden urbanen Regionen, in den Plantagensiedlungen mit großen Arbeiterhäusern ohne adäquate sanitärische Einrichtungen sowie in den sehr dicht besiedelten ruralen Gegenden auf.
  3. Durch Atemluft verursachte oder übertragene Erkrankungen: Der Hauptteil dieser Infektionen der Atemwege resultierte in Pneumonie oder Bronchitis und war zurückzuführen auf die völlig ungenügenden Unterkünfte in Verbindung mit dem feuchten Tropenklima. Tuberkulose, obwohl nicht sonderlich verbreitet in Ceylon, war eine wichtige Todesursache für die arme Bevölkerung in Colombo und in den Plantagen.
  4. Säuglings- und Müttersterblichkeit: Sie waren im 19. und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts extrem hoch und hatten ihre Ursache vornehmlich in den unhygienischen und ungesunden prä- und postnatalen Praktiken der traditionellen Hebammen. Hohe neonatale Sterblichkeit und Tod der Mütter durch Sepsis waren die Folge.
  5. Malaria: Malaria, übertragen durch die Anophelesmücke, kam in der Trockenzone Ceylons endemisch vor und sorgte zusammen mit periodisch epidemischem Auftreten in den meisten feuchtheißen Gebieten landesweit für eine sehr hohe Malariasterblichkeit.

Allgemein lag in dieser ersten Phase der Sterblichkeitstransformation zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Mortalität hoch, überstieg sie doch bis 1920 noch die 30-%o-Marke. Zweifelsohne lag sie im 19. Jahrhundert noch sehr viel höher , nahm aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam ab. Der Rückgang war zum großen Teil durch eine allmähliche Kontrolle der Cholerasterblichkeit und eine drastische Reduktion der Todesfälle durch Verhungern und Mangelernährung bedingt - beides Einflüsse der kolonialen Transformation Ceylons von einer armseligen [sic!] Subsistenzwirtschaft zu einer modernen Plantagenindustrie mit Exporten von Kaffee, Tee, Kokosprodukten und, nach der Jahrhundertwende, Gummi.

Die Sterblichkeit nahm zwischen 1920 und 1942 langsam von etwa 30%o auf etwa 20%o ab. Dann wurde der Trend abrupt durch die erneut auftretende, diesmal kriegsbedingte Nahrungsmittelknappheit von 1942 bis 1946 unterbrochen. (Vor allem der Ausfall der Reisimporte aus Burma traf das chronisch nahrungsmitteldefizitäre Land sehr hart.) Zusammen mit einer gleichzeitigen Verbesserung der Nahrungsmittelimporte war 1946 der Übergang von Phase 1 zu Phase 2 in der Sterblichkeitstransformation erreicht: die Malaria wurde unter Kontrolle gebracht und die CDR [rohe Sterberate] sank zwischen 1946 und 1949 von 20 %o auf 12 %o! ...

Dann gelang der Wissenschaft der große Triumph: das DDT war erfunden. Mit dem vielgepriesenen und heute oft geschmähten und meist gebannten Gift wurde es möglich, den Kreislauf in der Kette der Malaria zu brechen: der Überträger -- die Anophelesmücke -- ließ sich damals durch Besprühen vernichten oder zumindest stark dezimieren. Die DDT-Kampagne wurde im Oktober 1945 vorerst nur in einem Verwaltungsbezirk durchgeführt, erfasste aber im folgenden Jahr alle endemischen Bezirke, und bereits 1948 waren praktisch 100 % der malariagefährdeten Personen geschützt. Die Wirkung war frappant: Die Zahl der gemeldeten Malariaerkrankungen die Morbidität -- nahm von ca. 2750000 im Jahre 1946 stetig ab, erreichte 1952 270000 und sank weiter über nur noch 422 im Jahre 1960 auf ganze 17 (!) für 1963. Bei Malariaerscheinungen laufen nun aber Morbidität und Mortalität nicht immer Hand in Hand. Ob bei hohem Malariavorkommen auch die Zahl der Todesfälle hoch ist, hängt noch von verschiedenen weiteren Umständen ab, so vor allem vom Zustand von Ernährung, von privater und öffentlicher Hygiene sowie vom Gesundheitswesen und vom Grad der natürlichen Malariaimmunität der Bevölkerung,

In Ceylon wurde jedenfalls eine hohe Malariamortalität registriert. Für das Jahrzehnt 1933/42 betrug sie im Durchschnitt etwa 20029 ; d. h. dass von der damaligen Bevölkerung von 5,8 Millionen jährlich etwa 11600 an Malaria zugrunde gingen. Während der größten Malariaepidemie um 1934/35 sollen allein in einem einzigen Monat mindestens 100 000 Menschen an dieser fürchterlichen Krankheit gestorben sein! 1935 wurden unter der 5,6 Millionen zählenden Bevölkerung 5 454 781 Malariafälle erfasst, was einer Morbiditätsrate von ca. 97 % (!) entspricht.

Dank dem DDT sank die Mortalitätsziffer von 140,5 (1946) sehr bald auf 92,1 (1948) ... und 1963 wurden bei 17 Malariaerkrankungen überhaupt keine Malariatoten mehr gemeldet. Malaria als Todesursache war (damals) ausgerottet, ein großer «Killer» aus Ceylon verschwunden.

Die Wirkung auf die rohe Sterbeziffer war gewaltig, sie fiel in einem einzigen Jahr von 20,3 % (1946) auf 14,3 %o und belief sich 1949 noch auf 12,6  %o ...

Das Beispiel  Ceylon zusammenfassend können wir immerhin festhalten, dass die spektakuläre Sterblichkeitssenkung in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, wenn vielleicht auch nicht gänzlich, so doch zu einem überwiegend großen Teil der Malariakampagne zuzuschreiben ist.".

[Hauser, Jürg A. <1942 - >: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt. -- Bern [u.a.] : Haupt. -- Bd. 2. -- 1991. -- (UTB ; 1569). -- ISBN 3825215687. -- S. 100 - 107. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


8.3. Was bedeutet Steigerung der irdischen Lebenserwartung, der Übergang von der unsicheren zur sicheren Lebenszeit?


Wie kein zweiter Wissenschaftler weist der historische Demograph Arthur E. Imhof immer wieder auf die Probleme hin, die wir uns mit einer Steigerung der irdischen Lebenserwartung einhandeln, Probleme, mit denen die Entwicklungsländer bald auch konfrontiert sein werden:

"Wenn man in der Dritten oder Vierten Welt von mir, von uns wissen will, wie wir es bei uns in der Ersten angestellt hätten, um unsere Säuglingssterblichkeit auf ein kaum mehr unterbietbares Niveau zu senken und jedem Neugeborenen quasi eine Lebensdauer von siebzig, achtzig oder noch mehr Jahren zu garantieren, dann erfolgt das dort wohl in der Absicht, es uns nach Möglichkeit in absehbarer Zeit gleichzutun. Als Fachmann für geschichtliche Entwicklungen kann ich die gewünschten Antworten tatsächlich geben. Doch enden meine Vorträge, Vorlesungen, Lehrveranstaltungen kaum je an dieser Stelle. Es würde bedeuten, mitten auf der Strecke innezuhalten und abzubrechen. Die Geschichte kennt bei uns, in der Ersten Welt, eine Fortsetzung. Ich meine damit die Fülle jener Probleme, die aus den über uns hereingebrochenen zusätzlichen Lebensjahren erwuchsen. Es ist abzusehen, dass diese gleiche Fortsetzung auch auf jene Völker der Dritten und Vierten Welt zukommen wird, die uns im ersten Teil der Entwicklung nun kopieren möchten. Man kann sich nicht nur die erfreulichen Rosinen aus dieser Entwicklung herauspicken, die Augen vor dem sehr viel weniger erfreulichen Rest' jedoch verschließen. ...

Ob es uns passt oder nicht: wir -- die Privilegierten dieser Erde -- stehen an vorderster Stelle dieser globalen Entwicklung. Und wir haben die damit verbundenen Probleme selbst noch nicht genügend gemeistert. Ich kann nur nochmals an jeden Leser appellieren, und zwar seinet-, unserer- und ihretwegen. 'Wir sind es nicht wert, zu den Privilegiertesten dieser Erde zu zählen, wenn wir nicht wissen, was wir mit den vielen zusätzlichen Jahren anfangen sollen'."

[Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Im Bildersaal der Geschichte oder Ein Historiker schaut Bilder an. -- München : Beck, ©1988. -- ISBN 3406349692. -- S. 66f.]

Zunächst einmal haben wir den Übergang von einer unsicheren Lebenszeit zu einer ziemlich sicher erwartbaren Lebenszeit. Während früher galt: "Mitten im Leben sind wir -- durch Hunger, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen, Kriege -- vom Tod umgeben", kann man heute in industrialisierten Ländern (und einem Teil der Entwicklungsländer) mit großer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes hohes Lebensalter erwarten. Die folgende Graphik zeigt diesen Übergang sehr augenfällig: 

Abb.: Je dreißig Sterbefälle in Berlin-Dorotheenstadt im September-Oktober 1738 und in Berlin-West März-April 1988

"Links und rechts sieht man ein "Haus des Lebens". Jede erklommene Etage bedeutet ein Lebensjahrzehnt. Vor 250 Jahren waren die Sterbealter breit gestreut. Etwa ein Viertel aller Geborenen blieb nicht einmal bis zum ersten Geburtstag am Leben. Rein rechnerisch lag der Durchschnitt der Sterbealter damals bei etwa 30 Jahren. Mittlerweile haben sich die Sterbealter fokussiert, wobei allerdings noch immer nicht wenige Menschen vor ihrem Alter sterben. Im Durchschnitt können wir heute indes ziemlich fest mit 70 bis 80 Lebensjahren rechnen."

[Quelle der Abb.: erstmals: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Im Bildersaal der Geschichte oder Ein Historiker schaut Bilder an. -- München : Beck, ©1988. -- ISBN 3406349692. -- S. 73.. -- Im WWW: URL: http://www.fu-berlin.de/aeimhof/fes34.htm. -- Zugriff am 1999-10-08]

Die Entwicklung der Lebenserwartung in einem bestimmten Lebensalter  in den USA zeigt für einzelne Bevölkerungsgruppen folgendes animated-gif-Bild:

Abb.: Lebenserwartung in den USA 1900 bis 1980

Quelle der Abb.: http://www.ac.wwu.edu/~stephan/Animation/expectancy.html.
 -- Zugriff am 1999-07-08

Das bedeutet eine enorme Steigerung von Menschen in hohem Lebensalter:

Abb.: Immer mehr junge Menschen werden alt: Deutschland 1871 - 1983

[Quelle der Abb.: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Die Lebenszeit : vom aufgeschobenen Tod und von der Kunst des Lebens. -- München : Beck, ©1991. -- ISBN 3406332110. -- S. 288]

Dieser Trend ist weltweit:

Abb.: Anteil der über 65jährigen an der Gesamtbevölkerung in Prozenten (grün) und absoluten Zahlen 1980, 2000, 2025

[Vorlage der Abb.: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Im Bildersaal der Geschichte oder Ein Historiker schaut Bilder an. -- München : Beck, ©1988. -- ISBN 3406349692. -- S. 97]

Längere Lebenszeit bedeutet auch vermehrte Freizeit:

 

Abb.: Entwicklung des Lebenszeit-Budgets gestern (um 1900) - heute (um 1980) - morgen (in absehbarer Zukunft) mit dem prozentual wie absolut expandierenden Anteil an frei verfügbarer Zeit

[Quelle der Abb.: Arthur E. Imhof. -- URL: http://www.fu-berlin.de/aeimhof/fes93.htm. -- Zugriff am 1999-10-08]

Doch ist die Verlängerung der irdischen Lebenszeit nicht unbedingt auch ein Gewinn an als wirklich geglaubter Lebenszeit: verliert der Mensch den Glauben an ewiges Leben, Wiedergeburt in einer besseren Welt und dergleichen, dann ist der Gewinn an irdischer Lebenszeit nichts gegenüber der Lebenszeit, die er verliert. Für das vormals christliche Europa zeigt das anschaulich folgende Graphik:

 

Abb:. Übergang von einem Lebenslauf in zwei Teilen (unsicheres irdisches Leben + ewiges Leben) im früheren christlichen Europa zu einem einphasigen Lebenslauf  (verlängertes, sicheres irdisches Leben) im heutigen Europa

"Verglichen werden schematisch fünf Lebensläufe "früher" mit fünf Lebensläufen "heute". Seinerzeit bestand das Leben aus zwei Teilen: einem mehr oder weniger kurzen auf Erden und einem unendlichen im Jenseits. Zur Sicherung des ewigen Seelenheils in der Herrlichkeit Gottes lernte man damals ab jungen Jahren die Kunst des guten Sterbens.

Mittlerweile haben sich die früher breit gestreuten Sterbealter stark fokussiert und sich im Durchschnitt verdoppelt oder verdreifacht. Gleichzeitig büßten die (wahrscheinlich) meisten von uns jedoch den Glauben an Auferstehung und ein ewiges Leben ein. Das Leben insgesamt ist somit unendlich kürzer geworden."

[Vorlage der Abb.: erstmals: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Die verlorenen Welten : Alltagsbewältigung durch unsere Vorfahren, und weshalb wir uns heute so schwer damit tun. -- München : Beck, ©1984.  -- ISBN 340630270X. -- S. 276, später an verschiedenen Orten, im WWW: URL: http://www.fu-berlin.de/aeimhof/fes66.htm. -- Zugriff am 1999-10-08]

Eine weitere Folge der gesicherten Lebenszeit ist erhöhtes Einzelgängertum:

"Der Mensch ist gar kein 'soziales Wesen', wie wir das bisher so lange glaubten. Er war bloß über all die Jahrhunderte und Jahrtausende bei uns und heute noch anderswo gezwungen, die Rolle eines 'sozialen Wesens' zu spielen. Fallen die lebensbedrohlichen 'Pest, Hunger und Krieg'-Zustände weg -- etwas historisch wie weltweit ganz und gar Ungewöhnliches und Einmaliges --, streifen mehr und mehr Menschen diese Rolle ab und gehen als Einzelgänger durchs Leben."

[Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Im Bildersaal der Geschichte oder Ein Historiker schaut Bilder an. -- München : Beck, ©1988. -- ISBN 3406349692. -- S. 262]


9. Fruchtbarkeit


"Eine neue Weltordnung der Fortpflanzung setzt sich durch:
  • Behinderte werden durch vorgeburtliche Diagnostik aussortiert
  • Frauen im Rentenalter kommen durch einen kleinen Umweg übers Reagenzglas zum ersehnten Nachwuchs
  • im Süden soll eine 'Impfung' gegen Schwangerschaft die Rettung vom Kinderreichtum bringen"

[Christa Wichterich. -- In: Menschen nach Maß : Bevölkerungspolitik in Nord und Süd / Christa Wichterich (Hrsg.). -- Göttingen : Lamuv, ©1994. -- S. 7. -- ISBN 3889773591. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Während anlässlich der Geburt des sechsmilliardsten Erdenbürgers um den 12. Oktober 1999 herum wieder allgemein über den Kinderreichtum der Dritten Welt gejammert wird, wird in den USA, die an Ressourcenverbrauch Weltmeister sind, fast gleichzeitig (vom 17. - 23. Oktober 1999) eine National Infertility Awareness Week™ veranstaltet, "to conduct a concentrated educational and outreach campaign on family-building issues." [s. URL: http://www.resolve.org/niaw.htm. -- Zugriff am 1999-10-15]

Bisher gibt es keine allgemein anerkannte Theorie über die Fruchtbarkeit! 

Die Soziologen Kingsley Davis und Judith Blake unterschieden 1956 elf Variable, die zentral die Fertilität (Fruchtbarkeit) bestimmen:

  1. Faktoren, die den Geschlechtsverkehr beeinflussen (intercourse variables)
    1. Faktoren, welche die Bildung und Auflösung sexueller Beziehungen während der Fortpflanzungsperiode beeinflussen:
      • 1. Alter bei Eingehen sexueller Kontakte
      • 2. Anzahl der Frauen ohne hetero-sexuelle Beziehungen (gilt heute nicht mehr unbedingt: Kinderkriegen ohne Mann)
      • 3. Unterbrechung bzw. Auflösung von Beziehungen durch Trennung, Scheidung oder Tod des Partners
    2. Faktoren, die den Geschlechtsverkehr innerhalb bestehender heterosexueller Partnerschaften beeinflussen:
      • 4. freiwillige Enthaltsamkeit
      • 5. unfreiwillige Enthaltsamkeit (durch Abwesenheit, Krankheit, Impotenz)
      • 6. Koitushäufigkeit
  2. Faktoren, die die Empfängnis beeinflussen (conception variables)
  3. Faktoren, die die Schwangerschaft und Geburt beeinflussen (gestation variables)

Das demographische Gewicht der einzelnen Variablen ist je nach den gesellschaftlichen Verhältnissen verschieden.

[Aufzählung nach: Höpflinger, François <1948 - >: Bevölkerungssoziologie : eine Einführung in bevölkerungssoziologische Ansätze und demographische Prozesse. -- Weinheim [u.a.] : Juventa, ©1997 -- ISBN 3779903989. --  S. 49f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


9.1. Zum Beispiel: Thailand


1971 machte es Thailand zur nationalen Aufgabe, das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen. Damals hatte Thailand eine Wachstumsrate von 3,2% pro Jahr. Eine Thaifamilie hatte durchschnittlich 6,4 Kinder. Innerhalb von 15 Jahren war die Wachstumsrate auf 1,6% halbiert. 1994 war die Wachstumsrate bei 1,2% angelangt und die durchschnittliche Familie hatte noch 2,2 Kinder. Von 1971 bis 1994 stieg der Prozentsatz der verheirateten Frauen, die moderne Methoden der Geburtenverhütung anwandte, von 15% auf 64% gestiegen. All dies ging, im Unterschied zu China, Singapur oder zeitweise Indien, ohne Zwangsmaßnahmen vor sich! Wie war das geschehen?

Vor allem war es das Verdienst des charismatischen Mechai Viravidaiya (1941 - ), der 1974 die private nonprofit-Organisation Population and Community Development Association (PCDA) gegründet hat. Mit dieser Organisation setzte er alle Methoden der Propagierung von Geburtenkontrolle ein. Webpräsenz der PCDA: http://www.sli.unimelb.edu.au/pda/PDAnavE.htm. -- Zugriff am 2001-02-22

Abb.: Mechai Viravidaiya (1941 - ), der "Kondom-König" von Thailand

"Mechai squats at the edge of his solid teak-wood coffee table--the surface a bright mosaic of red, green, blue, and yellow condoms. Nick-named "The Condom King of Thailand" (or Lord Condom, as Prince Philip once dubbed him), Mechai Viravaidya wears many caps, yet none are as colorful as his promotion of the mighty condom. ...

Beside the restaurant, a C&C [Condom & Cabbage] shop sells the decorative handicrafts of the northern hill tribes. It also sells condoms in every shape and form and in all flavors and sizes. There is all manner of gimmicky condom gifts-from paperweights and ashtrays to condom T-shirts, condom flowers, and condom key rings. Most of this "condom memorabilia" comes decorated with cute little figures featuring the male member in various stages of condom coverup, with printed wording that conveys such messages as "I am safe now" or "A condom a day keeps the doctor away."

By creating these cartoonlike characters, Mechai's condom campaign has proven to be a clever marketing ploy in which he gets his "safe sex" message across to the population. As Mechai says, "We use our condom campaign as a means of desensitizing the issue. We make people laugh, we make people able to talk about family planning and not feel embarrassed about it." A sign across the doorway to the restaurant reads, "Sorry, we have no mints, take a condom instead." 

Abb.: "Sorry, we have no mints, please take a condom instead"

Such signs create a similar air of fun to what would once have been considered a taboo topic. Another sign states simply, "Welcome to C&C. All our profits go to charity. Thank you for your generosity." ...

The secret of the PDA's [Population and Community Development Association] success in family planning has been its unconventional approach in playing on the particular Thai sense of humor. Its volunteers handed out condom key rings at official dinners and functions. They held "vasectomy festivals" in honor of the king's birthday and armed the entire police force with condoms to distribute for a "cops and rubbers" project. They have been particularly active in promoting condom use in Patpong, Bangkok's red-light district, sponsoring "condom nights and festivals" and visits by Captain Condom, who hands out condoms and safety-tip cards to commercial sex workers. In the early days of the PDA, Mechai would turn up at village fairs in a minibus, organizing balloon-blowing contests with condoms and teaching youngsters his condom song: "Too Many Children make You Poor."

Abb.: "Think big, think condom"

The PDA is now the largest nonprofit, nongovernmental organization in the country. What began ostensibly as a family-planning center has now branched out into everything from primary health care and AIDS prevention to income, generation schemes, rural development, sanitation, environmental, and reforestation projects. It has even begun an information hotline called the Telephone Project for Life and Health. Mechai likens this wide-ranging organization to a sort of mini-government that nowadays has 14 offices throughout the country, over 600 employees nationwide, and more than 13,000 volunteers involved in its various community, based projects.

But it is for its family-planning work that the PDA is best known. To this end, it offers counseling on abortion as well as the Non-scalpel Vasectomy Clinic. As Mechai explains, the non-scalpel procedure uses a puncture method instead of a scalpel; no incisions or stitching are required. As he notes, "This makes vasectomy a more minor procedure, faster and better' " The clinic offers free vasectomies to anyone turning up at its doors. One such clinic has been set up in the center of the Patpong district"

[Frydman, Gloria <1943 - >:, The condom king of Thailand : birth control and safe-sex promoter Mechai Viravaidya. -- In: The Humanist, Vol. 56 (15 May 1996) S. 5]

Einige weitere Aktivitäten Mechai's zur Propagierung von Familienplanung (und Vorbeugung gegen AIDS):


9.2. Vor- und Nachteile von Kindern


Das East-West Population Institute, Hawaii [Siehe: http://www.ewc.hawaii.edu/res-theme-detail.asp?Topic=Population&theme_ID=11. -- Zugriff am 2001-02-22] initiierte Mitte der 70er-Jahre "Value of Children (VOC) Studies". Dazu versuchte man auch Kategorien aufzustellen für die interkulturelle Kodierung dessen, was man als Vor- und Nachteile von Kindern ansieht. Das Schema, das Rodolfo A. Bulatao 1975 für seine Untersuchung über die Bewertung von Kindern auf den Philippinen aufgestellt hat, ist immer noch ein wertvoller Leitfaden:

Vorteile:

Nachteile:

[Rodolfo A. Bulatao <1944 - >. --  In: Philippine population research : papers and proceedings of an experts' meeting /, edited by Rodolfo A. Bulatao.  -- Makati [Philippines] : Population Center Foundation, ©1976. -- S. 209ff. -- Zitiert in: Schmid, Josef: Einführung in die Bevölkerungssoziologie. -- Reinbeck : Rowohlt, ©1976. -- (rororo Studium ; 98). - ISBN 3499210983. -- S. 195f. -- Die dortige Quellenangabe ist falsch]


9.3. Gründe für hohe Fruchtbarkeit


Abb.: Ursachen des Bevölkerungswachstums in Entwicklungsländern

[Quelle der Abb.: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. --  http://www.dsw-online.de/wbprojektionbg.html. -- Zugriff am 1999-10-07]

"Gründe, die allgemein für hohe Fruchtbarkeit genannt werden:

Es handelt sich hier um eine einfache Aufzählung möglicher Gründe, die einzeln oder im Verein mit anderen das hohe Niveau der Fruchtbarkeit im jeweiligen historisch-kulturellen Kontext zu erklären vermögen. Die katalogartig aufgeführten Punkte stellen eine zusammengefasste Synthese der Erkenntnisse verschiedenster empirischer Untersuchungen und Befragungen dar:

  1. Sterblichkeits- und Gesundheitsverhältnisse: Hohe Fruchtbarkeit muss die hohe Sterblichkeit kompensieren, muss vor allem dafür sorgen, dass die Zahl der gewünschten Kinder, die das Reproduktionsalter erlangen sollten, auch wirklich erreicht wird. Des weitern muss sie zur Schaffung einer «Reservebevölkerung» beitragen, die dem betreffenden Kulturkreis auch bei sporadischen Katastrophen irgendwelcher Art seinen Fortbestand mehr oder weniger garantiert.

  2. Wirtschaftliche Bedingungen:

  3. Gründe des Familienwohls: 

  4. Innereheliche Gründe: Bei untergeordneter Stellung der Frau vermag eine große, kinderreiche Familie das Zusammenleben der Ehepartner «glücklicher» zu gestalten: in Ermangelung anderer Aufgaben (in Wirtschaft, Politik, Sozialfürsorge usw.) verschafft Kinderreichtum der Frau die gesuchte Erfüllung und gesellschaftliche Position.

  5. Persönliche Bedürfnisse

  6. Nationale Gründe: Politisches, militärisches und wirtschaftliches Machtdenken auf nationaler Ebene verlangt in manchen Staaten nach einer großen Bevölkerung. Der Einzelne verhält sich «sozial-konform», wenn er für eine große Familie, für einen zahlreichen Nachwuchs sorgt.

  7. Moralische und kulturelle Gründe

  8. Abneigung gegen kontrazeptive Methoden: Häufig werden aus ästhetischen oder gesundheitlichen (neben kulturellen, also normbedingten) Gründen verschiedene der bekannten geburtenverhütenden Mittel und Methoden abgelehnt.

  9. Präferenz von Knabengeburten: In vielen Kulturkreisen und Familien herrscht eine ausgesprochene Vorliebe für Knaben, eine Vorliebe, die durch manche der vorgenannten ökonomischen, familiären und nationalen Gründe erklärbar
    ist. Knabenpräferenz in Verbindung mit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit bedingt eine große Zahl gewünschter Lebendgeburten."

[Hauser, Jürg A. <1942 - >: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt. -- Bern [u.a.] : Haupt. -- Bd. 2. -- 1991. -- (UTB ; 1569). -- ISBN 3825215687. -- S. 184 - 186. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


9.4. Familiengröße und Bildung und Erziehung der Frau


Die Bildung und Erziehung der Frau hängt wesentlich mit deren Familiengröße zusammen. Beispielsweise haben Frauen mit Primarschulbildung weniger Kinder als Frauen ohne Bildung. Durch Untersuchungen wurde auch deutlich, dass die Bildung der Frau ein wichtigerer Bestandteil zur Verringerung des Bevölkerungswachstums ist als die Bildung des Mannes. 
Durch die berufliche Statusverbesserung der Frau wird die Fruchtbarkeit ebenfalls gesenkt.

Abb.: Lesekenntnisse auch für Frauen und gleiche Bildung für Mädchen öffnen ihnen eine neue Welt

[Quelle der Abb.: Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Die Lebenszeit : vom aufgeschobenen Tod und von der Kunst des Lebens. -- München : Beck, ©1991. -- ISBN 3406332110. -- S. 234]


9.4.1. Zum Beispiel: Kerala


Abb.: Lage von Kerala

Arthur E. Imhof geht im Buch

Imhof, Arthur E. <1939 - >:  Die Lebenszeit : vom aufgeschobenen Tod und von der Kunst des Lebens. -- München : Beck, ©1991. -- ISBN 3406332110. -- S. 240 -254

im äußerst lesenwerten Kapitel "Beispiel indische Gliedstaaten: in ihrer Vielfalt ein «Laboratorium»" auf den Zusammenhang zwischen Frauenbildung und niedrigen Geburtenzahlen im südindischen Gliedstaat Kerala ein, Daraus einige Auszüge:

"Hatten wir nicht oben schon gelernt -- sei es nun aufgrund historischer Erfahrungen aus Europa oder aktueller Erkenntnisse aus Ländern der Dritten und Vierten Welt --, dass lesekundigen Frauen vieles aus ihrer allernächsten Umgebung nicht länger ein Buch mit sieben Siegeln ist? Dass sie Zusammenhänge begreifen und Ursachen wissen wollen? Dass sie aktiv(er) werden und selbständig(er) handeln? Wenn dem aber erst einmal so geworden ist, dann braucht auch die Säuglingssterblichkeit nicht länger «gewohnt» hoch zu sein oder es zu bleiben. Wenn Mütter erst einmal etwas über die Ursachen dieser oder jener Kinderkrankheit wissen und die eine oder andere Therapie kennen -- weil sie während ihrer Schulausbildung davon gehört haben oder es in einem Leitfaden für Kinderkrankheiten nachlesen können --, werden viele von ihnen ihre Kenntnisse auch einsetzen, werden einen Arzt konsultieren oder ein Krankenhaus aufsuchen. Und sie werden dies auch tun, ohne erst ihren Mann zu fragen oder darauf zu warten, dass ein Bruder oder ein Onkel sie begleitet.

Zu den erwähnten biologisch-demographischen Faktoren gesellt sich somit aktives Handeln, wird die Säuglingssterblichkeit gezielt und bewusst gesenkt. Und nicht nur die Säuglingssterblichkeit! Auch Kinder, und zwar beiderlei Geschlechts, werden von diesen Müttern zum Arzt gebracht. Und sie selbst suchen im Krankheitsfall selbstverständlich ebenfalls medizinischen Beistand. Schon zu Beginn der 1970erjahre wurden in Kerala jährlich 210 medizinisch behandelte Personen je einhunderttausend Einwohner registriert . In Rajasthan waren es gleichzeitig 61, in Uttar Pradesh 44 und in Madhya Pradesh ganze 10 (in Worten: zehn (!) Patienten je einhunderttausend Einwohner).

So verständlich all diese Zusammenhänge auch sein mögen und so sehr sie uns nach all dem, was wir aus unserer eigenen Geschichte oder bei Aufenthalten in Entwicklungsländern gelernt haben, auch einleuchten: es bleibt doch die Frage, wieso es in Indien denn ausgerechnet der Gliedstaat Kerala ist, der durchweg am besten abschneidet und weshalb die Region Nord durchweg das Schlusslicht bildet? Bisher haben wir ja eigentlich nichts weiter als eine lange Reihe von Übereinstimmungen festgestellt: geringe Lesekenntnisse von Frauen korrelieren mit einer weitgehend inexistenten Schulausbildung von Mädchen, diese wiederum mit niedrigem weiblichem Heiratsalter und hohen Geburtenzahlen sowie hoher Säuglingssterblichkeit, welche ihrerseits wieder mit einer unterdurchschnittlichen Lebenserwartung für Frauen, einem extremen Männerüberschuss und Patientenzahlen in der Nähe von Null zusammenfallen -- und alles ebenso auch umgekehrt.

Damit dürfte zwar belegt worden sein, dass offensichtlich auch in Indien der Teufelskreis beim Kettenglied «Lesekenntnisse von Frauen» beziehungsweise «Schulausbildung für Mädchen» aufgebrochen wurde oder langsam wird. Kerala ist nur ein besonders dramatisches Beispiel hierfür." (S. 246f.)

"Für manchen Leser mag es vielleicht überraschend sein, wenn ich sage, dass Kerala diesen «fortschrittlichsten» Zustand keineswegs deswegen erreicht hätte, weil es über eine besonders vorteilhafte wirtschaftliche Lage verfügen würde. Im Gegenteil -- wie wir gleich hören werden! Doch auch hier lassen sich Parallelen zur europäischen Entwicklung ziehen. Die bei uns am frühesten in ihrer Gesamtheit lesekundigen Bevölkerungen - Schweden um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu einhundert Prozent! -- waren schließlich ebenfalls nicht die wohlhabendsten. Ähnlich ist es in Indien, wo Kerala ebenfalls zu den ärmeren Gliedstaaten zählt." (S. 247f.)

"Die nach «westlicher» Meinung so vorteilhafte Entwicklung in Kerala kann, knapp zusammengefasst, folgendermaßen erklärt werden, wobei man sich der eingangs erwähnten regionalen Dreiteilung des indischen Subkontinents zu erinnern hat. Wenn man noch großzügiger verfährt, lässt sich sogar von einer Zweiteilung sprechen. Nördlich einer Linie, die grosso modo von Ahmedabad / Surat nach Kalkutta verläuft, ist das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen niedriger, ihre Lebenserwartung kürzer, die Geburtenrate höher, die Säuglings- und Kindersterblichkeit -- vor allem der Mädchen -- größer als südlich davon. Es ist dies auch die Linie, die eine relativ diversifizierte Landwirtschaft im Norden von einer Reisanbau-dominierten im Süden trennt. Agrar-Ökologen weisen nun auf den engen Zusammenhang zwischen beidem hin. Beim Reisanbau spielt ein hoher weiblicher Arbeitseinsatz eine entscheidende Rolle. Er ist größer als irgendwo sonst, sei dies nun in der Getreideproduktion oder sei es in der Weide- und Viehwirtschaft. Mit dem wertvollen Kapital weiblicher Arbeitskraft wird hier verständlicherweise haushälterisch umgegangen. In der Folge ist auch das Ansehen der Frauen höher und ihre Autonomie größer.

Langfristig gesehen, so meinen Sozialanthropologen, führten die unterschiedlichen Landnutzungsweisen im Norden und im Süden Indiens zu grundlegend voneinander abweichenden Einstellungen in allem, was weibliche Belange betrifft. Damit ist die Rolle der Frauen und Mädchen in Familie und Gesellschaft ebenso gemeint wie ihr Ansehen, ihre Integration oder rigide Sozialdisziplinierung genauso wie das Ausmaß ihrer Autonomie. Lassen wir in diesem Zusammenhang wiederum zwei ausgewiesene Fachleute zu Worte kommen. Dabei werden einander die beiden erwähnten unterschiedlichen Mentalitäten in idealtypischer Weise gegenübergestellt.

In bezug auf den Norden heißt es: «Marriage rules are exogamic; women have no choice in the matter. Sexuality of females is very rigidly controlled. Women are subjected to relatively strong pronatalist pressures. Females are socialized to believe that their own wishes and interests are subordinate to those of the family group; they are therefore more likely to sacrifice their own health in repeated childbearing. They receive relatively little education; parents consider the education of sons a better investment. They are less prepared and able to innovate, since they have less access to new information, e. g. regarding child care, and they are more restricted in their ability to utilize health service, either for themselves or for their children. The main reason for the relatively high sex ratios in the north is higher female mortality. Age-old practices of discrimination against females in access to food and medical care, and female infanticide refer to northwestern India».

Für den Süden dagegen lesen wir: «The ideal marriage is between crosscousins; the descent group is endogamous. Fernal chastity is less rigidly controlled. There is less social restriction on female occupational choice, and greater freedom for women in society. Female autonomy indicates the ability - technical, social, and psychological - to obtain information and to use it as the basis for making decisions about one's private concerns and those of one's intimates» (Dyson-Moore 1983, ihre Hauptargumente der Seiten 43-51 zusammenfassend)." (S. 248f.)


Zu Kapitel 23, Teil III