Materialien zur karnatischen Musik

Musikalische Formen

2. Religiös-funktionale Musik und Tanz


Kompiliert von Alois Payer

mailto:payer@payer.de 


Zitierweise | cite as:

Payer, Alois <1944 - >: Musikalische Formen. -- 2. Religiös-funktionale Musik und Tanz. -- (Materialien zur karnatischen Musik). -- Fassung vom 2009-05-20. -- URL: http://www.payer.de/karnatischemusik/karnatisch052.htm

Erstmals veröffentlicht: 2009-04-28

Überarbeitungen: 2009-05-20 [Ergänzungen] ; 2009-05-13 [Ergänzungen] ; 2009-04-29 [Ergänzungen]

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Dieser Text ist Teil der Abteilung Sanskrit von Tüpfli's Global Village Library


0. Übersicht



"At the present day, however, it is absolutely impossible for anyone to gather an accurate knowledge of the principles of Hindu music without the aid of learned natives, a practical acquaintance with the capabilities of their instruments, and without consulting the best living performers—things that few persons have opportunity or leisure to attempt."

Day, C. R. (Charles Russell) <1860-1900>: The music and musical instruments of southern India and the Deccan. -- London & New York : Novello, 1891. -- xvi, 173 S. : Ill. ; 25cm. -- S. 7


1. Vorbemerkungen


Bei allen Übertragungen von indischer Notation in westliche Notation habe ich willkürlich sa = c1 gesetzt. Da sa, ri usw. Tonstufen und keine festen Tonhöhen bezeichnen, sind die Transskriptionen je nach Stimmlage beliebig transponierbar.

Die elektronisch erstellten midi-Dateien sollen nur einen ersten Eindruck vom Melodieverlauf geben, sie können aber keinen rechten Eindruck von den Musikstücken geben. Dazu höre man Aufnahmen oder Konzerte von indischen Berufsmusikern.

Eine gute Quelle, kostenlos karnatische Musik zu hören ist z.B. http://www.kannadaaudio.com. -- Zugriff am 2009-04-29

Die Taktangaben bei den Transkriptionen dienen NUR dem einfacheren Zählen, geben aber keine direkte Entsprechung zu den Tāla wieder (die ersten (Teil-)Schläge im Tāla  sind durch Akzentzeichen gekennzeichnet).

Für die Notierungen gilt, was Bálint Sárosi zur Notierung von ungarischer Volksmusik sagt:

"In einer Melodie, die wir mit zwei bis drei verschiedenen Tönen notieren würden, kommt in Wirklichkeit ein Vielfaches dessen vor."

Sárosi, Bálint: Volksmusik : das ungarische Erbe. -- Budapest : Corvina, 1990. -- S. 31.

Allgemein gilt:

"Das Problem ist bekanntlich allgemeiner Natur: Zwischen Notenbild und zu realisierendem Klang klafft bei jeder Art von Musik eine Lücke, die durch eine je spezifische, kulturell tradierte Aufführungs- und Interpretationspraxis ausgefüllt wird. Das Umsetzungsproblem ist dabei um so gravierender, je historisch älter oder kulturgeographisch entfernter die jeweilige Musik ist."

Bernhard-Friedrich Schulze ; Ehrenhard Skiera: Guitarra flamenca. -- In: Flamenco : gitano-andaluz / hrsg. von Claus Schreiner. -- Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1985. -- (Fischer ; 2994). --  ISBN 3-596-22994-4. -- S. 143

Die meisten karnatischen Kompositionen haben einen religiösen Inhalt. Hier werden solche behandelt, die heutzutage eine besondere Funktion in einem bestimmten religiösen Kontext haben.

Siehe auch die Übersicht in:

Jackson, William: Religious and devotional music : southern area. --In: The Garland encyclopedia of world music. -- Vol. 5: South Asia : the Indian subcontinent. -- New York [u.a.] : Garland, 2000. -- S. 259 - 271.

Ich beschränke mich hier auf die religiös-funktionale Musik der Hindureligionen. Daneben gibt es religiös-funktionale Musik der Jainas, der Muslime (z.B. der Mappilas Keralas), der Christen, Juden und Ādivāsi. Für Kerala siehe dazu die Übersicht in:

Groesbeck, Rolf ; Palackal, Joseph J.: Kerala. -- In: The Garland encyclopedia of world music. -- Vol. 5: South Asia : the Indian subcontinent. -- New York [u.a.] : Garland, 2000. -- S. 944 - 949.


2. भजन = Bhajana = பசனை


Bhajana sind religiöse Gruppengesänge in der Form von Responsorien (Ruf durch Vorsänger, Antwort durch Gruppe).

"Bhajana is one of the noblest institutions conceived of in India. It is a democratic institution and affords spiritual solace to hundreds of people who participate in it either as singers or listeners. Herein opportunities are provided for two of the nine kinds of bhakti viz :- Kīrtanam (singing sacred songs) and Śravaṇam (listening to devotional songs. When a nāmāvali is sung, the entire congregation joins in. Bhajana is of the mobile type or of the stationary type. The street bhajanas and the uñchavṛtti bhajanas belong to the former class. There are more opportunities for witnessing sacred dances here than in the stationary type of bhajana, which is usually held indoors on Ekādaśī and other sacred days. Street bhajanas provide opportunities for hundreds of people to listen to the highest type of classical music and devotional music."

Sambamoorthy, P. <1901 - 1973>: South Indian music. -- Book IV. -- Reprint of the 8th ed., 1998 -- Chennai : Indian Music Publishing House, 2007. -- S. 219.

Bhajana-Texte bestehen meist aus verschiedenen Namen Gottes. Sie sind so einfach, dass die Sprache (Hindi, Telugu, Kannada, Tamil) für das Verständnis keine Rolle spielt: man versteht alle und kann sie unabhängig von der Muttersprache mitsingen

Als Beispiel eine einfachen Bhajana sei das Lieblingsbhajana Mahatma Gandhis genannt, das die südindische Sängerin M.S. Subbulakshmi (1906 - ) neben ähnlichen Bhajanas für Gandhi immer wieder singen musste:

रघुपति राघव राजा राम
पतितपावन सीताराम
ईश्वर अल्लाह तेरो नाम
सब को सन्मति दे भगवा
 

raghupati rāghava rājā rām
patitapāvana sītārām
sītārām sītārām
bhaja pyāre tū sītārām
īśvar allāah tere nām
sab ko sanmati de bhagavā

Herr des (Hauses) Raghu, Nachkomme des Raghu, König Rāma
Reiniger der Gefallenen, Sītā-Rāma
Dein Name ist HERR Allah
Bhagavan, gib allen ein gutes Herz!


Abb.: raghupati
[Angaben zur Melodie von: http://www.hitxp.com/music/popularnotes/151103_3.htm. -- Zugriff am 2009-05-19]

midi-Datei zu Raghupati

Bhajana-Zusammenkünfte finden oft wöchentlich oder zweimal pro Woche statt. Sie können in Privathäusern, Bhajan-Hallen oder Tempeln stattfinden. Teilnehmerzahlen reichen von einigen Familienmitgliedern über Nachbargruppen bis zu Tausenden in Bhajan-Hallen, Tempeln oder auf Pilgerfahrten.  Während Mahāśivarātrī (Februar/März) singt man die ganze Nacht Bhajana zu Śiva. Vierzehntäglich singt man an Ekādaśī (elfter Tag des zunehmenden bzw. abnehmenden Mondes) Bhajana zu Viṣṇu. Seit den 1960er Jahren wurde Bhajana noch populärer durch das Wirken von Sathya Sai Baba (సత్య సాయి బాబా) (1926 - ). Seine Anhänger haben zahlreiche Hallen  für Bhajana gebaut. Dort trifft man sich regelmäßig, vor allem an Donnerstagen und Sonntagen. In Kerala sind die Anhänger Mātā Amritanandamayī Devi's (മാതാ അമൃതാനന്ദമയി) (1953 - ) begeisterte Bhajana-Sänger. Auch andere Gurus fördern Bhajana.s

Begleitinstrumente bei Bhajana sind oft


3. कीर्तन = Kīrtana = கீர்த்தனை


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 3

Das Singen von Kīrtana in Regionalsprachen geht vor allem auf die kannaresischen Madhva-Vaiṣṇava Haridāsa's (ಹರಿದಾಸ) im 15./16. Jahrhundert zurück. Ihre Dichtungen sind zwar zum Teil erhalten, die historische musikalische Aufführungspraxis ist allerdings noch nicht erschlossen.

Wichtige frühe Kīrtana-Dichterkomponisten und Wandermusikanten waren u.a.:

Ein Kīrtana besteht oft aus: Pallavi - (Anupallavi) - Caraṇa's

Beispiel: mahāgaṇapatim

Tāla: eka |4 (4)

Rāga: Nāṭa: janya-saṃpūrṇa-auḍava-upāṅga-krama zu Meḷa 36: Calanāṭa)


Abb.: Tonmaterial von Calanāṭa


Abb.: Tonleiter von Rāga Nāṭa

midi-Datei der Nāṭa-Tonleiter

Komponist (vaggeyakāra): Muthuswami Dikshitar (Muttusvāmi Dīkṣitar) (முத்துஸ்வாமி தீக்ஷிதர்;ముత్తుస్వామి దీక్షితార్) (1775 – 1835)

Vorlage: Bhagyalekshmy, Heft 3, S. 13f.


Abb.: Muthuswami Dikshitar
[Bildquelle: Wikipedia. Public domain]

Text des Bhajana Mahāgaṇapatim
Pallavi:

महागणपतिं मनसा स्मरामि
वसिष्ठवामदेवादिवन्दिता

mahāgaṇapatiṃ manasā smarāmi
vasiṣṭhavāmadevādivanditā

Pallavi:

Ich, der Hauptverehrer des besten Vāmadeva (Śiva), vergegenwärtige mit meinem Herzen den großen Herrn der Scharen (Gaṇeśa).

Samaṣṭicaraṇa:

महादेवसुतम्
गुरुगुहनुतम्
मारकोटिप्रकाशं शान्तम्
महाकाव्यनाटकादिप्रियम्
मूषिकावाहनमोदकप्रियम्

mahādevasutaṃ guruguhanutam
mārakoṭiprakāśaṃ śāntam
mahākāvyanāṭakādipriyam
mūṣikāvāhanamodakapriyam

Samaṣṭicaraṇa:

[Ich vergegenwärtige mir ihn,]

  • den Sohn des Großen Gottes (Śiva)
  • der von Guruguha1 gepriesen wird
  • der strahlt wie 10 Millionen Liebesgötter (māra)
  • den Friedvollen
  • der Kunstgedichte (mahākāvya), Schauspiele (nāṭaka) und dergleichen liebt
  • der eine Ratte als Reittier hat und Süßigkeiten mag

1 Guruguha ist die Mudrā (Signatur) von Muttuswami Dikshitar

1. Pallavi


Abb.: Mahāgaṇapatim, Pallavi

midi-Datei des Pallavi

2. Samaṣṭicaraṇa:


 

Abb.: Mahāgaṇapatim, Samaṣṭicaraṇa

midi-Datei des Samaṣṭicaraṇa

3. Madhyamakālasāhitya


 

Abb.: Mahāgaṇapatim, Madhyamakālasāhitya

midi-Datei des Madhyamakālasāhitya

4. Ciṭṭasvara: es werden die sa-ri-ga-ma-Silben gesungen


 

Abb.: Mahāgaṇapatim, Ciṭṭasvara

midi-Datei des Ciṭṭasvara

Bedeutende Dichterkomponisten (vāggeyakāra) von Kīrtanas sind u.a.:


3.1. दिव्यनामावलि = Divyanāmāvali


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 4, S. 67 - 75

Vor allem Tyāgarāja (త్యాగరాజ, தியாகராஜா) (1767 - 1847) komponierte viele (ca. 50) Nāmāvali: Anrufungen der Namen bzw. Attribute eines Gottes. Ein Nāmāvali besteht aus einem Pallavi und 6 bis 15 Caraṇa. Nāmāvali sind für Gruppengesang besonders Bhajana gedacht. Die meisten Nāmāvali sind in ādi-tāla. Beendet werden sie oft mit einem Puṇḍarīka (siehe unten).

Beispiel: Tava daso 'ham

Tāla: ādi |4 O O (4 + 2 + 2)

Rāga: Punnāgavarāḷi: janya-saṃpūṇa-saṃpūrṇa-upāṅga-krama zu zu Meḷa 8 Hanumattoḍī


Abb.: Tonmaterial von Hanumattoḍī


Abb.: Tonleiter von
Punnāgavarāḷi

midi-Datei Punnāgavarāḷi-Tonleiter

Dichterkomponist (vāggeyakāra): Tyāgarāja (త్యాగరాజ, தியாகராஜா) (1767 - 1847)

Vorlage: Bhagyalekshmy, Heft 4, S. 70f.

Text (sāhitya) von Tava daso 'ham
Pallavi:

तव दासो हं तव दासो हं
तव दासो
हं दाशरथे

Pallavi:

tava dāso 'haṃ tava dāso 'haṃ
tava dāso 'haṃ dāśarathe

Pallavi:

ich bin dein Knecht, ich bin dein Knecht,
ich bin dein Knecht, Sohn des Daśaratha (=Rāma) !

Caraṇa (nach jedem wird Pallavi wiederholt): Caraṇa (nach jedem wird Pallavi wiederholt): Caraṇa (nach jedem wird Pallavi wiederholt):
1. वर मृदुभाष विरहितदोष
नरवरवेष दाशरथे
1. vara mṛdubhāṣa virahitadoṣa
naravaraveṣa dāśarathe

 

1. Bester, von sanfter Rede, frei von Fehlern, Bestaussehender der Männer, Sohn des Daśaratha (=Rāma) !
2. सरसिजनेत्र परमपवित्र
सुरपतिमित्र दाशरथे
2. sarasijanetra paramapavitra
surapatimitra dāśarathe
2. Lotusäugiger, bester Reiniger, Freund des Herrn der Götter (Indra), Sohn des Daśaratha (=Rāma) !
3. నిన్ను కోరితిరా నిరుపమ శూర
నన్నేలుకోరా దాశరథే
3. ninnu kōritirā nirupamaśūra
nannēlukōrā dāśarathē
3. I sought You, O Incomparable Hero! deign to govern me; O Son of King Dasaratha!
4. మనవిని వినుమా మరవ సమయమా
ఇన కుల ధనమా దాశరథే
4. manavini vinumā marava samayamā
ina kula dhanamā dāśarathē
4. Please listen to my appeal; is this the time to forget me, O Fortune of the solar dynasty? O Son of King Dasaratha!
5. घनसमनील मुनिजनपाल
कनकदुकूल दाशरथे
5. ghanasamanīla munijanapāla
kanaka
dukūla
dāśarathē
5. Wolkengleich Dunkler, Behüter der Weisen, der du Stoffe (dukūla) aus Gold trägst,  Sohn des Daśaratha (=Rāma) !
6. ధర నీవంటి దైవము లేదంటి
శరణనుకొంటి దాశరథే
6. dhara nīvu-aṇṭi daivamu lēdu-aṇṭi śaraṇu-anukoṇṭi dāśarathē 6. I declare that there is no God on this Earth like You; therefore, I sought Your refuge; O Son of King Dasaratha!
7. आगमविनुत रागविरहित
त्यागराजनुत दाशरथे
7. āgamavinuta rāgavirahita tyāgarājanuta dāśarathē 7. In den Āgamas Gelobter, Gierfreier, von Tyāgarāja Gepriesener, Sohn des Daśaratha (=Rāma) !
Telugu-Text: http://thyagaraja-vaibhavam.blogspot.com/2009/01/tyagaraja-kriti-tava-daasoham-raga.html. -- Zugriff am 2009-04-26 Quelle von Transliteration und Übersetzung der Telugu-Abschnitte: http://sahityam.net/wiki/Thava_Dasoham. -- Zugriff am 2009-04-25

Pallavi:


Abb.: Tava dāso 'ham, Pallavi

midi-Datei des Pallavi

Caraṇa 1 - 7 (nach jedem Caraṇa wird das Pallavi wiederholt):


 

Abb.: Tava dāso 'ham, Caraṇa

midi-Datei des Caraṇa

Wichtige Dichterkomponisten von Divyanāmāvali sind u.a.:


3.1.1. पुण्डरीक = Puṇḍarīka


Puṇḍarīka ist Ein einfacher Wechselgesang am Ende eines Nāmāvali. Beispiele (nach Sambamoorthy, Bd. IV., S. 192):

Ruf des Bhāgavatar (Vorsängers) Antwort der Gruppe
नमः पार्वतईपतये
namaḥ pārvatīpataye

Verehrung dem Gatten der Pārvatī (= Śiva)!

हर हर महादेव
hara hara mahādeva

Hara (= Śiva!)! Hara! Großer Gott!

गोविन्दनामसंकीर्तनम्
govindanāmasaṃkīrtanam

Preis dem Namen Govindas (= Kṛṣṇa)!

गोविन्द गोविन्द
govinda govinda

Govinda! Govinda!

जानकीजीवनस्मरणम्
jānakījīvanasmaraṇam

Vergegenwärtigung der Lebenskraft der Tochter Janakas (= Sītā)!

जय् जय् राम्
jay jay rām

Sieg! Sieg! Rāma!


3.2. उत्सवसंप्रदायकीर्तन = Utsava-saṃpradāya-kīrtana


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 4, S. 61 - 67

Utsava-saṃpradāya-kīrtana sind Kīrtana, für traditionellerweise (saṃpradāya) an Festen (utsava) gesungen werden. Der wichtigste Dichterkomponist (vāggeyya) ist Tyāgarāja (త్యాగరాజ, தியாகராஜா) (1767 - 1847)


Abb.: Tyāgarāja

Beispiel: Sītākalyāṇavaibhogame

Tāla: khaṇḍa cāpu (2 + 3) (Klatschen - Klatschen bei Schlag 3 - Klatschen bei Schlag 4)

Rāga: Kuriñji: zu Meḷa 28: Harikāmbhojī


Abb.: Tonmaterial von Harikāmbhoji


Abb.: Tonleiter von Kuriñji

midi-Datei der Kuriñji-Tonleiter

Dichter und Komponist (Vāggeyakāra): Tyāgarāja (త్యాగరాజ, தியாகராஜா) (1767 - 1847)

Vorlage: Bhagyalekshmy, Heft 4, S. 62f.

Text von Sītākalyāṇavaibhogame
Pallavi:

सीताकल्याणवैभोगमे
रामकल्याणवैभोगमे

Caraṇa:

1. पवनजस्तुतिपात्र पावनचरित्र
रविसोमवरनेत्र रमणीयगात्र


2. भक्तजनपरिपाल भरितशरजाल
भुक्तिमुक्तिदलील भूदेवपाल


3. पामरासुरभीम परिपूर्णकाम
श्याम जगदभिराम साकेतधाम


4. सर्वलोकाधार समरैकवीर
गर्वमानवदूर कनकागधीर

5. निगमागमविहार निरुपमशरीर
नगधराघविदार नतलोकाधार


 

 

6. परमेशनुतगीत भवजलधिपोत
तरणिकुलसञ्जात त्यागराजनुत

Pallavi:

sītākalyāṇavaibhogame
rāmakalyāṇavaibhogame

Caraṇa:

1. pavanajastutipātra pāvanacaritra ravisomavaranetra ramaṇīyagātra

 

2. bhaktajanaparipāla bharitaśarajāla
bhuktimuktidalīla bhudevapāla

 

3. pāmarāsurabhīma paripūrṇakāma
śyāma jagadabhirāma saketadhāma

 

4. sarvalokādhāra samaraikavīra
garvamānavadūra kanakāgadhīra

 

5. nigamāgamavihāra nirupamaśarīra
nagadhārāghavidāra natalokādhāra

 

 

 

6. parameśanutagīta bhavajadhipota
taraṇikulasañjāta tyāgarājanuta

Pallavi:

Beim Hochzeitsfest der Sītā
Beim Hochzeitsfest des Rāma

Caraṇa:

1. Du, der du würdig bist des Lobes durch den Windsohn (Gaṇeśa); dessen Lebenslauf heilig ist; der als Augen Sonne und Mond hat; dessen Körper bewundernswert ist

2. Du Hüter der liebend-Gläubigen; dessen Pfeilmenge voll ist; dessen Spiel Genuss und Erlösung schenkt; Hüter der irdischen Götter (Brahmanen)

3. Du Schrecken der Bösewichter und Dämonen; dessen die Liebesgenüssen vollendet sind; dunkler; Freude der Welt; Bewohner von Saketa (Ayodhyā)

4. Stütze und Behälter der ganzen Welt; einzigartiger Held in der Schlacht; der du hochmütigen Menschen fern bist; der du fest bist wie der Goldberg (Meru)

5. Der du dich befindest in den Veden und in den Āgamas (heiligen Traditionen); dessen Körper unvergleichlich ist; Träger der Berge; Zerstörer von Übel und Schuld; Stütze der demütig gebeugten Leute 

 
6. Du, dessen Loblied der höchste HERR (Śiva) gesungen hat; du Schiff über den Ozean der Existenzen; du im Sonnengeschlecht geborener; von Tyāgarāja gepriesener

1. Pallavi:


Abb.:
Sītākalyāṇavaibhogame, Pallavi
(Achtung: die beiden Triolen entsprechen im Wert nicht genau der indischen Notation!)

midi-Datei des Pallavi


 

Abb.: Sītākalyāṇavaibhogame, Caraṇa
(Alle Caraṇa nach der gleichen Melodie)

midi-Datei der Caraṇa's


4. திருப்புகழ் = Tiruppukaḻ


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 4, S. 75 - 78

திருப்புகழ் = Tiruppukaḻ (Tiruppugazh) ist eine von Arugirinātar (அருணகிரிநாதர்) im 15. Jhdt. verfasste Sammlung in Tamil von frommen Liedern, die dem Gott Murugan / Murukan (முருகன், മുരുകന്‍) = Subrahmanya (ಸುಬ್ರಹ್ಮಣ್ಯ, సుబ్రమణ్య స్వామి) gewidmet sind.

Ludwig Pesch gibt folgende Informationen zur Musikpraxis:  

"No other poet-composer appears to have covered a wider range of metres. These include well-known as well as rare varieties of tāla. A typical metre used by Arunagirinātar, based on four to twenty-six syllables per line, is known as canda (Tamil sandam). Like other intricate verse metres, and with the exception of the Tiruppugaḻ, this type of poetry is rendered in the viruttam (vṛttam) format.

Although many compositions have complicated tāla patterns there are many others whose simple elegance is popular with musicians and listeners alike. The authentic form of Arugirinātar's music cannot be ascertained. The music for many Tiruppugaḻ songs heard today war recomposed by Kāñcīpuram Naina Pillai [1889 - 1934], and a few by S. Rājam [1919 - ].

Tiruppugaḻ compositions are mostly rendered in the latter part of a concert."

Pesch, Ludwig <1955 - >: The illustrated companion to South Indian classical music. - Delhi : Oxford Univ. Press, 1999. -- XVII, 376 S. : Ill., Notenbeisp. -- ISBN 0-19-564382-8. -- S. 190f.

Beispiel: Thullu mada

Tāla: jhampa | O  (11/12 [!] + 2 + 4)

Rāga: Haṃsānandi: janya-ṣāḍava-ṣāḍava-upāṅga-krama zu Meḷa 53: Gamanaśramā


Abb.: Tonmaterial von Gamanaśramā


Abb.: Tonleiter von Haṃsānandi

midi-Datei der Tonleiter

Vorlage: Bhagyalekshmi, Heft IV, S. 78

Text1
thullu mada velkai kanaiyaale
tholla nedu neela kadalaale
mella varum solai kuyilaale
meyyuru kumaanai tazhuvaaye
thellu tamizh paada thelivone
vallal thozunjnaana kkazhalonai
vallimanavaala perumaane

1 Ich konnte den Text leider nicht identifizieren und gebe in darum in der Transkription Bhagyalekshmys wieder.


Abb.: thullu mada
(Die Zählung der Notation Bhagyalekshmys ergibt keinen gleichmäßigen Tāla, ich habe keine Verbesserungen vorgenommen)

midi-Datei von thullu mada


5. தேவாரம் = tēvāram


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 4, S. 79 - 85

தேவாரம் = tēvāram ist die Bezeichnung für die ersten sieben Bände des Tirumuṟai (திருமுறைகள்), der Sammlung frommer śivaitischer Tamilliteratur. Er enthält die Dichtungen der drei bedeutendsten Nāyanars:

Trotz mancher Versuche, ist es wohl noch nicht gelungen, die ursprüngliche Aufführungspraxis zu rekonstruieren. Tēvāram war Privileg männlicher Sänger, der ōduvār, steht heute aber auch anderen offen. Tēvāram wird in einfachen Strophen (5 - 6 Strophen) ohne Gliederung in Pallavi, Anupallavi und Caraṇa gesungen. Auch heute noch singen in Śiva-Tempeln ōduvār tevārām-Gesänge.

Beispiel:  வீடலால வாயிலாய் = Veedalaala vaayilaai

Tāla: caturaśra rūpaka (patti) O |4 (2 + 4)

Rāga: Khamas: janya-ṣāḍava-ṣāḍava-upāṅga-krama zu Meḷa 28: Harikāmbhojī


Abb.: Tonmaterial von Harikāmbhojī


Abb.: Tonleiter von Khamas

midi-Datei der Tonleiter

Textdichter: Tirujñāna Sambandar = திருஞானசம்பந்தர் (7. Jhdt. n. Chr.)

Komponist: ??

Vorlage: Bhagyalekshmy, Heft IV, S. 80

Text der ersten Strophe
பண் - கௌசிகம்
திருச்சிற்றம்பலம்
 

1. வீடலால வாயிலாய் விழுமியார்கள் நின்கழல்
பாடலால வாயிலாய் பரவநின்ற பண்பனே
காடலால வாயிலாய் கபாலிநீள் கடிம்மதில்
கூடலால வாயிலாய் குலாயதென்ன கொள்கையே.

paṇ: Kausikam
tiru-c-ciṟṟampalam

1. Veedalaala vaayilaai vizhumiyaargal nin kazhal
Paadalaala vaayilaai parava nindra panbaneey
Kaadalaal avaa ilaai kabaali neeyl kadimmadhil
kuudalaala vaayilaai kulaaaya dhenna kolgaiyee


Abb.: வீடலால வாயிலாய் = Veedalaala vaayilaai

midi-Datei des Tevāram


6.  நாலாயிர திவ்ய பிரபந்தம் = Nālāyira Divya Prabandham


Nālāyira Divva Prabandham ist eine Sammlung von 4000 (nāl-āyira) Versen der 12 Vaiṣṇava Alvars  (ஆழ்வார்கள்) (7. - 9. Jhdt. n. Chr.).

Gesänge aus dem Divya Prabandha zu singen wurde nach 1950 unter Śrīvaiṣṇava unter dem Einfluss von Radio, TV und Musikkassetten populär. Deshalb haben Musiker seither Gedichten der Alvars in traditionelle karnatische Rāgas gesetzt zum Gebrauch in Tempeln und Konzerten.


Abb.: Sri Ranganathaswamy Tempel (திருவரங்கம்), Srirangam (ஸ்ரீரங்கம்)
©Google Earth. -- Zugriff am 2009-05-13

In der Tausend-Pfeiler-Halle des Sri Ranganathaswamy Tempel (திருவரங்கம்)  von Srirangam (ஸ்ரீரங்கம்) singen Vaiṣṇava-Sänger jährlich während 10 Tagen die 1102 Tamil-Verse des Tiruvyamoḷi, eines Teil des Divya Prabandha, verfasst von Nammalvar (நம்மாழ்வார்) (9./10. Jhdt n. Chr.). Während der Rezitation ist das Nordtor des Tempels ("Himmelstor") geöffnet und die Gläubigen kommen, um den Gesängen zu lauschen.  


7. उत्सवप्रबन्ध = Utsavaprabandha


Beispiele: Bhagyalekshmy, S., Part 4, S. 86 - 89


Abb.: 
Svāti Tirunaḷ Rāma Varma (ശ്രീ സ്വാതി തിരുനാള്‍ രാമ വര്‍മ്മ)
[Bildquelle: Wikipedia. Public domain]

Utsavaprabandha sind Kompositionen von Svāti Tirunaḷ Rāma Varma (ശ്രീ സ്വാതി തിരുനാള്‍ രാമ വര്‍മ്മ) (1813 - 1846), Mahārāja von Travancore (തിരുവിതാംകൂര്‍). Sie sind komponiert für die Prozessionen an den beiden je 10tägigen Tempelfesten des Padmanabhaswamy Tempels (ശ്രീ പദ്മനാഭ സ്വാമി ക്ഷേത്രം)  in Thiruvananthapuram / Trivandrum  (തിരുവനന്തപുരം).

S. Bhagyalekshmy schreibt über diese Kompositionen:

"The songs composed as Utsavaprabandha described each days festive rituals and customs and also the procession. Each days 'Seeveli' is also described in the songs.

Each song will be preceeded by a śloka. There will be a Gaṇapativandanaśloka followed by 10 songs and concluded with a maṅgalaśloka. The songs are simple in structure having Pallavi, Anupallavi and multiple caraṇas. The Language is Maṇipravālam (a combination of Malayāḷam and Sanskrit). The simplicity in diction and lyrics is a significant feature of songs. The sweet pleasant and melodius music with simple rhythm add to the beauty and charm of songs."

Bhagyalekshmy, S.: Karnatic music reader. -- Nagercoil : CBH Publications. -- Part 4. [Containing concert compositions in notation]. -- 3. ed. -- 2007.  -- ISBN 8185381496. -- S. 86

Beispiel: Pañcasāyaka

Tāla: ādi |4 O O (4 + 2 + 2)

Rāga: Nīlāmbari: janya-sampūrṇa-ṣāḍava-upāṅga-vakra zu Meḷa 29: Dhīraśaṅkarābharaṇa


Abb.: Tonmaterial von Dhīraśaṅkarābharaṇa


Abb.: Tonleiter von Nīlāmbari

Dichterkomponist (vāggeyakāra): Svāti Tirunaḷ Rāma Varma (ശ്രീ സ്വാതി തിരുനാള്‍ രാമ വര്‍മ്മ) (1813 - 1846)

Vorlage: Bhagyalekshmi, Heft IV, S. 87

Abb.: Text von Panñcasāyaka (Malayālam)


Abb.: Pañcasāyaka, Pallavi
Alle Caraṇa werden nach dieser Melodie gesungen

midi-Datei von Pañcasāyaka


8. காலக்ஷேபம் = Kālakṣēpam


Kālakṣēpam ist eine musikalische Form religiösr Erzählung und Verkündigung. Ein Sänger begleitet sich dabei selbst mit Holzklappern und wird von einem kleinen Musikensemble begleitet. Die moderne Form de Kālakṣēpam geht auf Thanjavur Krishna Bhagavatar (1847 – 1903) zurück, der Tamil-Volksmusik, karnatische Musik und Marāṭhi kīrtan in Kālakṣēpam vereinigte. Kālakṣēpam gehört damit zur Gattung der Kathā's (religiösen Volkserzählungen).


9. மங்கள இசை = Maṅgala iśai


Maṅgala iśai ist glücksbringende (maṅgala) Musik, die für eine Vielzahl von Anlässen in und außerhalb der Tempel als unerlässlich angesehen wird, so z.B. bei den Hochzeitszeremonien, Eröffnungs- und Schlusszeremonien öffentlicher Anlässe. Diese Musik ist Aufgabe der Iśai Veḷḷāḷar (Veḷḷāḷar = ist die Śūdra-Bauernkaste von Tamil Nadu). Das Musikensemble für diese Musik heißt periya mēḷam (பெரிய மேளம்) ("Big Band").

Die laute Musik, die während Hochzeitszeremonien an glücksbringenden Stellen von Nāgasvara-Ensembles (நாதசுவரம் = ein Oboen-Instrument)  gespielt wird, heißt getti meḷam (கேட்டி மேளம்).


10. மல்லாரி = Mallārī


Mallāri ist die Musik und der Tanz zu Beginn der großen Prozessionen an den jährlichen Tempelfesten (brahmotsava). Mallārī ist Aufgabe des Nāgasvara- und Tavil-(தவிள்)-Ensembles (periya mēḷam). Mallāri ist in Rāga Gambhīranāṭa (zu Meḷa 36) und ādi-tāla. Der Tāla ist aber sehr schwierig, wie Ludwig Pesch beschreibt:

"The intricate tāla patterns of a mallārī involve alternating divisions of beats into four sub-units (caturaśra jāti) and three sub-units (tisra jāti); and this procedure is followed in three speeds (trikāla), medium tempo (madhyama kāla), slow tempo (cauka kāla), and concluded in a fast tempo (druta kāla). Often there are additional rhythmic complexities such as preconceived sequences (kōrvai) of five and seven beats, each played thrice during the concluding stage of the mallāri."

Pesch, Ludwig <1955 - >: The illustrated companion to South Indian classical music. - Delhi : Oxford Univ. Press, 1999. -- XVII, 376 S. : Ill., Notenbeisp. -- ISBN 0-19-564382-8. -- S. 179.

Aus der Prozession wurde Mallārī auch in Bühnenaufführungen des Bhārata Nāṭyam übernommen. 


11. கவுத்துவம் = Kavuttuvam / Kautvam / Kauthuvam


கவுத்துவம் = Kavuttuvam / Kautvam ist ein Tanz aus dem südindischen Tempelritual. Er dient dem Lob (stotra, stuti) verschiedener Gottheiten, besonders Gaṇeśa, Murugan / Skanda, Śiva Nāṭarāja und der Devī. Da durch den Devadāsī Act von 1947 Tempeltänzerinnen (devadāsī) verboten wurden, darf heute Kautva nicht mehr ins einem ursprünglichen Kontext von Frauen aufgeführt werden. Kautvam wurde von manchen Tänzerinnen des Bhārata Nāṭyam ins Bühnenprogramm aufgenommen, andere halten dies eher für eine Profanierung und vollziehen statt dessen Puṣpāñjali (Darbringung von Blumen).  

Es gibt u.a.


11.1. Navasandhi-kautvam


An Dhvajārohaṇa (ध्वजारोहण), dem ersten Tag eines Brahmotsava (ब्रह्मोत्सव), dem großen Tempelfest, werden die Navasandhi-Tänze aufgeführt, um die 9 Schutzgottheiten der Himmelsrichtungen (dikpāla / lokapāla / दिक्पाल / लोकपाल) (inklusive Zentrum) zu besänftigen. Für jede der 9  Schutzgottheiten gibt es einen besonderen Tanz:

  1. Brahmā - Zentrum: samapādam
  2. Indra - Osten: Bhujaṃga
  3. Agni - Südosten: Maṇḍalanṛtta
  4. Yāma - Süden: Daṇḍapādanṛtta
  5. Nirṛti - Südwesten: Bhujaṃgatrāsa
  6. Varuṇa - Westen: Kuñcita
  7. Vāyu - Nordwesten: Bhujaṃgalalita
  8. Kubera - Norden: Sandhyānṛtta
  9. Īśāna - Nordosten: Ūrdhvapāda

P. Sambamoorthy schreibt zu den Navasandhi-Aufführungen zu seiner Zeit:

"Ritualistic music and dance in Navasandhis

In the Kamikāgamam, details relating to the rāgas tālas, pans (பாண்), instruments and dances to be performed in the navasandhis during the Brahmotsava are clearly given. But it is a pity that even in the bigger and wealthier temples, the arcakas have lost touch with these details. In some temples, the appropriate ślokas are recited with the concerned sandhis, but the question is whether the vocalists, instrumentalists and dancers do comply faithfully with the meaning of the śloka. When Gurjari rāga has to be played, invariably the nāgasvaram player plays a light tune for the entertainment of those assembled and when Bhujanga lalita nrittam has to be performed, the dancing girl, if one is available dances something familiar to her. In this manner musical frauds are being perpetrated in the holy precincts of temples."

Sambamoorthy, P. <1901 - 1973>: South Indian music. -- Book V. -- 9th ed. -- Chennai : Indian Music Publishing House, 2006. -- S. 215.


Zu Musikalische Formen 3. Konzertmusik