Religionskritisches von Ludwig Thoma

Religionskritische Gedichte

von Ludwig Thoma


ausgewählt und herausgegeben von Alois Payer (payer@payer.de)


Zitierweise / cite as:

Thoma, Ludwig <1867-1921 >: Religionskritische Gedichte / ausgewählt und herausgegeben von Alois Payer. -- Fassung vom 2004-10-08. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/thoma02.htm     

Erstmals publiziert: 2004-06-10

Überarbeitungen: 2004-10-08 [Ergänzungen]; 2004-07-08 [Ergänzungen]; 2004-07-01 [Ergänzungen]; 2004-06-22 [Ergänzungen]

©opyright: Public Domain

Dieser Text ist Teil der Abteilung Religionskritik  von Tüpfli's Global Village Library


Entstehungsjahr nicht ermittelt


Das Ärgernis

Was ist das doch in diesen Tagen
Ein Summen, Surren, Hasten, Jagen!
Am Boden welch ein froh Gewühl!
Ein jeder Käfer zeigt Gefühl
Und muss sein Weibchen wild umfassen.
Die ganze Welt ist ausgelassen,
Und jedes Tier begreift sein Leben
In Liebe nehmen, Liebe geben.
Das ist ein Werben, Jubeln, Klagen
In diesen schönen Frühlingstagen!

Ein Ochse steht am Wiesenrand,
Und sein kastrierter Viehverstand
muss unberührt von diesem Treiben
Und dieser Sinnenfreude bleiben.
Er fühlt im Fressen sich gestört
Von allem, was er sieht und hört.
Da wird gejagt und wird getanzt
Und sich ganz einfach fortgepflanzt!

Das unbekümmerte Gewühl
Verletzt sein tiefstes Schamgefühl.
Wie kann es nur der Schöpfer sehen,
Dass solche Dinge hier geschehen?!
Ihm kommt es ganz abscheulich vor,
Und klagend blickt sein Aug' empor.
— Ja, ja! Man sieht 's dem Ochsen an:
Das Rindvieh ist ultramontan.

Erläuterung:

"Der Ultramontanismus (von lat. ultra montes, jenseits der Berge, also aus Rom) war eine Strömung in der französischen katholischen Kirche des 18. Jahrhunderts. Sie strebte an, den Vorrang des Papstes zu erhalten oder sogar zu verstärken und bekämpfte Aufklärung, Liberalismus und Protestantismus.

In Deutschland setzte der im 19. Jahrhundert erstarkende Ultramontanismus gegen den Reformkatholizismus die romkonforme Neubesetzung von Bischofsstühlen durch. Hierdurch kam als Gegenbewegung in der Zeit des Vormärz und der Märzrevolution 1848 eine Deutsch-Katholische Bewegung in Gang.

Im übertragenen Sinn wird der Begriff Ultramontanismus, beispielsweise im deutschen Kulturkampf, auf andere romfreundliche Haltungen verwandt."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ultramontanismus. -- Zugriff am 2004-06-10]


Vergänglichkeit

Es prangt um uns auf allen Wiesen
In Grün und Gelb, in Blau und Rot.
Wir wollen diese Pracht genießen,
Denn übermorgen ist sie tot.

Schon kommt man, sie hinwegzuraffen,
Es naht der Schnitter, der sie mäht.
Gott hat die Blumenwelt geschaffen,
Dass sie als Heu die Kühe bläht.

Wohl ist es wert, dass man sich härme,
Wenn man das Ganze recht bedenkt,
Wie diese Schönheit durch Gedärme
Verwandelt sich nach außen lenkt.

Hier liegt die Blume hingesch...lagen,
Sie rauchet noch als warmer Mist.
Warum? .. Das wird die Allmacht wissen,
Du frage nicht als frommer Christ.


Auf Höhen

Und ich fragte meinen Lehrer,
Wo der liebe Herrgott wohnt.
»Ei, im blauen Himmel oben,
Wo er mit den Englein thront.«

Und die grauen Felsenberge
Ragen doch so hoch empor!
Sieht man von dem steilen Gipfel
In das offne Himmelstor?

Sieht man auch die Engelsscharen?
Hat der Himmel dort ein Loch?
»Ja, natürlich,« sprach der Lehrer,
»Warte, du begreifst es noch.«

Nein, ich hab' es nie begriffen,
Als ich dann nach manchem Jahr
Oft und oft und immer wieder
Auf den Bergesgipfeln war.

Hoch zu Häupten, fest verschlossen
Wölbte sich das Himmelszelt,
Und ich sah nur kleiner werden
Unter mir die Erdenwelt.


Gottesgericht

Ein Enterich hat jüngst im Freien
Der Liebe ohne Scheu gefrönt.
Natürlich waren sie zu zweien,
Und was sie taten, ist verpönt.

Er hatte das Rezept gefunden
Zu jenem alten Wonnespiel,
Wobei er oben und sie unten
Ins Auge des Betrachters fiel.

Ha! Wie ihm alle Sinne schwinden,
Da schien es manchem offenbar,
Dass jedes ethische Empfinden
In diesem Tier erloschen war.

Ein solches Beispiel öffentlicher
Verdorbenheit kommt selten vor.
Doch Gottes Mühlen mahlen sicher,
Hier war es ein Benzinmotor.

Das Rad zerquetscht sie in der Rinne
Und presst den Enterich auf sie,
Es war wohl in gewissem Sinne
Auch eine Schicksalsironie.


Im Bade

Doktor Schnüffelberger, Redaktör
Einer durchaus gut kathol'schen
Zeitung, kam aufs Land von München her,
Um sich von der dort'gen alkohol'schen
Stimmung und was sonst die Nerven reizt,
Zu erholen. Denn das Waldozon
In Verbindung etwa auch mit Baden
Kann dem abgehetzten Großstadtsohn
An und für sich überhaupt nicht schaden.
Seine Arbeit nahm er auch mit sich
Auf das Pornographische bezüglich,
Nackicht, ganz und halb, und lüderlich,
Nur für die Verdorbensten vergnüglich.
Mit der Lupe sah er das Detail,
Wenn auch schon mit Abscheu, aber gründlich.
Ohne Schaden blieb sein Seelenheil;
Scheinbar war er wirklich nicht entzündlich.
Also Schnüffelberger mit Gepäck
Kam in diese unberührte, stille
— Zur Erholung und zum Arbeitszweck —
In die unberührte Landidylle.
Wohnt' bei einem gut kathol'schen Mann
In der Nähe auch des Seegestades,
Wo er allenfalles baden kann.
Mancher glaubt 's mir nicht, und doch, er tat es.
Ja, er nahm ein Bad. Nur bis zum Knie,
Weiter konnte er sich nicht verstehen.
Erstens einmal tat er 's vorher nie,
Zweitens hätte er sich selbst gesehen.
Drittens hat er 's gern am Nabel warm,
Und von jung auf hat er für das Wasser
Keine Lieb' und ausgesproch'nen Schwarm,
Als ein guter Zentrumsschriftverfasser.
Ergo badet er bloß bis zum Knie.
Plötzlich doch vernahm er ein Geräusche,
Neben ihm da badet eine »sie«,
von beachtenswertem Weiberfleische.
Was er übrigens nicht gleich erfuhr,
Sondern nur gewissermaßen ahnte,
Durch die alte Stimme der Natur,
Die bewirkte, Dass ihm etwas schwante.
Schnüffelberger war ja kühl, und doch
Suchte er sogleich an allen Brettern
Mit dem schärfsten Blick nach einem Loch.
Er begann auf eine Bank zu klettern.
Endlich hat er eines! Ei, man sieht
Durch das Loch die ganze Badkabine,
Jede Ecke, kurzum das Gebiet
Dieser badenwollenden Blondine.
Husch! Sie zog sich mal die Bluse aus,
Und der starke Busen wogt' und wallte,
Theoretisch war ihm das ein Graus,
Aber praktisch überlief 's ihn kalte.
Sakrament! in einem Spitzenhemd,
Appetitlich und ans Kolossale
Grenzend — ist man noch so sündenfremd,
So ein Anblick freut uns allemale!
Husch! Husch! Husch! Jetzt fiel der Rock,
Und die Schönste stand nun in der Hose;
Schnüffelberger war nun zwar kein Bock,
Aber doch nicht ganz empfindungslose.
Zwar beruflich Antipornograph,
Täglich steigend in die schlimmsten Sümpfe,
Stand er dennoch als betroff'nes Schaf
Vor dem Anreiz dieser seid'nen Strümpfe.
Ui-ui-ui! Und was der Strumpf umschloss!
Diese Wade! Er gestand sich offen,
Was er sonst auf Bildern nur genoss,
War von der Natur hier übertroffen.
Teufel! Teufel! Wär' das Brillenglas
Nur zur Unzeit ihm nicht angelaufen!
Unerträglich war es, aber das
Kam natürlich vom erhitzten Schnaufen!
Weg die Höschen! Und auch weg der Strumpf,
Sieh das Hemd, durch das es rosig schimmert!
Schnüffelberger! Jetzt ist Stärke Trumpf!
Aber gelt, du Zipfel, wie 's dir flimmert!
Wische nur dein Glas mit Hastigkeit!
Auf der Stirne fängst du an zu schwitzen,
Bist du auch für andre sehr gescheit,
Hier lässt dich die eigne Tugend sitzen.
Na, nun drück die Nase ganz ans Brett!
Immer ran! Das Hemd wird hochgezogen,
Eins, zwei, drei! Ist das nicht wundernett?
Hat der Pornograph dich angelogen?
Alles, was du hier erblickst, ist rund,
Und man glaubt partout, man soll es streicheln,
Und du Ärmster, wie beim Hühnerhund
Fängt das Maul dir aber an zu speicheln.
Ganz wie Ariadne sitzt sie da,
Und dem Schnüffelberger schwillt das Auge,
Dass er alles, was er gierig sah,
In sein ewiges Gedächtnis sauge.
Und es überkommt ihn Schüttelfrost,
Wiederum muss er dann Hitze leiden,
Wie der Heilige auf einem Rost,
Und es wühlt ihm in den Eingeweiden.
Platsch! Nun taucht sie in das Wasser ein,
Röchelnd sagt der Lump und Pharisäer:
»So was sollte eigentlich nicht sein,
Ich beleuchte das noch heute näher.
Außerdem: wie schrecklich kann doch schaden
Unsrer Jugend das verfluchte Baden,
Nicht ein jeder ist, wie ich, gefeit
Angesichts von solcher Nackigkeit!«


Pommernbank-Alphabet

Ein großer Aufwand schafft Verdacht,
Wenn man ihn nicht für Kirchen macht.

Der Bau der Kirche war berlinisch,
Und trotzdem durchaus byzantinisch.

Blamage ist in hohen Sphären
So gut wie unten zu entbehren.

Ein allzu großes Christentum
Gereicht nicht immerdar zum Ruhm.

Dementis sind nicht stets bequem,
Verspätung wirkt nicht angenehm.

Der Eifer für die Kirche ist
Ein glattes Eis für manchen Christ.

Das Frommsein, was man oben schätzt,
Hat durch die Folgen uns verletzt.

Nach Herkunft frägt die hohe Welt
Nur einen Mann, niemals das Geld.

Vor dem Gesetz sind alle gleich;
Der Glaube stimmt mich weh und weich.

Die Heiligkeit befördert schnell,
Nicht jede Hofbank ist reell.

Das Irdische, wenn auch voll Schmutz,
Gereicht dem Himmlischen zu Nutz.

Von Mirbach achtet nicht den Spott;
Er tat es für den lieben Jott.

Der Königliche Titel ziert,
Und mancher wird dadurch verführt.

Nicht jeder, der im Glauben leuchtet,
Ist mit Erkenntnistau befeuchtet.

Bei M da denkt man so herum
An Mirbach, Mammon, Muckertum.

Im Bankprozess weht eine Luft,
Nicht ganz so schön wie Nardenduft.

Man ist sich Oben noch nicht klar,
Doch uns ward manches offenbar.

Nicht jeder Adelsschild ist blank,
Der Fleck kam von der Pommernbank.

Wer frägt nach Qualität beim Geld,
Wenn nur das Quantum wohlgefällt?

Streng ist man gegen die, die streiken,
Doch sanft mit Schultz und mit Romeiken.

Mit Schultzen war man sehr intim,
Jetzt kam ein böses Interim.

Die Titel kriegt man nach Tarif,
Es kostet viel und geht oft schief.

Es kämen noch das U, V, W,
Das X in diesem Abc,
Doch die Blamage langt wohl schon
Auch ohne Z und Y.

Erläuterung: Pommernbank = Pommersche Hypothekenbank: Der Bericht einer Revisionskommission legt 1901 offen, dass die Pommersche Hypothekenbank einen Fehlbetrag von 16 Mio. Mark aufweist. Damit gilt das Aktienkapital der Bank als verloren.


Abb.: "Glockenaugust" Ernst von Mirbach

[Bildquelle: Lange, Annemarie: Das Wilhelminische Berlin : zwischen Jahrhundertwende u. Novemberrevolution. -- 4. Aufl.. -- Berlin : Dietz, 1984. -- 961 S. : Ill. -- S. 71]

Mirbach = Ernst von Mirbach (1844 - 1924), Oberhofmeister Auguste Victorias [Siehe zu ihm: Gundermann, Iselin: Ernst Freiherr von Mirbach und die Kirchen der Kaierin. -- In: Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins. -- 9. -- Online: http://www.evangelischer-kirchenbauverein.de/Mirbach.htm. -- Zugriff am 2004-06-10]:

"Die Angriffe gegen Mirbach hatten aber noch einen anderen Grund. Bei der Verleihung von Titeln und Orden war er gelegentlich als Fürsprecher aufgetreten, was seine Gegner jetzt einseitig als Gegenleistung für größere Spenden deuteten und in scharfer verletzender Form in der Öffentlichkeit bekannt machten. In diesen Zusammenhang gehörte auch der gegen ihn gerichtete Verdacht, Mittel von der um die Jahrhundertwende in Schwierigkeiten geratenen Pommerschen Hypothekenbank entgegengenommen zu haben. Im Prozess gegen die Pommernbank, wo er als Zeuge aussagte, konnte ihm persönlich zwar nichts nachgewiesen werden, aber der Verbleib von 325.000,- Mark, für die er quittiert hatte, ohne die Spende jemals zu empfangen, war nicht aufzuklären.

Am 5. Juli 1904, als der Oberstkämmerer Solms-Baruth den Bericht an den Kaiser niederschrieb und durch zahlreiche Belege zur fatalen Wirkung des Spendenaufrufs ergänzte, verfasste Mirbach nach einem Gespräch mit ihm wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe sein Abschiedsgesuch. Er gestand ein, dass „auch einige Fehlgriffe meinerseits dazu beitragen, dass eine Presshetze in solchem Umfange entstehen konnte." Da ein Ende der unangenehmen Auseinandersetzungen nicht abzusehen sei, vielmehr befürchtet werden müsse, „dass durch die fortwährenden gegen meine Person gerichteten Angriffe und Verdächtigungen der Hof in Mitleidenschaft gezogen" würde, habe er diesen Entschluss gefasst und bitte um seine
Entlassung.
""

[Quelle: http://www.evangelischer-kirchenbauverein.de/Mirbach.htm. -- Zugriff am 2004-06-10]:

Über Mirbach erzählte man sich folgenden Witz:

Ein Straßenjunge hat neulich einem Glatzkopf, der den Hut zog, zugerufen: "Nehmen Sie sich in Acht, alter Herr, wenn Mirbach den freien Platz auf Ihrem Kopf sieht, baut er Ihnen eine Kirche dahin."

[Quelle: Lange, Annemarie: Das Wilhelminische Berlin : zwischen Jahrhundertwende u. Novemberrevolution. -- 4. Aufl.. -- Berlin : Dietz, 1984. -- 961 S. : Ill. -- S. 70]


1813

Nun weiß es doch das Volk der Denker!
Der liebe Gott als Schlachtenlenker
Verlor uns Jena. Später dann
War Er's, der Leipzig uns gewann.

Er will von allen Weltbezirken
Besonders stark in Preußen wirken.
Sein ganzes Trachten lenkt ihn hin
Zum Weltennabel, nach Berlin.

Nach Friedrich, der so fromm gewesen,
Wie wir in allen Büchern lesen,
Zog eine freiere Idee
Sich an und um den Strand der Spree.

Da half nun Gott den Ohnehosen.
Ja — ausgerechnet den Franzosen!
Sie hatten ihn zwar abgesetzt,
Doch schien er nicht dadurch verletzt.

So einfach ist es zu erklären!
Es thront in seinen lichten Sphären
Der Weltenschöpfer und gibt acht,
Was man speziell in Preußen macht!

Erläuterungen:

bei Jena = Doppelschlacht von Jena und Auerstedt

"Die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt fand zwischen dem 10. und 14. Oktober 1806 in der Nähe der beiden Orte Jena und Auerstedt in Thüringen statt.

Die preußische Armee verlor diesen viertägigen Kampf in einer schweren Niederlage gegen die napoleonischen Truppen. Das preußische Heer war militärisch nur unzureichend vorbereitet und die Offiziere und Generäle aufgrund ihrer Erfahrungen unter Friedrich dem Großen siegessicher. Das napoleonische Kaiserreich hingegen hatte eine flexible Strategie im Felde und war dem Feind auch moralisch weit überlegen.

Napoleon selbst schlug am 14. Oktober 1806 mit seiner Hauptarmee die preussisch/ sächsische Armeeabteilung Hohenlohe bei Jena, während zur gleichen Zeit Marschall Davout mit seinem Korps die ihm zahlenmäßig deutlich überlegene preussische Hauptarmee unter dem Karl Wilhelm Ferdinand Herzog von Braunschweig bei Auerstedt schlagen konnte. Der Herzog selbst wurde gleich zu Beginn der Schlacht tödlich verwundet.

Nach dem Sieg besetzten die Franzosen Berlin, nachdem der preußische König samt Familie nach Ostpreußen geflohen war. 1807 kam es dann zum Frieden von Tilsit, in dem festgelegt wurde, dass Preußen auf Jahre von napoleonischen Truppen besetzt bleibt und dass ein hoher Tribut an den Sieger zu zahlen ist. Durch diese katastrophale Niederlage konnte Preußen sich innerlich erneuern, um nach dem Wiener Kongress 1815 eine starke Macht in Europa zu werden."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Jena_und_Auerstedt. -- Zugriff am 2004-06-10]

bei Leipzig =  Völkerschlacht bei Leipzig:

"Völkerschlacht bei Leipzig

Vom 16. bis 18. Oktober 1813 kämpften bei Leipzig in Sachsen die Truppen Kaiser Napoleons und der Verbündeten in der Völkerschlacht gegeneinander. In der wichtigsten Schlacht der Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft haben die verbündeten, zahlenmäßig überlegenen Heere der Österreicher, Preußen, Russen und Schweden, den Franzosen unter Napoleon die entscheidende Niederlagen beigebracht. Bei der Schlacht fielen von etwa 400.000 beteiligten Soldaten etwa 130.000. Im Jahre 1913, also genau 100 Jahre später, wurde das 91 m hohe Völkerschlachtdenkmal fertiggestellt. Es steht an der Stelle, an der die heftigsten Kämpfe tobten und die meisten Soldaten fielen. Dieses gewaltige Monument ist eines der Wahrzeichen Leipzigs. "

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/V%F6lkerschlacht_bei_Leipzig. -- Zugriff am 20904-06-10]


Lied der Großindustriellen

Wir lieben dieses Vaterland!
Doch fesselt uns ein schön'res Band
Viel stärker, unvergleichlich zäh
Ans Portemonnaie.

Die Treue unserm Königshaus,
Wir hängen sie beim Sekt heraus,
Indes noch immer hat das Prae
Das Portemonnaie.

An Gott im Himmel glauben wir.
Wär Er dem Volk nicht mehr 's Panier,
Wer wüsste dann, was wohl geschäh'
Dem Portemonnaie?

So lebt sich's gut bei dem System,
Wir ändern es auch je nachdem,
Wenn man wo einen Vorteil säh'
Fürs Portemonnaie.


Altbrandenburgisch

Mit Gott — für König — und fürs Vaterland!
Wir kennen die Devise als geschichtlich
Und wissen auch, Dass Preußens Adelsstand
Sich von ihr leiten lässt, ganz offensichtlich.

Mit Gott — der protestantischen Kulör —
Doch kann man sich für Geld dazu verstehen
Und ist katholisch noch so contre coeur,
Mit Rom und Zentrum Arm in Arm zu gehen.

Und für den König! Majestät gehört
Ein jedes der Gefühle, die nicht rosten,
Und deren Heilighaltung jeder schwört,
Und die — was Vorbedingung ist — nichts kosten.

Dem Vaterlande weiht die Adelsschar
Mit breiten Mäulern jederlei Gesinnung,
Doch fordert weiter nichts! Besonders bar
Bezahlt sie nicht, die Patrioteninnung.

Und so mit Gott — die Phrase bleibt in Kraft —
Nicht für den König — für die eignen Taschen —
Nicht für das Land — für die Genossenschaft
Sucht jeden Vorteil schmutzig ihr zu haschen.


Römisch-Katholisches

Was ist denn los?
In unsrer alten Kirche Schoß?
Das kann nicht mehr zur Ruhe kommen,
Das quält und ängstet alle Frommen,
Das brodelt, gärt und schäumt und zischt,
Als hätt' der Teufel was gemischt,
Das riecht verflucht nach Ketzern,
Nach Neuerern und Hetzern!
Es wird gebessert, aufgehellt,
Das Alte auf den Kopf gestellt,
Es regen sich die Zweifler,
Die Nicht-so-ganz-Begreifler - - -
Da aber schallt
Zu Rom ein donnernd Halt.
Wir finden keine neuen Wege.
Wer sie betritt, kommt ab vom Stege,
Der immer noch so eng und schmal
Zu Gott führt aus dem Jammertal.
Ihr eifervollen Umgestalter!
Was Dummheit und was hohes Alter
Der guten Menschheit heilig macht,
Wird nie in andre Form gebracht!
Wie wollt ihr Halben und ihr Lauen
Das Eingestürzte neu erbauen?
Entweder Heide — oder Christ,
Und nehmt die Kirche, wie sie ist!


Mai

Was uns der schöne Frühling tut,
Ist lauter Lieb und Wonne.
Den Mädeln wird es so zumut
Wie Katzen in der Sonne.

Sie schnurren rings um uns herum,
Sie lächeln und sie schmeicheln,
Man fühlt was wie ein Fluidum,
Man muss die Tierchen streicheln.

Und kommt man auch nur leis daran,
So ist 's um uns geschehen,
Dem Frühling und dem Baldrian
Kann keiner widerstehen.

Herr Kirchenrat, Sie schweigen still!
Es lässt sich nicht vermeiden.
Wenn Gott die Sache selbst nicht will,
muss er die Kater schneiden.


Eröffnungshymne

Was ist schwärzer als die Kohle?
Als die Tinte? Als der Ruß?
Schwärzer noch als Rab' und Dohle
Und des Negers Vorderfuß?
Sag mir doch, wer dieses kennt!
— Bayerns neues Parlament.

Und wo sind die dicksten Köpfe?
Dicke Köpfe gibt es viel,
Denken wir nur an Geschöpfe
Wie Rhinozeross' im Nil.
Dick're hat — o Sakrament!
— Bayerns neues Parlament.

Wer ist frömmer als die Taube?
Als die milchgefüllte Kuh?
Als der Kapuzinerglaube
Und das fromme Lamm dazu?
Frömmer ist das Regiment
In dem neuen Parlament.

Und was ist das Allerdümmste?
Schon noch dümmer als wie dumm?
Sagt mir gleich das Allerschlimmste,
Aber ratet nicht herum!
Sag' mir endlich, wer es kennt!
Himmelherrgottsakrament!!


Indische Weisheit

Will die Menschheit einen Dalai Lama,
muss sie mit Geheimnis ihn umgeben.
Besser ist es, wenn die Erdengötter
Hinter Wolken im Verborg'nen leben.

Auch die Seltenheit ist zu empfehlen
Im Gebrauch der hohen Lamaworte,
Denn es leidet ihre Geltungsstärke
Durch die Häufigkeit der Mundespforte.

Richtig ist, was uns die klugen Priester
Von der Weisheit Dalai Lama's lehren:
Nur je weniger wir sie vernehmen,
Können wir sie andachtsvoll verehren.

Füge gnädig es, erhab'ner Wischnu,
Und der Höchste aller, du, o Brahma,
Dass die Menschheit Glauben wieder fasse
An die Weisheit eines Dalai Lama.



Abb.: Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter / Gemälde von H. Knackfuß (1848-1915) nach einem Entwurf von Kaisers Wilhelm II. Der Kaiser übergab es dem russischen Zaren Nikolaus mit der Bitte, die Einflüsse aus dem Osten unter Kontrolle zu halten ("die drohende Gefahr eines durch Japan mobilisierten chinesischen Ansturmes"). Der Zar war sichtlich erfreut über das schöne Werk und so konnte Wilhelm II. befriedigt feststellen: "Also es wirkt, das ist sehr erfreulich"

Ein Kenner

"Ereignisse in China." Fett gedruckt,
Muss ich es täglich in der Zeitung lesen.
Ich räuspere mich, und wenn ich ausgespuckt,
Mach ich mich eifrig hinter die Chinesen.

Der alte Tropf, so so, Li-Hung-Tschang
Versucht die Mächte gründlich anzuschmieren?
Mich wundert's nicht, er kennt ja ziemlich lang
Die Herren, welche hier zu Land regieren.

Ich seh' den Kerl, wie er spöttisch lacht,
Hört er die Sprüche der Kulturnationen,
Die jetzt so plötzlich einig macht
Die Liebe zu diversen Religionen.

Er spendet seinen Leuten guten Trost;
Lasst sie nur grimmig mit den Waffen klirren,
Sie sind im Ernste nicht so sehr erbost;
Ich weiß ein Mittel, sie uns schnell zu kirren.

Ich nehm' den Ein' und Andern still beiseit,
Und sage: quatsch doch nicht von Idealen!
Was kost' dein Anteil an der Christenheit?
Ich will ihn dir wahrheftig gut bezahlen.

Ihr werdet sehen, wie der Edle schwenkt,
Sich von den andern trennt mit frommen Lügen.
Lasst ihn nur machen! Ärger als ihr denkt
Wird er die Glaubensbrüder euch betrügen.


Bekenntnis

Ihr wünschtet heute wohl von dem Poeten,
Dass er nicht still sei, sondern seine Stimme
Vermische mit dem Schall der Kriegstrompeten
Und so wie ihr in Siegesjubel schwimme.

Ich will, wo alle laut sind, lieber schweigen.
Ist euer Eifer echt, dann mag er gelten,
Und hab' ich unrecht, sollt ihr mir es zeigen,
Doch ungehört dürft ihr nicht schlecht mich schelten.

Was gibt uns Grund zum überlauten Lärmen,
Zu großen Reden, schmetternden Fanfaren?
Schon mehr als einmal brachte tolles Schwärmen
Der deutschen Heimat drohende Gefahren.

Dem Manne, sagt ihr, zieme frisches Wagen
Und löblich sei es, in das Reich der Mitte
Den Überfluss von Christentum zu tragen
Und unsern Vorrat an Kultur und Sitte.

Den phrasenreichen Eifer lasst euch dämpfen,
Und stimmt herab die hochgespannten Töne!
Seht ihr denn nicht an eurer Seite kämpfen
Des frommen Englands blutbeschmierte Söhne?

Ich hör' euch reden von des Landes Ehre;
Der opfert willig ihr die deutsche Jugend.
Für Einen sterben Tausend. — Eure Lehre
Ist wahrlich streng und eisern eure Tugend.

Vor solchen Helden kann ich nur erschauern,
Und wünsch' von Herzen euch in bangen Sorgen:
Es möge eure Freude überdauern
Nicht bloß das Heute, sondern auch das Morgen.


1900


Rachelied

Ich will euch gelbem Schweinepack,
Euch schäbigen Chinesen,
Geht mir nicht ganz die Puste aus,
Den Text mal gründlich lesen.

Schnedderengdeng!
Ihr seid mir z'weng!
Vierhundert Millionen,
Keinen will ich schonen
Alle bring ich um!
Tschin! Bum!

Ich hau' euch bis ihr Läuse kriegt,
Ich mach euch noch zu Christen,
Ihr ganz gemeines Lumpenvolk,
Ihr schuftigen Buddhisten!

Schnedderengdeng!
Ihr seid mir z'weng!
Vierhundert Millionen,
Keinen will ich schonen
Alle bring ich um!
Tschin! Bum!

Wenn einer mit den Augen zwinkt,
Dem lest gleich Seelenmessen,
Der Kerl wird gleich zu Wurst verhackt
Und auf dem Kraut gefressen!

Schnedderengdeng!
Ihr seid mir z'weng!
Vierhundert Millionen,
Keinen will ich schonen
Alle bring ich um!
Tschin! Bum!

Euch soll die höhere Kultur
Durch alle Löcher bringen.
Und tausend Jahre sollt ihr noch
Das Lied vom Christen Singen!

Schnedderengdeng!
Ihr seid mir z'weng!
Vierhundert Millionen,
Keinen will ich schonen
Alle bring ich um!
Tschin! Bum!

Erläuterung: Satire auf die Hunnerede Kaiser Wilhelms II., gehalten am 27. Juli 1900 in Bremerhafen bei der Entsendung von Truppen zur brutalen Rache für den chinesischen Boxeraufstand:

"Kaiser Wilhelm II: "Hunnenrede"

Bremerhaven, 27. Juli 1900

"Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind, Aufgaben weit größer, als viele Meiner Landsleute es erwartet haben. Das Deutsche Reich hat seinem Charakter nach die Verpflichtung, seinen Bürgern, wofern diese im Ausland bedrängt werden, beizustehen. Die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer.

In dreißigjähriger treuer Friedensarbeit ist es herangebildet worden nach den Grundsätzen Meines verewigten Großvaters. Auch ihr habt eure Ausbildung nach diesen Grundsätzen erhalten und sollt nun vor dem Feinde die Probe ablegen, ob sie sich bei euch bewährt haben. Eure Kameraden von der Marine haben diese Probe bereits bestanden, sie haben euch gezeigt, Dass die Grundsätze unserer Ausbildung gute sind, und Ich bin stolz auf das Lob auch aus Munde auswärtiger Führer, das eure Kameraden draußen sich erworben haben. An euch ist es, es ihnen gleich zu tun.

Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. Es ist das um so empörender, als dies Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre uralte Kultur stolz ist. Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freundlichen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel.

Ihr wisst es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, so wisst: Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, Dass auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen. Wahrt Manneszucht. Der Segen Gottes sei mit euch, die Gebete eines ganzen Volkes, Meine Wünsche begleiten euch, jeden einzelnen. Öffnet der Kultur den Weg ein für allemal! Nun könnt ihr reisen! Adieu Kameraden!"

Die inoffizielle, aber korrekte Version der entscheidenden Textpassage lautete wie folgt:

"Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, Dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!"

(Die Reden Kaiser Wilhelms II., Hg. v. Johannes Penzler. Bd. 2: 1896-1900. Leipzig o.J., S. 209-212. Abdruck der inoffiziellen Version in: Manfred Görtemaker: Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien. Opladen 1996. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 274), S. 357.)

[Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/wilhelm00/. -- Zugriff am 2004-06-10]


1901


Der englische Pfaffe

Der englische Pfaffe hat sie in Pacht,
Er hat die Gottseligkeit verbrieft,
Von der sein feistes und glatt rasiertes,
Sein milde lächelndes Antlitz trieft.

Er steht auf der Kanzel des Sonntags früh,
Er stochert in den Zähnen herum;
Und dann verkündet er Gottes Wort
Dem fromm aufhorchenden Publikum.

"Zu Bethlehem in dem heiligen Land,"
Sagt er in fettem näselndem Ton,
"Da geschah ein greulicher Kindermord;
Umbringen wollte man Gottes Sohn.

So große Greuel begaben sich da,
So grausam, tierisch, so ganz verrucht,
Dass man keine Worte nicht finden kann,
Mit denen man sie richtig verflucht."

Das ist gewesen vor langer Zeit,
O frommes, englisches Publikum!
Und immer noch dreht sich das Herz im Leib
Des guten Pfaffen dabei herum.

Er schließt den christlichen Gottesdienst,
Indem er mit seinem Segen belohnt
Das tapfere Heer im Feindesland,
Weil es nicht einmal die Frauen verschont.

Weil es mit blutiger Mörderhand
Sogar die armen Kinder erwürgt,
Als wie es geschah in Bethlehem
Nach dem was die Heilige Schrift verbürgt.

Und dann verlässt er das Gotteshaus;
Trägt seine Frömmigkeit an die Luft,
Dass jeder Christ sich erbauen kann
An dem gottseligen Bibelschuft.

Erläuterung: Bezieht sich auf den Burenkrieg (1899 - 1902).


Abb.: Burenkrieg: Frauen und Kinder werden von britischen Soldaten in ein Konzentrationslager gebracht. -- In: L'Illustration

"Nun aber änderten die Buren ihre Taktik und gingen zu einem für die Briten äußerst verlustreichen Guerilla-Krieg über. Unter ihrem Anführer Christian de Wet kämpften sie noch volle zwei Jahre lang weiter. In kleinen Trupps führten sie Überraschungsangriffe – zumeist auf die Nachrichtenverbindungen, Nachschub- und Verkehrswege der Briten – durch, um sich dann rasch zurückzuziehen.

Da ein so operierender Gegner auf konventionelle Weise kaum zu fassen war, wandte [Horatio Herbert] Kitchener [1850 - 1916] eine Strategie der "verbrannten Erde" an: Die Farmen in den Guerillagebieten wurden zerstört und die Ernten vernichtet, um den Gegner auszuhungern. Die Bewohner der Farmen, vor allem Frauen und Kinder, wurden in Konzentrationslagern interniert. Aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen in diesen Lagern starben über 27.000 Internierte an Hunger und Krankheiten."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Burenkrieg. -- Zugriff am 2004-06-10]


Aus Südafrika

Wir hörten schon so manches Stücklein melden
Zum ewigen Ruhme der englischen Helden.
Das beste blieb uns noch aufgehoben,
Wir dürfen sie heute aufs neue loben.
Erbittert nach den empfindlichen Hieben,
Haben sie Weiber und Kinder zusammengetrieben.
Die mussten in glühender Sonne kampieren,
Wer's nicht vermochte, der konnte krepieren.
Die Mütter sahen die Kleinen sterben
Und mussten selber langsam verderben.
Konnten nicht helfen, konnten nur bitten;
Kein Mensch mag ermessen, was sie gelitten
Um ihre Kinder. Was taten die Armen?
Zum Teufel mit dem dummen Erbarmen!
Es traf die Väter, die sich erfrechten,
Noch immer für Haus und Hof zu fechten.
Die es vollbrachten, sind Christen gewesen,
Die den Heiland tragen zu den Chinesen,
Und die Bibel von hinten bis vorne kennen,
Und den lieben Gott ihren Duzfreund nennen.
Das Stücklein von den blutigen Hunden,
Das Stücklein ist wahr! Nicht hat es erfunden
Ein märchenschreibender Zeitungslenker.
Und der es befohlen, der Weiberhenker,
Der tapfere Roberts — die Wahrheit ist bitter —
Ist königlich preußischer Ordensritter.

Erläuterung: siehe zum vorhergehenden Gedicht.


1902


Rückblicke <Auszug>:

Neben diesen Staatsgedanken
Gibt es sonst noch allerlei.
Deutschlands große Geister zanken
Ob die Bibel fälschlich sei.

Manche gute, brave Seelen,
Die man fromme Christen heißt,
Können kaum mehr sich verhehlen,
Dass sie jetzt ein Zweifel beißt.

Ja, es existiert noch heute
Mancher starke Glaubenschrist,
Und es gibt noch solche Leute,
Denen es nicht schnuppe ist.

Babel, Bibel — Bibel, Babel1?
Heut ist eine andre Zeit,
Und man hat bei dem Geschwafel
Das Gefühl der Wurschtigkeit.

Erläuterung:

1 Babel, Bibel — Bibel, Babel

"Die Frage, ob es Mythen in der Bibel gibt, sogar die Frage, ob es Mythen in der Bibel geben kann, waren in der zweiten Hälfte des 19. Jh., als die großen mythischen Texte des Alten Vorderen Orients allmählich bekannt wurden, und in den ersten Dekaden des 20. Jh. sehr heftig gestellt und ebenso heftig beantwortet worden. Diese Auseinandersetzung, die eher die Merkmale eines Streites als einer Debatte zeigte, wurde nicht von ungefähr „Babel-Bibel-“ oder „Bibel-Babel-Streit“ – je nach der Partei, die man ergriff – genannt. In der berühmten Rede, die Friedrich Delitzsch am 13. Jänner 1902 unter dem Titel, „Babel und Bibel“ vor der Deutschen Orientgesellschaft in Berlin hielt, wurde sie auf den Punkt gebracht und später noch radikalisiert. Nach dem umstürzlerischen Sohn des großen Vorbildes der Verbindung von alttestamentlicher Gelehrsamkeit und tiefer Frömmigkeit, Franz Delitzsch, und den sog. Panbabylonisten sei die Bibel – gemeint war praktisch immer das Alte Testament, vor allem die Urgeschichte der Genesis – einfach Plagiat der eindrucksvollen Mythen aus dem Zweistromland."

[Quelle:  http://www.evang.at/aundg/inhalte/leseprobe/542003_060708/lp3.shtml. -- Zugriff am 2004-07-08]


Südtirol

In Tirol die Kapuziner
Haben hochgewölbte Bäuche,
Sind des Herren fromme Diener
Und mit Wein gefüllte Schläuche.

In Tirol die Jesuiten
Haben runde Angesichter,
Auch die Patres Karmeliter
Sind gar fette Kirchenlichter.

Reichlich gibt der Kirchenfiskus,
Und gefüllt sind seine Spinde.
Auch die Jünger vom Franziskus
Sind wie runde Fassgebinde.

Wenn sie so in milder Güte
Wohlgefüllt vorübergehen,
Zieht das brave Volk die Hüte,
Bleibt in tiefer Ehrfurcht stehen.

Ach! Man sieht im Volke leider
Nur die magersten Gestalten;
Schlotternd sitzen alle Kleider,
Denn der Leib kann sie nicht halten.

Braves Volk, das so verachtet
Diese schalen Erdengüter
Und den Platz im Himmel pachtet
Durch die dicken Seelenhüter!


Pastor Klops

Das war Herr Klops, der sich beugete
Vor dem Herrn und dabei erzeugete
So viele Kinder wie ein Kaninchen
Mit seinem Ehegespons Wilhelminchen.
Er studierte die Theologie zu Kiel,
Und lernete dort gerade so viel,
Was für einen Gottesmann genügt,
Der die Fehler der Menschheit siehet und rügt
Und einmal die Woche als mahnende Stimme
Seinen Schleim abführt mit heiligem Grimme.
Doch außer dem Zweck und Ursprung der Sünden
Konnte er eigentlich nichts ergründen.
Was braucht auch der Mensch so viel zu wissen?
Als Pastor kann man es leicht vermissen.
Man ist vernagelt nach altem Brauch,
Wie viele Pastoren sonst eben auch.
Die Ehe aber gedieh mit Kindern;
Des Frommen Fleiß lässt sich nicht verhindern,
Denn dieser ist sich gar wohl bewusst,
Dass die schändlichen Werke der Fleischeslust
Im Stande der Ehe gelten als Pflicht,
Und keineswegs als Sünde nicht.
Aus diesen Gründen kam es davon,
Dass Klops erzeugte einen Sohn,
Der jetzund wieder allda zu Kiel
Als Theologe nicht ganz soviel
Wie sein guter Vater erlernet hat.
Er folget dem Herrn als ein Kandidat
Und ist verlobt mit Müllers Christinchen,
Mit welcher er wieder wie ein Kaninchen
Getreulich sorget, auf Dass die Klöpse
Sich weiterpflanzen als Kirchenschöpse.
Der alte Klops hat auch fünfzehn Töchter,
Durch deren Anblick der Trieb der Geschlechter
In der ganzen Gemeinde erstorben ist.
So wirkete er als Pfarrer und Christ.


Wiegenlied

Geht wirklich zu Ende die Sache?
Wirds wirklich in Afrika still?
Es fällt ja kein Sperling vom Dache,
Wenns nicht der Allmächtige will.1
Wia-Popeia
Wenns nicht der Allmächtige will.

Wie wart ihr so fest in dem Glauben:
"Das Recht steht über dem Geld!"
Den konnte kein Unglück euch rauben.
Wie weise regiert Gott die Welt!
Eia-Popeia
Wie weise regiert Gott die Welt!

Jetzt seht ihr ja wieder die Weiber,
Ihr seht das erhebende Bild,
Die viehisch misshandelten Leiber.
Wie ist doch der Herrgott so mild!
Eia Popeia
Wie ist doch der Herrgott so mild!

Die Kinder? Die sind euch verdorben;
Es ist das unschuldige Blut
Im Elend — vor Hunger gestorben.
Wie meint es der Herrgott so gut!
Eia-Popeia
Wie meint es der Herrgott so gut!

Ihr Buren, nun wollen wir loben,
Was wieder so deutlich wir seh'n:
Das Gute kommt alles von oben,
Das Unrecht kann nimmer besteh'n.
Eia-Popeia
Das Unrecht kann nimmer beteh'n.

Erläuterung: Bezieht sich auf den Burenkrieg, siehe im Jahr 1901.

1 Matthäusevangelium 10,29: "Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters."


Friede

Über die Heide geht der Wind;
Es flüstert im Gras, es rauscht in den Bäumen.
Die dort unten erschlagen sind,
Die vielen Toten, sie schweigen und träumen.

Hören sie nicht den Glockenklang?
Dringt nicht  zu ihnen aus heiligen Räumen
Halleluja und Friedenssang?
Die vielen Toten, sie schweigen und träumen.

Voll des Dankes ist alle Welt,
Sie darf mit dem Lobe des Herrn nicht säumen;
Wer im Kampfe fiel, heißt ein Held.
Die vielen Toten, sie schweigen und träumen.

Wenn die Herrscher versammelt sind,
Bei festlichem Mahl lasst die Becher schäumen!
Über die Heide geht der Wind;
Die vielen Toten, sie schweigen und träumen.

Erläuterung: Bezieht sich auf den Burenkrieg, siehe im Jahr 1901.


Der Zweikampf

Sie wollen mich, Verehrtester, befragen,
Wie ich mich eigentlich zum Zweikampf stelle?
Nun, ja, ich sag' es rund heraus, ich schätze
Als Mensch von guter Bildung die Duelle.

Sie murmeln etwas vom Gebote Gottes?
Und dass geschrieben steht: Du sollst nicht töten?
Die Hand aufs Herz, mein Bester, ohne Pathos,
Macht der Appell an Gott Sie nicht erröten?

Gebote Gottes! Unsre frommen Priester,
Die immer feine Unterschiede machten,
Sie sprechen je nachdem vom Gott des Friedens
Und von dem höchsten Lenker blut'ger Schlachten.

Es geht von Alters her in Gottes Namen
Das herdenweise Morden, Sengen, Schinden.
Warum nicht, wenn zwei sich das Fell durchlöchern?
Lässt sich dafür kein frommes Sprüchlein finden?

"Du sollst nur töten, wenn die Fürsten pfeifen"
Steht so geschrieben in der Christen Lehre?
Und dann mein Herr, Sie dürfen nicht vergessen,
Das Höchste, was der Mensch hat, ist die Ehre!

Sie ist es wert, dass wir für sie das Leben
Und Gut und Blut und alles daran setzen.
Worin sie liegt? Das weiß kein Mensch zu sagen,
Man kennt sie erst, wenn andre sie verletzen.

Und wer sie hat? Das lässt sich nicht erklären;
Nur wer sie nicht hat, kann ich Ihnen sagen:
"Die sich und andern täglich Brot verdienen
Und von der Arbeit wüste Schwielen tragen."

Erläuterung: am 1901-11-27 debattiert der Reichstag über die Duellfrage. Abgeordnete der Zentrums-Partei und der Sozialdemokraten fordern ein Duellverbot.


1903


Im Vatikan

Durch die langgestreckten Gänge,
Durch die hochgewölbten Säle
Schlürfen leise, Ohren raunend,
Scheuen Blicks die Kardinäle.

Nachtgewohnte Fledermäuse,
Die sonst gern im Dunkel blieben,
Huschen hin und her bei Tage.
Was hat sie ans Licht  getrieben?

Wie sie horchen! Wie sie lauern!
Wie die klugen Äuglein blitzen,
Während sich verkniffne Lippen
Frömmelnd zum Gebete spitzen!

Seiner Heiligkeit dem Papste
Nahet sich das bittre Sterben,
Und durch alle Schlüssellöcher
Spähen wartend seine Erben.

Erläuterung: am 20. Juli 1903 stirbt Papst Leo XIII, geboren 1810, Papst seit 1878. Sein Nachfolger wird Giuseppe Melchiorre Sarto  als Pius X.


Vom Katholikentage

Mächtig ist das Zentrum angeschwollen.
Die Regierung muss sich heute fragen,
Ob die Pfaffen ihr auch Beifall zollen
Und die Anerkennung nicht versagen.

Ja, das ist nun so! Die Wasserköpfe
Dürfen heute die Beherrscher spielen,
Und es wissen unsre schwarzen Tröpfe,
Wie sie oben jetzt nach ihnen schielen.

Ihre Treue ist bedingungsweise;
Je nachdem gewährt und auch gebrochen.
Doppelzüngig ist die Drohung leise
Unter süßen Worten ausgesprochen.

Hört ihr sie, müsst ihr euch wohl bequemen,
Ihre leicht verscherzte Gunst zu kaufen.
Immer ist die Dummheit ernst zu nehmen,
Weil die Vielen eifrig mit ihr laufen.

Weil die Vielen mit der Glaubensmystik
Dumpf und träge ihre Tage leben.
Und nach unsrer lezten Viehstatistik
Muss es wirklich viele Ochsen geben.


Monte Carlo

Vom Meer umspült in Palmen ein Bordell.
Jedoch der Wirt ist ein erlauchter Fürst,
Der die Hanswurstenkrone just so trägt,
Als hätt er sie von Gott. Das ist ein Spaß,
Wie der Gesalbte hier sein Land regiert!
Heißt ihn nicht Kuppler, denn er ist ein Fürst!
Obgleich er vom Verdienst der Huren lebt
Und von den Lastern, die sein Zepter schützt.
Heißt ihn nicht Kuppler, denn er ist ein Herr,
Der mit den Höchsten brüderlich verkehrt,
In Briefen sie liebwerte Vettern heißt,
In ihre Hände seine Hände legt.
Die gestern noch ein Gauner hat gedrückt.
Er ahmt sie treulich nach in Blick und Ton
Und spricht, wie sie, von seinem guten Volk,
Von seiner angestammten Majestät,
Dem ganzen Plunder hohlen Phrasentums.
Und dass nichts fehlt in diesem Affenstaat,
Hat auch der liebe Gott ein stolzes Haus
Auf diesem Jahrmarkt von Betrügern. Hell erklingt
Der Glocken Ton und mischt sich weihevoll
In leises Klirren angehäuften Golds,
Und in die heisern Rufe der Croupiers.
Dann beten sie gemeinsam Fürst und Volk ,
dass Gott noch weiter segne das Bordell
Und seinen Wirt und all dies schöne Land,
Wo jeder Dieb in hohen Ehren steht
Als Stütze für den Thron und den Altar.

Peter Schlemihl


1904


Russland - Japan

Muss ich als Deutscher Stellung fassen
Zu diesem Krieg? Er lässt mich kühl.
Ich kann nicht lieben, kann nicht hassen,
Es schweigt mein hohes Pflichtgefühl.

Wär' ich genauer unterrichtet,
Wohin man in Berlin sich neigt,
So wäre dieser Streit geschlichtet
Und mir der rechte Weg gezeigt.

Ich bin auch durchaus nicht imstande,
Mir klar zu werden, wie es geht,
Und welchem p.p. Vaterlande
Der liebe Gott zur Seite steht.

Er muss sich wohl sehr bald entschließen,
Wen er zu Sieg und Ehre führt,
Und wer in diesem Blutvergießen
Sein hohes Walten dankbar spürt.

So seh' ich aus der Perspektive
Die Sache an mit Wissensdurst.
Für einen geht es sicher schiefe,
Für wen, ist mir vors erste wurst.

Erläuterung: bezieht sich auf den russisch-japanischen Krieg 1904/1905


Gewohnheit

Als Kain den Abel umgebracht,
Zum Himmel dampft das Blut.
Es ward ein starker Lärm gemacht,
Und Gott geriet in Wut.

Die Engel wurden watschelnass,
So haben sie geflennt.
Und Gott hat Kain in grimmen Hass
Ein Zeichen aufgebrennt.

Dann jagte man den Frevler fort;
Fluch folgte ihm und Hohn.
Man sieht, der erste Brudermord
Erregte Sensation.

Doch man gewöhnt sich jetzt zuletzt
Auch an ein solches Ding;
Worüber man sich erst entsetzt,
Schätzt später man gering.

Man hat hernach im großen Stil
Die Menschen umgebracht.
Ein Tausend um das andre fiel.
Das wird noch heut' gemacht.

Jedoch von oben hört man nichts,
Und keine Stimme tönt,
Die Stimme, die einst angesichts
Des ersten Mords gedröhnt.

Im Gegenteil, der Priester fleht
Und bittet Gott um Sieg,
Wenn es zum großen Morden geht.
Und heilig heißt der Krieg.

Erläuterung: Die Geschichte von Kain und Abel steht in Genesis 4:


Abb.: William Blake 1757-1827: Adam und Eva finden den Leichnam Abels. -- ca. 1825

"Kain und Abel

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben. Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,  aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?  Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen,  doch du werde Herr über ihn!  Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein. Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen. Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde. Dann ging Kain vom Herrn weg und ließ sich im Land Nod nieder, östlich von Eden." (Genesis 4,1-12)

Heuchler

Im Schweinekober der Zentrumspartei
Gibt es einen lieblichen Brei.
Das fährt mit hundert schmutzigen Rüsseln
In die mit Unrat gefüllten Schüsseln
Und wirft den Kot umher in den Gassen.
Man könnte die Säue gewähren lassen,
Erfüllten sie nicht die Welt mit Geschrei,
dass nur bei ihnen das Gute sei.
In Zentrumsblättern ist also zu lesen.
Der Luther sei geschlechtskrank gewesen.
Das schreibt so einer, der voriges Jahr
Vielleicht noch weilte im Seminar,
Und heute noch strebt mit vielen Beschwerden,
Hinter den Ohren trocken zu werden,
Der ist erfüllt vom heiligen Triebe
Der allerbarmenden Nächstenliebe.
Begießt die Toten im Grab mit Jauche
Nach altem römischem Pfaffenbrauche.
Und alle die Guten, Braven und Frommen
Heißen die Lüge von Herzen willkommen,
Sie zeigen sie ihren Kindern und Frauen,
Damit auch sie sich christlich erbauen,
Und scheuen sich nicht, sie einzuweihen
In schmutzige Zoten. Doch morgen schreien
Sie wieder mit aufgesperrtem Rachen,
Sie müssten die deutsche Moral bewachen.

Peter Schlemihl

In Simplicissimus. -- Jg. 8 (1904/1905)


1905


An die Sittlichkeitskonferenz zu Magdeburg

Seh' ich euch wieder, hochehrwürd'ge Herren,
Nachdem für euch mich etwas einzusperren
In herber Strenge suchten fromme Schwaben?
— Bis jetzt nur »suchten«, weil sie mich nicht haben.

So hat nun Gott der Herr mich heimgesuchet,
Ganz offenbarlich, weil ihr mich verfluchet.
Er musste wohl, und war's nur, um euch Biedern
Die vielen Dienste freundlich zu erwidern.

Halläh! und Lujah! singt jetzt, frohe Sieger!
Und Bäh! und Muh! geliebte Kinderkrieger!
Auch eure Frauen singen um die Wette,
Das heißt: die paar, die nicht im Wochenbette.

Ich ehre sie, seitdem Herr Bohn beschrieben,
Wie zärtlich sie in stiller Kammer lieben,
Und wie ihn selbst so oft die Mannheit zierte.
Das heißt: wenn Bohn nicht etwa renommierte.

Und nun verleih' der Herr euch allen Stärke!
Den Nutzen seh' ich nicht von eurem Werke.
Ihr könnt euch jedes Jahr aufs neu' versammeln,
Die Menschen lieben, und die Hasen rammeln.

Und auch ihr Frommen — — ja, was wollt' ich sagen? —
Ihr solltet euch nicht allzusehr beklagen,
Halläh! und Lujah! Bäh! und Muh! Die Kälber,
Sie kommen auf die Welt nicht ganz von selber.



Abb.: Karikatur von Olaf Gulbransson <1873 - 1958>. -- In Simplicissimus. -- Jg. 9, Nr. 31 (1905)

An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine

Warum schimpfen Sie, Herr Lizentiate,
Über die Unmoral in der Kemenate?
Warum erheben Sie ein solches Geheule,
 Sie gnadentriefende Schöpsenkeule?

Ezechiel und Jeremiae Jünger,
Was beschmeußen Sie uns mit dem Bibeldünger?
Was gereucht Ihnen zu solchem Schmerze,
Sie evangelische Unschlittkerze?

Was wissen Sie eigentlich von der Liebe
Mit Ihrem Pastoren-Kaninchentriebe,
Sie multiplizierter Kindererzeuger,
Sie gottesseliger Bettbesteuger? .

Als wie die Menschen noch glücklich waren,
Herr Lizentiate, vor vielen Jahren,
Da wohnte Frau Venus im Griechenlande
In schönen Tempeln am Meeresstrande.

Man hielt sie als Göttin in hohen Ehren
Und lauschte willig den holden Lehren.
Sie
reden von einem schmutzigen Laster,
Sie jammerseliges Sündenpflaster!

Sie haben den Schmutz wohl häufig gefunden
In Ihren sündlichen Fleischesstunden
Bei Ihrem christlichen Eheweibchen?
In Frau Pastorens Flanellenleibchen?

Anmerkung:

"Am 6. März 1905 erhebt die Königliche Staatsanwaltschaft Stuttgart bei der Strafkammer I des Königlichen Landgerichts Stuttgart Anklage gegen den „Simplicissimus"-Redakteur Julius Linnekogel und den Schriftsteller Ludwig Thoma wegen „eines gemeinschaftlich ausgeführten Vergehens der Beleidigung und der öffentlichen Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche mittels Presse und zwei rechtlich selbständigen Handlungen im Sinne des § 185, 196, 47, 200 RSTGB, in Verbindung mit § 20 des Reichspressegesetzes vom 7. Mai 1874 und Artikel 12 des Württembergischen Ausführungsgesetzes . . ."

Gemeint ist hiermit die Veröffentlichung des Gedichtes „An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine" das anlässlich des „Internationalen Kongresses zur Bekämpfung der unsittlichen Literatur" vom 2. bis 4. Oktober 1904 in Köln, von Ludwig Thoma unter seinem Pseudonym „Peter Schlemihl" verfasst wurde. Die satirische Zeitschrift „Simplicissimus" — Vorbild für das später entstandene Münchner Kabarett „Simpl" - hat schon 1904 eine wöchentliche Auflagenhöhe von 85.000 Exemplaren. Bereits 1898 erreichen die „Simpl"-Satiriker die Grenzen der kritischen Publizistik; damals bespöttelt Frank Wedekind unter dem Pseudonym „Hieronymus" die Palästinareise Kaiser Wilhelms II. mit dem Gedicht „Im heiligen Land". Frank Wedekind und Th. Th. Heine, der dazu eine Karikatur zeichnet, werden von der Leipziger Staatsanwaltschaft zu sechs Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteilt."

[Quelle: Sich fügen - heisst lügen : 80 Jahre deutsches Kabarett  / [Hrsg.: Dt. Kabarett-Archiv Reinhard Hippen. Red.: Reinhard Hippen ; Ursula Lücking]. -- Mainz : Schmidt und Bödige, 1981. -- ISBN 3-88193-011-6]


1906


Aus: Ein neuer Hohenzollernprinz

Freudigstes Ereignis, allerehrfurchtsvollst dargestellt und submissest unterbreitet

Freudenschwanger hängt die Wolke
Über allem Preußenvolke,
Jeder Gute hofft und bangt,
Dass ein Prinzlein angelangt.

Von dem Tage der Vermählung
Und bis jetzt ergibt die Zählung,
Dass der Zeitpunkt eigentlich
Allbereits und schon verstrich.

Pastor Demmel, den man fragte,
War's, der patriotisch sagte:
»Seiner Zeit und immer war
Pünktlich unser Zollernaar.«

Und er fügte bei: »Indessen
Darf man niemals nicht vergessen,
Dass der Herr auch dieses lenkt;
Manchmal anders, wie man's denkt.

Unerforschlich ist sein Walten,
Denn er kann das Kind gestalten
Männlich, weil wir im Gebet
Ihn um dieses angefleht.

Wenn's auch gegenteilig wäre,
Ihm sei Lob und Preis und Ehre!
Immer kommt es, wie es muss.
Hosianna! Amen! Schluss!«

....

Erläuterung: Der neue Hohenzollernprinz ist Wilhelm Prinz von Preußen (geb. 4.7.1906-07-04; gefallen 1940), erster Sohn von Wilhelm Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen


Abb.: Kronprinz Wilhelm mit Familie. -- 1911


Der Vesuv

Der Vesuv, indem er speit, mitnichten
Darf man gegen ihn die Klagen richten,
Insofern ja die Besonderheit
Darin liegt, Dass er mitunter speit.

Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich?
Wenn man schon Vulkan ist, muss man schließlich;
Und man regnet Asche oder speit,
Ob die Menschheit auch betroffen schreit.

Aber dieses scheint gesagt zu werden
Doch am Platze: wenn sich auf der Erden
So was zubegibt, wie der Vesuv,
Trifft der Tadel den, der ihn erschuf.

Und man fragt mit Recht den Himmelsvater,
Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater
So viel Unglück auf die Täler stürzt,
Manchem auch die Lebenszeit verkürzt.

Weiter frägt der sonst im Glauben Schwache:
Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache?
Oder hatte dieser Bibelsatz
Geltung nur für einen frühern Spatz?

Diese — sagen wir — Unstimmigkeiten
Können böse Zweifel uns bereiten.
War es zu verhindern, dächte man,
Warum speit dann der Vesuvvulkan?

Mir natürlich scheint noch viel verdächtig;
Der Vesuv ist lang schon niederträchtig.
Damals schien es eine Götterschar
Bei Pompeji, die so freundlich war.

Damals bat der Mensch in Aschenregen
Jupiter um den besondern Segen.
Heute bittet man Gott Zebaoth
Um die Rettung aus der bittern Not.

Also sieht man, Dass die Glauben wechseln,
An die Götter, die das Unheil drechseln.
Der Vesuv jedoch bleibt auf dem Platz,
Und vom Dache fällt noch mancher Spatz.

Erläuterung: 1906 war einer der inbezug auf die Menge des ausgeworfenen Materials schwersten Vesuvausbrüche historischer Zeit.


Abb.: Vesuvausbruch 1906 [Bildquelle: http://www.educeth.ch/stromboli/perm/vesuv/history-de.html. -- Zugriff am 2004-06-10]


Katholikentag 1906

Die Heerschau ist famos verlaufen,
Von Rednern sah man ganze Haufen,
Jedoch die Mehrzahl waren Stumme
Und viele Dumme, viele Dumme.

Sie haben sich um nichts vermindert,
Bedenkt man alle, die verhindert,
So gibt es eine schöne Summe
Und viele Dumme, viele Dumme.

Oh, wie es sich bei uns verschönte!
Der Widerspruch, der laut ertönte.
Erstirbt im leisesten Gebrumme.
Es gibt nur Dumme, viele Dumme.

Der Papst erteilet seinen Segen.
Er sieht nun auf den rechten Wegen,
Nicht auf geraden, nein auf krummen,
Die vielen Dummen, vielen Dummen.

Es ist ihm keine Angst vonnöten.
Geht auch in Frankreich vieles flöten,
Bei uns ergänzen sich die Summen
An vielen Dummen, vielen Dummen.

Peter Schlemihl

Erläuterung: der 53. Deutsche Katholikentag fand im August 1906 in Essen statt.


1909


Jeanne d' Arc

»Nu is se selig,« sprach Herr Meier,
Als er in seiner Zeitung fand,
Dass man mit einer großen Feier
Johanna an den Himmel band.

»Nu ja! Ich habe nischt dagegen,
Sie soll nun endlich selig sein,
Und dreimal heilig meinetwegen,
Und Wunder wirken mits Jebein!

Wozu das in die Zeitung drucken?
Wir sind doch viel zu uffgeklärt,
Um so was Altes noch zu schlucken,
Das Ding hat lang genug gewährt!«

Sie sollten nicht darüber lachen — —
Es ist ein bisschen mehr daran;
Bloß um 'ne Heilige zu machen,
Strengt sich die Kirche nicht mehr an.

Sie hat hier einen Trick gefunden,
Weil 's ihr schon lang am Herzen liegt,
Wie sie den Besten ihrer Kunden
In ihren Laden wieder kriegt.
 

Erläuterung: Jeanne d' Arc (1412 - 1431); wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, dann aber am 11 April 1909 von Papst Pius X. seliggesprochen.


Abb.: Ohne Kommentar


Breslauer Katholikentag

An dem Oderstromgestade
Ist der Glaube neu erstarkt,
Denn hier war die Herbstparade,
Scilicet, der Ochsenmarkt.

Alle sind sie dagewesen,
Fern von ihrem Heimatsort;
Ungeacht' der Reisespesen
Zog der Geist des Herrn sie fort.

Mit den Platt- und Bürgerfüßen
Ist man stolz vorbeimarschiert,
Um den Bischof zu begrüßen,
Der hiebei ein Wort verliert.

Auch der Papst gab seinen Segen,
Oho - ho, und gern dazu.
Ist euch was daran gelegen,
Wenn ich jetzt das Nämlich tu?

Erläuterung: 1909-08-29 - 1909-09-02 findet in Breslau der Katholikentag statt.


1910


Ostelbischer Adel im Zirkus Busch

Er spricht von Gott, indes sein Magen
Noch etwas säuert von Bordeaux,
Er weiß von Jesus was zu sagen, —
Allein der Heiland roch nicht so.

Er stochert dann aus seinen Zähnen
Die letzten Reste Kaviar
Und spricht mit unterdrückten Tränen
Von seines Vaterlands Gefahr.

Von Leuten, die das Volk betrogen
Um seinen kindlich treuen Sinn, —
Da blitzt es in den Karpfenoogen,
Da zittert manches Doppelkinn.

Um seinen Kaiser tiefe Schmerzen,
Ums Vaterland ein arges Weh,
Sie brennen in des Adels Herzen.
Im Maule brennt die Henry Clay.

Und seht nur die Gesichter blühen
In Rot und Blau und Violett,
Und sehet jedes Antlitz glühen
Von Pathos und von Schweinefett.


1911


Lied des niederbayrischen Kooperators

Mir, mir, mir Niedaboarn,
Hamm a den Eid schö g'schwoarn,
Dös hot si glei gebüahrt,
Dass 'n a jeda schwüart.
Net g'rad mit oana Hand,
Mit all zwoa mitanand,
G'wasch'n san s' aa net g'wen.
Zweg'na wos denn?

Mir, mir, mir Niedaboarn,
Müaß ma'r an Himmi foahrn,
Pfeigräd als geischtli Herrn,
Dös hamm mir alle gern;
Sagt da Papscht, was a wui,
Ins is koan Eid net z'vui,
Mir hamm koan Wiss'nsdurscht,
Ins is all's wurscht.

Mir, mir, mir Niedaboarn,
So san ma'r aufzog'n woarn,
Dass ma koan Angst net g'spüart,
Dass si koa Zweifi rüahrt,
Dass mir scho allesamm
So an schön Glaab'n hamm,
Da gibt's scho gar nix mehr.
Hau a Pris her!

Erläuterung: "Eid" bezieht sich auf den Antimodernisteneid:

"Der so genannte Antimodernisteneid wurde 1910 von Papst Pius X eingeführt. Er musste von Klerikern der Katholischen Kirche abgelegt werden, insbesondere von Bischöfen. Der Antimodernisteneid wendet sich gegen jene Lehren, die als Modernismus bezeichnet werden und bereits 1864 im Syllabus Errorum Papst Pius IX verurteilt wurden. Dabei wird auf die damals bekannten Dokumente 'Pascendi' und 'Lamentabili', beide 1907, verwiesen. Der Antimodernisteneid wurde im Jahr 1967 abgeschafft. "

[Quelle: http://www.xasa.com/wiki/de/wikipedia/a/an/antimodernisteneid.html. -- Zugriff am 2004-06-10]

Text und Hintergrund des Antimodernisteneids:

Pius <Papa, X.> <1835 - 1914>: Iusiurandum contra errores modernismi = Antimodernisteneid (1910-09-01). -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/antimodernisteneid.htm. -- Zugriff am 2004-06-10]


1912


Bethmann—Hertling

Philiosoph und Staatenlenker
Ist ein jeder. Dieser kantisch
Angefüllt und protestantisch;
Wenn man will, ein tiefer Denker.

Weihrauchmuffig angeschwängert
Jener. Von Loyolas Kniffen
Seine Denkart angegriffen
Und sein Horizont verengert.

Zwischen beiden angebandelt
Schwebt die Jesuitenfrage,
Und esw wird schon dieser Tage
Hinum — herum unterhandelt.

Bethmann mit der deutschen Treue
Nimmt die Sache biederherzig.
Hertling macht es hinterwärtsig
Mit erprobter Römerschäue.

Wer wird nun den Sieg erlangen?
Wetten wir, der Kantbefliss'ne
Ist zuletzt der Angeschiss'ne?
Denn so ist es stets gegangen.

Erläuterung:

Georg Graf von Hertling (1843-1919) ist von 1909 - 1912 Vorsitzender der Reichstagsfraktion des Zentrums. Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) ist von 1909 bis 1917 Reichskanzler, preußischer Ministerpräsident und Außenminister.

"Jesuitenfrage": Durch das "Jesuitengesetz" von 1872 waren die Jesuiten aus dem Reich ausgewiesen und ihre Niederlassungen aufgelöst worden..


An die deutschen Arbeiter

Der alte Mann in Rom befiehlt.
Wem? Euch! Was hat er zu befehlen?
Gehören willenlos die Seelen
Dem Papste, dass er mit euch spielt?

So überlegt: Was weiß sie nur.
Die ihn beherrscht, die Pfaffenclique,
Von eurem Wollen, vom Geschicke,
Von eurer Arbeit Wegespur?

Was will der Fremde? Darf er dreist
Sich hier so als Gebieter geben?
Was ist er euch ? Was eurem Leben ?
Was eurem Ziel der Pfaffengeist?

Zürnt ihnen nicht! Nein, lacht sie aus!
Sie glauben, mit geschriebnen Fetzen,
Die treu sich bleiben, zu verhetzen,
Und" drängen plump sich uns ins Haus.

Am Ende — ja — uns dauert schier
Der alte Herr mit den Erlassen,
Die, wie er glaubt, die Welt umfassen.
Und sind doch wirklich nur— Papier.

Peter Schlemihl

Erläuterung: Bezieht sich auf das päpstliche Rundschreiben Singulari Quadam (1912-09-24) von Papst Pius X. an Kardinal Georg Kopp und die übrigen Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands.

"Die ... Enzyklika »Singulari quadam« (24. 9. 1912) begann zwar mit der Warnung vor einem von den Gewerkschaften gar nicht angestrebten »unbestimmten Interkonfessionalismus« und mit der erneuten, im konkreten Zusammenhang ebenfalls unnötigen Erinnerung an den unter den deutschen Katholiken unbestrittenen Grundsatz, dass soziale Probleme nicht ohne Religion und Sittengesetz gelöst werden könnten. Den kirchlichen Arbeitervereinen spendete der Papst uneingeschränktes Lob, an ihrem Monopol in katholischen Ländern hielt er fest. Sodann konzedierte er aber, dass in anderen Ländern Katholiken mit Nichtkatholiken zur Hebung des Arbeiterstandes vorsichtig (»cautione adhibita«) zusammenarbeiten dürften und dass in der besonderen Lage Deutschlands die interkonfessionellen Gewerkschaften geduldet werden könnten. Die Mitgliedschaft katholischer Arbeiter machte er von deren gleichzeitiger Zugehörigkeit zu den katholischen Arbeitervereinen und davon abhängig, dass die Gewerkschaften nichts gegen die Lehre der Kirche unternähmen. Die erste dieser Bedingungen belastete die Arbeiter unnötig, die zweite verkannte die Ziele der Gewerkschaften. Immerhin konnten diese nunmehr ihre Tätigkeit fortsetzen, es fiel ihnen nicht schwer, die Bedingungen von »Singulari quadam« einzuhalten und dadurch weiteren Konflikten mit Rom vorzubeugen. "

[Quelle: Handbuch der Kirchengeschichte / hrsg. von Hubert Jedin. -- Freiburg im Breisgau [u.a.] : Herder. -- Bd. 6., Die Kirche in der Gegenwart. -- Halbbd. 2., Die Kirche zwischen Anpassung und Widerstand : (1878 - 1914) / von Roger Aubert [u.a.]. -- 1973. -- ISBN 3-451-14022-5. -- S. 526]


1913


Jesuitendebatte

Der Fuchs stand vor dem Hühnerstalle
Und merkte in der Winternacht,
Die Einschlupflöcher waren alle
Just seinetwegen zugemacht.

Da fing er jämmerlich zu klagen
Und bitterlich zu weinen an:
Warum wollt ihr nur mich verjagen,
Der euch doch nie ein Leids getan?

Ihr guten Hühner, hört die Bitte!
Ihr seid so viele, ich allein, —
Der kleinste Platz in eurer Mitte
Genügt, und ich will glücklich sein!

Das Federvieh hat lang beraten
Und manches wohlerfahrne Huhn
Vermeinte, was sie früher taten,
Das würden Füchse immer tun.

Doch gab es viele ganz Gerechte,
Die waren aus Prinzip dafür,
Daß keinem aus dem Tiergeschlechte
Verschlossen bleibe ihre Tür.

Kaum war die weise Tat geschehen,
War von dem ganzen Hühnerhof
Nichts mehr als das Prinzip zu sehen
Und Krallen und ein Federschwof.

Erläuterung: Durch das "Jesuitengesetz" von 1872 waren die Jesuiten aus dem Reich ausgewiesen und ihre Niederlassungen aufgelöst worden. Das Zentrum fordert die Aufhebung dieses Gesetzes, 1917 wird das Jesuitengesetz auf massives Drängen der Zentrumsfraktion gestrichen.


Hochwürden

Unser Pfarra is scho plagt,
Und er schind't si, wia ma sagt.
Hockt er net im Landtag drin
Und im Reichstag in Berlin?
Nix wia streit'n, nix wia raffa,
Nix wia in d' Versammlung laffa,
Nix als wia in d' Zeitung schreib'n,
Nix als wia grad' Galle speib'n.
Und dahoam? Da geht 's erst recht!
Der an Ruah? Da kennst 'n schlecht.
Muaß er net in sechs Verein
Oder mehra Fürstand sein?
Burschen-, Männer-, Jungfernbund,
Chrischtli Bauern, G'sellen und
Beim Verein für gute Wahl'n,
Preßverein und überall'n?
Und er schnüffelt allssamm aus.
Und er woaß von jed'n Haus,
Ob ma eppa gar a schlechte,
Ob ma eppa g'wiß de rechte
Zeitung lest. Er agatiert,
Dass ma schwarzi abanniert.
Und na is aa dös da Fall:
Is da Lehra liberal,
Muaß er 'n hoamli übaschreib'n
Und scho wieda Galle speib'n.
Bei de Kass'n als Kassier
Fangt er seine Bauern für,
Und es kriagt de brave Chrischt
Bloß a Geld und künschtling Mischt,
Und er spiganiert und lust,
Handelt und vokafft und schmust
Fuattamittl, Dung und Straah, —
Meß les'n?
Meß les'n tuat er aa.


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