Einführung in

Entwicklungsländerstudien

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Wir sind miteinander verknüpft

8. Grundgegebenheiten: Tierische Produktion

2. Ziegen und Schafe: 1. Ziegen


zusammengestellt von Alois Payer

herausgegeben von Margarete Payer

mailto: payer@hdm-stuttgart.de


Zitierweise / cite as:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil I: Grundgegebenheiten. -- Kapitel 8: Tierische Produktion. -- 2. Ziegen und Schafe. -- 1. Ziegen / zusammengestellt von Alois Payer. -- Fassung vom 2001-02-08. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw0821.htm. -- [Stichwort].

Erstmals publiziert: 2000-02-21

Überarbeitungen: 2001-02-08 [Update]; 2000-02-29 [Kleine Ergänzung]

Anlass: Lehrveranstaltung "Einführung in Entwicklungsländerstudien", HBI Stuttgart, 1998/99

Unterrichtsmaterialien (gemäß § 46 (1) UrhG)

©opyright: Dieser Text steht der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Verwertung in Publikationen, die über übliche Zitate hinausgeht, bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Herausgeberin.

Dieser Text ist Bestandteil der Abteilung Entwicklungsländer von Tüpfli's Global Village Library.


Skript, das von den Teilnehmern am Wahlpflichtfach "Entwicklungsländerstudien" an der HBI Stuttgart erarbeitet wird.


0. Übersicht



Statt eines Motto:

Audio: Ziegengemecker

"Meckern ist unter Menschen verpönt, und wer es trotzdem tut, ist eine «blöde Ziege». Womit bewiesen ist, wie wenig wir von Geißen verstehen. Dabei ist die «Kuh des armen Mannes» auf dem besten Weg, wieder salonfähig zu werden.

Gerade wir Schweizer dürfen stolz sein: Unser Land gilt als Wiege der Ziege. Bei uns sind die wichtigsten Kulturrassen der Welt beheimatet, und es gibt wohl kaum ein Land auf der Erde, in dem Ziegenzucht betrieben wird, das nicht schon Zuchttiere aus der Schweiz importiert hat. In den letzten 75 Jahren wurden über 50000 Zuchtziegen in Staaten aller Kontinente exportiert."

[Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 173]


1. Allgemeines


Stammform der Hausziegen ist die Bezoarziege (Capra aegagrus). Sie ist auf der Südseite des Kaukasus, im Taurus, in vielen Gebieten Kleinasiens und Persiens sowie auf einigen Inseln des Ägäischen Meers beheimatet. Die Bezoarziege wurde raubbaumäßig gejagt und ist deshalb vom Aussterben bedroht. Heute gibt es in Griechenland und Kreta einen Nationalpark, um die Bezoarziege zu schützen. Ihren Namen hat die Bezoarziege von den sogenannten Bezoarsteinen, runden Kugeln aus Haaren, Harzen und Steinchen im Magen der Tiere. Diese Bezoarsteine galten und gelten als Wundermittel gegen vielerlei Krankheiten.

Die ersten Nachweise domestizierter Ziegen und Schafe stammen von etwa 8800 v. Chr., weitere Funde stammen von ca. 7000 v. Chr. Die ältesten Funde domestizierter Ziegen in Europa wurden im Viesenhäuser Hof bei Stuttgart gemacht.

"Die Bezoarziege wurde, wie Charles Reed an vorgeschichtlichen Funden nachweisen konnte, bereits im siebenten Jahrtausend vor Christus, also noch vor dem Rind, zum Haustier gemacht. Seitdem dient die Hausziege (Capra aegagrus hircus) dem Menschen als Lieferer von Fleisch und von besonders feinem Leder (Glace, Nappa, Saffian, Velour, Chevreau), vor allem aber als Milchlieferant. Auf die Milchleistung ist letztlich jede Ziegenhaltung ausgerichtet. In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts spielte besonders in Mitteleuropa die »Kuh des kleinen Mannes« eine große Rolle; man erzielte Spitzenleistungen von jährlich zweitausend Kilo Milch. Ziegenmilch hat etwa denselben Wasser- und Eiweißgehalt wie die Kuhmilch, dagegen mehr Fett (4,3 v. H. gegenüber 3,9 v. H.) und weniger Milchzucker (4,3 v. H. gegenüber 4,9 v. H.). Plötzlich tauchte jedoch das Schreckgespenst der »Ziegenmilchanämie« auf, einer Blutarmut, die durch einseitigen Genuss von Ziegenmilch entstehen sollte. Doch zweifellos standen hier ganz andere Ursachen im Vordergrund oder wirkten zumindest mit -- wie etwa die damals sehr vitaminarme Ernährung der ärmeren Bevölkerungsschichten. Ganz bestimmt schadet Ziegenmilch nicht, wenn nur sonst die Ernährung vielseitig genug ist.

Wie bei den Wildziegen hat das Gesäuge nur zwei Zitzen, die Geiß gebiert nur ein oder zwei, ganz selten auch einmal drei Kitze -- meist im April oder Mai. Schon im Herbst des gleichen Jahres können die Jungtiere belegt werden und bringen dann im Alter von einem Jahr ihre ersten Jungen.

Ziegen lieben Sauberkeit und schmackhaftes Futter, das den Pansen füllt, aber nicht sehr gehaltvoll sein muss. Sie sind sehr wählerisch und prüfen die Nahrung nach Geruch und Geschmack. Laub essen sie besonders gern. Füttert man sie mit Abfällen aus Haus und Hof, so geben sie nur wenig Milch. Wie ihre wilden Vorfahren halten sich Hausziegen am liebsten an steilen Berghängen auf. Sie schätzen sehr die Freiheit und gewöhnen sich nur schwer an die Stallhaltung. Ungern sind sie allein, sie bevorzugen den Umgang mit artgleichen oder artfremden Stallgenossen. Der kundige Ziegenhalter verwendet viel Sorgfalt auf die Hautpflege, um Ungeziefer fernzuhalten und der Milch den unangenehmen »Ziegengeruch« zu nehmen. Auch die Klauenpflege ist wichtig, weil sich die sehr festen Klauen dieser Klettertiere im Stall kaum abnützen. Das kann bei schlechter Pflege zu erheblichen und oft sehr schmerzhaften Beinschäden führen.

Wie bei fast allen Haustieren findet man auch bei der Hausziege eine große Formen- und Farbenmannigfaltigkeit. Böcke und Geißen können Hörner tragen oder hornlos sein. Beide Geschlechter haben am Hals zwei Hautanhänge, die sogenannten Glöckchen, die Böcke tragen außerdem einen Kinnbart.

Der Mittelpunkt der Ziegenhaltung in früheren Jahrhunderten liegt in den Gebirgsgegenden der Schweiz. -- 1796 zählte man allein im Kanton Glarus 7676 Ziegen; heute gibt es längst nicht mehr so viele. 

In Mitteleuropa und vor allem in Deutschland gibt es nur wenige Ziegenrassen. Am bekanntesten sind 

zwei hornlose Rassen mit guter Milchleistung. Ihre Haltung ist jedoch heute sehr zurückgegangen.

In Vorder- und Südasien findet man unter anderen Rassen 

In Afrika sind vor allem 

weit verbreitet und werden von den Afrikanern als Milch- und Fleischlieferanten gehalten. Man treibt dort die Ziegenherden oft über weite Strecken mit meist recht karger Weide. Hier werden nicht selten einzelne Ziegen dem Leoparden zur Beute."

[Kraft, Helmut. -- In: Grzimeks Tierleben : Enzyklopädie des Tierreichs. -- Bd. 13: Säugetiere 4. -- Zürich : Kindler, ©1968. -- S. 490f.]

Abb.: Ziegenherde, Mali, 1983 (Quelle: FAO)


2. Eignung der Ziegen für Entwicklungsländer


Abb.: Ziegenherde überquert Shyok-Fluss, Nähe indisch-pakistanische Grenze, 1983  (©Corbis)

Ziegen sind weit verbreitet (siehe unten). Dies führen Späth und Thume auf eine Reihe von Vorteilen von Ziegen zurück:

[Späth, Hans ; Thume, Otto: Ziegen halten. -- 4., völlig neu gestaltete Aufl. -- Stuttgart : Ulmer, ©1997. -- ISBN 3800173638. -- S. 23f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Ziegen können sich heißen Klimabedingungen gut anpassen:


3. Zum Verhalten von Ziegen


Johannes Lutz (geb. 1959) schildert sehr anschaulich den Charakter von Ziegen aus der Sicht eines Geißhirten:

"Der Umgang mit Ziegen ist voller Überraschungen, vielfältig, zwiespältig, mit extremen Hochs und Tiefs. Zum einen brachten mich die Geißen mit ihrer Gewitztheit, Dickfelligkeit und Eigenwilligkeit bis auf die letzte Palme. Zum anderen forderten sie alle Liebe heraus, die ich einem Mitgeschöpf zu geben vermochte. Im Alltag bin ich einer jener Ärgerfresser, welche die aufkommende Wut wie Briefmarken sammeln, anstatt sie in kurzen, heftigen Ausbrüchen loszuwerden. Mit der Ziegenherde ging das nicht mehr. Ich tobte, schrie, schäumte, dass ich durchs ganze Tal zu hören war. Minuten später war ich wieder vollkommen aufgeräumt, mit mir und der Welt im reinen.

Es ist kein Wunder, dass das Wort Kapriolen von capra (=Ziege) stammt. Man muss auf alles gefasst sein, vor allem, wenn das wachsame Auge des Hirten sich in ein Buch vertieft. Oftmals gaben die scheinbar ruhig weidenden Ziegen Gas, sobald meine Aufmerksamkeit beim Hüten nachließ und meckerten fröhlich, wenn ich sie keuchend einholte. Ihre Tricks abzuhauen musste ich mit Respekt anerkennen. So wie ich sie allmählich kennenlernte und ein Gespür für einen nahenden Schabernack entwickelte, so lernten sie die diversen Grade meiner Achtsamkeit abzuschätzen und nutzten sie für selbständige Weiderouten aus.

Einmal rettete ich eine junge Geiß, die sich in einer Felswand verstiegen hatte und mich kläglich anmeckerte, als wäre ich persönlich für ihre Unbesonnenheit verantwortlich. Unter mir der Abgrund, hievte ich die Ziege auf die Schultern. Mit dem einen Arm umklammerte ich ihre Beine, mit der anderen Hand suchte ich nach Griffen im Fels. Die Geiß verhielt sich vollkommen ruhig, andernfalls hätte ich uns auch nicht in Sicherheit bringen können. Als ich mir später die Stelle nochmals anschaute, erschrak ich über meinen Mut, ohne Seil in die Wand gestiegen zu sein. Die Ziege vergaß diese Rettungsaktion nicht, kam von da an oft zu mir und lehnte den Kopf an meinen Oberschenkel.

Beim Fressen zeigen die Ziegen einen unbeständigen Charakter. Sie lieben die Abwechslung, zupfen die besten Kräuter aus der Weide, schälen bei den Grünerlen die Rinde ab, knabbern auch an Disteln und Alpenkreuzkraut, kappen bunte Blüten und verschmähen nicht mal den Alpenampfer."

[Lutz, Johannes <1959 ->: Als Hirt auf der Geißalp : zwischen Euphorie und Verzweiflung. -- In: Handbuch Alp : Handfestes für Alpleute, Erstaunliches für Zaungäste / Giorgio Hösli ... -- Chur : Octopus, ©1989. -- ISBN 3279005337. -- S. 84]


3.1. Ulrich Bräker  (1735 - 1798) über seine Erfahrungen mit Geißen


Ulrich Bräker wurde 1735 in Näbis im Toggenburg (St.Gallen, Schweiz) als erstes von elf Kindern eines Kleinbauern und Salpetersieders geboren. Berühmt wurde er durch sein autobiographisches Werk:

Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer [!] des Armen Mannes im Tockenburg, 1789 in der Zeitschrift Schweizer Museum erschienen

Im Folgenden schildert er seine Erfahrungen als Geißbub:

"Der Geißbube

»Jaja!« sagte jetzt eines Tags mein Vater, »der Bub wächst, wenn er nur nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappe; auch gar kein Hirn. Sobald er an die Arbeit muss, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von nun an muss er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen.« - »Ach!« sagte meine Mutter, »so kommst du um Geißen und Bub! Nein! Er ist noch zu jung.« - »Was jung?« sagte der Vater, »ich will es drauf wagen, er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren; sie sind oft witziger als die Buben. Ich weiß sonst doch nichts mit ihm anzufangen.«

Mutter: »Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen. Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den wilden einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt sind und es so grässliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich dort aufhalten und was für schreckliches Wetter einfallen kann. Denk' doch, eine ganze Stund' weit! Und bei Donner und Hagel, oder wenn sonst die Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du musst's verantworten.«

Ich: »Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorg' haben und kann ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen kreuchen und, wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was gilt's, schon paschgen.«

Vater: »Hörst' jetzt! Eine Woche musst' mir erst mit dem Geißbub gehen. Dann gib wohl Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt und wo sie die beste Weid' finden.«

»Jaja!« sagt' ich, sprang hoch auf und dacht': Im Kohlwald, da bist du frei, da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit zur andern jagen. Ich ging also etliche Tag' mit unserm Beckle hin, so hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber doch ehrlicher Bursche. Denkt doch! Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte, auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, dass er ganz unschuldig war, und er kam zu meiner großen Freud' noch denselben Abend wieder heim.

Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den Beckle als Knecht behalten, aber die Arbeit war ihm zu streng, und er nahm im Frieden seinen Abschied.

Anfangs wollten mir die Geißen, deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild, und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu zeigen, aber sie zeigten ihn mir; ich musste also die glatten Wort' und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, dass ich oft nicht mehr wusste, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und Gesträuch liefen und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen verwünschen, brüllen und lamentieren musste, bis ich sie wieder beieinander hatte.

Wohin und wie lang

Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer, zuletzt über hundert Köpf', mir immer lieber und ich ihnen. Im Herbst und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig, lauter Wald, oder dann Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid' zu finden war. Von unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stund' Wegs zu fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre Viehweid', dann durch einen großen Wald, immer weiter, in die Kreuz und Quere, bald durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren jede ich mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden, dort zwischen den Felsen, hier in der Weißlauwe, dort im Köllermelch, auf der Blatten, im Kessel. Alle Tage hütete ich an einem andern Ort, bald sonnen-, bald schattenhalb. Zu Mittag aß ich mein Brötlin und was mir sonst etwa die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.

Vergnügen im Hirtenstand

Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Einhörnchen jagen und Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wenn es heiß war, noch mehr. Ich aß mein Mittagbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten das Laub ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck! rief, dann ging's gar im Galopp und wurd' ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen, kostete auch ich, und einige schmeckten mir sehr gut. Solang' der Sommer währte, florierten die Erd-, Him-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt' ich immer vollauf und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst daran bis zum Ekel überfraß. ... Ebensoviel Freuden brachten mir meist auch meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle Tage rief ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob ich's voll habe. Ich hatte sie gewöhnt, dass sie auf mein Zub, Zub! Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich sonderbar und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuss weit von mir, und wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von meinem Duglöörle (so hieß ich meine Mittagsgeiß) konnt' ich mich nur mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder legte, stellte es sich über mich hin und war gleich parat zum Saugen oder Melken; und doch musst' ich's in der besten Sommerszeit oft noch ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich manche liebe Stund' zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen brannte. 

Welch Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle  mit runden Bäuchen und vollen eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. Wie stolz war ich dann, wenn mich der Vater lobte, dass ich so gut gehütet habe! Nun ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.

Verdruss und Ungemach

Nicht dass lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potztausend, nein! Da gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen und bloß und barfuss ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reifen hatte oder ein dicker Nebel über die Berge herabhing. Wenn dann dieser gar so hoch ging, dass ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' ich denselben in Ägypten hinein und eilte, was ich eilen konnte, aus dieser Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. .. Dann [am Abend] fror ich fast noch mehr als am frühen Morgen und empfand Schmerzen an den Füßen, obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut an einem Zehen oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken, und doch ging's meist bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, anfangs großen Verdruss, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte, und nur hinfuhr, wo ich gern sein mochte, und die Geißen dann nicht das rechte Bauchmaß heimbrachten oder er sonst ein loses Stücklein von mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu leiden. Wer will aber einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten, dass sie nicht etwa einem Nachbarn in die Wiesen oder Weid' gucken? Wer mit so viel lüsternen Tieren zwischen Korn und Haberbrachen, Räb- und Kabisäckern durchfahren, dass keins kein Maulvoll versuchte? Da ging's dann an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein Bein vom Leib wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen, und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann musste mein Vater hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab'; Schläge. Etliche unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch auch die Buckel salben. Aber man vergisst's, und das ist gut. Und dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: Wer will ein Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen. -- So gibt es also freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten ersetzt, wo's dann gewiss keinem König so wohl ist."

[Onlineausgabe des "Armen Mann": http://gutenberg.aol.de/braeker/tocken/tocken.htm. -- Zugriff am 2001-02-08

Von den vielen Druckausgaben sei die Reclamausgabe gennannt: Wenn Sie HIER klicken, können Sie diese Ausgabe bei amazon.de bestellen]


4. Fressverhalten von Ziegen


"Ziegen sind Futterselektierer. Auch bei reichlichem Angebot fressen sie das Futter nicht büschelweise, sondern wählen einzelne Partikel aus. Weniger geschätzte Futterteile bleiben liegen oder fallen zu Boden und werden zertreten. Die Ziege gilt deshalb als Futtervergeuder. Höhere Pflanzenteile erreicht die Ziege, indem sie sich auf die Hinterbeine aufrichtet. Gelegentlich klettert sie gar zur Futteraufnahme in die Wipfel niedriger Bäume oder scharrt Wurzeln und Knollen aus dem Boden. Dornen sind beim Fressen kein Hindernis.

Abb.: Ziegen fressen an Akazien-Strauch, Sudan, 1987 (Quelle: FAO)

Pflanzenteile werden mit den beweglichen Lippen erfasst, zwischen Kauplatte und Schneidezähne geschoben und mit schnellen Vor- und Aufwärtsbewegungen des Kopfes abgerissen; anschließend wird der Bissen mit ein paar Kauschlägen grob verkleinert und abgeschluckt. Ziegen nehmen weiche Stängel und Halme oft schräg ins Maul; sie können so leichter hineingezogen werden. Harte Stängel und Äste werden meist quer ins Maul genommen und mit den Backenzähnen abgebissen."

[Sambraus, Hans Hinrich: Nutztierkunde : Biologie, Verhalten, Leistung und Tierschutz. -- Stuttgart : Ulmer, ©1991. -- (UTB ; 1622). -- S. 251f. --  ISBN 3825216225. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

"Ziegen zeigen gegenüber anderen Tierarten ein besonderes Fressverhalten:

[Späth, Hans ; Thume, Otto: Ziegen halten. -- 4., völlig neu gestaltete Aufl. -- Stuttgart : Ulmer, ©1997. -- ISBN 3800173638. -- S. 22. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Ziegenfutter

Abb.: Fütterung von Ziegen und Geflügel, Ägypten, 1992 (Quelle: FAO)

Abb.: Ziegen werden mit zerkleinerten Zuckerrohrblättern gefüttert, Trinidad und Tobago, 1992 (Quelle: FAO)

Abb.: Kleinbauer füttert seine Ziegen, Uganda, 1996 (Quelle: FAO)

Abb.: Frau füttert abgeschnittene Zweige an Ziegen und Yaks, Pakistan, 1991  (©Corbis)

"Das Nahrungsspektrum der Ziege ist breit, sie gilt als vegetarischer Omnivor oder »Generalist«. Ziegen fressen 

Trotz dieser breiten Palette hat die Ziege Präferenzen, die allerdings nur bei Wahlmöglichkeit deutlich werden. Die Neigung Laub zu fressen ist so groß, dass Ziegen auf einer frischen Weide auch unter Schwierigkeiten an Laub zu kommen versuchen. Bei gleichzeitigem Angebot von Gras, Kräutern und Laub fressen sie jedoch nie eine dieser Komponenten allein, sondern nehmen von allem etwas. Jede der drei Vegetationsformen -- Gras, Kräuter und Laub -- kann zu irgendeiner Jahreszeit die Hauptnahrung bilden. Im Frühjahr bevorzugen Ziegen frisches Gras, im Herbst saftige Kräuter. Dagegen macht Laub mehr als die Hälfte der Nahrung aus, sobald Gras und Kräuter nicht mehr jung sind. Wenn keine Wahlmöglichkeit besteht, kann Gras durchaus ein geschätztes Futter sein und Hauptnahrung werden. Die Ernährungsstrategie der Ziege scheint darin zu bestehen, dass Gras bevorzugt wird, wenn Eiweißgehalt und Verdaulichkeit hoch sind.

In stark beweidetem Gelände sind Ziegen fähig, Futter zu selektieren, das in seinem Nährwert dem von weniger beweideten Flächen entspricht. Sie nehmen in solchen Situationen, im Gegensatz zum Schaf, das Futter mit höherem Rohfaseranteil nicht auf, sondern wählen vorwiegend das mit hohem Proteingehalt.

Großes Interesse zeigen Ziegen an Baumrinde. Jüngere Bäume werden oft rundum geschält, so dass sie absterben. Auf diese Weise können Ziegen erheblichen Schaden anrichten. Das Interesse an Baumrinde scheint jedoch nur bei knappem Nahrungsangebot oder bei Mangel an verholzten Pflanzenteilen akzeptierbare Grenzen zu überschreiten. Bei Stallhaltung ist es sinnvoll, Ziegen Rinde zum Beknabbern anzubieten, um sie von den hölzernen Teilen der Stalleinrichtung abzuhalten. 

Zuweilen benagen Ziegen Knochen verendeter Tiere oder sie  fressen Papier. In der Flexibilität bei der Nahrungsaufnahme liegt der besondere Wert der Ziegenhaltung. Diese Fähigkeit kann am besten dort genutzt werden, wo es große Unterschiede in der Verdaulichkeit  der erreichbaren Futterpflanzen gibt. Eine solche Situation kommt vor allem in den trockenen Gebieten der Tropen vor, so dass nicht von ungefähr hier der Schwerpunkt der Ziegenhaltung liegt 

Ziegen haben eine Vorliebe für Bitteres. Sie fressen auch gern Pflanzen mit hohem Tanningehalt, die von anderen Tieren verschmäht werden. Giftige Pflanzen meiden sie."

[Sambraus, Hans Hinrich: Nutztierkunde : Biologie, Verhalten, Leistung und Tierschutz. -- Stuttgart : Ulmer, ©1991. -- (UTB ; 1622). -- S. 254f. --  ISBN 3825216225. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Ziegen können dank Mikroorganismen in ihrem Pansen schwerverdauliche Rohfasern wie Cellulose besser ausnützen als andere Wiederkäuer (Rinder, Schafe). Obwohl Ziegen in der Nahrung anspruchslos sind, bringen sie bei nährstoffarmem Futter nur eine geringe Leistung. Hohe Leistungen erfordern hochwertiges Futter.


5. Krankheiten und Gesundheitsprobleme von Ziegen


Ein großes Problem der Ziegenhaltung in Entwicklungsländern sind bestimmte Krankheiten und Parasiten. Dagegen sind Ziegen gegen Trypanosomenübertragung durch Tse-tse-Fliegen ziemlich resistent: Ziegen können also in trypanosomenverseuchten Gebieten, in denen Rinderhaltung nicht möglich ist, gehalten werden.

Gesundheitsfürsorge für Ziegen

Abb.: Ziegen-Erste-Hilfe-Kurs für Hirten, Togo, 1997 (Quelle: FAO)

Abb.: Tierarzt inspiziert Ziege, Afghanistan, 1994 (Quelle: FAO)


6. Weltbestand und Verbreitung von Ziegen 


Ziegen gibt es in fast allen Ländern der Erde. Der Großteil wird in Entwicklungsländern gehalten.

Schwerpunkte der Ziegenhaltung in Entwicklungsländern sind:

Einzeln werden nur Länder mit über 10 Mio. Ziegen aufgeführt

Bestand an Ziegen, 1999
Welt insgesamt 709 Mio.
Asien insgesamt 442 Mio.
  China 142 Mio.
  Indien 123 Mio.
  Pakistan 49 Mio.
  Bangladesh 34 Mio.
  Iran 27 Mio.
  Indonesien 15 Mio.
  Mongolei 10 Mio.
 Afrika insgesamt 206 Mio.
  Sudan 37 Mio.
  Nigeria 24 Mio.
  Äthiopien 17 Mio.
  Somalia 12 Mio.
  Tansania 10 Mio.
 Lateinamerika und Karibik insgesamt 38 Mio.
  Brasilien 13 Mio.
 Europäische Union insgesamt 12 Mio.
  Deutschland (zum Vergleich) 0,11 Mio.
 Ehemaliger Ostblock (Transition Markets) insgesamt

8 Mio.

Nordamerika (USA + Kanada) insgesamt

1 Mio.

Ozeanien mit Australien insgesamt

0,7 Mio.

[Quelle: FAOSTAT. -- URL: http://apps.fao.org/lim500/nph-wrap.pl?Production.Livestock.Stocks&Domain=SUA&servlet=1. -- Zugriff am 14.1.2000]

Ziegen sind sehr anpassungsfähig an heiße und trockene tropische Klimabedingungen.

K. J. Peters und  P. Horst nannten 1981 folgende standortbezogenen Produktionsrichtungen der Ziegen:

Ökologische Zone Produktionssystem Produktionsrichtung Region
Arid Horizontale Transhumanz Milch Nordafrika
Fleisch Naher Osten
Haare Indien
Standortgebundene Haltung Fleisch, (Milch, Fasern) Mittelamerika
Ranching Fasern (Fleisch) USA, Südafrika, Türkei
Semiarid Halbstandortgebundene Weidewirtschaft Fleisch Ostafrika
Agro-Weidewirtschaft Fleisch West- und Südafrika
Subhumid Mixed farming Fleisch Afrika, Mittelamerika, Südasien
Humid Mixed farming (Niederungen) Fleisch Südostasien
Ganzjährig nutzbare Hochlandvegetation Fleisch Südostasien, Westafrika
Hochland Vertikale Transhumanz Fasern, Fleisch, Milch Nordindien, Türkei
Standortgebundene Haltung Fasern, Fleisch Lesotho
Mixed farming Fleisch Äthiopien

[Vorlage der Tabelle: Nutztiere der Tropen und Subtropen / Hrsg. Siegfried Legel. -- Leipzig : Hirzel.. -- Bd. 2: Büffel, Kamele, Schafe, Ziegen, Wildtiere. --  ©1990. -- ISBN 3740101768. --  S. 406]


7. Ziegenrassen und Ziegenzucht



Abb.: Auktion von Ziegenzuchtböcken, Togo 1997 (Bildquelle: FAO)

"Im Gegensatz zu anderen Haustieren setzte bei der Ziege die Rassebildung offensichtlich erst relativ spät ein. Die Haltung von Einzeltieren bzw. nur kleinen Beständen hatte in der Vergangenheit weltweit zur Entstehung einer großen Anzahl lokaler Schläge ohne feste Abgrenzung geführt. Erst am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. begann man mit der planmäßigen Rassenzucht in der Ziegenhaltung. Die rezenten Ziegenrassen lassen sich entsprechend der Hauptnutzungsrichtung in drei Gruppen einteilen:

[Benecke, Norbert <1954 - >: Der Mensch und seine Haustiere : die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. -- Stiuttgart : Theiss, ©1994. -- ISBN 3806211051. -- S. 246]

Abbildungen von Ziegenrassen siehe:

Entwicklungsländerstudien / hrsg. von Margarete Payer. -- Teil I: Grundgegebenheiten. -- Kapitel 8: Tierische Produktion. -- 2. Ziegen und Schafe / zusammengestellt von Alois Payer. -- Anhang A: Bilderbogen einiger Ziegenrassen der Entwicklungsländer. -- URL: http://www.payer.de/entwicklung/entw082a.htm

Eine reich illustrierte Übersicht über die Ziegenrassen auf der ganzen Welt gibt:

Porter, Valerie: Goats of the world. -- Ipswich : Farming Press, ©1996. -- 179 S. : Ill. -- ISBN 0852363478. -- [Umfassende Übersicht über alle Ziegenrassen der Welt]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Die Grundzüge von Ziegenzucht beschreibt (für die Schweiz) anschaulich Heini Hofmann:

"Züchten heißt selektionieren. Eine erfolgversprechende Tierzucht kann nicht dem Zufall überlassen werden. Züchten heißt soviel wie planmäßiges Verändern des Erbgutes mit dem Ziel, Gutes zu erhalten und Bestehendes zu verbessern. Das erstrebte Zuchtziel bei unseren Hochleistungsrassen heißt jedoch nicht Maximalleistungen von 1000 kg und mehr Milch, sondern Erhöhung der Durchschnittsleistungen durch strenge Selektionsmaßnahmen und Optimierung der Fütterung.

Den heutigen Standard unserer Ziegenrassen erreichte man durch Reinzucht. Gezielte Rassenkreuzungen sind nicht üblich. Was vorkommt, sind «wilde» Kreuzungen bei freilaufenden Ziegenherden im Berggebiet. Was man vor allem anvisiert, sind robuste, gegen Krankheiten und Klimaeinflüsse widerstandsfähige Tiere. Dank den unterschiedlichen Umweltfaktoren, denen unsere sieben Landesrassen regionalklimatisch und haltungsmäßig ausgesetzt sind, haben wir für alle Abnehmer helvetischer Ziegen die geeigneten Zuchtmodelle.

Dennoch müssen beispielsweise die Wahl der in einem ausländischen Partnerprojekt einzusetzenden Rasse und das hiezu geeignete Zuchtprogramm sorgfältig überlegt werden. Hochleistungsrassen sind nämlich dem Akklimatisationsstress oft nicht gewachsen. Beispiel dafür ist das Fiasko, das Israel nach dem Import von rund 100 Appenzellerziegen erlebte: kaum eines der Tiere überlebte.

Hier meckert keiner für mehr Datenschutz. Züchten bedeutet also Selektion nach bestimmten Kriterien und Paarung geeignet erscheinender Individuen, wobei jeder Zuchtpartner ein Produkt (Phänotyp) aus gegebenen Erbanlagen (Genotyp) und steuerbarer Umweltbeeinflussung darstellt. Um Fehlentscheidungen in diesem Selektionsverfahren möglichst zu vermeiden, ist es notwendig, die Leistungen der Einzeltiere zu erfassen und zu registrieren.

Dazu dienen die Leistungsprüfungen und die Aufzeichnungen im Herdebuch. Unterschieden werden Eigenleistungsprüfungen (Exterieur, Milchleistung) und Nachkommensprüfungen (Zuchtfamilienbeurteilung). Informationszentrale und Dienstleistungsbetrieb für die Zuchtarbeit ist die Herdebuchstelle (in der Zentralstelle für Kleinviehzucht in Bern), auf deren Daten sich auch die Förderungsmassnahmen von Bund und Kantonen abstützen.

Aufgabe der Herdebuchzucht ist es, der weiten Landeszucht geeignete Zuchttiere zur Verfügung zu stellen. Dazu müssen genaueste Angaben über die einzelnen Individuen vorliegen. Das Herdebuchwesen macht daher im Interesse einer zielbewussten Zuchtstrategie umfassende Erhebungen und lückenlose Aufzeichnungen bezüglich Identität, Leistungen und äußerlich wahrnehmbarer Eigenschaften der zur Zucht verwendeten Tiere. Dasselbe geschieht mit den Vorfahren, Geschwistern und Nachkommen. Was, wenn Nutztiere plötzlich auf die Idee kämen, sich die Frage des Datenschutzes durch den Kopf gehen zu lassen?..."

[Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 182f.]


8. Nutzung von Ziegen


"Mehr als «Schmalspurkühe der Kleinbauern». Während wir die Ziege immer noch gerne als «Schmalspurkuh des Kleinbauern» verspotten, kommt ihr in Entwicklungsländern für die menschliche Ernährung eine entscheidende Bedeutung zu, da mit ihr unter gewissen Umweltbedingungen billiger Milch produziert werden kann als mit Rind, Schaf oder Büffel.
Die Ziege wäre auch imstande, weltweit und vor allem bei den Ärmsten der Armen einen viel größeren Beitrag zur Versorgung der Menschen mit hochwertigem Eiweiß zu leisten, als dies heute der Fall ist. Dazu brauchte es aber verbesserte Produktionstechnik, und diese wieder setzt Forschung voraus, an der jene Länder, welche Mittel und Voraussetzungen dazu besäßen, nicht interessiert sind mangels wirtschaftlichen Anreizes und in Unkenntnis dessen, was Hunger heißt...

In der dritten Welt ist die Ziege auch wichtiger Fleischlieferant, ja vielerorts wird mehr Ziegen- als Rindfleisch produziert. Auch fallen hier jährlich über 160 Millionen Ziegenfelle an, weiches, vielseitig verwendbares Leder. Nicht zu vergessen die Ziegenwollen Mohair und Kaschmir. Und last, but not least: In einigen abgelegenen Winkeln dieser Erde werden Ziegen sogar noch als Zug- und Tragtiere (zum Basten) verwendet.

Ziegen sind auch uns noch nützlich. Aber selbst in den industrialisierten Ländern hat die Ziege, trotz geringer wirtschaftlicher Bedeutung in Relation zum landwirtschaftlichen Rohertrag, immer noch drei wesentliche Aufgaben beibehalten:

  1. zum ersten Spezialitätenproduktion (Ziegenkäse und -butter, Ostergitzi), 
  2. zum andern Landschaftspflege (Rodung verstrauchter Alpen) und 
  3. zum dritten Bereitstellung von Zuchtmaterial (um diesen unsympathischen Fachausdruck wieder zu verwenden) für Drittweltländer zwecks Leistungsverbesserung der dortigen Primitivrassen.

Diese Trümpfe unserer Ziegenhaltung bleiben nicht ohne Nebenwirkung: In der Hügel- und Gebirgszone, das heißt in Regionen mit beschränkten Mechanisierungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft, trägt die Ziegenhaltung zur Existenzsicherung und damit zur Abschwächung der Entvölkerung bei. Sie stellt hier eine mögliche Alternative zur Rindviehhaltung dar, und zwar sowohl in Voll- wie in Nebenerwerbsbetrieben. Die Konzentration der schweizerischen Ziegenhaltung in gewissen Alpen- und Voralpengebieten dokumentiert diese These. Umgekehrt hat -- das schleckt keine Geiß weg -- die nicht organisierte Ziegenzucht mit dem Zweck der Selbstversorgung der Familie mit Milchprodukten) bei uns keine Bedeutung mehr.
Unter Ausnützung der Marktbedürfnisse jedoch kann eine moderne Ziegenhaltung auch heute ein konkurrenzfähiger Produktionszweig sein, auch wenn die Gesamtmilchmenge unserer Ziegen nicht einmal ein Prozent der Schweizer Kuhmilch ausmacht."

[Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 178f.]


8.1. Ziegenmilch und Ziegenmilchprodukte


"ARMUT HÄLT ZIEGEN
Ziegen wurden vor allem von armen Leuten, Einsiedlern, Witwen und anderen mittellosen Menschen gehalten, für die Ziegenmilch ein Grundnahrungsmittel darstellte. Der schon bei den alten Römern gängige Glaube an die guten Eigenschaften der Ziegenmilch war noch immer lebendig. Ammen, die gegen Lohn adlige Säuglinge an ihrer Brust großzogen, mussten ihre eigenen Kinder mit Ziegenmilch ernähren. »Für einen Hungerlohn«, schrieb Montaigne Ende des 16. Jahrhunderts, »reißen 
wir zarte Säuglinge aus den Armen ihrer Mütter und zwingen diese, für unsere Kinder zu sorgen [.. .]. Und wenn ihre Milch für ihre eigenen Kinder nicht ausreicht, [bleiben ihnen nur] Ziegen als Ausweg.« "

[Alles Käse : die besten Sorten der Welt / Text: Bernard Nantet ... -- Köln : Dumont, ©1998. -- (Monte von DuMont). -- ISBN 3770146093. -- Originaltitel: Cheeses of the world (1993). -- S.39. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

Ziegenmilch ist das Hauptprodukt der Ziegenhaltung in

Während Milchrassen in gemäßigten Breiten Milchleistungen von im Durchschnitt 750 kg pro Tier und Jahr (Maxima über1500 kg) erbringen, bringen die einheimischen Landrassen der Entwicklungsländer etwa 100 bis 200 kg Milch pro Jahr und Tier!

Abb.: Bezogen auf das Lebendgewicht erzeugen Ziegen 50% mehr Milch als Kühe

[Quelle der Abb.: Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 186]

Das Ziegeneuter besteht aus zwei völlig getrennten Hälften. Bei sehr gutem Nahrungsangebot kann bei einzelnen Ziegenlämmern auch schon ohne Trächtigkeit sich ein Euter bilden: solche Lämmer können gemolken werden. Im Normalfall sind Ziegen -- wie alle Säugetiere -- nur nach einer erfolgreichen Geburt melkbar.

Ziegenmilch nimmt sehr schnell Fremdgerüche an; deshalb ist Hygiene besonders wichtig.

Ziegen können von Hand oder mit einer Melkmaschine (spezielle Ziegenmelkmaschine oder Kuhmelkmaschine) gemolken werden.

"Melkt man eine Kuh von der Seite, hat man immer zwei Zitzen in gleicher Distanz nebeneinander. Da die Ziege insgesamt nur über zwei Striche verfügt, wird sie deshalb meist (auch beim Maschinenmelken) von hinten angegangen, damit man die Arme nicht ungleich auszustrecken braucht. Gemolken wird grundsätzlich nach zwei verschiedenen Methoden. Beim Fausten wird die Zitze mit Daumen und Zeigefinger abgeschnürt, und die übrigen Finger schließen sich nacheinander zur Faust. Beim Knödeln wird der Daumen ganz in die Hand eingebogen. Die Zitze wird durch den Druck des Zeigefingers auf den Daumenrücken abgeschnürt und die Milch durch Schließen der übrigen Finger ausgepresst.

Abb.: Melktechniken (Quelle der Abb.: H. Hofmann, a.a.O.)

Das tönt alles sehr einfach, aber oho! Es gibt Kühe und Ziegen, die pflegen den Melker unsanft und postwendend zu belehren, wenn er die Spielregeln der Busenmassage nicht respektiert."

[Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 180]


Abb.: Hunza-Frau melkt Ziege, Pakistan, 1991  (©Corbis)

Das Handmelken von Ziegen ist Schwerarbeit: "Einhundertundachtzig Geißen zu dritt mit der Hand melken, das bedeutet eine gewaltige Belastung für Handgelenke und Finger, vor allem für einen Ungeübten. Einige Bäuerinnen und Bauern halfen uns über die ersten vier Wochen hinweg.

Zu Beginn des Alpsommers schaffte ich kaum zwanzig Tiere pro Melkzeit. Die Hände schmerzten und die Finger waren taub von der einseitigen Bewegung. Sennerin Anne hatte Pech und erlitt eine Sehnenscheidenentzündung. Später reifte sie dann zu unserer Starmelkerin heran. Für die geplagten Handgelenke bewährte sich das tägliche Einreiben mit Wacholdergeist.

Anfangs melkten wir sechs Stunden pro Tag, das bedeutete, morgens um vier Uhr aus den Betten zu kriechen. Da es im Stall kaum Licht gab, fingen wir im Dunkeln mit Melken an. Mit zunehmender Perfektion der Melktechnik und abnehmendem Milchfluss der Ziegen konnten wir allmählich länger schlafen. Ich weiß noch genau, wie ich am ersten Melktag nur mit Mühe einen faden Strahl Milch aus den Zitzen drückte, während es sich bei der Alpmeisterin anhörte, als hätte sie soeben den Wasserhahn voll aufgedreht.

Als wir des Handmelkens mächtig wurden, empfanden wir diese Arbeit meist als recht angenehm. Wie sehr liebte ich das Aufprallen des Milchstrahls auf dem Eimerboden, das Aufschäumen der Milch unter dem zischenden Strahl. Das gleichmäßige Handwerk verströmte eine Ruhe, forderte zum Sinnieren auf. Unterbrochen wurden die Träumereien von Geißen, die den Melkeimer zum Umsturz brachten, oder wenn einer von uns den anderen einen gezielten Milchstrahl ins Gesicht spritzte."

[Lutz, Johannes <1959 ->: Als Hirt auf der Geißalp : zwischen Euphorie und Verzweiflung. -- In: Handbuch Alp : Handfestes für Alpleute, Erstaunliches für Zaungäste / Giorgio Hösli ... -- Chur : Octopus, ©1989. -- ISBN 3279005337. -- S. 84f.]

Ziegenmilch kann auf folgende Arten pasteurisiert werden:

Bei pasteurisierter Ziegenmilch wirkt Lab langsamer, Milchsäurekulturen aber besser als bei unpasteurisierter Milch. Deshalb ist für Sauermilcherzeugnisse Pasteurisierung empfehlenswert, während für Ziegenkäse die Milch unter keinen Umständen über 65°C erwärmt werden sollte.

Ziegenmilch ist nicht nur für Menschen sehr bekömmlich, sondern auch für andere Tiere (Kälbchen, Ferkel, Schaflämmer ...).

Ziegenmilchprodukte sind u.a.:

Abb.: Herstellung von Ziegenkäse, Pakistan, 1991  (©Corbis)

 


8.2. Ziegenfleisch und Ziegenfleischprodukte


Abb.: Schlachtkörper eines Ziegenlammes
(Quelle der Fotografie: http://www.caprine.co.nz/capretto_cuts.htm. -- Zugriff am 2000-02-01; am 2001-02-08 toter Link)

Bei Ziegenfleisch kann man folgende Fleischarten unterscheiden:

Ziegenfleisch kann man weiterverarbeiten zu:

Abb.: Trocknung von Ziegenfleisch, Sahel, Mauretanien, 1994 (Quelle: FAO)


8.3. Ziegenwolle


Ausgesprochene Wollziegenrassen sind:


8.3.1. Kaschmirwolle (Cashmere)


Kaschmirziegen sind flaumhaarig, sie gedeihen am besten in Höhen zwischen 3000 und 5000 m. Ihre Hauptverbreitungsgebiete sind:

aschmirziegen wurden auf sehr langfasriges und feines Unterhaar gezüchtet. Diese feinen Fasern bleiben beim Haarwechsel im Oberhaar haften und können ausgekämmt werden. Pro Ziege und Jahr erhält man ca. 200 Gramm Kaschmirwolle. Kaschmirwolle ist nicht sehr abriebfest. Das Oberhaar der Kaschmirziegen wird geschoren und für die Herstellung von Teppichen, Stricken, netzen u.ä. benutzt. Der Ertrag an Oberhaar beträgt 500 bis 1500 Gramm pro Tier und Jahr.

Abb.: Kaschmirschals, 1970er Jahre, Kaschmir, Indien

"Kaschmirschals, die große Mode des 19. Jahrhunderts. Das Weben von Kaschmirschals gehört zur feinsten Form der Textilkunst. Wie schon der Name: indische, persische, türkische Schals sagt, kommen sie aus dem nahen Orient. Sie sind schon seit Ende des 18.Jahrhunderts in Europa bekannt. Die Engländerinnen begeisterten sich zuerst für diese farbenprächtigen, weichfallenden Gewebe, die jede Bewegung des Körpers unterstreichen ohne ihn zu behindern. Schon in der Empirezeit wetteiferten die modisch eingestellten Damen im Tragen von Kaschmirschals.

Sie waren freilich Luxus-Modeartikel, denn nicht nur der Import verteuerte sie, auch ihre Herstellung kostete viel, mussten doch zwei Weber, nebeneinander im Bobinettwebstuhl sitzend, 1½  Jahre arbeiten, bis ein solches Werk seiner Vollendung entgegenging. Als Wolle diente das Unterhaar von Bergziegen aus dem Gebirgsland Kaschmir, im nördlichen Teil Indiens, die auf sehr komplizierte Art gewonnen, gefärbt und versponnen werden musste. Bei bester Qualität sollte ein Schal so fein sein, dass er durch einen Fingerring hindurchgezogen werden konnte.

Abb.: Kaschmirschal-Sticker, Kaschmir, 19. Jhdt. (©Corbis)

Die Einträge mussten von Hand gemacht werden, indem die kleinen Farbfelder eingewirkt, schließlich sogar eingestickt wurden. Die zarten farbigen Wollfäden laufen von unzähligen (tausend und mehr Spülchen) in einen Schaftwebstuhl, der für feinstes Fadenmaterial eingerichtet ist. Auch das Umsetzen der Muster in den Webebrief (Patronen) war ein außerordentlich kompliziertes Verfahren, das man nur in die Hand von erfahrenen Spezialisten legen durfte.

Kaschmirschals konnten sich nur Leute von höchstem Rang leisten. Lady Hamilton (1765-1815), die Geliebte Lord Nelsons, soll zwanzig dieser kostbaren Gewebe besessen haben, mit denen sie auf echt weibliche Art kokettierte und regelrecht Vorführungen inszenierte, Weihrauchbehälter, Tamburin und Urne als begleitende Requisiten.

Auch im Biedermeier und im „Zweiten Rokoko", ja sogar noch in der Gründerzeit gehörte der Kaschmirschal zur modischen Kleidung der Dame von Welt. Während andere Modeerscheinungen schnell wieder verschwanden, haben diese exotisch anmutenden Gebilde ein ganzes Jahrhundert überdauert.

Technik und Ornamente entstammten dem Orient, auch wenn die Schals in Europa allmählich durch eigene Produktion ersetzt wurden, weil man die Ausgaben scheute, die mit dem Einführen der orientalischen Ware verbunden waren. Bereits im Biedermeier wurden in Österreich die sog. Wiener Schals gewebt.

Große Berühmtheit erlangten die englischen Kaschmirtücher aus der Stadt Paisley. Sie worden so bekannt, dass man das orientalische „Buta-Muster", die Palmette, „Paisley" nannte. Auch Frankreich besaß sein Zentrum für das Weben von Kaschmirschals.

Allerdings war nun die Wolle nicht mehr den Vorbildern entsprechend. Ein Versuch, Kaschmirziegen in Europa anzusiedeln, misslang: Von zwei Schiffen, die mit Ziegen und Böcken unterwegs nach Europa waren, versank das mit den weiblichen Tieren beladene. Ein weiterer Versuch wurde nicht mehr unternommen. Statt dessen behalf man sich mit Shettlandwolle feinster Kammgarnqualität und benützte als Kette dünne Seidenfäden, um damit den Glanz echter Kaschmirwolle zu erzeugen, wodurch die europäischen Tücher wesentlich haltbarer als ihre indischen Vorläufer wurden."

[Textilmuseum Mindelheim : Sandtner-Stiftung / Autoren: Hilda Sandtner ... -- Braunschweig : Westermann, ©1990. -- (museum ; August 1990). -- ISSN 0341-8634. -- S. 56 - 59]


8.3.2. Mohair


Angoraziegen liefern Mohair: 

Abb.: Angoraziege  (©Corbis)

"Mohair fiber is taken from the angora goat. Although South Africa produces the largest quantity of mohair (about 13.5 million pounds per year), the United States is responsible for 45 percent of world production. Of the 12 million pounds of mohair produced in the United States, 90 percent comes from animals raised in Southwest Texas. Only 2 percent of the fiber is used by the American textile industry; 98 percent is exported. Turkey, where the angora goat originates, also produces some mohair fiber.

Goats are sheared in the same way as sheep. Fleece is removed twice a year. Each animal yields from 3 to 5 pounds a year of 4- to 6-inch [10 - 15 cm]  fiber. To obtain a supply of slightly longer fiber, some goats are sheared only once a year, in which case the fibers are 9 to 12 [22 - 30 cm] inches in length.

The natural color of unscoured fleece is yellow to grayish white. Cleaning removes 15 to 25 percent of the weight. The clean fibers are white in color, silky, and fine in feel and appearance. Fibers are graded, with kids' or young goats' fleeces especially valued for their fineness. The cross section of the fiber is round, with the medulla being only rarely visible. Small air ducts are present between the cells of the fiber, which give it a light, fluffy feeling. The microscopic appearance of mohair is similar to that of wool.

Most of the physical and chernical properties of mohair are very similar to those of wool. The major differences between wool and mohair are tlie very high luster of mohair and its slippery, smooth surface. Mohair is especially resistant to abrasion. When viewed under the microscope, moltair shows fewer scales than does wool. As a result, the fiber sheds dust and soil and neither shrinks nor felts as readily as wool. Mohair is easier to launder, as well."

[Tortora, Phyllis G. ; Collier, Billie J.: Understanding textiles. -- 5. ed. -- Upper Saddle River, NJ [u.a.] : Meriill, ©1997. -- ISBN 0134392256. -- S.107f.]


8.3.3. Cashgora


"New Zealand cashgora is a relatively new speciality fiber from the cashgora goat. This animal was bred in New Zealand by crossing wild female cashmere goats and angora goats. The raw fleece consists of a small percentage of longer, stiffer hairs called guard hairs and a fine down. The guard hair is removed before spinning.

Cashgora fiber diameters range up to 22 microns. Luster is low to medium. Cashgora has a soft hand, dies well, and is strong. Spun into 100 percent casgora yarn or blended, cashgora is used for knitting yarns, knitwear, blankets, and yard goods."

[Tortora, Phyllis G. ; Collier, Billie J.: Understanding textiles. -- 5. ed. -- Upper Saddle River, NJ [u.a.] : Meriill, ©1997. -- ISBN 0134392256. -- S.111f.]


8.4. Ziegenfelle und Ziegenhäute


Ziegenhaut ist bedeutend fester und fettärmer als Schafhaut. Ziegenleder ist darum von hoher Qualität. Man verwendet es zur Herstellung feiner Lederwaren (Handschuhe, Bekleidung, Schuhe, Brieftaschen).

In Nigeria und Indien züchtet man spezielle Ziegenrassen zur Lederherstellung.

Als ganze gegerbte Ziegenhäute verwendet man als:

Abb.: An einem Brunnen beladen Fulbe-Frauen ihre Esel mit den frisch gefüllten Wasserschläuchen aus Ziegenbälgen, Niger

[Quelle der Abb.: Völger, Gisela: Markt in der Sahel : Sonderausstellung. -- Offenbach a. M. : Deutsches Ledermuseum, ©1979. -- S. 53]

Abb.: Blasebalg: zwei Ziegenschläuche mit Steindüse, Agades, Niger (Lindenmuseum, Stuttgart)

[Quelle der Abb.: Creyaufmüller, Wolfgang: Völker der Sahara : Mauren und Twareg. -- Stuttgart : Linden-Museum, ©1979. -- S. 45]

Ziegenleder erfüllte neben Rindsleder bei vielen Völkern Afrikas bis zur Einführung billigerer Baumwollgewebe dieselbe Funktion wie Textilien bei uns:

Abb.: Reisetasche, vermutlich Ziegenleder, Tuareg, Agades, Niger (Lindenmuseum, Stuttgart)

[Quelle der Abb.: Creyaufmüller, Wolfgang: Völker der Sahara : Mauren und Twareg. -- Stuttgart : Linden-Museum, ©1979. -- S. 95]

"Leder ist in großen Teilen Afrikas eines der wichtigsten Materialien für Kleidung und Geräte. Während in den Waldgebieten pflanzliche Stoffe (Holz, Baumrinde, Pflanzenfasern) den Vorrang haben, verwenden die in den Trockensteppen lebenden Großviehzüchter und Jägergruppen vornehmlich Leder als Werkstoff. Aber auch die Feldbauern der verschiedensten Kulturstufen in den an die Steppen und den Sahel angrenzenden Savannen verwenden Leder zur Herstellung der unterschiedlichsten Bedarfsgüter."

"Bei den Hirtenstämmen ist in der Hauptsache die Frau die Lederarbeiterin. Sie fertigt die Schlaffelle, die Kleidungsstücke und Hausgeräte an, während die Männer nur die Waffen, wie Schild und Köcher, herstellen. Die Galla Südäthiopiens stehen in der Ausstellung [des Deutschen Ledermuseums Offenbach] stellvertretend für eine typische Viehzüchterkultur. Ihr materielles Kulturinventar ist geprägt durch Leder und Holz. Töpfereiprodukte werden nur in ganz geringem Umfang benutzt, da es ein rituelles Verbot gibt, Milch in Ton zu füllen. Statt dessen besitzen sie zahllose Milch- und Buttergefäße aus Leder oder Holz.

Leder ist der „geehrteste" Stoff, aus dem die profane Kleidung (Frauenkleidung, Sandalen, Mützen und Hüte, früher auch Umhänge) und die sakrale Kleidung sowie verschiedene Gefäße, Decken und viele andere Gebrauchsgegenstände hergestellt werden. Leder ist auch das universelle Binde- und Nähmaterial. Lederriemen verfertigen die Galla wie die Amhara, indem sie die aufgespannten Häute von außen in Spiralform zerschneiden, so dass eine Haut einen viele Meter langen Riemen ergibt.

Das wichtigste Gefäß, der Melktopf, besteht nach Möglichkeit aus Giraffenleder, das dauerhafter als Rindsleder ist und sich besser als das sehr harte Büffelleder biegen lässt.

Der Universalbehälter für alle Gerätschaften, wie Kleinigkeiten, Vorräte und als Verpackungsmaterial bei Umzügen, ist der Ledersack, meist aus einem einfachen Ziegenbalg, bei reichen Leuten auch aus zusammengenähtem Rindsleder bestehend. .. Bis vor kurzem war Leder bei den Galla das einzige Material für die Bekleidung. Noch heute sind bei den südlichen Galla Frauenröcke aus Leder, obwohl auch dort die Stoffkleidung langsam Eingang findet. Die Lederumhänge, die zum Ende des 19. Jahrhunderts noch üblich waren, sind völlig verschwunden und überall durch Baumwolle ersetzt. Ziegenleder ist bei den Borana-Galla das beliebteste Material, um die Frauenkleidung herzustellen.

Das wichtigste Stück ist der lange Rock, der bei den Borana die Brüste bedeckt. Beim Tragen schwerer Lasten schützt noch ein lederner Hinterschurz das Kleid. Die Kleidung der Männer besteht, mit Ausnahme der Sandalen und des Gürtels, aus Baumwollstoff. Früher trugen die Männer vermutlich lederne Umhänge, vielleicht auch Schurze."

[Deutsches Ledermuseum, Deutsches Schuhmuseum Offenbach / Autoren: Günter Gall .... -- Braunschweig : Westermann, ©1990. -- (museum ; September 1981). -- ISSN 0341-8634. -- S. 72 - 76]

Abb.: Tuareg-Zelt aus Ziegenleder

[Quelle der Abb.: Creyaufmüller, Wolfgang: Völker der Sahara : Mauren und Twareg. -- Stuttgart : Linden-Museum, ©1979. -- S. 89]

Einige Tuaregstämme (Sahara) stellen ihre Zelte aus Ziegen- oder Schafleder her.

 

Abb.: Südindische Schattenspielfigur, Ziegenleder

[Quelle der Abb.: Simmen, René (Text) ; Bezzola, Leonardo (Fotos): Die Welt im Puppenspiel. -- Zürich : Silva, ©1972. -- S. 73]

Die Figuren für Schattentheater in Südindien werden häufig aus Ziegenhaut hergestellt, da diese billiger ist als die früher übliche Hirschhaut.


8.5. Ziegenhörner


Ziegenhörner finden u.a. als Abwehrzauber Verwendung (s. unten)


8.6. Ziegendung


Ziegendung ist ein wertvoller Dünger. Nomaden Nordafrikas verkaufen Ziegendung.


8.7. Ziegen als Zug- und Tragtiere


Abb.: Ziegengespann, Australien, Beginn  20. Jhdt,

[Quelle der Abb.: Frontier country : Australia's outback heritage. -- Vol. 2. -- Sydney : Russell, ©1989. -- ISBN 1875202021. -- S. 28f.]


8.8. Nutzung von Ziegen in Religion und Aberglauben


In Religion und Aberglauben werden Ziegen vielfältig genutzt, z.B.


Abb.: Falle für böse Geister, u.a. Ziegenbockschädel, Mustang, Nepal  (©Corbis)

Ziegen als Opfertiere


Abb.: Ziegenopfer, Dali, Darjeeling, Indien (©Corbis)


Abb.: Ziegenopfer, Katmandu, Nepal, 1969  (©Corbis)

Besonders berühmt ist das tägliche Ziegenopfer für die Göttin Kali/Durga am Kalighat-Tempel in Kalkutta, Indien: 

Abb.: Göttin Kali von Kalighat, Kalkutta

"Kali is Shiva`s wife in her most horrific form. ... She symbolizes the absolute power of the Divine Feminine (Shakti) for action and change. ... But to her millions of devotess Kali is also the divine Mother, the nurturer, the provider. To them, she is beautiful and beloved, enriching and fulfilling the lives of those who follow her path.

One of her [= goddess Kali/Durga] most important temples is Kalighat, an the banks of the Ganges River in the heart of Calcutta (in fact, the city's name is an English corruption of the temple's name). The nineteenth-century buildings are white-plastered brick unadorned with sculptural decoration. Outside the compound's gates are hundreds of stalls selling prints and sculptures of the Goddess, along with the paraphernalia for household worship. Inside, the complex is always thronged with devotees, thousands lining up for darshan with Kalis swyambhu Image (a natural blackened rock worshipped there since before the city was built). Each morning before the doors to her womb chamber are opened to her adoring public, the stone is washed with sacred substances. Then red eyes and a projecting golden tongue are affixed to her surface before she is crowned, dressed in red silk, and garlanded with flowers. Most of her devotees bring her offerings of flowers and fruit; but an important occasions, when her direct and powerful action is required to effect particular changes (for example, to heal an advanced case of cancer or to solve a vicious family dispute), Kali is offered the blond of freshly sacrificed goats. Robust, long-haired black rams are considered the most auspicious sacrifice, and worshippers bring them to Kalighat from all over the state. First the goat is worshipped, its Spirit honored by putting vermilion and flowers an its head. Outside the temple, but within the compound, is a walled area containing a forked wooden stake. By burning incense and chanting mantras, a priest ritually purifies the stake and the surrounding area. The goat's neck is then placed in the forked stake while a non-Brahmana temple officiate prays over a large sword. In one movement he lifts the sword and quickly severs the head, catching it in a silver basin. At this moment all the assembled women ululate in high-pitched voices as the men shout, "Jai Kali! Jai Kali!" ("Kali Lives! Kali Lives!"). The head is then carried into the inner sanctum to be proffered to the image of the Goddess. Then it is brought out to be cooked with the rest of the goat and eaten as prashad by Kali 's participating devotees."

[Huyler, Stephen P. <1951 - >: Meeting god : elements of Hindu devotion. -- New Haven [u.a.] : Yale University Press, ©1999. -- ISBN 0300079834. -- S. 148f. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]

In Benin müssen dem Seuchengott Sakpata Ziegen geopfert werden:

"Jeder Voodoosi kennt die alte Legende: Eines Tages verspottete Legba, der Götterbote, den Gott Sakpata, weil dieser ein lahmes Bein hatte. Sakpata machte dies traurig und sehr wütend. Er nahm einen riesigen Besen und wirbelte mit ihm eine gewaltige Wolke Staub auf, in der sich Seuchen- und Krankheitserreger aller Art befanden. Ein Sturm kam auf und trug die Pestilenz in alle Welt.

Für die Menschen, die am Golf von Benin lebten, waren die Pocken bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine Geißel, die zu manchen Zeiten mehr Todesopfer forderte als die grausamen Kriege der Danxome-Könige. Ein wirksamer Impfstoff war nicht bekannt, die Kräuterheiler in den Dörfern wußten nicht, wie sie die Epidemien eindämmen sollten. So entstand der Sakpata-Kult: Der Überlieferung nach befragten weise Männer das Fa-Orakel, was gegen die Seuche zu tun sei. Die Antwort: Sie sollten strikte Gebote und Verbote erlassen, damit eine weitere Ausbreitung der Pocken verhindert werde.
Um den Schutzmaßnahmen die nötige Durchschlagskraft zu geben, wurde verkündet, die Seuche sei gottgesandt: Sakpata strafe die Menschen für ihre Sünden. In eigenen Tempeln wurden Statuen der pockenübersäten Gottheit aufgestellt, vor denen einmal im Jahr Opferzeremonien abgehalten wurden. Wer gut ist zu Sakpata, so das Kalkül, dem hilft die Gottheit. Sie schützt die Gesundheit und sorgt obendrein für soziale Gerechtigkeit.

Das jahrhundertealte Ritual wird bis heute ausgeübt. Wenn die Ernte eingefahren ist, versammeln sich die Menschen in den Dörfern, um an den Schreinen der Ahnen und vor dem Fetisch des Gottes Sakpata Opfergaben darzubringen. Heute bedrohen nicht mehr die Pocken das Leben der Menschen in Benin, sondern zunehmend das Aids-Virus. In der Zeremonie rufen die Voodoosi den Gott Sakpata an, sie vor dieser neue Seuche zu bewahren. Tänzer, die in Trance gefallen sind, übermitteln den Zuschauern Botschaften der Gottheit. Sie warnen die Menschen vor der Ansteckungsgefahr des Virus und fordern die Männer gelegentlich sogar ausdrücklich auf, beim Geschlechtsverkehr ein Kondom zu benutzen.

Das Ritual beginnt mit einem Spiel: Voodoo tötet eine Ziege. Ein als Jäger verkleideter Voodoosi hat ein Tier für das Sakpata-Opfer aufgespürt -- was früher ein Wild war, ist heute ein Zicklein. Im Tempel wird es über einem Fetisch geopfert und dann auf den Zeremonienplatz gelegt. Frauen knien sich in einem Kreis um das tote Tier und singen, damit der Geist des toten Tiers versöhnt wird. Denn nur in diesem Fall kann das Opfer den gewünschten Erfolg haben: [der Ort] Gonghué soll auch in Zukunft von üblen Krankheiten verschont bleiben."

[Christoph, Henning <1944 - > ; Oberländer, Hans <1956 - >: Voodoo : geheime Macht in Afrika. -- Köln : Taschen, ©1995. -- S.176 + 181]


8.9. Nutzung von Ziegen in der Volksmedizin


Einen Eindruck gibt folgender Überblick über die Nutzung von Ziegen in der Volksmedizin des traditionellen deutschsprachigen Raumes:

"Weit wichtiger ist die Ziege für die Volksmedizin geworden. Besonders im 16. und 17. Jh. spielt sie bzw. ihre verschiedenen Organe eine wichtige Rolle im Arzneischatz des Volkes. Auch heute ist der Glaube an ihre Heilkraft in einzelnen Gegenden noch lebendig, so besonders in Tirol. Fleisch, Fell, Kopf, alle Eingeweide, ja die Exkremente und alles, was mit ihr zusammenhängt, gelten zum Teil noch als Heilmittel für die verschiedensten Krankheiten. Zum großen Teil war die antike Medizin von Einfluss, sicher in Gegenden, die seit alter Zeit in enger Beziehung zum römischen Reich standen, und viele Mittel sind aus gelehrten Werken ins Volk gedrungen. Teilweise ist es aber altes heimisches Gut, das der alten Zauber- und späteren Opferpraxis entstammt, Abwehrmaßregeln, die bei anderen indogermanischen Völkern, besonders den Griechen, in ebenfalls reichern Maße zu finden sind ...

[Herold: Ziege. -- In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens / hrsg. von Hanns Bächtold-Stäubli .... -- Bd.  9. -- Berlin : de Gruyter [u.a.], 1941. -- Sp. 902 - 910]


9. Formen der Ziegenhaltung


"Früher wussten die Ziegen noch, woran sie waren; da galten noch die alten Ziegenkasten: 

Blieben die letzteren als Milchlieferanten der Besitzer im Tal, zogen die Alpenziegen im Sommer auf die Berge, jedoch, im Gegensatz zu den Hirteziegen, ohne tägliche Rückkehr. Diese gewaltigen Marschleistungen -- morgens mit dem Hirtbub auf die Hochalp und abends zurück -- vollbrachten, natürlich bei entsprechend niedrigerer Milchleistung, nur die Dorfgeißen oder Hirteziegen, die heute am Aussterben sind.

Denn auch bei uns entstehen immer mehr eigentliche Ziegenbetriebe mit großen Beständen, die den Bedürfnissen der Verarbeitungsindustrie gerecht werden können. Dass für Ziegenkäse eine große Nachfrage besteht, belegen die steigenden Importe. Manch einer setzt heute auf Ziegen -- statt auf Rindviehhaltung (wo ohnehin zuviel Milch produziert wird) -- und muss deshalb kein «armer Mann» bleiben."

[Hofmann, Heini: Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof. -- Aarau : AT, ©1984. -- ISBN 3855021678. -- S. 178]

Daneben gibt es noch Wanderhaltung von Ziegen gemeinsam mit Schafen, wobei die Ziegen die Führung übernehmen.


9.1. Share rearing


Damit Ziegen wirklich "die Kuh des kleinen Mannes" sein können, muss gewährleistet sein, dass die Armen -- auch in Notzeiten -- Besitzer oder Mitbesitzer einer Ziege sind. Ein verbreitetes System ist Share rearing

Für Bangladesh beschreibt Tony Beck (1989) dieses System so:

"The most common arrangement is that a household will raise a female goat, duck or chicken given to them by another, usually richer, household. After the animal has given birth twice, the first.born and the mother are returned to the owner, and the rearer keeps the second born. In the case of a male animal, the proceeds after sale are divided equally between owner and rearer."

"Beck complains that the vital importance of share-rearing in sustaining poor households during crisis has been overlooked by researchers, even though the system has been in operation in Bengal since the 1930s. The upshot is that policy-makers have yet to learn to recognize sharing strategies and to appreciate the benefits to both owner and rearer."

Welch katastrophale Folgen der ersatzlose Wegfall von share-rearing haben kann, zeigte sich in den 1980er Jahren bei den Zaghawa der Darfur-Region (Sudan):

"Early on in the 1980s, the wealthier nomadic pastoralists in the region disengaged, slowly but decisively, from long-standing alignments and survival structures. Essentially, wealthy herd owners lost interest in building up political clientage through share-rearing on the 'customary' scale, after becoming more interested in livestock commerce. The result was that a share-rearing system involving livestock  -- a safetynet very similar to the ones found in Botswana and West Bengal disappeared. As 'many herd owners broke away from [their] networks of supporters and affiliates, severing long-term relationships and altering social duties and expectations' (El Sammani 1990), the Zaghawa suffered a knock-on effect. It was indeed an these same 'supporters and affiliates' that Zaghawa potters and blacksmiths relied when they so successfully traded their wares to ensure survival. After losing the generosity of their patrons, these groups began to compete for scarce resources amidst unprecedented inter-tribal hostility, and forgot about their own clients. Many became destitute."

[Pottier, Johan: Anthropology of food : the social dynamics of food security. -- Cambridge, UK : Polity, ©1999. -- ISBN 0745615341. -- S. 158.161 (dort Nachweise). --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]


10. Ziegen und Ökologie


"Von allen landwirtschaftlichen Nutztieren zeigt die Ziege als Weidetier das größte „Schadverhalten". Dieses Verhalten hat sich in Anpassung an schlechte Ernährungsbedingungen herausgebildet, da den Ziegen oft nur die von anderen Nutztieren verschmähten Futterpflanzen zur Verfügung stehen. In einigen arabischen Ländern gibt es ein Verbot, mit Ziegen bestimmte Gebiete zu bestimmten Zeiten per Huf zu durchqueren. So werden in Syrien Ziegen auf ihren Wanderungen beim Durchqueren von Ackerbaugebieten per Lastkraftwagen befördert. In Tunesien wurde 1958 in mehreren Verwaltungsregionen ein Verbot zur Ziegenhaltung ausgesprochen, das den Ziegenbestand von etwa 1,5 Mill. Ziegen auf etwa 400000 Tiere reduzierte. Nach Aufhebung des Verbotes im Jahre 1970 stieg der Bestand wieder an. In vielen nordafrikanischen Ländern werden Ziegen wegen des verursachten Schadens als „Schwarze Heuschrecken" bezeichnet. Zusammenfassend können folgende durch Ziegen verursachte Schäden genannt werden:

  1. Beeinträchtigung des Höhenwachstums von Nutzbäumen durch Verbiss der Haupttriebe,
  2. Sämlinge von Nutzbäumen entwickeln sich durch intensives Beweiden nur zu Krüppelformen,
  3. Zerstörung von Keimpflanzen durch Tritt und Verbiss, 
  4. Herabziehen und Abbrechen von Ästen,
  5. Beeinträchtigung des Transpirationsschutzes von Sträuchern im Sommer durch starken Verbiss,
  6. Erschöpfen der Samenvorräte guter Futterpflanzen durch dauerndes Abfressen der jungen Keimpflanzen,
  7. Verdrängung mehrjähriger Horstgräser zugunsten von einjährigen und stoloniferen Gräsern,
  8. Schädigung durch Abschälen der Rinde von Bäumen und Sträuchern sowie durch Beweiden der Wurzelschößlinge."

[Siegfried Legel. -- In: Nutztiere der Tropen und Subtropen / Hrsg. Siegfried Legel. -- Leipzig : Hirzel.. -- Bd. 2: Büffel, Kamele, Schafe, Ziegen, Wildtiere. --  ©1990. -- ISBN 3740101768. --  S. 447f.]

Die Eigenart der Ziegen, Pflanzen zu Verbeißen, wird manchmal genutzt, um die Verbuschung von Weiden zu verhindern oder rückgängig zu machen.

Johannes Müller beschreibt die Einflüsse der Ziegenhaltung in vielen Teilen Chinas auf die Umwelt:

"In der Ackerbaulandschaft des Inneren China fehlen die für die Rinderzucht nötigen großen Weideflächen, die weitgehend nur in den dünn von Minderheiten besiedelten Randgebieten des Landes existieren. Aber auch die in Europa verbreitete ganzjährige Stallfütterung scheitert daran, dass in dem dichtbesiedelten Land nicht genügend Flächen für Futterbau vorhanden sind, weil man sich auf den Ackerbau mit seiner höheren Produktivität (kcal pro Flächeneinheit) beschränken muss. Für die Produktion der vor allem im Winter wichtigen tierischen Fette und Eiweiße spielt deswegen wie seit Jahrhunderten die Haltung von Kleinvieh eine zentrale Rolle. Es ist interessant, diese Situation mit Mitteleuropa zu vergleichen, wo noch im letzten Jahrhundert ähnliche Verhältnisse vorherrschten, die vielfach bis in die erste Hälfte des 20. Jh. andauerten.

Aus der Sicht der Auswirkungen auf das Agrar-Ökosystem muss das Kleinvieh in zwei Gruppen eingeteilt werden: Tiere, die im Gehöft oder im Dorf gehalten werden können, und Arten, die des Weidegangs bedürfen und daher ihre Spuren in der Landschaft hinterlassen. Zur ersten Gruppe gehört das Geflügel, wobei die Eier noch wesentlich wichtiger sind als das Fleisch. Auch Schweine verlassen das Dorf in der Regel nicht, sondern streifen durch Höfe und Gassen, um neben dem vorbereiteten Futter nach zusätzlicher Nahrung zu suchen. Schweine werden mit Essensresten, Abfällen oder auch Getreide gefüttert und suchen sich ihr Futter nicht selbständig in der Landschaft.

Ganz anders verhält es sich mit Schafen und Ziegen. Schafe stellen zwar keine so hohen Ansprüche an ihre Nahrung wie Großvieh, benötigen aber dennoch größere Weideflächen und als Herdentiere entsprechende Betriebsstrukturen für ihre Haltung. Sie werden daher überwiegend im Äußeren China, im nordwestlichen Lößbergland und in der Mandschurei von sesshaften oder auch nomadisch lebenden Bauern gezüchtet, oft zusammen mit Yaks oder Rindern. Ziegen findet man demgegenüber, mit Ausnahme der Yangtseniederung und Südostchinas, im ganzen Land. Die „Sparbüchse des Kleinbauern" gibt Milch und Fleisch und ist ausgesprochen anspruchslos in ihrer Haltung. Im Gegensatz zu Schweinen benötigen Ziegen kaum zubereitetes Futter, sondern finden ihre Nahrung selbständig auch in karger Umgebung. Wie früher auch in Mitteleuropa üblich, werden die Tiere nach der Ernte auf die Stoppelweide getrieben, wo sie genügend Reste vorfinden.

Man macht sich kaum eine Vorstellung davon, in welchem Maß die Ziegenhaltung die Vegetation der Feldflur beeinflusst. Während fast des ganzen Jahres besteht ja keine Möglichkeit, die Tiere auf den abgeernteten Feldern weiden zu lassen, sie ernähren sich vielmehr von Unkraut, Gras, Blättern und Trieben von Sträuchern und Gehölzen. Dabei müssen sie mit dem vorliebnehmen, was auf anderweitig nicht nutzbaren Standorten wächst: Sie beweiden Feldraine, Ackerterrassen und Steilhänge, sind sogar imstande, auf Bäume zu klettern und fast senkrechte Felspartien zu erklimmen. Dort beißen sie mit ihrem starken Gebiss nicht nur Blätter und junge Triebe ab, sondern fressen, wenn nichts anderes zur Verfügung steht, auch dornige, leicht verholzte Zweige und rupfen Gräser und Kräuter mitsamt den Wurzeln heraus.

Dieser Einfluss summiert sich angesichts der Anzahl der Tiere zu einem landschaftsverändernden Faktor, der nicht nur die Vegetation nachhaltig schädigt, sondern dadurch letztlich auch Bodendegradierung und Erosionsschäden fördert. Damit die Ziegen in den Feldern keine Schäden anrichten und nicht durchgehen, müssen sie gehütet werden, eine Tätigkeit, die entweder von den Alten, gelegentlich auch von Kindern ausgeführt wird. Damit nur wenige Hirten benötigt werden, fasst man die Tiere oft in Herden zusammen. In der Ortschaft Liwan, einem Dorf durchschnittlicher Größe mit ca. 30 bis 40 Gehöften, zählten wir nicht weniger als drei große Herden mit jeweils ungefähr 50 Ziegen."

[Müller, Johannes <1959 - >: Kulturlandschaft China. -- Gotha : Perthes, ©1997. -- ISBN 3-623-00551-7. -- S. 156f.. --  {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch  bei amazon.de bestellen}]

Die Verbisslust der Ziegen kann aber auch positiv zur Landschaftspflege verwendet werden:

"Zur Verhinderung von Gehölzaufwuchs, insbesondere von Schlehen und Rosen, ist die Ziege besser als das Schaf geeignet [das Gehölz nur frisst, wenn andere Nahrung knapp ist]. Der für diese Tierart typische spielerische 'Neugier-Fraß' veranlasst die Ziege, auch ohne Nahrungsmangel, Zweige zu verbeißen und die Rinde zu schälen."

[Schloaut, Wolfgang ; Weichendörfer, Günter: Handbuch der Schafhaltung. -- 5., vollkommen überarbeitete und erweiterte Aufl. -- Frankfurt a. M. [u.a.] : Verlagsunion Agrar, ©1992l. -- ISBN 3769004922. -- S. 20. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}]


11. Weiterführende Ressourcen


11.1. Yahoo categories



11.2. Virtual Libraries



11.3. Organisationen


Alpines International Breed Club. -- http://capriella.com/AlpinesInternational/. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["The Alpines International Breed Club was founded in 1958 to develop, preserve and promote the French and American Alpine Dairy Goat. Another main purpose of this nonprofit club was to form an information sharing, support network for all who love this very special breed."]

American Goat Society. URL: http://www.americangoatsociety.com/. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["Founded in 1934, the American Goat Society maintains purebred herdbooks for the standard-sized dairy breeds -- Alpines, LaManchas, Nubians, Oberhasli, Saanens, Sables, and Toggenburgs. In addition, AGS maintains a purebred herdbook for Pygmies, and it is the principal registry in the United States for Nigerian Dwarf goats, a miniature dairy breed that is growing rapidly in popularity. Wethers may also be registered. The AGS is committed to the support and advancement of the U.S. dairy goat industry, of which it is an integral part."]

International Boer Goat Association -- IBGA. -- URL:http://www.intlboergoat.org/. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["The mission of the International Boer Goat Association is to promote and improve the Boer goat breed through pedigree tracking and maintenance by registration, and to advance the Boer goat industry through education, promotion, and marketing."]

International Mohair Association. -- URL: http://www.int-mohair.com/. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["Founded in 1974 by the international mohair industry to promote, advance and protect the interests of its members and of their manufactured mohair products."]

Mohair South Africa  URL: http://www.mohair.co.za/. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["South Africa currently produce more than 60% of total world production and Mohair South Africa was established to perform functions aimed at the advancement of the entire mohair industry. To achieve this objective, it is our vision to seek international partnerships and alliances that will enhance the consumption of Cape mohair, and lead to sustainable demand and profitability for all role players - from producer to processor, buyer to manufacturer."]

South Africa Milch Goat Breeders' Society. -- URL: http://www.sa-breeders.co.za/org/milch-goats/index.htm. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["The SA Milch Goat Breeders' Society was founded, and on 2 August 1958 a certificate of Incorporation was issued to the Society. The total membership of the society currently stands at 28 active breeders"]


11.4. Andere Internetressourcen


Alpine goat ring. -- URL: http://capriella.com/AlpineRing.html. -- Zugriff am 2001-02-08

The International Dairy Goat Message Board. -- URL:  http://www.insidetheweb.com/messageboard/mbs.cgi/mb64579/. -- Zugriff am 2001-02-08

The Mohair and Angora Goat webring. -- URL: http://www.tymewyse.com/singingfalls/angora mohair.htm. -- Zugriff am 2001-02-08. -- ["This specialized webring is dedicated to shepherds, crafters and all those who have an interest in the production and utilization of mohair or the capricious animals that produce it."]

Ziegen / Schweizerischer Bauernverband. -- URL:http://www.bauernverband.ch/ldw/tiere.htm. -- Zugriff am 2001-02-08


11.5. Ressourcen in Printform


Nutztiere der Tropen und Subtropen / Hrsg. Siegfried Legel. -- Leipzig : Hirzel.. -- Bd. 2: Büffel, Kamele, Schafe, Ziegen, Wildtiere. --  ©1990. -- ISBN 3740101768. --  S. 400 - 479

Porter, Valerie: Goats of the world. -- Ipswich : Farming Press, ©1996. -- 179 S. : Ill. -- ISBN 0852363478. -- [Umfassende Übersicht über alle Ziegenrassen der Welt]. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}

Späth, Hans ; Thume, Otto: Ziegen halten. -- 4., völlig neu gestaltete Aufl. -- Stuttgart : Ulmer, ©1997. -- 216 S. : Ill. -- ISBN 3800173638. -- {Wenn Sie HIER klicken, können Sie dieses Buch bei amazon.de bestellen}


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