Religionskritik

Antiklerikale Karikaturen und Satiren XIII:

Kladderadatsch (1848 - 1944)

2. Jahrgang 23 - 40 : 1870 - 1887


kompiliert und herausgegeben von Alois Payer

(payer@payer.de)


Zitierweise / cite as:

Antiklerikale Karikaturen und Satiren XIII: Kladderadatsch (1848 - 1944)  / kompiliert und hrsg. von Alois Payer. -- 2. Jahrgang 23 - 40 : 1870 - 1887. --  Fassung vom 2010-01-14. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/karikaturen132.htm    

Erstmals publiziert: 2004-04-30

Überarbeitungen: 2010-01-14 [Ergänzungen]; 2008-08-22 [Ergänzungen]; 2008-01-10 [Teilung des Kapitels, Ergänzungen]; 2008-01-02ff. [Ergänzungen]; 2007-12-31 [Teilung des Kapitels, Ergänzungen]; 2007-12-21ff. [Ergänzungen]; 2007-11-22 [Ergänzungen]; 2005-02-06 [Ergänzungen]; 2004-12-24 [Ergänzungen]; 2004-11-20 [grundlegend erweitert und überarbeitet]; 2004-06-07 [Ergänzungen]; 2004-05-11 [Ergänzungen]

©opyright: abhängig vom Sterbedatum der Künstler

Dieser Text ist Teil der Abteilung Religionskritik  von Tüpfli's Global Village Library



Abb.: Titelleiste von Nr 1, 1848

Kladderadatsch : humoristisch-satirisches. Wochenblatt. -- Berlin : Hofmann. -- 1848 - 1944

"Kladderadatsch, in Norddeutschland gebräuchlicher Ausruf, um einen mit klirrendem oder krachendem Zerbrechen verbundenen Fall zu bezeichnen; auch substantivisch gebraucht in der Berliner Redensart: »einen K. machen« (z. B. mit Fenster- und Laterneneinwerfen). Allgemeiner bekannt wurde das Wort als Titel des 1848 von David Kalisch (s. d.) gegründeten, in Berlin wöchentlich einmal im Verlage von A. Hofmann u. Komp. erscheinenden Witzblattes, das vorzugsweise die politische Satire kultiviert und besonders durch E. Dohm, R. Löwenstein und den Zeichner W. Scholz, dessen Karikaturen auf Napoleon III. und Bismarck große Popularität gewannen, zu literarischer und künstlerischer Bedeutung erhoben wurde. Auch die von den »Gelehrten« des K. erfundenen ständigen Figuren Müller und Schulze, Zwickauer, Karlchen Mießnik u. a. sind volkstümlich geworden. Gegenwärtig (1905) ist Joh. Trojan (s. d.) Redakteur des K. Die hervorragendsten künstlerischen Mitarbeiter sind G. Brandt und L. Stutz. Als Sonderausgaben erschienen unter anderm: »Bismarck- Album des K.« (300 Zeichnungen von W. Scholz, 1890; 27. Aufl. 1900), »Ein Kriegsgedenkbuch aus dem K. in Ernst und Humor aus den Jahren 1870 und 1871«, von J. Trojan und J. Lohmeyer (1891), »Die Kriegsnummern des K. 1870-1871« (1895), »Im tollen Jahr. 1. Jahrgang des K. 1848«, mit Anmerkungen und Erläuterungen (1898)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Alle Jahrgänge von 1848 - 1944 online: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/kladderadatsch.html. -- Zugriff am 2007-12-21

Eine wichtige Quelle für 1870 bis 1910 ist auch der Sammelband:

Zentrums-Album des Kladderadatsch 1870 - 1910. -- Berlin: A. Hofmann, 1912. -- 286 S. : 300 Ill.

Für die Zeit bis 1890 kommt dazu:

Bismarck-Album des Kladderadatsch / mit dreihundert Zeichnungen von Wilhelm Scholz. -- 2. Auflage. -- Berlin : A. Hofmann, 1890. -- 184 S. : 300 Ill.

Nachdruck: Die schönsten Bismarck-Karikaturen : ein Bismarck-Album des Kladderadatsch. -- Nachdruck der Ausg. Berlin 1890. -- Hildesheim : Olms, 1981. -- ISBN 3-487-08228-4

Audiatur et altera pars = es soll auch die Gegenseite gehört werden: Eine ausführliche Darstellung der Zentrumspolitik aus der Hand eines gemäßigt-katholischen - trotzdem furchterregenden - Mitspielers ist:

Bachem, Karl <1858 - 1945>: Vorgeschichte, Geschichte und Politik der deutschen Zentrumspartei : Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Bewegung, sowie zur allgemeinen Geschichte des neueren und neuesten Deutschland 1815-1914. -- Köln : J. P. Bachem, 1927 - 1931. -- 9 Bände : 26 cm.


1870


Syllabus Syllaborum Serenissimi Patris Kladderadtaschii1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 7, S. 25. -- 1870-02-13

(Frei nach dem Bericht der A. A. Z.2)

Kanon I.

So Einer sollte zu behaupten wagen
In gegenwärt'gen oder künft'gen Tagen,
Dass aller Fehl' und alles Irrtums frei,
Mit einem Wort, dass er unfehlbar sei;
Wer Solches spräch', ja wer's auch nur gedacht —
Der sei verlacht!

Kanon II.

So Einer spräch' von Pflichten oder Rechten
Des Rinen, Andersglaubende zu ächten,
Und ein Gebot, ein göttliches, geweiht,
Sei jedem Gläub'gen die Unduldsamkeit;
Wer also blinden Eifers Wut entfacht --
Der sei verlacht!

Kanon III.

So Einer sich vermisst, zum Heil der Seelen
Wahrheit zu künden nicht, nein zu befehlen,
Und alle, die nicht folgen seinem Zwang,
Durch Richterspruch und äuß'rer Strafen Drang
Zu zücht'gen — der — trotz Pomp und Flitterpracht —
Der sei verlacht!

Kanon IV.

So Einer sich erkühnt, des Staates Rechte,
Die ewig von Geschlecht sich zu Geschlechte
Forterben als der Menschheit heilig Pfand,
Zu höhnen nur als eitel Lug und Tand,
Trüg' nicht von Ihm zu Lehn der Staat die Macht —
Der sei verlacht!

Kanon V.

So Einer an der Lehre sich beteiligt,
Die kündet, dass der Zweck die Mittel heiligt,
So, aller Sitte bar und aller Scham,
Er peterspfennigfuchst mit Ablasskram
Für jeden Unfug, jede Niedertracht --
Der sei verlacht!

Kanon VI.

So Einer aber freundlichst wollt versuchen,
Der Menschheit Hälfte liebend zu verfluchen,
Und wähnt, dass auf der Feinde Haupt zumal
Blitzzündend seines Bannes Donnerstrahl,
Die sünd'ge Welt vertilgend, niederkracht --
Der sei verlacht!

Erläuterung: Angriff auf Papst Pius IX. und das Erste Vatikanische Konzil,

"Vatikanisches Konzil, nach der Zählung der römischen Kirche die 20. ökumenische Kirchenversammlung, tagte vom 8. Dez. 1869 bis 20. Okt. 1870 und brachte die katholische Lehrbildung durch Definierung der päpstlichen Unfehlbarkeit zum Abschluss. Seit dem Scheitern der großen Reformkonzile des 15. Jahrh. war die absolute Bedeutung des Papsttums auch auf dem Gebiete der Lehre tatsächlich entschieden. Sie auch kirchenrechtlich vollzogen zu sehen, gehörte schon lange zu den Lieblingsideen Pius' IX. Seit 1864 war der Entschluß in ihm gereist, zu diesem Zweck ein Konzil zu berufen. Das vage Programm des Einberufungsschreibens vom 29. Juni 1868 unzweideutig auszulegen übernahmen die Jesuiten in der »Civiltà cattolica«. Die in jenem Schreiben erwähnte Heilung der allgemeinen Weltübel sollte durch Bestätigung des Syllabus (s. d.) vom 8. Dez. 1864, durch die Dogmatisierung der Himmelfahrt Marias und vornehmlich der päpstlichen Unfehlbarkeit erfolgen. Dass dadurch das Verhältnis der Kirche zum Staate von dem modernen Rechtsboden wieder auf denjenigen der mittelalterlichen Theorie, wie sie Gregor VII., Innozenz III. und Bonifatius VIII. formuliert hatten, zurückgeführt werde, machte trotz des am 9. April 1869 erlassenen Rundschreibens des bayrischen Ministers v. Hohenlohe den Regierungen wenig Sorge. Aber die Zusammensetzung des Konzils wies ein wenig verheißungsvolles Gepräge auf. Zur Teilnahme berechtigt waren gegen 1050 Prälaten; es erschienen 774, davon viele nur vorübergehend. Darunter befanden sich 276 Italiener, dem Papst meist unbedingt ergeben; dasselbe galt von den 41 Spaniern, 83 Asiaten, 14 Afrikanern, 13 Australiern. Deutsche Mitglieder waren nur 19, österreichisch-ungarische 48, französische 84 vorhanden und auch unter diesen nicht wenige, die zur unbedingt päpstlichen Partei gehörten. Diese letztere setzte sofort eine an den Papst gerichtete Petition um Definierung der Unfehlbarkeit in Umlauf. Für eine Gegenadresse fanden sich nur 137 Unterschriften, und auch innerhalb dieser Minorität war man über den Standpunkt, von dem aus die Unfehlbarkeit zu bekämpfen sei, keineswegs einverstanden. Unter solchen Umständen konnte schon 21. Jan. den Vätern ein »Schema der dogmatischen Konstitution über die Kirche Christi« zugehen, das über die letzten Absichten der Kurie keine Zweifel mehr ließ. Nun regten sich freilich die Regierungen; aber der im Sommer ausbrechende Deutsch-französische Krieg ließ es zu keinem energischen und gemeinsamen Vorgehen kommen. Die Kurie ihrerseits hatte den Gang der Verhandlungen durch eine neue, die Minorität lahm legende Geschäftsordnung beschleunigt und hierauf dem Konzil 6. März einen Zusatzartikel zu jenem Schema vorgelegt, dass der Papst in Sachen des Glaubens und der Moral nicht irren könne. Nach einigen Redaktionsmanövern wurde 24. April die Konstitution über den katholischen Glauben, 13. Juli die Konstitution über die Kirche Christi genehmigt, jene einstimmig, diese mit 451 unbedingten gegen 62 bedingte Placet und 88 Non placet. Mit dieser Tat war der Mut der Opposition erschöpft, das Schreckgespenst eines drohenden Schismas lähmte ihre letzten Kräfte. Die Opponenten verließen Rom, und in der entscheidenden vierten öffentlichen Sitzung 18. Juli stimmten 533 Väter mit Placet, nur 2 mit Non placet. Das neue Dogma wurde nach und nach auch von den Bischöfen der Opposition in ihren Diözesen verkündigt, der Widerspruch schlug sich im Altkatholizismus (s. d.) nieder."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

1 Syllabus Syllaborum Serenissimi Patris Kladderadtaschii (lateinisch): Syllabus aller Syllabuse des Durchlautigsten Vaters Kladderadatsch

Zum Syllabus von Papst Pius IX. oder Sammlung der von Papst Pius IX. in verschiedenen Äußerungen geächteten Irrtümer (1864-12-08) siehe:

Pius <Papa, IX.> <1792 - 1878>: Syllabus Pii IX, seu Collectio errorum in diversis Actis Pii IX proscriptorum = Syllabus von Papst Pius IX. oder Sammlung der von Papst Pius IX. in verschiedenen Äußerungen geächteten Irrtümer (1864-12-08). -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/syllabus.htm

2 Augsburger Allgemeine Zeitung


Die Kunst, verflucht zu werden. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 7, S. 27. -- 1870-02-13

(Praktischer Anhang zu unserm Syllabus Syllaborum.)

Einleitung.

Mach dir keine Illusion
In Betreff der Zukunft, Sohn!
Unter uns gesagt: ich fürcht,
Dass auch dich der Böse würgt.
Steht doch klar im Syllabus,
Wie und was man glauben muss.
Spitz die Ohren also, hör!
Ganz verflucht klingt es, auf Ehr!

1. Satz

Wer der neuen Wissenschaft
Lehren hält für vorteilhaft,
Wer mit Hegel, Schelling, Kant
Achtung hat vor dem Verstand;
Wer nach Darwins Theorie
Forsch nach dem Warum und Wie,
Oder wer Karl Vogt1 besucht --
Sei verflucht, verflucht, verflucht!

2. Satz.

Wer den heil'gen Arbues2
Hält für nichts Erfreuliches;
Wer nicht an den Knochen3 glaubt,
Noch an Zauber überhaupt;
Wer den Lappen4 nicht verehrt;
Wer der Klosterwirtschaft Wert
Leugnet trotzig und verrucht --
Sei verflucht, verflucht, verflucht!

3. Satz.

Wer -- ein Höllenbrand und Tor --
Glaubt, die Staatsgewalt geht vor
Vor der edlen Klerisei;
Wer den Staat -- o Ketzerei! --
Wenn der Papst nicht eben das
Wünschen sollt -- zu irgendwas
Irgendwie hält für befugt --
Sei verflucht, verflucht, verflucht!

4. Satz.

Ja sogar, wer lammesfromm
Glaubt, dass er zu Gnaden komm,
Weil er fest zu Wantrup5 steht
Und mit Knak6 die Sonne dreht:
Der auch, wenn er nicht aufs Haar
Hält den Papst für unfehlbar --
Ist er sonst auch ausgesucht --
Sei verflucht, verflucht, verflucht!

Schluss.

Wen'ge, Söhnlein, bleiben nur,
Als der Ausschuss der Natur,
Wie der Syllabus uns lehrt,
Die nicht sind verfluchenswert.
Siehst du dir die Wen'gen an,
Sicher, glaub ich, stimmst du dann
Mit mir in den Hymnus ein:
Ha, welch Glück verflucht zu sein!

Erklärungen:

1 Karl Vogt (1817 - 1895)

"Vogt, Karl, Naturforscher, geb. 5. Juli 1817 in Gießen, gest. 5. Mai 1895 in Genf, studierte seit 1833 in Gießen Medizin, arbeitete in Liebigs Laboratorium und machte seit 1835 in Bern anatomische und physiologische Studien. Seit 1839 beteiligte er sich in Neuenburg an den Arbeiten von Agassiz und Desor und an Agassiz' Gletscherexpeditionen, lieferte den 1. und einen großen Teil des 2. Bandes von dessen »Histoire naturelle des poissons d'eau douce« 1844–46 lebte er in Paris und 1847 wurde er Professor in Gießen. 1848 von Gießen in das Vorparlament und in die deutsche Nationalversammlung gesendet, gesellte er sich hier zur äußersten Linken und war einer der gewandtesten und schlagfertigsten Redner der Versammlung. Er folgte dem Parlament auch nach Stuttgart, wo er in die Reichsregentschaft gewählt wurde. Seines Lehramtes in Gießen enthoben, lebte er bis 1850 in Bern, machte dann in Nizza Untersuchungen über die Seetiere und ging 1852 als Professor der Geologie nach Genf. Später erhielt er auch die Professur der Zoologie und wurde zum Mitglied des Großen Rates sowie zum eidgenössischen Ständerat, 1878 zum schweizerischen Nationalrat erwählt. Er trat als einer der eifrigsten Vorkämpfer des Materialismus und später des Darwinismus auf und zog dessen letzte Konsequenzen mit großer Klarheit. 1861 leitete er eine Expedition nach dem Nordkap, über die er in der »Nordfahrt« (Frankf. 1863) berichtete. Er schrieb: »Untersuchungen über die Entwickelungsgeschichte der Geburtshelferkröte« (Soloth. 1842); »Im Gebirg und auf den Gletschern« (das. 1843); »Lehrbuch der Geologie und Petrefaktenkunde« (Braunschw. 1846, 2 Bde.; 4. Aufl. 1879) und »Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände« (Stuttg. 1845–46; 4. Aufl., Gieß. 1874); »Zoologische Briefe« (Frankf. 1851, 2 Bde.); »Ozean und Mittelmeer«, Reisebriefe (das. 1848, 2 Bde.); »Bilder aus dem Tierleben« (das. 1852); die mit beißender Satire versetzten »Untersuchungen über Tierstaaten« (das. 1851), später zusammengefasst als »Altes und Neues aus dem Tier- und Menschenleben« (das. 1859, 2 Bde.); »Köhlerglaube und Wissenschaft« (Gieß. 1855, 4. Aufl. 1856), eine Streitschrift gegen Rudolf Wagner; »Die künstliche Fischzucht« (Leipz. 1859, 2. Aufl. 1875); »Grundriß der Geologie« (Braunschw. 1860); »Vorlesungen über den Menschen, seine Stellung in der Schöpfung und in der Geschichte der Erde« (Gießen 1863, 2 Bde.); »Vorlesungen über nützliche und schädliche, verkannte und verleumdete Tiere« (Leipz. 1864); »Über Mikrokephalen oder Affenmenschen« (Braunschw. 1867; franz., Basel 1867); »Die Herkunft der Eingeweidewürmer des Menschen« (Basel 1877); »Die Säugetiere in Wort und Bild« (mit Bildern von Friedr. Specht, Münch. 1883); »Lehrbuch der praktischen vergleichenden Anatomie« (mit E. Yung, Braunschw. 1885–94, 2 Bde.; franz. Ausg., Par. 1883–94) und »Aus meinem Leben. Erinnerungen und Rückblicke« (Stuttg. 1895). Vgl. William Vogt (Sohn), La vie d'un homme. Carl V. (Par. 1896)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Heiliger Peter Arbues (1411 - 1485)

"Arbuës, Peter de, span. Inquisitor, geb. mit 1411 zu Epila in Aragonien, Augustiner-Chorherr in Saragossa, ward 1484 zum ersten Inquisitor für Aragonien berufen und erwarb sich als solcher den Ruf eines unermüdlichen Verfolgers der Ketzer. Die Freunde und Verwandten seiner zahlreichen Opfer verschworen sich gegen ihn, und er starb 17. Sept. 1485 infolge eines Attentats, das in der Kirche vor dem Altar auf ihn gemacht worden war. A. wurde bald nach seinem Tod ein hochgefeierter Wundermann. Papst Alexander VII. sprach ihn 1661 selig, und Pius IX. nahm ihn 29. Juni 1867 in die Zahl der Heiligen auf. W. v. Kaulbach hat ihn auf seinem Bilde: Peter A. von Epila verurteilt eine Ketzerfamilie zum Tode, nach dem Typus von Schillers Großinquisitor dargestellt. Vgl. Zirngiebl, Peter A. (3 Aufl., Münch. 1872)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Knochen = Reliquien

4 Lappen = Hl. Rock zu Trier

5 Wantrup: Urheber der West-Preussischen Zeitung. -- Danzig   1.1865 - 1895: so konservativ wie die Kreuzzeitung

6 Gustav Friedrich Ludwig Knak (1806 - 1878): evangelischer Erweckungsprediger, Förderer des Missionsgedankens und viel beachteter Kirchenlieddichter. Vertrat und verteidigte das biblisch-antike Weltbild. Die Evangelischen gedenken seiner am 27. Juli.


Der "Verräter". -- In Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 10, S. 37. -- 1870-02-27

Das war der heilige Vater zu Rom,
Der hatte zu den Stufen
Des Alters in Sankt Peters Dom
Ein groß Konzil berufen.
Sie kamen aus aller Welt herbei,
Die frommen Väter, unzählbar;
Es sollte die ganze Klerisei
Der Welt verkünden: Der Papst, er sei
Unfehlbar.

Und sintemal und alldieweil
Für gar hochwichtig gegolten
Die Dinge, so zu der Seelen Heil
Verhandelt werden sollten:
Drum durft' von all der Herrlichkeit
Kein Sterbenswörtlein hören
Die böse Welt; drum mussten den Eid
Der allerstrengsten Verschwiegenheit
Sie schwören.

Die frommen Hirten der Christenheit,
Die braven biedern Alten,
Sie haben auch den heil'gen Eid
Wie's ihnen ziemt, gehalten
Denn kaum sprach drinnen ein leises Wort
Nur Einer der Herrn Prälaten,
So war's in die böse Welt sofort
Hinaus, gen Ost, Süd, West und Nord,
Verraten.

Gedruckt auf weißem Papiere stand's
Mit dicken schwarzen Lettern;
In allen Schänken las es Hans
Und Kunz in in Zeitungsblättern.
Die Mägde schwatzten's aus am Born,
Und auf dem Dach die Spatzen,
Die Buben pfiffen's hinten und vorn --
Der heilige Vater wollt vor Zorn
Schier platzen.

Und stieß aus seinem heiligen Mund
Groß Fluchen und Gezeter:
Aufspüren sollt sogleich man und
Bestrafen die "Verräter".
Ausweisen sollte man sie All,
Insonderheit den Einen,
Den Allerschlimmsten auf jeden Fall,
Den Schreiber der Augsburger All-
gemeinen!

Gesagt, getan! Verbannt sofort
Ward, für den heil'gen Glauben,
Ein Blinder hier, ein Andrer dort,
Unschuldig wie die Tauben.
Allein, wie Viele sie wiesen aus,
's ist nach wie vor geblieben:
Ein jedes Wörtlein ward -- o Graus! --
Sogleich in alle Welt hinaus
Geschrieben.

Verschließt nur hinter eh'renem Tor
Euer heiliges Geheimnis;
Ihr tut's umsonst -- es dringt hervor
Zu Tag ohn' alle Säumnis.
Sucht den Verrat: ihr findet nichts
Als -- eurer Furcht Gespenster!
Die Luft verrät's, der Strahl des Lichts;
Sperrt fest die Türen zu, dann bricht's
Durch Fenster!

Und wollt ihr wissen, wie er heißt?
Und wollt ihr ihn erkennen? --
Ich bin's, ich selbst, den sie den Geist,
Den Geist der Zeiten nennen!
Nun kennt ihr mich, ihr heiligen
Geheimnisfrommen Väter!
Jetzt sperrt mich ein, den eiligen,
Abscheulich unverzeihlichen
"Verräter"!


Die Helden der Diplomatie. (Europäisches Zwiegespräch.). -- In Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 11, 2. Beiblatt. -- 1870-03-06

Rom.
Verflucht, wer meinem Willen
Nicht stramm sich unterwirft.

Bayrischer Diplomat.
Ein Wort nur ganz im Stillen --
Wenn ich Dich bitten dürft.

Rom.
Verflucht, wer den Gesetzen
Fortan gehorcht im Staat.

Französischer Diplomat.
Ich möcht Dich nicht verletzen,
Doch höre meinen "Rat".

Rom.
Auch Du verfällst dem Fluche,
wenn Du zu murren wagst.

Französischer Diplomat.
Ich murren? -- Ich ersuche
Nur, dass Du Dich "vertagst".

Rom (empört).
Fluch Dir und Fluch den Deinen,
Und Fluch der Gegenwart.
 

Österreichischer Diplomat (höflichst).
Die "Konsequenzen" scheinen
Mir freilich etwas hart.

Rom (zuvorkommend).
So ruf ich zur Empörung
Die Völker rings umher!

Österreichischer Diplomat (erschöpft).
Doch halte die Erklärung
Nur möglichst "doktrinär!"

(Allgemeines Kreuzkriechen und Pantoffelküssen.)


Guckkastenlied1 <Auszug>. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 13, S. 49. -- 1870-03-20

Raritäten fein zu sehn,
Schöne Raritäten!
Vite, éh bien, Messieurs, Mesdames!
Muss heran sik treten!
Schauen hier für Lumpengeld
Ganze große Lumpenwelt
In die Guckekasten.

Nur heran! Belieben hier
Durch der Glas zu gaffen:
Sein versammelt hier in Rom
Ganzes Rudel Pfaffen
Sein Achthundert nik zu viel
Bei die heilige Konzil.
Is sik ökumenisch.

Heil'ger Vater, alter Herr,
Fast schon h'infallibel2,
Will unfehlbar sein; soll Staat
Putzen ihm die Stiebel!
Aber Staat is nik so dumm
Wie er aussieht! Sagt darum:
Bange machen gilt nicht!

"Pfaffe Dollingerius3,"
Sonst ein frommer Hetzer,
Werden hier verrufen als
Liberaler Ketzer!
Steht als Märtyrer jetzt da;
"Unitá cattolica"4
Schimpft ihn -- "Lola Montez!"5

"Pfaffe Dollingerius!" --
Selik Heinrik Heine
Dreht sik um in seine Grab,
Klappert mit Gebeine:
"Pauvre Dollingerius!
Dass ik erst als Toter muss
Solchen Spaß erleben!"

[...]

Erklärungen:

1 Guckkasten

"Ein Guckkasten ist ein Schau- und Betrachtungsgerät, das einen Blick in sein Inneres erlaubt und dem Betrachter Grafiken mit täuschend echter perspektivischer Weite darstellt. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Guckkasten eine beliebte Jahrmarktsattraktion in ganz Europa. Die Guckkastenbilder mit Ansichten von europäischen Sehenswürdigkeiten, aber auch exotischen Szenen und theatralischen Darstellungen, prägten das Bild breiter Volksschichten von der „weiten Welt“. Der Guckkasten gilt somit als eines der ersten Massenmedien."


Guckkasten auf einem Jahrmarkt, um 1840

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Guckkasten. -- Zugriff am 2008-01-03]

2 h'infallibel: Wortspiel mit infallibel = unfehlbar

3 Ignaz Döllinger (1799 - 1890)

"Döllinger, Johann Joseph Ignaz, berühmter katholischer Theolog, Sohn des vorigen, geb. 28. Febr. 1799 in Bamberg, gest. 10. Jan. 1890 in München, ward 1822 Kaplan in der Bamberger Diözese, 1823 Lehrer am Lyzeum zu Aschaffenburg, 1826 außerordentlicher und 1827 ordentlicher Professor der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts in München. Zu dieser Würde traten mit der Zeit die eines Mitgliedes der Akademie der Wissenschaften (1838), Propstes zu St. Cajetan (1847) und Reichsrates (1868). Auch war er Mitglied der bayrischen Ständekammer seit 1845 und dann wieder seit 1849 sowie 1848 und 1849 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Für die durchaus ultramontane Tendenz, von der seine damalige Wirksamkeit geleitet war, sind unter seinen zahlreichen Schriften am bezeichnendsten: »Lehrbuch der Kirchengeschichte« (Regensb. 1836; 2. Aufl. 1843, 2 Bde.); »Die Reformation, ihre innere Entwickelung und ihre Wirkungen« (das. 1846–48, 3 Bde.; Bd. 1, 2. Aufl. 1851) und »Luther, eine Skizze« (Freiburg 1851, neuer Abdruck 1890). Aber seit seiner Romreise von 1857, seit dem italienischen Kriege von 1859 und noch mehr seit dem vatikanischen Konzil von 1870 trat ein Umschwung in Döllingers Überzeugungen ein, der sich zuerst 1861 in zwei zu München gehaltenen Vorträgen offenbarte, in denen die Möglichkeit einer völligen Aufhebung der weltlichen Gewalt des Papstes dargelegt war. Schon jetzt stark angefeindet, unterwarf er sich zwar und zog in der Schrift »Kirche und Kirchen, Papsttum und Kirchenstaat« (Münch. 1861) noch einmal gegen den Protestantismus zu Felde, nachdem schon gründliche wissenschaftliche Leistungen in seinen Schriften: »Hippolytus und Kallistus« (Regensb. 1853), »Heidentum und Judentum, Vorhalle zur Geschichte des Christentums« (das. 1857), »Christentum und Kirche in der Zeit der Grundlegung« (das. 1860, 2. Aufl. 1868) erschienen waren. Einen neuen Schritt vorwärts tat er aber 1863, als er auf der Versammlung katholischer Gelehrten in München eine Rede über »Vergangenheit und Gegenwart der katholischen Theologie« (Regensb. 1863) hielt und bald darauf sein Werk »Die Papstfabeln des Mittelalters« (Münch. 1863; 2. Aufl., Stuttg. 1890) erscheinen ließ. Eine scharfe Kritik des Syllabus und auch der bereits in der Luft liegenden Unfehlbarkeitslehre enthielt das von ihm und seinen Kollegen Friedrich und Huber ausgearbeitete Buch »Janus« (Leipz. 1869; 2. Aufl. u. d. T.: »Das Papsttum«, Münch. 1891). Während des Konzils erhob er von München aus in zwei Gutachten vergeblich seine warnende Stimme gegen die Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit und gab das Signal zur Entstehung des ð Altkatholizismus (s. d.). Dieser nahm nun freilich schon auf seinem ersten Kongress zu München durch sein Vorgehen zu selbständiger Gemeindebildung (23. Sept. 1871) eine Wendung, in deren Folge D., der bloß den Standpunkt der Notwehr innerhalb der alten Verfassung einzuhalten gedachte, sich nicht mehr persönlich an der Weiterentwickelung der Sache beteiligte. Wie wenig aber damit ein Rückschritt in der Richtung nach Rom verbunden und beabsichtigt war, zeigten gleich 1872 seine Vorträge über »Die Wiedervereinigung der christlichen Kirche«, ein wahrhaft versöhnender Abschluss der hochbedeutenden und in vieler Beziehung tragischen Wirksamkeit Döllingers, dem um diese Zeit die Universitäten zu Wien, Marburg, Oxford und Edinburg den juristischen und philosophischen Doktorhut verliehen, während die zu München ihn zum Rektor wählte. Als Frucht seiner gelehrten Muße erschienen noch: »Ungedruckte Berichte und Tagebücher« (Nördlingen 1876, 2 Tle.) mit der Fortsetzung »Briefe und Erklärungen über die vatikanischen Dekrete« (Münch. 1890); »Akademische Vorträge« (Nördling. 1888–91, 3 Bde.; 1. Bd. in 2. Aufl. 1890); »Geschichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche seit dem 16. Jahrhundert« (mit Reusch, das. 1888, 2 Bde.); »Beiträge zur Sektengeschichte« (Münch. 1889); die »Selbstbiographie des Kardinals Bellarmin« (mit Reusch, Bonn 1886). »Kleinere Schriften« von ihm gab Reusch heraus (Stuttg. 1890). Vgl. Luise v. Kobell, Ignaz v. D., Erinnerungen (Münch. 1891); Friedrich, Ignaz v. D. (das. 1899–1901, 3 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Unità cattòlica: Tageszeitung (1863 - 1929)

5 Lola Montez (1820 - 1861)

"Montez, Lola, eine durch ihre Abenteuer bekannte Tänzerin, geb. 1820 zu Montrose in Schottland, gest. 30. Juni 1861 in New York, war die illegitime Tochter eines schottischen Offiziers, namens Gilbert, und einer Kreolin, wurde in Bath erzogen und heiratete 1837 einen Leutnant, namens James, dem sie 1838 nach Ostindien folgte. Im Herbst 1840 verließ sie ihren Gatten, vertauschte in Paris ihren englischen Namen Mrs. James mit dem Namen Lola oder Dolores M. und bereiste als spanische Tänzerin einen großen Teil von Europa. Ihre Konflikte mit der deutschen und russischen Polizei, die zahlreichen Duelle, die um ihretwegen ausgefochten wurden, verschafften ihr einen gewissen Ruf; zuletzt aber wurde sie fast überall ausgewiesen. Als sie 1846 in München als Tänzerin auftrat, gewann sie die Gunst des Königs Ludwig I., reizte aber durch ihr übermütiges, emanzipiertes Betragen die Bevölkerung, und als das ultramontane Ministerium ð Abel (s. d. 3) sich der Indigenatserteilung an sie widersetzte, bestimmte sie den König zu dessen Entlassung und terrorisierte an der Spitze der Studentenverbindung Alemannia den König und die Beamten. Unter dem neuen Ministerium Öttingen- Wallerstein erhielt sie zwar den bayrischen Indigenat und den Titel und Rang einer Gräfin von Landsfeld; als aber im Februar 1848 durch sie veranlasste studentische Konflikte zur Schließung der Universität führten, musste sie der König, um der Gärung im Volke zu steuern, 11. März entfernen. Nach Ludwigs Abdankung ward Lola auch der bayrische Indigenat offiziell entzogen. Sie wandte sich nun nach mancherlei Irrfahrten nach London, wo sie 1849 den Leutnant der Garde Heald heiratete; doch trennte sich dieser 1850 in Spanien von ihr. 1852 betrat sie in Nordamerika wieder die Bühne, veröffentlichte »Memoiren« und spielte sogar in eigens dazu verfassten Stücken ihre Erlebnisse in Bayern, wobei sie als vom Volk hochgefeierte Befreierin dieses Landes vom ultramontanen Joch erschien. Im Sommer 1853 reiste sie nach Kalifornien und verheiratete sich hier noch zweimal, mit dem Zeitungsredakteur Hull und einem deutschen Arzt. Nach des letztern Tod kehrte sie nach New York zurück, wo sie endlich in großer Dürftigkeit starb. Über die Münchener Zeit vgl. »Graf Otto von Bray-Steinburg. Denkwürdigkeiten aus seinem Leben« (Leipz. 1901). Sonst vgl. Fournier, Lola M. (im Augustheft der »Deutschen Revue« 1902); Fuchs, Ein vormärzliches Tanzidyll. L. M. in der Karikatur (Berl. 1904)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Ergo damnamus!1 -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 17, S. 65. -- 1870-04-10

Concilianter Rundgesang, nach bekannter Weise2 zu singen.

Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,
Drum Brüderchen, ergo damnamus!
Der heilige Eifer lässt nimmer uns ruhn,
Beherziget: Ergo damnamus!
Das ist doch ein braves, ein tüchtiges Wort,
Das passt zu dem heil'gen, dem christlichen Ort;
So einer nicht gläubet, erschallt es sofort
Unisono: Ergo damnamus!

Wir sitzen so fröhlich zusammen in Rom
Beim lustigen: Ergo damnamus!
Hinaus in Sankt Peters geräumigen Dom
Klingt schallend das Echo: Damnamus!
Des harrenden Volke andächtige Meng,
Im Vorhof sich scharend in dichtem Gedräng',
Vernimmt nur den einen, den ew'gen Refrain:
Damnamus! Damnamus! Damnamus!

Wir sind eine heilige Rauf-Kumpanei,
Die Losung: Ergo damnamus!
Es ist die großmäulige Stroßmayerei3
Ein Gräuel uns -- ergo damnamus!
Und spricht so ein Freigeist, vor welchem uns graust,
Dann schrei'n wir und trampeln und droh'n mit der Faust;
Hätt' keine Tonsur er, so würd' er gezaust
Beim heulenden Ergo damnamus!

Der Papst ist unfehlbar, und wer es nicht gläubt,
Ein Ketzer -- nos illum damnamus!4
Wir sind ökumenisch, und wer sich drob sträubt,
Ein Frevler -- quem omnes damnamus!5
Doch ha! wer naht dort mit gepanzertem Schritt:
Diabolus6 ist's -- Garibaldi7 kommt mit!
Weh! Schmollis! Fiducit! Anathema sit!8
Wir sterben mit
Ergo damnamus!

Erklärungen:

1 Ergo damnamus (lateinisch): Also verdammen wir

2 Parodie auf Johann Wolfgang von Goethe: "Ergo bibamus" (1810), vertont 1813 von Max Eberwein (1777 - 1831):

Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,
Drum, Brüderchen! Ergo bibamus.
Die Gläser, sie klingen, Gespräche, sie ruhn,
Beherziget Ergo bibamus.
Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort:
Es passet zum ersten und passet so fort,
Und schallet ein Echo vom festlichen Ort,
Ein herrliches Ergo bibamus.

Ich hatte mein freundliches Liebchen gesehn,
Da dacht ich mir: Ergo bibamus
Und nahte mich traulich; da ließ sie mich stehn.
Ich half mir und dachte: Bibamus.
Und wenn sie versöhnet euch herzet und küsst
Und wenn ihr das Herzen und Küssen vermisst,
So bleibet nur, bis ihr was Besseres wisst,
Beim tröstlichen Ergo bibamus.

Mich ruft mein Geschick von den Freunden hinweg;
Ihr Redlichen! Ergo bibamus.
Ich scheide von hinnen mit leichtem Gepäck;
Drum doppeltes Ergo bibamus.
Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorgt,
So bleibt für den Heitern doch immer gesorgt,
Weil immer dem Frohen der Fröhliche borgt;
Drum, Brüderchen! Ergo bibamus.

Was sollen wir sagen zum heutigen Tag!
Ich dächte nur: Ergo bibamus.
Er ist nun einmal von besonderem Schlag;
Drum immer aufs neue: Bibamus.
Er führet die Freude durchs offene Tor,
Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor,
Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor;
Wir klingen und singen: Bibamus.

Anklicken, um die Melodie zu hören

[Quelle der midi-Datei: http://ingeb.org/Lieder/hiersind.html. -- Zugriff am 2008-01-03]

 

3 Joseph Georg Stroßmayer (1815 - 1905)

"Stroßmayer, Joseph Georg, kath. Bischof und kroatischer Politiker, geb. 4. Febr. 1815 zu Essek in Slawonien, gest. 8. April 1905 in Djakovár, studierte in Pest und Wien Theologie, empfing 1838 die Priesterweihe und ward Professor am Seminar in Djakovár, dann kaiserlicher Hofkaplan und Direktor des Augustinums in Wien und 1849 Bischof in Djakovár. 1860 war er föderalistisch gesinntes Mitglied des verstärkten Reichsrates. Auf dem Vatikanischen Konzil trat er mit ungewöhnlichem Freimut gegen das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit auf und hielt am längsten von allen seinen Widerspruch aufrecht, musste sich aber schließlich unterwerfen und führte 1881 eine slawische Pilgerschar nach Rom. Agitatorisch widmete sich S. der kroatischen Volkssache, ward einer der Führer der kroatischen Nationalpartei, errichtete Volksschulen, gründete ein Seminar für die bosnischen Kroaten und stellte das alte nationale Kapitel der Illyrier, San Girolamo degli Schiavoni in Rom, her (das ihnen später entzogen wurde). Durch A. Theiner ließ er die »Vetera monumenta Slavorum meridionalium historiam illustrantia« (Rom 1863) herausgeben und veranstaltete selbst eine Sammlung der kroatischen Lieder und Volksbücher. Er opferte große Summen für die Errichtung der südslawischen Akademie und kroatischen Landesuniversität in Agram und baute eine prächtige Kathedrale in Djakovár. Auch war er eifrig bemüht, durch Zulassung der slawischen Liturgie die griechisch-orientalischen Südslawen der römisch-katholischen Kirche zuzuführen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 nos illum damnamus = wir verdammen ihn

5 quem omnes damnamus = den wir alle verdammen

6 Diabolus = der Teufel

7 Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882): italienischer Freiheitskämpfer

8 Schmollis! Fiducit! Anathema sit!

"Schmollis (auch Smollis, angeblich von sis mollis, »sei mir freundlich« [?] oder vom altniederdeutschen smullen-schmausen, zechen), Trinkgruß bei Studentenkommersen; S. trinken (schmollieren), soviel wie Brüderschaft trinken, sich auf Du- und -Du stellen."
"Fiduzit, in der Studentensprache Antwort auf den Trinkgruß Schmollis"

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

Anathema sit: er sei gebannt


Zu Deutsch. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 17, S. 66. -- 1870-04-10

"Der heilige Vater soll gegenüber der hochwichtigen und zuversichtlich erwarteten Unfehlbarkeitserklärung auf die anderen Arbeiten des Konzils (resp. Verfluchungen) keinen besonderen Wert legen."

Schreibt mir nur gleich den Blanko-Wechsel hier,
Dann will ich nichts mehr weiter von euch borgen;
Die andern Kleinigkeiten kann ich mir
Viel besser dann allein besorgen.



Abb.: Grenzen der Menschheit1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 17, S. 68. -- 1870-04

Den Infallibeln2

Denn mit den Göttern
Soll sich nicht messen
Irgendein Mensch

Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.
Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten,
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Goethe1

Erklärung:

1 Goethe: Grenzen der Menschheit. Dargestellt sind Pius IX. und Bismarck.

2 infallibel = unfehlbar


Vom Konzil. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 17, 2. Beiblatt. -- 1870-04-10

Sie saßen in concilio,
Beschäftigt mit dem Schema1,
Beriten eben frisch und froh
Ein angebrochnes Thema.
Zum Fluchen war viel Anlass da,
Das Thema hieß: Anathema
Sit2 Protestant und Heide!

Stroßmayer3 ohne Zagen spricht
Das Wort mit mildem Munde:
"Es sind doch protestantes nicht
Durchgängig Höllenhunde.
Sehr edle Geister, sag ich frei,
Und fromme Männer sind dabei."
Er nannt' Leibniz und Guszot [??].

Ein wilder Lärm erhob sich jetzt,
Fürwahr nicht viel geringer,
Als wären in Musik gesetzt
11.000 Meistersinger.
"Damnamus eum!"4 brüllt es laut,
In hundert Sprachen schrien sie: "Haut,
Haut ihn, den Freund der Ketzer."

Sie sprangen auf mit Ungestüm,
Den Redner zu umdrängen;
Sie drohten mit den Fäusten ihm
Und schrien: "Man soll ihn hängen!"
Wohl unter mancher Stola war
Ein Stahl gezückt; kaum der Gefahr
Entging der wackre Bischof.

Als nun das Volk, das draußen stund,
Den wüsten Lärm vernommen:
Der Eine rief mit bleichem Mund:
"Bismarck und Lasker5 kommen!"
Dem Zweiten fiel was Andres ein:
Es müsste wohl Mazzini6 sein;
Der Dritte kam auf Schweitzer7.

Ja, ein ganz Schlauer war dabei,
der glaubt es zu erraten:
"Das ist Prinz Peter8, meiner Treu,
Und schießt auf die Prälaten."
So riet man draußen hin und her,
Was des Getümmels Ursach wär,
Bis dass es wieder still ward.

Als man den wahren Grund sodann
Vernommen von dem Toben,
Da fing das Volk andächtig an,
Zu danken und zu loben:
"Vivat ecclesia militans9,
Durch Haun wird erst bewährt der Glanz
Infallibilitatis10."

Erklärungen:

1 Schema = Vorlage

2 Anathema sit: er sei gebannt

3 Joseph Georg Stroßmayer (1815 - 1905): siehe oben

4 Damnamus eum = wir verdammen ihn

5 Eduard Lasker (1829 - 1884)

"Lasker, Eduard, deutscher Politiker, geb. 14. Okt. 1829 in Jarotschin (Posen) von jüdischen Eltern, gest. 5. Jan. 1884 in New York, studierte seit 1847 in Breslau und in Berlin Mathematik und Rechtswissenschaft, beteiligte sich im Oktober 1848 in der akademischen Legion an den Kämpfen in Wien, wurde 1851 Auskultator am Berliner Stadtgericht, lebte drei Jahre in England, kehrte 1856 als Referendar in den preußischen Staatsdienst zurück und wurde 1858 Assessor am Berliner Stadtgericht. Mehrere Abhandlungen in Oppenheims »Deutschen Jahrbüchern« (1861–64), die später u. d. T.: »Zur Verfassungsgeschichte Preußens« (Leipz. 1874) gesammelt erschienen, machten L. zuerst bekannt. 1865 in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, hielt er sich zur Fortschrittspartei und zählte bald zu deren hervorragendsten Persönlichkeiten. 1866 war L. einer der Gründer und seitdem einer der Führer der national- liberalen Partei im Abgeordnetenhaus und im norddeutschen wie im deutschen Reichstag und hatte an dem Zustandekommen der zahlreichen organisatorischen Gesetze hervorragenden Anteil. In der hohen Politik vertrat er die Sache der nationalen Einigung wie der konstitutionellen Freiheit. Großes Aufsehen erregte seine Rede vom 7. Febr. 1873 über die schwindelhaften Gründungen, namentlich die Beteiligung des Geheimrats Wagener. Nachdem er 1870 Rechtsanwalt beim Stadtgericht geworden, trat er 1873 als Syndikus des Pfandbriefamtes in den Dienst der Stadt Berlin und ward 1876 Mitglied des Verwaltungsgerichts. 1873 ward er von der Leipziger Juristenfakultät zum Doktor der Rechte und 1875 von der Freiburger Universität zum Ehrendoktor der Philosophie promoviert. In seiner Partei sank Laskers Einfluss, als ihn der Reichskanzler wegen seiner Opposition gegen Regierungsvorschläge wiederholt heftig angriff. Da L., seit 1879 dem Abgeordnetenhause nicht mehr angehörig, in wichtigen Fragen, wie der Wirtschafts- und Steuerreform, dem Sozialistengesetz u.a., nicht mehr mit der Mehrheit der nationalliberalen Reichstagsfraktion übereinstimmte schied er im März 1880 aus derselben aus und schloss sich den Sezessionisten an. Seit längerer Zeit kränkelnd, reiste er 1883 nach Nordamerika, wo er, im Begriff, in die Heimat zurückzukehren, an einem Schlaganfall starb. Er ward 28. Jan. in Berlin beigesetzt. Das Repräsentantenhaus in Washington beschloss 9. Jan. für L. eine Resolution und übermittelte sie zur Abgabe an den Reichstag dem Reichskanzler, der sie aber nicht annahm. Von den Schriften Laskers sind noch zu erwähnen: »Zur Geschichte der parlamentarischen Entwickelung Preußens« (Leipz. 1873); »Die Zukunft des Deutschen Reichs« (das. 1877); »Wege und Ziele der Kulturentwickelung«, Essays (das. 1881); außerdem (anonym) »Erlebnisse einer Mannesseele« (hrsg. von B. Auerbach, Stuttg. 1873; von L. selbst aus dem Buchhandel zurückgezogen). Aus dem Nachlass erschien: »Fünfzehn Jahre parlamentarischer Geschichte, 1866–1880« (hrsg. von Cahn, Berl. 1902). Vgl. Bamberger, Eduard L., Gedenkrede (Leipz. 1884); A. Wolff, Zur Erinnerung an E. L. (Berl. 1884); Freund, Einiges über E. L. (Leipz. 1885)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

6 Giuseppe Mazzini (1805 - 1872)

"Mazzīni, Giuseppe, ital. Agitator, geb. 22. Juni 1805 in Genua, gest. 10. März 1872 in Pisa, widmete sich dem Rechtsstudium, ward Advokat in Genua und arbeitete daneben für den »Indicatore Genovese« und nach dessen Unterdrückung 1829 für den »Indicatore Livornese«, der dasselbe Schicksal hatte. Als Carbonaro verraten, saß M. 1830 mehrere Monate im Kerker zu Savona. Freigelassen, aber verbannt, begab er sich nach Marseille, forderte den König Karl Albert von Sardinien in einem berühmten Brief zur Befreiung Italiens auf und gründete den Bund des Jungen Italien sowie die Zeitung »La giovine Italia«, um für die geeinigte Republik Italien und für Freiheit und Gleichheit durch die Presse und durch Verschwörungen zu wirken (vgl. Junges Europa). Nachdem zwei Verschwörungen, in Genua und Savoyen, welch letztere M. 1834 von Genf aus leitete, mißglückt waren, wurde er in Sardinien in contumaciam zum Tode verurteilt und 1836 auch aus der Schweiz verwiesen. Nach langem Umherirren ließ er sich 1842 in London nieder, gab dort eine Zeitung unter dem Namen »L'Apostolato popolare« heraus und unterhielt eine lebhafte Korrespondenz mit italienischen Unzufriedenen. Nach dem Aufstand in Mailand im März 1848 begab sich M. dahin und gründete daselbst ein Journal, »L'Italia del popolo«, und einen politischen Klub, den »Circolo nazionale«; doch wurde er von den Gemäßigten in den Hintergrund gedrängt. Nach der Kapitulation Mailands im August 1848 trat er in die Garibaldische Legion ein, musste aber bald auf Schweizer Gebiet flüchten. Sobald er von der Flucht des Großherzogs von Toskana gehört hatte, begab er sich nach Florenz, wurde in Livorno zum Abgeordneten gewählt und von der provisorischen Regierung nach Rom geschickt, um mit der dortigen Republik Verbindungen anzuknüpfen. Hier ward er im März 1849 mit Armellini und Saffi zum Triumvir ernannt und leitete die Verteidigung der Republik gegen die Franzosen. Nach dem Fall Roms (3. Juli) ging er nach der Schweiz und später nach London, wo er mit Kossuth, Ledru-Rollin und Ruge zum Zweck republikanischer Agitation das »Comitato europeo« gründete, während er durch eine Anleihe (Mazzinische Anleihe) unter den Radikalen aller Länder die Mittel zu einer neuen Schilderhebung in Italien zu erlangen suchte. Der unbesonnene Mailänder Insurrektionsversuch vom 6. Febr. 1853 sowie die Bewegungen in Genua 29. und 30. Juni 1857 waren sein Werk. Beim Beginn des italienischen Krieges 1859 erklärte er sich gegen das Bündnis Sardiniens mit Frankreich. Dagegen unterstützte er Garibaldis Expedition nach Sizilien und feuerte ihn an, auch Rom und Venedig durch einen Handstreich zu befreien. Nach Garibaldis Gefangennahme bei Aspromonte (August 1861) sagte er sich und seine Partei von der Monarchie für immer los. 1866 wurde er in Messina zum Abgeordneten in das italienische Parlament gewählt; die Wahl wurde zweimal für ungültig erklärt und erst, als sie zum drittenmal wiederholt war, anerkannt, von M. aber 7. Febr. 1867 wegen seiner republikanischen Überzeugung abgelehnt. Erst kurze Zeit vor seinem Tode kehrte M. nach Italien zurück. Nach seinem Tode feierte die italienische Presse seine Verdienste um Italien in schwungvollen Worten, und die italienische Kammer sprach offiziell ihren Schmerz über sein Ableben aus. Sein Begräbnis zu Genua, wo ihm 1882 ein Denkmal errichtet wurde, war feierlich. M. war lange Zeit der Schrecken der Polizei; er war ein schwärmerischer Idealist, der mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung und Ausdauer, wenn auch oft mit den bedenklichsten und nicht zu rechtfertigenden Mitteln, für seine Ziele wirkte. Eine Ausgabe seiner »Scritti editi ed inediti« erschien in Mailand, später in Rom (1861–1891, 18 Bde.), in Auswahl deutsch von L. Assing (Hamb. 1868, 2 Bde.) und englisch (»Life and writings of Jos. M.«, Lond. 1870–91, 6 Bde.). Briefe Mazzinis gaben unter andern Giurati (Turin 1887), Melegari (Par. 1895) und Mazzatinti (Rom 1905) heraus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

7 Jean Baptista von Schweitzer (1833 - 1875)

"Schweitzer, Jean Baptista von, Politiker und dramat. Dichter, geb. 12. Juli 1833 in Frankfurt a. M., gest. 28. Juli 1875 in der Villa Gießbach am Brienzer See, war der Sprössling eines alten katholischen Patriziergeschlechts, studierte in Berlin und Heidelberg die Rechte, ließ sich als Advokat in seiner Vaterstadt nieder, wendete sich aber bald der Politik und literarischen Beschäftigungen ausschließlich zu. Anfang der 1860er Jahre trat er in die sozialdemokratische Arbeiterbewegung ein, wurde nach Lassalles Tod 1864 Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und des Verbandes deutscher Gewerk- und Arbeiterschaften in Berlin und gab als solcher den »Sozialdemokrat« heraus, was ihn in häufige Konflikte mit der preußischen Regierung brachte. Von seiner Partei wurde er 1867 in den norddeutschen Reichstag gewählt; als er darauf 1871 bei der Wahl zum deutschen Reichstag durchfiel, legte er das Präsidium des Arbeitervereins nieder und zog sich ganz vom politischen Leben zurück. Als Schriftsteller ist S., abgesehen von politischen Schriften (»Zur deutschen Frage«, Frankf. 1862; »Der Zeitgeist und das Christentum«, Leipz. 1861, u. a.), mit einer Anzahl von Dramen (»Friedrich Barbarossa«, Frankf. 1858; »Canossa«, Berl. 1872) und Lustspielen (»Alcibiades«, Frankf. 1858; »Die Darwinianer«, Berl. 1875; »Die Eidechse«, das. 1876; »Epidemisch«, das. 1876) aufgetreten, von denen sich einige längere Zeit als Zugstücke behauptet haben. Auch veröffentlichte er einen sozialpolitischen Roman: »Lucinde, oder Kapital und Arbeit« (Frankf. 1864, 2 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

8 Prinz Peter

9 Vivat ecclesia militans: Es lebe die streitende Kirche

10 infallibilitatis = der Unfehlbarkeit


Nachruf auf Paulus (weiland Selig) Cassel1, den Prediger in der Wüste des Missions-Vereins2 -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 21, S. 83. -- 1870-05-08

Ob er sich jetzt auch Paulus schreibt --
Die Nas, die jüd'sche Nase bleibt,
Es bleibt, ob er's auch leugnen mag,
Etwas vom "jüd'schen Herzensschlag".
Er hat, ob er sich auch getrennt,
Ob er sich Paul, ob Peter nennt,
Nur einen höchsten Wunsch auf Erden:
Er will einst wieder -- Selig werden.

Erklärung:

1 Paulus Stephanus (früher: Selig) Cassel

"Cassel, Paulus Stephanus (früher Selig), Gelehrter, Bruder des vorigen, geb. 27. Febr. 1821 in Glogau, gest. 23. Dez. 1892 in Friedenau bei Berlin, studierte in Berlin, führte 1851–56 die Redaktion der »Erfurter Zeitung« und erhielt, nachdem er 1855 zum evangelischen Glauben übergetreten war, eine Bibliothekarstelle in Erfurt. Seit 1859 in Berlin ansässig, 1866–67 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, wirkte er 1868–91 als Prediger an der Christuskirche daselbst. Er veröffentlichte eine große Anzahl religions- und kulturgeschichtlicher, besonders symbolischer Abhandlungen (teilweise gesammelt u. d. T.: »Vom Wege nach Damaskus, apologetische Abhandlungen«, Gotha 1872; »Aus Literatur und Symbolik«, Leipz. 1884; »Aus Literatur und Geschichte«, das. 1885), Gedichte, auch einige Dramen, und suchte während mehrerer Jahrzehnte durch seine wissenschaftlich-populären Vorträge, von denen ein Teil (wie die »Deutschen Reden«, Berl. 1871, 2 Tle.) ebenfalls im Druck erschien, auf die Volksbildung zu wirken. Der 1. (und einzige) Band seiner »Gesammelten Schriften« erschien in den »Jahrbüchern der königlichen Akademie der Wissenschaften« zu Erfurt von 1892; ebenda 1893 ein Nekrolog auf C. und Verzeichnis seiner Schriften von Tettau."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Cassel war Missionar im Dienst der Londoner Missionsgesellschaft; Missions-Verein = Allgemeiner evangelisch-protestantischer Missionsverein


Zum Beginn der Unfehlbarkeitsdebatte am 14. Mai 1870. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 24, S. 93. -- 1870-05-22

Begonnen hat die Disputation,
Und von des Saals Tribüne hört man lesen:
"Unfehlbar ist Sankt Peters hehrer Thron,
Wie es Sankt Peter selber einst gewesen!
Wie er unfehlbar ist der Gläubgen Haupt,
So steht's gedruckt im neusten Glaubensbuche.
Und wer der neuen Satzung stumm nicht glaubt,
Der sei belegt mit hundertfachem Fluche!"

— "Unfehlbar ich?" — so ruft aus selger Fern,
Erstaunt ob dem Geschwätz, der heilge Peter.
Judas verriet nur einmal seinen Herrn1,
Ich aber ward eins dreifach sein Verräter2.
Mir ward verziehn; und so mög euch verzeihn
Der Geist, den ihr zu leugnen euch vermessen.
Ihr dürft zu diesem Tore nicht hinein,
Bis eure Schuld verziehn euch und vergessen.

Die Nebel fliehn, schon hat der Hahn gekräht,
Im Frührot weiden meiner Wolken Herden,
Die Sonne steigt empor in Majestät,
Denn Tag geworden ist es jetzt auf Erden!
— Dort naht ein Häuflein mit getrostem Mut
Dem Himmelstor. — Wer seid ihr, liebe Leute?
Ein Protestant, ein Kaffer und ein Jud!
Euch allen steh mein Himmel offen heute!

Ihr wart — ich seh's euch an — auf Erden noch,
Gleich mir, behaftet auch von Sünd und Fehle,
Ihr fühltet einst, gleich mir, das irdsche Joch,
Doch auch die Gotteskraft der Menschenseele.
Kommt denn herein, ihr Flüchtgen jener Welt,
Wes Glaubens ihr auch seid, kommt ohne Sorgen!
Doch wer von euch sich für unfehlbar hält,
Der bleibe hübsch da draußen3! — Guten Morgen!

Erläuterungen:

Unfehlbarkeit:

"Unfehlbarkeit

Römisch-katholische Kirche

Grundlagen und Definitionen

Nach römisch-katholischer Lehre ist der Papst als Stellvertreter Christi auf Erden unfehlbar. Die Unfehlbarkeit des Papstes bezieht sich aber nur auf Glaubens- und Sittenfragen und wurde mit dem Konzilsdekret Pastor aeternus auf dem 1. Vatikanischen Konzil 18. Juli 1870 unter Papst Pius IX. als (unfehlbarer) Glaubenssatz verkündet. Die Definition lautet:

Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils:
Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (= ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er auf Grund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich.

Nur wenn in aller Form ("Ex cathedra") eine Glaubensüberzeugung zum Dogma erklärt wird, gilt diese als verbindlich und irrtumsfrei. Es dürfen jedoch nur solche Glaubensüberzeugungen zum Dogma erklärt werden, die nicht im Widerspruch zur Hl. Schrift und zur apostolischen Tradition stehen, die in der ganzen katholischen Kirche geglaubt (sensus fidei) und von der Mehrheit der Bischöfe akzeptiert werden. Die Intention der päpstlichen Unfehlbarkeit ist also, dass der Papst bei einem Streit innerhalb der Kirche das "letzte Wort" hat. Das Unfehlbarkeitsdogma will nicht als Freibrief für willkürliche Erfindungen verstanden sein.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der römisch-katholischen Kirche lediglich zwei (Marien-)Dogmen ex cathedra verkündet: das Dogma der Unbefleckten Empfängnis 1854 durch Papst Pius IX. sowie das Dogma Mariä Himmelfahrt, der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel, durch Papst Pius XII. (1950).

Die Katholische Kirche partizipiert an dem Dogma insofern, als dadurch Glaubenszweifel ausgeräumt werden, entsprechend Katechismus von 1992, Paragraph 889:

"Um die Kirche in der Reinheit des von den Aposteln überlieferten Glaubens zu erhalten, wollte Christus, der ja die Wahrheit ist, seine Kirche an seiner eigenen Unfehlbarkeit teilhaben lassen."
Ausformungen und theologische Diskussion

Es verwundert nicht, dass die Unfehlbarkeit auch innerhalb der katholischen Kirche zu einem kontroversen Meinungsaustausch führte. So wurde die Unfehlbarkeit einerseits vehement abgelehnt und führte beispielsweise zur Abspaltung der Altkatholiken (siehe weiter unten). Andererseits ging die Definition des Ersten Vatikanischen Konzils anderen nicht weit genug. Über die Definition des Konzils hinaus wird die Unfehlbarkeit gelegentlich auch anderen Rechtsinstanzen der katholischen Kirche zugeschrieben. In jedem Fall gelten jedoch die Elemente obiger Definition für die Unfehlbarkeit als unverzichtbar. So muss die als unfehlbar vorgetragene Lehre vom Papst (mit-)verkündet werden und bei der Verkündigung der Lehre muss hinreichend deutlich auf die Unfehlbarkeit der Lehrentscheidung verwiesen werden.

Der Papst im allgemeinen

Nach obiger Definition der Unfehlbarkeit ist der Papst in Glaubensfragen nur dann unfehlbar, wenn er ex cathedra spricht. Dies beinhaltet, dass er seine Aussage sinngemäß als endgültig und verbindlich bezeichnen muss. Darüber hinaus wird gelegentlich die Meinung vorgetragen, er sei immer dann unfehlbar, wenn er sein Lehramt ausübe, beispielsweise bei Predigten, Apostolischen Rundschreiben und dergleichen. Allerdings finden sich in der Kirchengeschichte Lehrmeinungen von Päpsten, die später von anderen Päpsten als Irrlehren beurteilt wurden, so bei Johannes XXII., Honorius I. und Nikolaus I.; diese Lehrmeinungen wurden auch als Predigten und somit im Rahmen des ordentlichen Lehramts vorgetragen. Somit wird dem Papst in Ausübung seines ordentlichen Lehramts keine Unfehlbarkeit zugestanden. Trotzdem ist im Allgemeinen zu vermuten, dass die Bischöfe oder der Papst in Ausübung des ordentlichen Lehramtes die korrekte Lehre verkünden - dies gilt nicht bei bekannten Häretikern. Auch ist der Papst nicht sündenfrei, weshalb er wie andere Gläubige die Beichte ablegt.

Bischöfe

Gelegentlich wird einzelnen Bischöfen oder bestimmten Bischofsversammlungen die Unfehlbarkeit zugesprochen. Allerdings wurden in der Kirchengeschichte jedoch sowohl von einzelnen Bischöfen als auch von Bischofskollegien Meinungen gelehrt, die später von der Kirche als Häresie abgelehnt wurden. Ein Beispiel sind die Beschlüsse einer Synode von Ephesus im Jahr 449, die im Jahr 451 vom Konzil von Chalkedon abgelehnt und zurückgewiesen wurden. Aus diesem Grund wird einzelnen Bischöfen und Bischofssynoden nicht die Unfehlbarkeit zugestanden. Den Bischöfen im Allgemeinen und in ihrer kollegialen Gesamtheit wird die Unfehlbarkeit nur insoweit zugestanden, als sie eine unfehlbare Lehrentscheidung in Einheit mit dem Papst vortragen. Die Unfehlbarkeit wird dann durch die Mitwirkung des Papstes sichergestellt.

Konzilien

Konzilien besitzen gemäß katholischer Lehre dann die Unfehlbarkeit, wenn sie eine Lehre als endgültig und verbindlich bezeichnen und wenn der Papst dem jeweiligen Dokument zustimmt. Allerdings bezieht sich die Unfehlbarkeit nicht auf alle Konzilstexte, sondern lediglich auf die hinreichend als unfehlbar gekennzeichneten Passagen. Auch in diesem Fall wird die Unfehlbarkeit durch die Mitwirkung des Papstes sichergestellt. Interessant ist, dass der Papst ohne Zustimmung eines Konzils, das Konzil jedoch nur in Einheit mit dem Papst Glaubenssätze dogmatisieren kann; somit ist die Zustimmung eines Konzils irrelevant.

Konzilstexte im allgemeinen werden nicht als unfehlbar angesehen. Darüber hinaus wird es bei der großen Menge veröffentlichter Konzilstexte als vermessen angesehen, alle Texte wären vollkommen fehlerfrei. Die Dogmatisierung umfangreicher Abhandlungen würde eher zu Glaubensunsicherheit denn zu einer Präzisierung des Glaubens führen, insbesondere wenn der jeweilige Text mehr als eine Interpretation zulässt. Im Gegenzug wurde in vielen Konzilsdokumenten (beispielsweise in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Christi des ersten vatikanischen Konzils) genau festgelegt, welche Absätze unfehlbar sind. Außerdem werden die als dogmatisch verkündeten Glaubensinhalte besonders prägnant formuliert, um den Interpretationsspielraum zu reduzieren.

Ein besonderes Beispiel ist das zweite vatikanische Konzil, es verzichtete vollkommen darauf, neue Glaubenssätze zu verkünden und als dogmatisch, endgültig oder verbindlich einzustufen. Formulierungen wie "wir erklären feierlich", "wir lehren endgültig" fehlen. Papst Johannes XXIII brachte dies zum Ausdruck, indem er das Konzil als pastoral (im Gegensatz zu dogmatisch) einberief. Da den Konzilsvätern andererseits die einschlägigen theologischen Argumente und Formfragen zur Unfehlbarkeit bekannt waren, wird davon ausgegangen, dass sie absichtlich auf die Dogmatisierung einzelner Aussagen verzichteten.

Allgemeines Glaubensgut und Tradition

Allgemein nimmt die römisch-katholische Kirche an, dass das gesamte, von Gott geoffenbarte Glaubensgut (auch Depositum fidei) seit der Urkirche vorhanden ist, soweit es für die Kirche notwendig ist. Sie nimmt ferner an, dass die an sich fehlerfreie, göttliche Offenbarung zwar örtlich und zeitlich begrenzt von Häretikern verfälscht wurde, aber von der kirchlichen Tradition im allgemeinen korrekt weitergegeben wurde. Glaubenssätze dürfen folglich nicht dem widersprechen, was "immer und überall" von der Kirche geglaubt worden ist. Dies bedeutet, dass der betreffende Glaubenssatz bereits vor seiner Dogmatisierung wahr war, dass nur lediglich die Kirche kein Urteil darüber abgegeben hatte.

Hierbei werden gelegentlich die Unfehlbarkeit dieser göttlichen Offenbarung mit der päpstlichen Unfehlbarkeit verwechselt oder gleichgesetzt. Hierbei bezieht sich jedoch die päpstliche Unfehlbarkeit auf das päpstliche Urteil, welche Glaubensinhalte nun der göttlichen Offenbarung entstammen, und welche Aussagen Verfälschungen darstellen."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Unfehlbarkeit. -- Zugriff am 2004-11-12]

1 Matthäusevangelium 26, 14-16; 47-49: "Da ging hin der Zwölf einer, mit Namen Judas Ischariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von dem an suchte er Gelegenheit, dass er ihn verriete." ... "Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, der Zwölf einer, und mit ihm eine große Schar, mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volks. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist's; den greifet. Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Gegrüßet seist du, Rabbi! und küsste ihn."

2 Matthäusevangelium 26, 69- 75: "Petrus aber saß draußen im Hof; und es trat zu ihm eine Magd und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber zur Tür hinausging, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwur dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und über eine kleine Weile traten die hinzu, die dastanden, und sprachen zu Petrus: Wahrlich du bist auch einer von denen; denn deine Sprache verrät dich. Da hob er an sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht. Uns alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an die Worte Jesu, da er zu ihm sagte: »Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen«, und ging hinaus und weinte bitterlich."

3 Papst Pius IX., der Unfehlbarkeitspapst, wurde am 3. September 2000 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.


Nach fünfhundert Jahren1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 28, S. 110. -- 1870-06-19

Das waren die bösen Juden
In Brüssel im Belgerland,
Das waren die bösen Juden,
Die einstmals auf sich luden
Gar arge Schmach und Schand.

Sie hatten viel Geld im Kasten;
Allein die frommen Herrn,
Die feisten Pfäfflein hassten
Das Geld in der Juden Kasten --
Sie hätten's wohl selber gern.

Drob sie verklagen ließen
Die Juden in frommer Wut:
Sie täten die Hostien spießen
Und freventlich vergießen
Das draus geflossne Blut!

Da ward zu blutgem Grimme
Das gläubge Volk entflammt,
Das Judenpack, das schlimme,
Durch Priester- und Volkesstimme
Einmütiglich verdammt.

Man tät am Bart sie raufen,
Hepp, hepp!2 durchs ganze Land;
Spießruten mussten sie laufen,
Es wurden auf Scheiterhaufen
Viel Hundert Juden verbrannt.

Nur Wenige schnürten ihr Bündel
Und machten sich ledig und frei.
Der "liberale Schwindel",
Das "skrophulöse Gesindel",
Sie nannten's Barbarei.

Allein die "Zionswache"3,
Die lieben "Stillen im Land"4 --
Nur eine gerechte Rache
Für eine heilge Sache.
So haben Die's genannt.

Fünfhundert Jahr sind heuer
Verflossen seit jener Zeit.
Zu ihrem Gedächtnis teuer
Hält jetzt eine glänzende Feier
Die hohe Geistlichkeit.

Fünfhundert lange Jahre!
Gefeiert der Judenmord!
In Rom der Unfehlbare!
Und in Berlin? -- -- -- Bewahre!
Ich sage ja kein Wort!

Erklärungen:

1 Bezieht sich auf einen angeblichen Hostienfrevel in Brüssel:

"1369 soll in Brüssel der Küster der Kapelle der Heiligen Katharina sechzehn Hostien für 30 Silberstücke an den obersten Rabbiner der jüdischen Gemeinde verkauft haben. Als eine zum Judentum übergetretene Frau an diesen Hostien „Blut“ bemerkte, beschuldigte sie die Juden vor dem zuständigen christlichen Pfarramt, die Hostien „gestochen’’ zu haben. Auf Grund dieser Anzeige wurden viele Juden ermordet."

[Quelle: http://www.aerztekammer-hamburg.de/funktionen/aebonline/pdfs/1182260635.pdf. -- Zugriff am 2008-01-03. -- Dort Quellennachweis]

2 Hepp, hepp!: Schlachtruf der sog. Hepp-Hepp-Krawalle von 1819 gegen Juden in vielen Städten Deutschlands, in Amsterdam, Kopenhagen und einigen Orten in Polen. Sie gingen vor allem von Handwerkern, Händlern und Studenten aus, die sich teils spontan, teils verabredet zu antijüdischen Demonstrationen versammelten, jüdische Bürger beschimpften, bedrohten, misshandelten, ihre Synagogen, Geschäfte und Wohnungen angriffen und teilweise zerstörten. Dabei gab es eine unbekannte Anzahl von Todesopfern und Verletzten unter Juden und Nichtjuden. (Wikipedia)

3 Zionswache

"Zionswächter, Einer, welcher für seinen positiven Glauben allenthalben Gefahren sieht u. gegen dieselben wächterhaft nach allen Seiten ausschauend Andere von der einzigen Wahrheit seines Glaubens zu überzeugen sucht."

[Quelle: Pierer's Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart oder Neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe.  -- 4., umgearbeitete und stark vermehrte Auflage. -- Altenburg: Pierer, 1857 - 1865. -- 19 Bde. -- Bd. 19, S. 652. -- Online: http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Zionsw%C3%A4chter. -- Zugriff am 2008-01-03]

4 Stillen im Land = Erweckte



Abb.: Schenken und Plazieren Ausschnitt>. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 28, S. 112. -- 1870-06-19

Ich schenke Ihnen die Infallibilität1.
Legen Sie ihr man dahin!

Erklärung:

1 Infallibilität = Unfehlbarkeit


Zum 29. Juni1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 29/30, S. 113. -- 1870-06-26

Abergläubische Verehrer
Gab's die Jahre her genug,
In den Köpfen eurer Lehrer Lasst
Gespenst und Wahn und Trug.

Goethe (Aus dem "Gesetz der Trübe")2

Werden's wirklich noch ergründen
Bis dahin die frommen Väter?
Wird er's noch an Sankt Paul und Peter
Noch ex cathedra verkünden?
Sei's! Ich habe nichts dagegen;
Alles Heil und allen Segen
Ihm des Gottesreiches Mehrer!
Item diesem allerletzten,
Allerlustigsten und nettsten
Ökumenischen Konzile
Wünsch ich recht von Herzen viele
Abergläubische Verehrer!

Mach die Woche mir zu Nutze,
Da ein Wörtlein noch gewährt ist?
Wenn das Dogma erst erklärt ist,
Steht's in des Gesetzes Schutze.
Ja, ich will's, will heut mich eilen;
Glaubt mir, der schon zuweilen
Eines Wortes Kosten trug.
Denn der Denuziationen
Und der Konfiskationen
Und der angenehm gedeihlichen
Gastlichkeit, der stadtvogteilichen,
Gab's die Jahre her genug!

Also wenn der Hundstagswonne
Höchste Grade wir erreichen,
Und wenn in des Löwen Zeichen
Tritt am Firmament die Sonne,
Siegt in Rom der unfehlbare
Papst, der heilige und wahre
Geist- und Wissenschaft-Umkehrer!
Dann, ihr gläubigen Gemeinden,
Wird bei allen euren Feinden
Jubel herrschen und Entzücken,
Und ein großes Hirnverrücken
In den Köpfen eurer Lehrer!

Aber wir -- mit heitren Mienen
Spotten ihrer wir im Stillen,
Wissend, dass sie wider Willen
Unsrer guten Sache dienen.
Immer munter nur! Je krasser
Desto besser! Denn zu Wasser
Geht nur, bis er bricht, der Krug.
Brechen wird er! Und mit Lachen
Sehn wir ihn zusammenkrachen.
Darum lasst -- ihr sollt uns loben --
Lustig bis zu Ende toben
Lasst Gespenst und Wahn und Trug!

Erklärungen:

1 29. Juni: Fest der Apostelfürsten Peter und Paul. Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes wurde erst am 18. Juli 1870 verkündet.

2 Goethe: Zahme Xenien VI

Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt
Und mit kümmerlichstem Jammer
Sich verschrobnen Bildern bückt.
Abergläubische Verehrer
Gab's die Jahre her genug,
In den Köpfen eurer Lehrer
Lasst Gespenst und Wahn und Trug.

Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt,
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen, ewigen Grund.



Abb.: Illustrierte Rückblicke >Ausschnitt>. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 29/30, S. 117. -- 1870-06-26

Eritis sicut Deus scientes bonum et malum.1 — Oder der neue Sündenfall.

Erläuterung: Die jesuitische Schlange verführt den Papst mit dem Apfel der Unfehlbarkeit, die Vernunft mit dem Apfel der Erkenntnis bleibt unbeachtet.

1 Eritis sicut Deus scientes bonum et malum (Vulgata) = Ihr werdet wie Gott sein und wissen, was gut und böse ist

Genesis, 3, 1-5: "Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt's auch nicht an, dass ihr nicht sterbt. Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist."


Ultramontaner1 Ehrenspiegel. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 31, S. 122. -- 1870-07-03

Das katholische "Märkische Kirchenblatt"2 zeigt an, dass in Prag bei Hunger Gedichte von Berg3 erschienen seinen, in denen endlich einmal Tilly4 nach Verdienst gefeiert werde. Das Müller-Strobel'sche5 Organ knüpft daran den Wunsch, es möchten doch bald auch Tetzel6 und andere Koryphäen der Ultramontanen in würdiger Weise poetisch verherrlicht werden.

Wir kommen den Wünschen des ehrbaren Blattes entgegen, indem wir eine kleine Sammlung von Liedern veröffentlichen, die sich vorzüglich dazu eignen, von Müllers5 "Knechten" in fromm-fröhlichen Versammlungen abgesungen zu werden.

1. Vom wilden Tilly4.

Auf, senget und brennet,
Den Ketzern zum John!
Erhebet den Tilly,
Der war ein Patron!
Er ehrte die Priester,
Die Säuglinge spießt er.
Juchheirassassa!

In Magdeburg zeigt' er's,
Wie schön er's verstund;
Das Ketzernest brannt' er
In Boden und Grund.
Da fanden hinförder
Kein Brot mehr die Mörder.
Juchheirassassa!

Der König von Schweden7,
Der war nur ein Tropf,
Hatt' nur Gustav-Adolfs-
Vereine8 im Kopf.
Der Tilly war nobel,
Ein Kerl wie der Strobel5.
Juchheirassassa!

Auf, senget und brennet
Im trauten Verein!
Es lebe der Tilly!
So donnert darein,
Undd gießt dazu munter
Den Gilka9 hinunter!
Juchheirassassa!

2. Vom verkannten Tetzel6.

Mit seinem Ablasskasten
Zieht Tetzel wohl über's Land.
Er hält nicht viel vom Fasten --
Und doch ist er sehr verkannt.

Den Handel versteht er gründlich,
Wird nicht, wie Quistorp10, bankrott.
Er lebt -- um nicht grad sündlich
Zu sagen -- ein Bisschen flott.

Er nährt sich vom frommen Bettel
Und sonst von kräftger Kost.
Acht Gute kostet ein Zettel --
Auswärtge auch per Post.

Und wer sich hat versehen
Mit einem Zettel -- juchhei!
Der kann getrost begehen
Ein Mördlein oder auch zwei.

Mit sich führt er sein Schätzel --
Der Tetzel ist ncht dumm.
Du armer, verkannter Tetzel,
Wie warst du doch so frumm!

3. Frühling in Spanien.
Aus der guten alten Zeit.

Im Myrtenhain da brodelt es,
Da kocht etwas ganz entschieden.
Da ist der Peter Arbues11,
Der lässt einen Ketzer sieden.
Zum Teufel fuhr die arme Seel --
Das kann uns völlig gleich sein!
Der Ketzer siedet in gutem Öl
Und wird in 'ner Stunde weich sein.

Im Rosenhag da brätelt es --
Was ist das? könnt ihr's erraten?
Das ist der Peter Arbues,
Der lässt einen Juden braten.
Frühmorgens wurd er aufgespießt --
Das musst ein Lust zu schaun sein!
Wenn man ihn gut mit Fett begießt,
So kann er auf Mittag braun sein.

Am Veilchenbach da duftet es
Nach langsam geschmorten Mohren.
Das ist der Peter Arbues,
Der lässt einen Mohren schmoren.
Im Schmortopf steckt der feiste Mohr
Mit Zwiebeln und mit Gewürzen.
Die Jesuiten stehn davor
Mit weißen Küchenschürzen.

Wie lieblich doch in der Natur
Erschallen des Priesters Flüche,
Wenn leise ziehn über Hain und Flur
Die brenzlichen Gerüche.
Wie blühet und strotzt von Herrlichkeit
Der fromme Jesuitenorden.
Der Frühling ist doch die beste Zeit,
Da kann man im Freien morden!

Erklärungen:

1 Ultramontan

"Ultramontanismus (lat.), diejenige Auffassung des Katholizismus, die dessen ganzen Schwerpunkt nach Rom, also jenseits der Berge (ultra montes), verlegen möchte; ultramontan ist somit das ganze Kurial- oder ð Papalsystem (s. d.). Vgl. v. Hoensbroech, Der U. (2. Aufl., Berl. 1898); L. K. Goetz, Der U. als Weltanschauung (Bonn 1905)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Märkisches Kirchenblatt. -- Berlin. -- 1858 - 1895; 39.1896 - 62.1919; damit Ersch. eingest. -- Vorgänger: Kirchlicher Anzeiger für die Katholiken

3 Berg: ich kann den Gedichtband nicht bibliographisch nachweisen.

4 Johann Tserklaes, Graf vonTilly (1559 - 1632)

"Tilly, Johann Tserklaes, Graf von, berühmter Feldherr des Dreißigjährigen Krieges, geb. im Februar 1559 auf dem Schloss Tilly in Brabant, gest. 30. April 1632 in Ingolstadt, ward in einem Jesuitenkloster erzogen, trat zuerst in spanische, dann in lothringische, 1598 in kaiserliche Dienste, focht 1600 als Oberstleutnant in Ungarn gegen die Insurgenten und Türken, stieg 1601 zum Obersten eines Wallonenregiments und nach und nach zum Artilleriegeneral auf und erhielt 1610 von Maximilian I. von Bayern die Reorganisation des bayrischen Kriegswesens übertragen. Beim Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zum Feldmarschall der katholischen Liga ernannt, gewann er 8. Nov. 1620 die Schlacht am Weißen Berg, verfolgte 1621 den Grafen Ernst von Mansfeld bis in die Oberpfalz. dann in die Rheinpfalz, wurde 27. April 1622 von dem Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach und Mansfeld bei Wiesloch geschlagen, besiegte aber dann den erstern 6. Mai bei Wimpfen am Neckar, hier auf den Herzog Christian von Braunschweig 20. Juni bei Höchst a. M. und eroberte Heidelberg, Mannheim und Frankenthal. Infolge des entscheidenden Sieges 5. und 6. Aug. 1623 bei Stadtlohn im Münsterschen über den Herzog von Braunschweig ward T. vom Kaiser in den Grafenstand erhoben. Er blieb zunächst in Niedersachsen stehen, wo er die gewaltsame Restitution der protestantischen Bistümer und Klöster an die katholische Kirche und die Jesuiten ins Werk setzte, schlug 27. Aug. 1626 den Dänenkönig Christian IV. bei Lutter am Barenberg, eroberte mit den Kaiserlichen unter Wallenstein Schleswig-Holstein und Jütland und zwang den König 12. Mai 1629 zum Abschluss des Friedens von Lübeck. 1630 an Wallensteins Stelle zum Generalissimus der ligistischen und kaiserlichen Truppen ernannt, übernahm er die Durchführung des Restitutionsedikts in Norddeutschland und begann zu diesem Zweck die Belagerung von Magdeburg, das nach der Einnahme 20. Mai 1631 in Flammen ausging. Da er Gustav Adolfs Vordringen in Pommern nicht hatte hindern und sich an der Niederelbe nicht hatte behaupten können, fiel er plündernd und verwüstend in Sachsen ein, trieb aber hierdurch den sächsischen Kurfürsten zum Bündnis mit Gustav Adolf, deren vereinigtem Heer er 17. Sept. 1631 in der Schlacht bei Breitenfeld, in welcher der König seine überlegene Kriegskunst entwickelte, erlag; T. selbst wurde verwundet, sein Heer löste sich auf. Er eilte hierauf nach Halberstadt, wo er Verstärkungen an sich zog, und brach dann nach dem von den Schweden bedrohten Bayern auf. Bei Verteidigung des Lechübergangs bei Rain 5. April 1632 ward ihm durch eine Falkonettkugel der rechte Schenkel zerschmettert, was seinen Tod herbeiführte. T. hasste Aufwand und äußere Ehrenbezeigungen, verschmähte es, sich an der Kriegsbeute zu bereichern, und hielt auch in seinem Heere strenge Manneszucht. Die Ausrottung der Ketzerei in Deutschland war ihm Gewissenssache; er hat dem Kampf den fanatisch religiösen Charakter ausdrücken helfen. Die neuern katholischen Schriftsteller, insbes. O. Klopp (»T. im Dreißigjährigen Kriege«, Stuttg. 1866, 2 Bde.; neue Bearbeitung, Paderb. 1891–96, 3 Bde.) und Villermont (»Tilly«, Tournai 1859, 2 Bde.; deutsch, Schaffh. 1860), haben T. von manchem unberechtigten Vorwurf gereinigt, gehen aber in ihrer sonstigen Rettung zu weit. Vgl. auch Magdeburg, S. 61. 1843 ward ihm in der Feldherrenhalle zu München eine Statue (Modell von Schwanthaler) errichtet. Sein Bildnis s. Tafel ð »Feldherren des Dreißigjährigen Krieges« (im 5. Bd.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

5 Eduard Müller (1818 - 1895)

"Müller, Eduard, kath. Theologe, Politiker, geb. 15.11.1818 Quilitz (Kr. Glogau, Schlesien), gest. 6.1.1895 Neisse (Oberschlesien)

Nach den Studium der Theologie in Breslau und der Priesterweihe 1843 war M. Kaplan in Löwenberg und Sagan. Seit 1852 "Missionsvikar" in Berlin, baute er dort das kath. Vereinswesen und die kath. Presse auf. 1853-91 gab er das "Märkische Kirchenblatt", 1863-83 den "Bonifatiuskalender" heraus. 1870 gehörte M. zu den Initiatoren der Gründung einer kath. Partei, gewann bei den Wahlen zum ersten Reichstag als Kandidat des Zentrums den oberschlesischen Wahlkreis, musste jedoch infolge des Kulturkampfes 1891 auf Druck des Breslauer Fürstbischofs sein Mandat und sein kirchliches Amt niederlegen und lebte danach im Kloster der Grauen Schwestern in Neisse."

[Quelle: Deutsche biographische Enzyklopädie & Deutscher biographischer Index. -- CD-ROM-Ed. -- München : Saur, 2001. -- 1 CD-ROM. -- ISBN 3-598-40360-7. -- s.v.]

Johannes Strobel: Schlossermeister

6 Johann Tetzel (1465 - 1519)

"Tetzel, Johann, kath. Theolog, geb. um 1465 in Pirna (nicht Leipzig), gest. wahrscheinlich 4. Juli (nicht August) 1519 in Leipzig, trat um 1489 in den Dominikanerorden und wurde 1509 zum Inquisitor für Sachsen ernannt. Von 1504–10 predigte er den Ablass für den Deutschen Ritterorden in Sachsen, am Unterrhein, in Schlesien und Franken, seit 1514 den Ablass für die Peterskirche als Unterkommissar des Erzbischofs Albrecht von Mainz, bis Luther 31. Okt. 1517 mit seinen Thesen gegen das beim Ablasshandel eingerissene Unwesen auftrat. 1518 wurde T. in Frankfurt a. O. Doktor der Theologie. Dass er in Innsbruck wegen Ehebruchs zum Tode mittels Ersäufens verurteilt worden sei, ist Legende. Vgl. Kawerau, Sobald das Geld im Kasten klingt (Barm. 1890); Paulus, Johann T. (Mainz 1899)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

7 König von Schweden: Gustav Adolf (1594 - 1632)

"Gustav (II.) Adolf, König von Schweden, geb. 19. (9.)Dez. 1594 in Stockholm, gest. 16. (6.) Nov. 1632, Enkel des vorigen, genoss eine ausgezeichnete wissenschaftliche und militärische Erziehung, die seine hervorragenden Anlagen zur glänzendsten Entwickelung brachte. Als er nach einer kurzen Vormundschaftsregierung im Dezember 1611 seinem Vater Karl IX. (s. d.) folgte, war das schwedische Reich zu gleicher Zeit in drei gefährliche Kriege verwickelt. Der Krieg gegen die Dänen, die bei seinem Regierungsantritt ganz Südschweden besetzt hielten, endete damit, dass Schweden im Frieden von Knäröd (30. Jan. 1613) Elfsborg und einige andre Gebiete für 1 Mill. Tlr. zurückkaufen musste, was sich wegen der kurzen Zahlungsfrist (6 Jahre) und der Erschöpfung des Staatsschatzes nur durch persönliche Opferwilligkeit des Königs und seiner Untertanen erreichen ließ. Der Krieg gegen die Russen, dessen Leitung G. Adolf 1614–15 selber übernahm, verlief dagegen glücklich und führte im Frieden zu Stolbowa (9. März 1617) zur Einverleibung von Karelien und Ingermanland. Mit seinem polnischen Vetter, dem katholischen Wasaspross König Siegmund III. (s. d.), der sein Anrecht auf den schwedischen Thron bestritt, stand G. Adolf, trotz wiederholter Waffenstillstände, von Anfang an auf gespanntem Fuße. Nachdem schon 1617 Pernau in seine Hand gefallen war, landete er im Sommer 1621 an der Dünamündung und brachte in mehreren Feldzügen (1621–22, 1625–26) Livland, Kurland und Estland sowie die wichtigen preußischen Städte Memel, Pillau, Braunsberg und Marienburg in seine Gewalt. Zu diesen auswärtigen Errungenschaften gesellte sich eine nicht minder erfolgreiche Reformtätigkeit im Innern. Für die Hebung des Volkswohlstands wurde durch Unterstützung von Handel, Gewerbe und Schifffahrt, Verbesserung der Verkehrswege, Städtegründungen, Berufung kundiger Ausländer zur Einführung neuer Industrien etc. trefflich gesorgt, die Organisation der Zentral- und Lokalbehörden neu geregelt, die Rechtspflege durch Einführung einer neuen Prozessordnung (1614) sowie durch Errichtung von Hofgerichten in Stockholm (1614), Åbo (1623) und Dorpat (1629) wesentlich verbessert, die geistige Bildung auf mannigfaltige Art gefördert, die Kompetenz der Volksvertretung durch die Reichstagsordnung von 1617, die den Reichstag in vier Stände einteilte, gesetzlich festgelegt, der Adel durch neue Vorrechte (Ritterhausordnung von 1626) völlig für das Königtum gewonnen, dessen Hauptstütze er fortan im Heer wie in der Verwaltung bildete. So hatte G. Adolf in wenigen Jahren nicht nur das Ziel seiner auswärtigen Politik, die Ostseeherrschaft, fast erreicht, sondern auch ein blühendes nordisches Reich geschaffen, dessen gewaltige, in vielen Schlachten erprobte und von tüchtigen Feldherren geleitete Kriegsmacht bald eine hervorragende Rolle in der Geschichte Europas zu spielen berufen sein sollte.

Schon während des polnischen Krieges war G. Adolf ein aufmerksamer Beobachter des Krieges gewesen, der seit 1618 Deutschland verheerte, zumal der Kaiser den Polen offen Beistand leistete, selber die Ostseeherrschaft zu erlangen suchte und die in Schweden regierende protestantische Wasalinie bedrohte. Infolge der Ablehnung aller schwedischen Friedensvorschläge polnischerseits hatte er jedoch die wiederholte Aufforderung Frankreichs und der Niederlande, sich an die Spitze der deutschen Protestanten zu stellen, ablehnen müssen und den Hilferufen seiner verjagten mecklenburgischen Verwandten, des Böhmenkönigs Friedrich V. von der Pfalz sowie der Stadt Stralsund nur teilweise entsprechen können (s. ð Dreißigjähriger Krieg, S. 190 f.). Erst der durch französische Vermittelung 26. Sept. 1629 in Altmark (Westpreußen) auf sechs Jahre abgeschlossene schwedisch-polnische Waffenstillstand ermöglichte es ihm, nach Vollendung seiner Rüstungen sich mit Zustimmung des Reichstages nach Deutschland zu wenden. Es waren nicht bloß religiöse, aber auch keineswegs lediglich politische Beweggründe, die ihn zu diesem Schritt bestimmten, vielmehr gingen beide Motive nebeneinander her.

Am 5. Juli 1630 mit 13,000 Mann auf deutschem Boden gelandet, bemächtigte er sich der Inseln Usedom, Wollin und Rügen sowie, nach Unterwerfung des Herzogs Bogislaw XIV. von Pommern, der Stadt Stettin (vgl. Bogislaw 2). Hierauf durch Zuzüge aus den Ostseeprovinzen auf 40,000 Mann verstärkt, begann er schrittweise die Eroberung ganz Pommerns, Mecklenburgs sowie Brandenburgs und erhielt durch den Vertrag von Bärwalde (23. Jan. 1631) von Frankreich die zur Fortführung des Krieges erforderlichen Hilfsgelder zugesichert. Sein Plan, Magdeburg zu entsetzen, wurde durch Brandenburg und Sachsen, die ihm den Durchmarsch verweigerten, vereitelt. Vergebens machte er, um Tilly abzulenken, im April eine Demonstration gegen Schlesien und erstürmte Frankfurt a. O. sowie Landsberg a. W. Als sein brandenburgischer Schwager, Kurfürst Georg Wilhelm (s. ð Georg 4), sich endlich (14. Mai) durch schwedische Gewaltmaßregeln genötigt sah, den Schweden vertragsmäßig den Durchzug durch sein Gebiet zu gestatten und ihnen die Festung Spandau als militärischen Stützpunkt einzuräumen, war es schon zu spät. Gerade die Zerstörung Magdeburgs (20. Mai) führte indessen eine für G. Adolfs Bestrebungen günstige Wendung herbei. Die Bildung einer protestantischen Mittelpartei war fortan unmöglich. Vielmehr schlossen Brandenburg (21. Juni) und Sachsen (11. Sept.), dessen Kurfürst Johann Georg I. seine Lande, trotz seiner Neutralitätserklärung, durch Tilly hart bedrückt sah, ein Bündnis mit G. Adolf, der in Sachsen einrückte. Der am 17. Sept. erfochtene glänzende Sieg des Schwedenkönigs bei ð Breitenfeld (s. d.) über Tilly befreite mit Einem Schlage ganz Norddeutschland von den Kaiserlichen. Die deutschen Fürsten, von denen sich ihm bisher, außer Landgraf Wilhelm von Hessen und Herzog Bernhard von Weimar, nur die aus ihren Ländern vertriebenen angeschlossen hatten, suchten nunmehr eifrig seinen Schutz oder sein Bündnis, und die evangelische Bevölkerung, besonders die Bürgerschaft der Reichsstädte, begrüßte ihn als Befreier. Als er im Herbste durch Thüringen nach Franken und dem Mittelrhein zog, stieß er fast nirgends auf erheblichen Widerstand. Würzburg, Hanau und Frankfurt fielen rasch in seine Hand, Nürnberg begab sich in seinen Schutz, und die fränkischen Stände huldigten ihm als Herzog von Franken. In Mainz, wo er während des Winters blieb, fasste er den Plan, den Evangelischen einen für immer gesicherten Frieden zu erkämpfen und sie zu einem Bund unter Schwedens Führung zu einigen. Zu diesem Zwecke vereinigte er sich im März 1632 bei Kitzingen mit seinem General Horn, folgte Tilly über Nürnberg und Donauwörth zum Lech, dessen Übergang er erzwang, und hielt Mitte Mai seinen Einzug in München. Erst das Wiederauftreten Wallensteins setzte seinem weitern Vordringen ein Ziel. Zwei Monate lang standen beide in befestigten Lagern bei Nürnberg einander gegenüber. Nach einem vergeblichen Versuch, das feindliche Lager zu erstürmen, wandte sich G. Adolf Anfang September nach Schwaben, rückte aber, infolge der Kunde von Wallensteins Einfall in Sachsen, in Eilmärschen dorthin, um seine eigne Stellung in Norddeutschland zu sichern und Kurfürst Johann Georg vom Abfall abzuhalten, und vereinigte Anfang November seine Streitkräfte in Erfurt. Wenige Tage später fiel er in der Schlacht bei ð Lützen (s. d.).

Für den Glanz seines Namens starb G. Adolf zur rechten Stunde: er strahlte fortan im Andenken der Protestanten als Glaubensheld, der für das Evangelium den Heldentod erlitten. Dieser Nimbus wäre aber zweifellos verblichen, hätte er seinen Plan, durch Eroberungen an Deutschlands Küsten die Alleinherrschaft im Baltischen Meer (dominium maris baltici) zu erringen, verwirklicht, wodurch er so manche Interessen verletzen und große Schwierigkeiten hervorrufen musste. Gleichwohl war sein Tod für die Sache des deutschen Protestantismus, dem von nun an eine einheitliche, zielbewusste Leitung fehlte, wie für die junge schwedische Großmacht ein unersetzlicher Verlust. – In religiöser Hinsicht fromm, aber nicht unduldsam, als Staatsmann besonnen und umsichtig, war er als Krieger tapfer bis zur Tollkühnheit, aber gerade deshalb bei seinem Heer wie beim deutschen Volk sehr beliebt. Seine Leistungen in der Taktik, seine Neuerungen in der Bewaffnung, Einteilung und Ausstellung der einzelnen Truppengattungen sowie im Geschützwesen waren epochemachend, seine Soldaten in Bezug auf Manneszucht und moralische Tüchtigkeit damals unerreicht. Feldherren wie Johan Banér, Nils Brahe, Gustav Horn, Torstensson und Karl Gustav Wrangel waren seine militärischen Schüler, während er selber in der Politik den Reichskanzler A. ð Oxenstierna (s. d.) zum Lehrmeister hatte. – Seit 1620 mit der brandenburgischen Prinzessin Maria Eleonora vermählt, hinterließ er nur eine Tochter, ð Christine (s. d.). Außerdem hatte er einen unehelichen Sohn, den spätern Grafen G. Gustafsson von Wasaborg (geb. 1616 oder 1617, gest. 1653). In Schweden und Deutschland wurden ihm mehrere Denkmäler errichtet. Ein dauerndes Andenken fand er in Deutschland durch den ð Gustav Adolf-Verein (s. d.). Sein Bildnis s. auf Tafel ð »Feldherren des Dreißigjährigen Krieges« (Bd. 5)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

8 Gustav-Adolf [!]-Vereine

"Gustav Adolf-Verein (Evangelischer Verein der Gustav Adolf-Stiftung) ist eine Vereinigung innerhalb der evangelisch-protestantischen Kirche mit dem auf Gal. 6, 10 gegründeten Zweck, den kirchlichen Bedürfnissen der in der ð Diaspora (s. d.) lebenden Glaubensgenossen nach Kräften Abhilfe zu leisten. Im Anschluss an die zweite Säkularfeier des Todes Gustav Adolfs (6. Nov. 1832) erließen Superintendent ð Großmann (s. d. 2), der Archidiakonus Goldhorn und der Kaufmann Lampe zu Leipzig einen Ausruf zur Beteiligung an dem Unternehmen, das zunächst fast auf Leipzig und Dresden beschränkt blieb, von dem aber bis 1840 bereits 31 Gemeinden mit 1233 Tlr. unterstützt wurden. Als zum Reformationsfest 1841 der Darmstädter Hofprediger Zimmermann, ohne von dem sächsischen Unternehmen zu wissen, einen Ausruf zur Begründung eines Vereins mit gleichem Zweck erließ, verständigte man sich gegenseitig und gründete 16. Sept. 1842 zu Leipzig den Evangelischen Verein der Gustav Adolf- Stiftung. Nach den zu Frankfurt 1843 festgestellten Satzungen umfasst die Wirksamkeit des Vereins lutherische, reformierte, unierte sowie solche Gemeinden, die ihre Übereinstimmung mit der evangelischen Kirche glaubhaft nachweisen. Die Mittel dazu werden erlangt durch die jährlichen Zinsen vom Kapitalfonds des Vereins sowie durch jährliche Geldbeiträge von völlig beliebigem Betrag, durch Schenkungen, Vermächtnisse, Kirchenkollekten etc. In jedem Bundesstaat (bei größern in jeder ihrer Provinzen) wird die Bildung von Hauptvereinen angestrebt, denen sich Zweigvereine in einzelnen Orten angliedern. Ihr gemeinsamer Mittelpunkt ist der aus 24 Mitgliedern bestehende Zentralvorstand mit dem Sitz in Leipzig (Vorsitzender bis 1857 Großmann, bis 1875 Geheimer Kirchenrat Hoffmann, bis 1900 Geheimer Kirchenrat Professor D. Fricke, zurzeit Geheimer Kirchenrat D. Pank). Das Zentralbureau befindet sich in Leipzig. Von den Einnahmen der Zweigvereine steht ein Drittel diesen zu freier Verfügung, zwei Drittel sind an den Hauptverein abzuführen, der wiederum ein Drittel dem Zentralvorstand zu überweisen hat.

Während die bayrische Regierung dem G. die Bildung von Zweigvereinen zunächst untersagte und erst im September 1849 gestattete, wurde die Genehmigung in Preußen schon im Februar 1844 erteilt. Im September 1844 erfolgte zu Göttingen der Anschluss der preußischen Vereine an den Gesamtverein. In Österreich konnte der Verein erst nach den 1861 erlassenen Religionspatenten seine Wirksamkeit beginnen. Allmählich traten dem Verein in Ungarn und der Schweiz, in Frankreich, Russland, Schweden, Rumänien, Italien und Holland Hilfsvereine zur Seite; die protestantischen Gemeinden Belgiens und die Evangelisationsgesellschaft im Elsass (1890) schlossen sich ihm an. Die seit 1851 bestehenden Frauenvereine haben sich den Schmuck und die Ausstattung der Gotteshäuser, die Pflege der Konfirmandenanstalten, die Unterstützung von Predigerwitwen und -Waisen zur besondern Aufgabe gemacht. 1903 zählte der Verein 45 Haupt- und 1943 Zweigvereine, dazu 632 Frauenvereine. Die Einnahmen betrugen 2,402,742 Mk. Im letzten Vereinsjahr wurden 1,738,525 Mk. an Unterstützungen aufgewendet, im ganzen bis 1903: 43,566,700 Mk., die über 5302 Gemeinden verteilt wurden. Das Gesamtvermögen der Vereine und des Zentralvorstandes betrug 1903: 5,148,047 Mk. Organe des Gustav Adolf-Vereins sind die von mehreren Hauptvereinen herausgegebenen »Boten des Evangelischen Vereins der Gustav Adolf-Stiftung«; ferner erscheinen alljährlich vom Zentralvorstand herausgegebene »Fliegende Blätter«, mehrere Gustav Adolf-Kalender, Berichte über die Hauptversammlungen und andre Vereinsschriften. Vgl. Zimmermann, Der G. nach seiner Geschichte, seiner Verfassung und seinen Werken (Darmst. 1878) und Die Bauten des Gustav Adolf- Vereins (das. 1850–76, 2 Bde.); Zenker, Der G. in Haupt und Gliedern (Leipz. 1882); Blanckmeister, Gustav Adolf-Stunden (das. 1894); v. Criegern, Geschichte des Gustav Adolf-Vereins (das. 1903); Pank jun., Gustav Adolf-Verein (das. 1904) und Gustav Adolf-Atlas (das. 1903)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

9 Gilka: Getreidekümmelschnaps aus der Fabrik von Gilka in Berlin

10 Johann Quistorp: Bankier

11 Heiliger Peter de Arbuës (1411 - 1485)

"Arbuës, Peter de, span. Inquisitor, geb. mit 1411 zu Epila in Aragonien, Augustiner-Chorherr in Saragossa, warb 1484 zum ersten Inquisitor für Aragonien berufen und erwarb sich als solcher den Ruf eines unermüdlichen Verfolgers der Ketzer. Die Freunde und Verwandten seiner zahlreichen Opfer verschworen sich gegen ihn, und er starb 17. Sept. 1485 infolge eines Attentats, das in der Kirche vor dem Altar auf ihn gemacht worden war. A. wurde bald nach seinem Tod ein hochgefeierter Wundermann. Papst Alexander VII. sprach ihn 1661 selig, und Pius IX. nahm ihn 29. Juni 1867 in die Zahl der Heiligen auf. W. v. Kaulbach hat ihn auf seinem Bilde: Peter A. von Epila verurteilt eine Ketzerfamilie zum Tode, nach dem Typus von Schillers Großinquisitor dargestellt. Vgl. Zirngiebl, Peter A. (3 Aufl., Münch. 1872)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Die ganze Bande / Karikatur von Wilhelm Scholz (1824 - 1893). -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 38/39, S. 156. -- 1870-08-21

 Und das wollte, "an der Spitze der Zivilisation marschierend" Deutschland überschwemmen!.

Erläuterung:

"Der Kladderadatsch bringt ein »Gruppenbild mit Damen«, auf dem sämtliche ihm verhassten Vertreter des bonapartistischen Frankreichs dargestellt sind. Im Vordergrund sieht man die Kaiserliche Familie - Napoleon III., Eugenie, deren Sohn »Lulu« -, dahinter die Vettern, Prinz Pierre Bonaparte (mit Bart), der einen Journalisten erschossen hatte und straffrei ausgegangen war, dann »Plonplon«, das heißt Jérôme Napoleon, der intrigierende Senator, bekannt durch seine Ähnlichkeit mit Napoleon I. Neben der Kaiserin erkennt man die Cousine Mathilde Bonaparte, die eine bedeutende mondäne Rolle gespielt hatte. Links und rechts: echt Pariser Kokotten. Im Hintergrund, von links nach rechts: Mönche als Fabrikanten des Chartreuse-Likörs, dann der Redakteur des Journal officiel, der Niederlagen als Siege verkündet, daneben sein Kollege, der Polemist Adolphe Granier de Cassagnac, vom Scharfmacherblatt Le Pays, dann ein Mobilgardist (Landsturmmann) mit Champagnerglas und Freiheitsmütze; hinten links zwei Turkos (afrikanische Hilfstruppen). Das Ganze wird überragt von der Tiara des Papstes, der am 18. Juli 1870 durch das I. Vatikanische Konzil das Unfehlbarkeits-Dogma hatte beschließen lassen. Die wehende Damenunterwäsche, gekrönt von einer Lockenperücke mit Haube und Bändchen, symbolisiert das »Weibische« der französischen Nation. Die randvolle Zeichnung ist ein typisches Beispiel der deutschen Karikatur; sie unterscheidet sich von der wesentlich großflächiger und beweglicher angelegten französischen Lithographie."

[Quelle: Koch, Ursula E. <1935 - >: Der Teufel in Berlin : von der Märzrevolution bis zu Bismarcks Entlassung ; illustrierte politische Witzblätter einer Metropole, 1848 - 1890. -- Köln : Informationspresse Leske, 1991. -- 880 S. : zahlr. Ill. ; 25 cm. -- (Reihe ilv-Leske-Republik Satire und Macht). -- (ISBN 3-921490-38-3). -- S. 367]


Rom, am zweiten Oktober1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 47, S. 185. -- 1870-10-09

Nicht wie ein Held, der tantenruhmumglänzt
Im Männerkampf von Feindesmacht erschlagen,
Mit Sang und Klang, die Stirn lorbeerumkränzt,
Auf blankem Schild zu Grabe wird getragen --

Kein Märtyrer, der zur Blutzeugenschaft
Die Folter der Inquisition gefordert,
Der, von des Scheiterhaufens Loh' entrafft,
In flammender Majestät zum Himmel lodert --

Nicht wie der Eiche tausendjährger Stamm,
Den eines Blitzes jäher Strahl zersplittert;
Nicht wie des Bergs urfester Felsendamm,
Bei dessen Einsturz rings die Erd erzittert --

Nicht wie der Tag, der seinen Lauf vollbracht,
Im Glorienschein der Abendsonnengluten,
Ein strahlender Prophet der Sternennnacht,
Hinscheidend sinkt in heilge Meeresfluten --

Nein, wie ein welkes Laub, am frischen Ast
Noch hangend mit den grünen Blättern allen,
Verweht, von leisen Windes Hauch erfasst,
Bist du vom Baum des Lebens abgefallen.

Verdorrt am Boden und zernagt vom Wurm
Des Hochmuts längst entschwundner Majestäten,
Hat, vorwärts eilend in der Schlachten Sturm,
Der Weltgeist im Vorbeigehn dich zertreten.

Am Wege, kaum beachtet, eingescharrt
Von Tritten Derer, die vorüberschreiten,
Liegst du, ein Ärgernis der Gegenwart
Und eine Torheit all den künftgen Zeiten.

Ein Szepter und ein strahlend Diadem,
Dem Ehrfurcht die Jahrhunderte bezeugten;
Ein Herrscherstuhl, ein Thron der Macht, vor dem
Die Mächtigen der Erde stumm sich beugten --

So war es einst! Und heut? -- Ein Schemen nur,
Ein blasses Schattenbild vergangner Zeiten,
Verblichen fast bis auf die letzte Spur
Der Zauberglanz all seiner Herrlichkeiten!

Sein Krummstab herrscht, ein gar zerbrechlich Ding,
Nur in dem ihm gewiesenen Asyle;
Sein Reif -- ein Ring, wie jeder andre Ring,
Sein Thron -- ein Stuhl, wie all die andern Stühle!

"Non possumus!"2 und "Sit anathema!"3
Das, sagt man, waren seine letzten Worte.
Gleichgültig hört's die Welt, und -- siehe da!
Schon sitzt ein Andrer an demselben Orte!

So ohne Sang und Klang, mit einem Schlag
Ward all' die alte Herrlichkeit zunichte;
Und offenbaret ward an einem Tag
Als Weltgericht an ihm die Weltgeschichte.

Erläuterung:

1 Am 20. September 1870 wurde Rom von italienischen Truppen besetzt und zu Hauptstadt Italiens erhoben. Pius IX. erklärt sich zum Gefangenen im Vatikan. Der alte Kirchenstaat hört auf zu existieren. Bei einer Volksabstimmung am 2. Oktober 1870 sprechen sich 167.000 Stimmberechtigte für die Eingliederung des Kirchenstaats in das Königreich Italien aus, 1507 stimmen dagegen.


Abb.: Der Kirchenstaat. -- [Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenstaat. -- Zugriff am 2004-10-29]

"Kirchenstaat (Stato della Chiesa, Stato Pontificio, Patrimonium Sancti Petri), der geistliche Staat in Mittelitalien (s. die Geschichtskarten bei »Italien«), über den der Papst als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche die Souveränität ausübte. Er erstreckte sich vor 1859 von 41°10'-44°50' nördl. Br. und von 11° 25'-13°50' östl. L., wurde östlich vom Adriatischen, südwestlich vom Tyrrhenischen Meer bespült, im übrigen von Neapel, dem Lombardisch-Venezianischen Königreich, Toskana und Modena begrenzt, und war 1859 eingeteilt in fünf von Kardinälen regierte Legationen (Rom und Provinz, Romagna, Marken, Umbrien, Campagna und Maritima), die in 20 von Prälaten verwaltete Delegationen (außer Rom und der Comarca sowie Bologna, die unmittelbar unter dem Kardinallegaten standen, Viterbo, Civitavecchia, Orvieto, Ferrara, Forli, Ravenna, Urbino- Pesaro, Macerata, Loreto, Ancona, Fermo, Ascoli, Camerine, Spoleto, Perugia, Rieti, Velletri, Frosinone, Benevent) zerfielen, mit einem Areal von 41,187 qkm (748 QM.) und einer Bevölkerung von 3,125,000 Seelen. Vor der französischen Revolution gehörten noch die Grafschaften Avignon und Venaissin in Südfrankreich mit 2200 qkm (40 QM.) und 55,000 Einw. zum K. Infolge der Ereignisse von 1859 und 1860 schrumpfte das päpstliche Gebiet auf Rom mit der Comarca und die Delegationen Viterbo, Civitavecchia, Orvieto, Velletri und Frosinone mit 12,803 qkm (214,4 QM.) und 692,100 Einw. zusammen, und im September 1870 wurde auch dieser Rest des Kirchenstaats dem Königreich Italien einverleibt (s. unten, Geschichte). Seit der Begründung der weltlichen Herrschaft des Papstes ist der K. eine Wahlmonarchie gewesen. Die Verfassung, nach der er während der letzten 21 Jahre seines Bestehens regiert worden ist, wurde von Pius IX. 12. Sept. 1849 gegeben. Der Papst, der von dem Kollegium der Kardinäle (Sacro collegio) gewählt wurde, war unumschränkter Monarch. An der Spitze der Verwaltung stand als erster Minister ein Kardinal-Staatssekretär, der insbesondere die auswärtigen Angelegenheiten leitete; auch die übrigen Minister gehörten dem geistlichen Stand an und waren ihm untergeordnet. Neben dem Ministerrat bestand ein Staatsrat von 15 zum Teil weltlichen Mitgliedern als beratende Behörde in der Gesetzgebung und den Finanzangelegenheiten und als entscheidende bei Kompetenzstreitigkeiten zwischen den höhern Verwaltungsbehörden. Die Finanzen wurden seit 1850 von der Finanzkonsulta geleitet, deren Mitglieder vom Papst zum größern Teil auf Vorschlag der Provinzialräte, zum kleinern (ein Viertel) unmittelbar ernannt wurden. Die den Provinzen als Statthalter vorstehenden Kardinäle verkehrten nur mit dem Staatssekretär. Die Provinzen waren in Governi geteilt, deren Governatori auch Laien sein konnten. Provinzialräte, deren Mitglieder auf Vorschlag der Gemeindebehörden vom Papst ernannt wurden, standen den Legaten und den Delegaten zur Seite. In der Rechtspflege fand ein dreifacher Instanzenzug statt; die letzte Instanz bildeten die Obertribunale der Rota, der Segnatura di Giustizia und der Sacra consulta in Rom. Die Finanzverhältnisse waren stets misslich und bereiteten der Regierung oft Verlegenheiten. Die Staatsschuld erforderte 1867 einen Zinsbetrag von ca. 37,400,000 Lire, von dem aber ein großer Teil 1861 von Italien übernommen war. Das Defizit, das zum Teil durch den Peterspfennig gedeckt wurde, pflegte erheblich zu sein (Budget von 1868: 28,845,359 Lire Einnahme gegen 73,949,803 Lire Ausgabe). Die päpstliche Armee wurde wesentlich durch fremde Soldtruppen rekrutiert und zählte 1869: 15,670 Mann. Päpstliche Orden: der Christusorden, der Orden vom goldenen Sporn, Orden des heil. Johann vom Lateran, des heil. Gregor und der Piusorden (s. Tafel »Orden II«, Fig. 19). Landesfarben waren Gold und Silber.


Abb.: Die Truppen des Kirchenstaates empfangen auf dem Petersplatz in Rom den Segen des Papstes. -- 1870...

"Ein Aufruhr zwang nun den Papst, das radikale Ministerium Mamiani zu ernennen; 25. Nov. aber floh Pius IX. nach Gaeta und erklärte alle Handlungen des neuen Ministeriums für nichtig. Die römische Kammer setzte darauf eine provisorische Regierung ein und beschloss die Berufung einer konstituierenden Nationalversammlung, die am 9. Febr. 1849 die Errichtung der Römischen Republik verkündete. Sie hatte die Absicht, Sardinien in dem neuen Feldzug gegen Österreich Hilfe zu leisten, doch die Schlacht bei Novara (23. März) vernichtete die nationalen Hoffnungen. Inzwischen hatte der Papst die Intervention der Mächte angerufen. Der französische Präsident Louis Napoleon beeilte sich, um sich die Gunst des Klerus zu erwerben, dem Hilferuf Folge zu leisten. Eine französische Flotte landete 24. April im Hafen von Civitavecchia ein Expeditionskorps unter General Oudinot. Die Römer hatten schon 24. März ein Triumvirat unter dem Vorsitz Mazzinis ernannt und übertrugen Garibaldi die Verteidigung der Stadt. Nach einem vergeblichen Sturm begannen die Franzosen eine regelrechte Belagerung und erzwangen 3. Juli die Übergabe der Stadt. Gleichzeitig unterdrückten die Österreicher und Neapolitaner im übrigen K. die Revolution.

Eine Regierungskommission von drei Kardinälen, das »rote Triumvirat« genannt, verhängte über alle Teilnehmer an den politischen Bewegungen seit 1847 ein strenges Strafgericht. Unter dem Schutz der Franzosen, die Rom und Umgebung, und der Österreicher, welche die Romagna und Ancona besetzt hielten, führte Pius IX., der am 12. April 1850 nach Rom zurückkehrte, ein hartes Regiment, dessen innere Schwäche sich durch die unheilbare Finanznot offenbarte. Verblendet durch die Erfolge seiner kirchlichen Reaktionspolitik, verweigerte er alle Reformen im K. Als 1859 der Krieg zwischen Österreich und dem durch Frankreich unterstützten Sardinien ausbrach, verhielt sich der Papst neutral. Als aber die Österreicher nach der Schlacht bei Magenta (4. Juni) ihre Truppen aus Ancona und der Romagna zurückgezogen hatten, erhob sich die Romagna gegen die päpstliche Regierung und rief Viktor Emanuel zum Diktator aus. Eine von dem Kommissar des Königs berufene Nationalversammlung beschloss 1. Sept. die Vereinigung der Legationen mit Sardinien; am 11. und 12. März 1860 bestätigte eine Volksabstimmung diesen Beschluss, worauf sardinische Truppen in die Romagna einrückten. Alle Bemühungen Napoleons III., den Papst zur Nachgiebigkeit gegen die nationalen Wünsche zu bewegen, um den K. zu erhalten, wurden von Pius IX. zurückgewiesen. Inzwischen hatte Garibaldi das Königreich beider Sizilien erobert und bedrohte Rom selbst. Um dies zu sichern und dem Umsichgreifen der revolutionären Bewegung vorzubeugen, gestattete Napoleon im August, dass die sardinischen Truppen durch die Marken und Umbrien nach Neapel vordringen dürften. Diese rückten 11. Sept. in den K. ein, schlugen 18. Sept. die päpstliche Armee unter General Lamoricière bei Castelfidardo und zwangen Lamoricière, der sich nach Ancona warf, 29. Sept. zur Kapitulation. Dem Papst verblieb nur das sogen. Patrimonium Petri, das die Franzosen schützten.

Die nationale Partei in Italien forderte stürmisch Rom als Hauptstadt; Napoleon aber verlangte entschieden, dass der Rest des Kirchenstaats unangetastet bleibe, und die italienische Regierung musste sich fügen. Als Garibaldi 1862 von Kalabrien aus einen Zug gegen Rom antrat, wurde er 29. Aug. bei Aspromonte von italienischen Truppen angegriffen und gefangen genommen. Durch die Septemberkonvention (15. Sept. 1864) schien Italien mit der Verlegung der Hauptstadt nach Florenz auf Rom zu verzichten, wogegen Frankreich die Räumung des Kirchenstaats versprach, die Ende 1866 erfolgte. Sofort bereitete die italienische Aktionspartei, von dem Ministerium Rattazzi heimlich ermuntert, einen neuen Freischarenzug gegen Rom vor. Im Oktober 1867 brach Garibaldi in den K. ein und rückte bis wenige Stunden von Rom vor, wurde aber bei Mentana 3. Nov. von den päpstlichen Truppen, verstärkt durch ein eiligst nach Civitavecchia geschicktes französisches Korps, geschlagen und auf dem Rückzug von den Italienern gefangen genommen und entwaffnet. In Rom wurden scharfe Strafen über alle Aufständischen verhängt; doch war die päpstliche Herrschaft nur noch durch den französischen Schutz aufrechtzuhalten. Kaum waren Anfang August 1870 die französischen Truppen aus Civitavecchia abgezogen und die ersten Siege der Deutschen erfochten, als die Aktionspartei die Besetzung Roms forderte. Nach dem Sturz des französischen Kaiserreichs ließ die Regierung, da Pius IX eine gütliche Vereinbarung ablehnte, 11. Sept. italienische Truppen in den K. einrücken, die 19. Sept. vor den Toren Roms ankamen. Der päpstliche General Kanzler (s. d.) erhielt Befehl, nur der Gewalt zu weichen, und übergab daher erst, nachdem die Italiener an der Porta Pia Bresche geschossen hatten, 20. Sept. die Stadt. Die Volksabstimmung 2. Okt. ergab 133,681 Stimmen für, 1507 gegen die Vereinigung mit Italien, und 6. Okt. wurde diese durch königliches Dekret ausgesprochen. Der K. hatte aufgehört zu bestehen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Non possumus (lateinisch) = Wir können nicht: mit Anwendung der Stelle aus Apostelgeschichte 4, 20 ("Denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden"), Antwort des Papstes Clemens VII. auf die drohende Aufforderung des Königs Heinrich VIII. von England, ihn von seiner Gemahlin Katharina zu scheiden; seitdem allgemeine Formel für jede Weigerung des päpstlichen Stuhles, einer den Grundsätzen der katholischen Kirche widersprechenden Forderung nachzugeben. Von Pius IX. ständig verwendet gegenüber allen Forderungen der Neuzeit.

3 sit anathema = sei gebannt, sei mit dem Bannfluch belegt


Auch eine Invasion. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 49, S. 195. -- 1870-10-23

Es bricht aus Rom ein Menschenstrom;
Langröckig, mit breiten Hüten,
Drängt sich hervor ein schwarzes Corps --
Das sind die Herrn Jesuiten!

Dem Nachtgezücht ist es zu licht,
Zu hell in Rom geworden;
Sie brechen auf in flüchtgem Lauf
Und ziehn hinauf nach Norden.

"Was kann da sein? Auf an den Rhein!
Da ist es noch gemütlich,
Wo unbetört man uns noch ehrt,
Da hausen wir fromm und friedlich."

Gesagt, getan! Ich seh sie nahn --
Rom ist der Schwarzen ledig!
Schon ziehn am Rhein die Ersten ein --
Gott sei uns Deutschen gnädig!



Abb.: Umzug mit Hindernissen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 51, S. 204. -- 1870-11-06

Victor Emanuel1. Heiliger Garibaldi2! Jetzt soll ich in die neue Wohnung, und der alte Mieter will nicht heraus!

Erklärungen:

1 Victor Emanuel II. (1820 - 1878): König von Italien

2 Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882): italienischer Freiheitskämpfer


Aus Rom, An die guten Deutschen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 52/53, S. 207. -- 1870-11-13

Der heilge Vater liegt "gefangen",
In einem Turm bei Kröten und bei Schlangen,
Ganz ähnlich wie der alte Moor1 --
Verriegelt, ach! sind Tür und Tor.
Des Papstes Not ist jetzt am größten!
Nur Eines kann vielleicht ihn trösten,
Nur Eines gibt's, das ihn vielleicht noch hält:
Schickt Geld, ihr Deutschen, Geld und wieder Geld!

Erklärung:

1 Maximilian, regierender Graf von Moor. Person in Schillers Schauspiel: Die Räuber.


Im Museum. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 23, Nr. 54, S. 215. -- 1870-11-20

Verhüll dich, Venus, schaumgeborne Frau,
In Linnen birg den holden Leib, ich bitte!
Du, Herkules, senk deiner Glieder Bau
In einen Frack von christgermanschem Schnitte!
Ihr Grazien, Nymphen, und du kleiner Mann,
Amor, mitsamt der Schar von Amorettchen --
Herr Mühler1 kommt! Geschwind zieht Hosen an,
Und gürtet euren Leib mit Feigenblättchen!

Im tiefsten Innern schaudert meine Seel --
Pfui über euch, wollüstge  Volksverführer!
Pfui Tizian, Palma2 und pfui Raphael,
Pfui über Holbein, über Albrecht Dürer!
Ihr malt die Menschen, selbst die Engel nackt --
Muss das ein wahrhaft frommes Herz nicht fuchsen?
Ihr malt das erste Paar beim Schöpfungsakt -- --
Herr Mühler kommt! -- Rasch, Adam, in die Buxen!

Erklärungen:

1 Mühler

"Mühler, Heinrich von, preuß. Kultusminister, Sohn des vorigen, geb. 4. Nov. 1813 in Brieg, gest. 2. April 1874 in Potsdam, studierte 1830–35 die Rechte, kam 1840 als Hilfsarbeiter ins Kultusministerium und wurde besonders bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung der evangelischen Kirche beschäftigt, 1846 auch der Generalsynode als Sekretär beigegeben; damals schrieb er auch eine »Geschichte der evangelischen Kirchenverfassung in der Mark Brandenburg« (Weim. 1846). 1846 vortragender Rat im Kultusministerium, 1849 Mitglied des Oberkirchenrats geworden, half er diese neue Behörde organisieren und ihren Geschäftsbereich abgrenzen. Zugleich bildete sich unter dem Einfluss seiner ehrgeizigen, frömmelnden Gattin Adelheid, geborne v. Goßler (gest. 4. Okt. 1901), eine Hinneigung zum Pietismus aus, die seine liebenswürdigen Eigenschaften, Geist, Gemüt und gesellige Talente, wie sie seine »Gedichte« (Berl. 1842; 2. Aufl., Jena 1879) bekunden, unterdrückte. Als er 18. März 1862 im Ministerium Hohenlohe die geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten übernahm, trat er als gewandter Jurist mit wohlgebildeten Phrasen über die Pflichten der von Gott eingesetzten Regierung den ebenfalls vagen Angriffen der Opposition entgegen, tat aber in der eigentlichen Verwaltung seines Amtes im wesentlichen nichts, ging der Entscheidung aller Prinzipienfragen aus dem Wege, kam den kirchlichen Behörden stets in geradezu verderblicher Weise entgegen und gestattete seiner Frau in wichtigen Dingen entscheidenden Einfluss. Immer größer wurde die Missstimmung gegen ihn, die auch sein schwächlicher Versuch, nach dem Vatikanum der katholischen Hierarchie entgegenzutreten, nicht beschwichtigte. Im Januar 1872 entlassen, schrieb er in Potsdam »Grundlinien einer Philosophie der Staats- und Rechtslehre nach evangelischen Prinzipien« (Berl. 1873)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Jacopo Palma: zwei italienische Maler


Abb.: Jacopo Palma: Venus und Amor


1871


Neues Tiroler Nationallied. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 4, Beiblatt. -- 1871-01-22

(Nach der Weise des alten1 zu singen.)

Wo der Gamsbock springt und der Ferner winkt
Und die Glöckli gehn bei Tag und Nacht;
Wo der Greuter2 schnaubt und manch kahles Haupt
Unsre Glaubens-Einheit streng bewacht --
Dieses schöne Land ist mein Heimatland,
Ist mein liebes teures Land Tirol.

Wo der Arm voll Mark und die Wade stark,
Und der Busen quillt im Kamisol3;
Wo die Sennrin leicht Zither zwickt und streicht
Und das Echo wecke mit Gejohl --
Dieses schöne Land ist mein Heimatland,
Ist mein liebes teures Land Tirol.

Wo das Pfäfflein haust, dass dem Ketzer graust,
Und kein Jud darf seinen Knoblauch baun;
Wo der Nonnen Psalm tönt von Stadt und Alm
Und die Kutte wallt schwarz, grau, weiß, braun --
Dieses schöne Land ist mein Heimatland,
Ist mein liebes teures Land Tirol.

Wo der Hofer4 stand und mit fester Hand
Jeder Mann auch seinen Stutzen schwingt;
Wo fürs Kaiserhaus Jeder zieht hinaus
Wenn's -- der Kirche nur auch Vorteil bringt --
Dieses schöne Land ist mein Heimatland,
Ist mein liebes teures Land Tirol.

Wo der Gamsbart blüht und die spitzen Hüt,
Und die Dirn die Zöpfe wundersam
Rot mit Schleifen putzt, und sich Jeder duzt
In majorem Dei gloriam5 --
Dieses schöne Land ist mein Heimatland,
Ist mein liebes teures Land Tirol.

Erklärungen:

1 d.h. nach der Melodie von "Hoch vom Dachstein aus", was allerdings ein Steirerlied ist!

Anklicken, um die Melodie zu hören

[Quelle der midi-Datei: http://ingeb.org/Lieder/hochvomd.html. -- Zugriff am 2008-01-04]

2 Joseph Greuter (1817 - 1888)

"Greuter, Joseph, österreich. Abgeordneter, geb. 1817 zu Tarrenz im Oberinntal, gest. 22. Juni 1888 in Innsbruck, ward 1850 zum Priester geweiht und als Professor am Gymnasium zu Innsbruck angestellt. 1861 in den Tiroler Landtag gewählt, erlangte er die Führung der ultramontanen Majorität, die ihn 1864 in den Wiener Reichsrat sandte, wo er mit Ignaz Freiherr von Giovanelli (1815–89) den äußersten rechten Flügel der Ultramontanen führte. Er zeichnete sich durch grobkörnige, kapuzinerhafte Redeweise aus, das geflügelte Wort von den »Auchdeutschen« wurde von ihm provoziert."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Karmisol = Kurze Jacke

4 Andreas Hofer (1767 - 1810): Tiroler Freiheitskämpfer.

5 In majorem Dei gloriam = Zur größeren Ehre Gottes


Kein Frieden! -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 12, S. 45. -- 1871-03-12

Die Friedenstaube1 kam von Westen her,
Des Ölbaums offizielles Blatt im Schnabel;
Das Land eratmet, freudger rauscht das Meer --
Fürwahr, heiß war der Kampf und schwer,
Bis wir den Fuß gesetzt auf Babel.

Mit Frankreich Frieden! Wohl! Nun werd erprobt,
Ob auch daheim das Glück uns hilft zum Siege.
Den Waffenstillstand, den ich gelobt,
Solang der äußre Krieg getobt,
Ich heb ihn auf und ruf zum Kriege.

Zum Krieg, zum Krieg ruf' ich der Helfer Schar:
Schwört es beim heil'gen Spinngerät der Parzen2,
Hell muss es werden, wo es dunkel war,
Wir müssen noch in diesem Jahr
Aufräumen mit dem Heer der Schwarzen

Kein Frieden mit dem schleichenden Gezücht,
Kein Frieden mit dem Hochmut der Bornierten!
Greift an, greift an! durch Finsternis zum Licht3!
Die Feinde sind so schrecklich nicht —
Wir haben Pallas4 zur Alliierten.

Ihr Streiter, deren Feldruf lautet "Durch!"
Die ihr das Schwert der Rede wisst zu führen,
Euch sei nicht bang vor Fledermaus und Lurch,
Schnell geht daran, die alte Burg --
Die Eulenburg5 zu bombardieren.

Dort naht ein Fähnlein sich im Dämmerschein,
Geführt von Adelheid6, der Selten-Frommen --
Reichstagsulanen, legt die Lanzen ein!
Trompeter, schmettert lustig drein!
Hurrah! ´das Fähnlein wird genommen!

Reaktionär ballt mit Ultramontan7
Zusammen sich zum fürchterlichen Klumpen!
Mit einem Hieb schlag beide durch, Kumpan!
Das fördert, das gibt freie Bahn
Und Anrecht auf den Siegeshumpen.

Wohl wird's noch kosten manchen scharfen Streich,
Doch endlich wird uns voller Sieg belohnen;
Dann wird groß sein das neue Reich,
Nein -- glaubt mir's, Freunde -- auch zugleich
Wird's möglich sein darin zu wohnen.

Erläuterungen:

1 Am 1871-02-26 beendete der Vorfrieden von Versailles die Kampfhandlungen im Deutsch-französischen Krieg

2 Spinngerät der Parzen

"Moiren (griech. Moirai, bekannter unter dem lat. Namen Parcae, Parzen), die griechischen Schicksalsgöttinnen, die jedem sein Geschick zuteilen. Bei Homer ist Moira das personifizierte Verhängnis, das dem Menschen von Geburt an nach dem Ratschluß der Götter beschieden ist. Hesiod kennt der M. drei: Klotho (Spinnerin), die den Lebensfaden spinnt, Lachesis (Erlosung), die seine Länge bestimmt, Atropos (die Unabwendbare), die ihn abschneidet. Sie heißen bald Töchter der Nacht, bald Töchter des Zeus und der Themis. Als das Schicksal von der Geburt bis zum Tod bestimmend, stehen sie mit der Geburtsgöttin Eileithyia und mit den Keren in Verbindung. Bald erscheinen sie als unparteiische Vertreterinnen der Weltordnung, bald als grausam und neidisch, bald als von Zeus' Willen abhängig, bald über ihm stehend. In der ältern Kunst erscheinen sie mit Zeptern als Zeichen der Herrschaft, später Klotho spinnend, Lachesis mit Lostäfelchen oder auf dem Globus mit einem Griffel schreibend, Atropos mit Schriftrolle, Schrifttäfelchen oder Sonnenuhr. "

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3 durch Finsternis zum Licht: Zitat aus Johann Gottfried Herders Kirchenlied "Du Morgenstern, du Licht vom Licht" (1817)-, 4. Strophe [Evangelisches Gesangbuch Nr 74]:

Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht,
führ uns durch Finsternis zum Licht,
bleib auch am Abend dieser Welt
als Hilf und Hort uns zugesellt.

4 Pallas: Pallas Athene: Göttin der Weisheit und Personifikation des Sieges

5 Eulenburg = die Graf-von-Eulenburg-Sippe

"Eulenburg, 1) Botho Heinrich, Graf von E.-Wicken, preuß. Staatsmann, geb. 27. Dez. 1804, gest. 17. April 1879, Mitglied der Landesverwaltung des Herzogtums Schleswig während des Waffenstillstandes (25. Aug. 1849 bis 15. Juli 1850), seit August 1850 Präsident der Regierung zu Marienwerder, Landtagsmarschall und Oberburggraf von Preußen, präsidierte 1855–58 dem Abgeordnetenhaus, war seit 1864 Mitglied des Herrenhauses, 1867–78 auch Reichstagsmitglied und wurde im September 1874 Präsident der Staatsschuldenverwaltung.

2) Friedrich Albrecht, Graf von, preuß. Minister, Vetter des vorigen, geb. 29. Juni 1815 als Sohn des Grafen Friedrich (gest. 1845), gest. 2. Juni 1881 in Schöneberg bei Berlin, seit 1849 Hilfsarbeiter im Ministerium des Innern, trat 1852 in den diplomatischen Dienst über, ward preußischer Generalkonsul in Antwerpen und 1858 in Warschau, begleitete im Oktober 1859 die ostasiatische Expedition als bevollmächtigter Minister bei den Höfen von China, Japan und Siam und schloss Freundschafts- und Handelsverträge ab mit Japan (24. Jan. 1861) und China (2. Sept. 1861). Nach Europa zurückgekehrt, übernahm er 8. Dez. 1862 im Ministerium Bismarck das Innere, war in den Konfliktsjahren eine Stütze Bismarcks, aber bei den Abgeordneten wenig beliebt. Nach 1866 war die Einordnung der 1866 annektierten Länder in das preußische Verwaltungssystem seine Hauptaufgabe; 1872 begann er die seit langem geforderte Verwaltungsreform, ließ sich aber zu den Reformen mehr drängen, als dass er selbst die Initiative ergriff. Als Bismarck seiner Städte- und Gemeindeordnung die Zustimmung versagte, forderte er seine Entlassung, die er 30. März 1878 erhielt. Seine Briefe aus Ostasien gab Graf Philipp zu E.-Hertefeld in »Ostasien 1860–1862 in Briefen« (Berl. 1900) heraus, seine Reden sind in »Zehn Jahre innere Politik 1862–1872« (das. 1872) gesammelt.

3) Botho, Graf, preuß. Minister, geb. 31. Juli 1831 als Sohn von E. 1), studierte die Rechte, ward Landrat, gehörte 1865–70 dem Abgeordnetenhaus, dessen zweiter Vizepräsident er in einer Session war, und dem konstituierenden Reichstag an. Vom Grafen Friedrich E. 1864 als Hilfsarbeiter ins Ministerium des Innern berufen, ward er vortragender Rat, 1869 Regierungspräsident in Wiesbaden, 1872 Bezirkspräsident in Metz, 1873 Oberpräsident in Hannover und als Nachfolger seines Vetters 31. März 1878 Minister des Innern, als welcher er das Sozialistengesetz im Reichstag im Oktober 1878 vertrat und die Verwaltungsreform weiter führte. Da E. hierbei dem Fürsten Bismarck zu nachgiebig schien, nahm er im Februar 1881 seine Entlassung als Minister, wurde bald Oberpräsident von Hessen-Nassau, aber nach dem Rücktritt des Grafen Caprivi vom Ministerpräsidium im März 1892 Ministerpräsident und im August Minister des Innern. Wegen der sogen. Umsturzvorlage (s.d.) mit Caprivi in Meinungsverschiedenheit geraten, erhielt E., nachdem der Kaiser Caprivis Ansicht gebilligt, gleichzeitig mit diesem 29. Okt. 1894 als Ministerpräsident und Minister des Innern die Entlassung, ward aber 1899 aus besonderm königlichen Vertrauen zum Herrenhausmitglied ernannt.

4) August, Graf zu, geb. 22. Okt. 1838 in Königsberg, jüngerer Bruder des vorigen, Oberhof- und Hausmarschall des Kaisers Wilhelm II., trat 1858 als Leutnant in das 1. Garderegiment, begleitete 1860–62 seinen Vetter, den Grafen Friedrich zu E., nach Ostasien, ward 1865 Adjutant, 1868 Kammerherr und Hofmarschall des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, 1883 Oberzeremonienmeister und rückte 1890 in seine jetzige Stellung ein.

5) Philipp, Graf zu, seit 1. Jan. 1900 Fürst zu E. und Hertefeld, Graf von Sandels mit dem Prädikat »Durchlaucht«, deutscher Diplomat, geb. 12. Febr. 1847 zu Königsberg i. Pr., Sohn des Grafen Philipp zu E. auf Liebenberg, trat 1866 in das Regiment Gardedukorps, mit dem er auch den Krieg 1870/71 mitmachte, unternahm 1871–72 Reisen im Orient und studierte darauf die Rechte. 1877 ging er zur Diplomatie über, wurde 1879 Botschaftssekretär in Paris, 1881 in München, 1888 preußischer Gesandter in Oldenburg, 1890 in Stuttgart, 1891 in München, 1894 deutscher Botschafter in Wien, schied aber im November 1902 wegen schwerer Erkrankung aus dem diplomatischen Dienst aus. Vertrauter des Kaisers Wilhelm II., der ihn 27. Jan. 1900 zum erblichen Mitgliede des preußischen Herrenhauses ernannte und ihn wiederholt zum Begleiter auf den Nordlandreisen erwählte, machte sich E. auch als Dichter und Liederkomponist (»Rosenlieder«) bekannt. Er veröffentlichte: »Skaldengesänge« (Braunschw. 1892, illustriert von O. Seitz), »Das Weihnachtsbuch« (Stuttg. 1892), »Abenderzählungen, Märchen und Träume« (das. 1894) und gab die Briefe des Grafen Friedrich von Eulenburg aus Ostasien heraus (s. oben, E. 2)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

6 Adelheid Mühler, geborne v. Goßler (gest. 4. Okt. 1901); Gattin von Heinrich Mühler, preußischer Kultusminister

7 ultramontan

"Ultramontanismus (lat.), diejenige Auffassung des Katholizismus, die dessen ganzen Schwerpunkt nach Rom, also jenseits der Berge (ultra montes), verlegen möchte; ultramontan ist somit das ganze Kurial- oder Papalsystem (s. d.). "

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Der Kampf um die Grundrechte!. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 17, S. 65.-- 1871-04-09

Von Recken will ich singen, von Helden im Heilgenglanz.
Drei Tage währte das Ringen der ecclesia militans1;
Sie war wohl auf dem Platze mit glaubensstarken Sinnen,
Man sah von mancher Glatze Angstströme heißen Schweißes rinnen.

Voran dem Zuge ragte, mit Krummstab hoch und hehr,
Von Mainz der Unverzagte, der Bischof Ketteler2,
Des Ruhm von Kirchengiebeln und des Rheines Türmen schallt;
Es fügen die Infalliblen3 sich willig seines Stabs Gewalt.

Doch eh zum Streit sie zogen, ward auf des Mainzers Gebot
Ein Kriegsrat weise gepflogen durch Pater Mallinckrodt4;
Und also ging die Rede: "So uns nicht möglich ist,
Zu siegen in offener Fehde, so lasst uns siegen durch Kriegeslist.

Confratres4a! Lasst uns schreiben "Freiheit" auf unser Panier!
Das wird die Massen treiben auf unsre Seite schier.
Und dass für jeden mundrecht die heilge Sache sei,
So soll das "Deutsche Grundrecht" Parole sein und Feldgeschrei!

Auch lasst uns zu unsrem Wohle abtun das Priestergewand,
So Skapulier5 als Stole6, die Hüt mit breitem Rand,
Barett und Kutt und Bäfflein7, dass man nicht möge sehn,
Dass wir bei dem Pantöfflein Petri in Dienst und Würden stehn.

Dass man uns möge nennen Streiter für Recht und Licht.
Nun lasst den Kampf entbrennen! Dixi8! Tut eure Pflicht!" —
Da krähten die Kampfeshähne vor Lust und Beifall rings,
Und riefen: Bene! Perbene9! — Doch nun zum lustgen Strauße gings.

Da stunden Linke und Rechte, geschart zu gleichem Werk:
Aus adligem Geschlechte die Stauffen-10 und Frankenberg11,
Renard12 und andre Streiter, mit Marquardt13, Treitschke14, Kiefer15,
Löw16, Schultze17 und so weiter, geschart aus bürgerlichem Geziefer.

Am Tage Sanctae Balbinae18 begunnt der Kampf nach zwölf:
Hie stund der Ghibelline19 und hie der grimme Welf20.
Von Olpe21 der Reichensperger22 zuerst den Feind anrennt,
Worauf der Treitschke14 vor Ärger sowie der Löwe16 vor Zorn entbrennt.

Hie Welf20! — schrie Windthorst23 heiser — hie Papst und Römisch Reich!
Hie Ghibellin19 und Kaiser — rief Recht und Linke zugleich.
Hierher zum Christussymbole! — rief der von Mainz2 alsdann —
Grundrecht ist die Parole! — Doch glaubte ihm nur Sonnemann24.

Soweit des Auges Sehfeld nur reicht - Gewühl der Schlacht!
Der Reichensperger22 von Crefeld — hei, wie das Herz ihm lacht!
Wie zweimal kühn ausleget sein Schwert der Episkopus25!
Hei, wie sich tapfer reget von Bayer Sanctus Greilius26!

Es wurde zur Synode27 das deutsche Parlament!
Als ging es schier zum Tode, hat tapfer bis zu End
Gewehrt der Römer Zunft sich. — Doch nach drei Tagen
Da lagen fünfzig und neun28 elendiglich geschlagen.

Die Sieger riefen heiter: Nun solln die Völker sehn,
Dass wie als Grundrechts-Streiter für wahre Freiheit stehn,
Dass nicht von Romas Knechten dem Reich erwachse Schaden. —
Vor ihnen und ihren Rechten der Himmel behüt' uns in Gnaden.

Erläuterung: Die Zentrumspartei vermisste in der Gesetzesvorlage betreffend die Verfassung des Deutschen Reiches (April 1871) eine Garantie der Freiheit und Autonomie der christlichen Kirchen. Peter Reichensperger brachte deshalb einen Antrag ein, dass als Grundrechte in die Deutsche Reichsverfassung aufgenommen werden:

Am 1. April 1871 wurde nach heißen Wortegefechten dieses Antrag in zweiter Lesung mit 223 Stimmen gegen 59 abgelehnt.

1 ecclesia militans (lateinisch): streitende Kirche

2 Wilhelm Emanuel von Ketteler (1811 - 1877), seit 1850 Bischof von Mainz

3 Infalliblen: Unfehlbaren


Abb.: Windthorst, von Mallinckrodt, August Reichensperger, Peter Reichensperger

4  Hermann von Mallinckrodt, ultramontaner Politiker

"Mallinckrodt, Hermann von, ultramontaner Politiker, geb. 5. Febr. 1821 in Minden, gest. 26. Mai 1874, studierte in Berlin und Bonn die Rechte, trat in den Staatsverwaltungsdienst, war 1850-1851 kommissarischer Bürgermeister in Erfurt, 1859 bis 1860 Hilfsarbeiter im Ministerium des Innern, 1860-67 Regierungsrat in Düsseldorf, seit 1867 in Merseburg und nahm 1872 seinen Abschied. Bereits 1852-63 Mitglied des Abgeordnetenhauses, gehörte er zu der gemäßigt liberalen Partei, ward 1867 in den norddeutschen Reichstag und 1868 wieder in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt und spielte nun als Mitbegründer und Führer der katholischen, spätern Zentrumspartei eine bedeutende Rolle. Seit Ausbruch des Konflikts der Ultramontanen mit der preußischen Regierung steigerte sich sein Eifer zu leidenschaftlichstem Fanatismus; er verkündete den unerschütterlichen Widerstand des katholischen Volkes gegen die Maigesetze, der mit dem sichern Siege der Kirche enden werde, und bekämpfte die ganze neuere Entwickelung Deutschlands als ein Werk des Unrechts und der Gewalt. Bismarck griff er mit besonderer Erbitterung an."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4a Confratres (lateinisch): Mitbrüder

5 Skapulier: Teil des Ordensgewandes: ein körperbreiter Tuchstreifen, der durch den inmitten befindlichen Kopfschlitz auf Hals und Schultern gelegt, vorn und hinten über die Kutte bis fast zur Länge derselben herabhängt.

6 Stole: Stola: Teil des priesterlichen Ornats, bestehend aus einem handbreiten, langen, verzierten Streifen in Farbe und Stoff des Messgewandes, der, nach Art einer Schärpe um den Nacken gelegt, beim Bischof vorne frei herabhängt, beim Priester, wenn mit Alba bekleidet, über der Brust und beim Diakon an der Hüfte gekreuzt wird.

7 Bäfflein = Beffchen (Bäffchen): die beiden kleinen, viereckigen Läppchen, die die christlichen Geistlichen vorn am Hals über der Amtskleidung tragen

8 dixi (lateinisch): Ich habe gesprochen

9 bene, perbene (lateinisch): gut, sehr gut

10 Franz August, Freiherr Schenck von Stauffenberg

"Stauffenberg, Franz August, Freiherr Schenck von, deutscher Politiker, geb. 3. Aug. 1834 in Würzburg, gest. 2. Juni 1901 auf seinem Schlosse Rißtissen bei Ehingen, studierte die Rechte, war bis 1866 Staatsanwalt in Augsburg, gehörte seit 1866 dem bayrischen Abgeordnetenhaus an und war 1873 bis 1875 dessen Präsident. Führer der bayrischen Fortschrittspartei, kam er 1868 in das Zollparlament, 1871 für München in den deutschen Reichstag, wo er als Nationalliberaler 1876-79 erster Vizepräsident war. 1880 Mitglied der liberalen Vereinigung (Sezessionisten) geworden, gehörte S. 1884-93 der Deutsch-freisinnigen Partei an."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

11 Frankenberg

"Frankenberg und Ludwigsdorf, Fred, Graf von, Freiherr von Schellendorf, geb. 5. Febr. 1835 in Breslau, gest. 30. Dez. 1897 auf Schloss Slawentzitz, studierte 1853-54 die Rechte, dann Land wirtschaft und übernahm 1856 die Verwaltung der Herrschaft Tillowitz und des Ritterguts Ochotz in Oberschlesien. Er bereiste Europa und den Orient und machte den Krieg von 1866 als Ordonnanzoffizier beim Generalkommando des 6. Korps und den von 1870/71 als Armeedelegierter der freiwilligen Krankenpflege beim Oberkommando der dritten Armee mit. Seit 1867 gehörte er dem Reichstag und preußischen Abgeordnetenhaus als freikonservatives Mitglied an, er war mit Bismarck eng befreundet und wurde Mitglied des Staatsrats und Herrenhauses. Seine »Kriegstagebücher von 1866 und 1870« gab Poschinger heraus (Stuttg. 1896)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

12 Renard: konnte ich nicht identifizieren

13 Marquardt: konnte ich nicht identifizieren

14 Treitschke

"Treitschke, Heinrich von, deutscher Geschichtschreiber, geb. 15. Sept. 1834 in Dresden, gest. 28. April 1896 in Berlin, Sohn des sächsischen Generalleutnants v. T. (gest. 1867), studierte 1851-55 in Bonn, Leipzig, Tübingen und Heidelberg, habilitierte sich 1858 für Geschichte in Leipzig mit der Schrift »Die Gesellschaftswissenschaft« (Leipz. 1859), wurde 1863 außerordentlicher Professor in Freiburg, verließ 1866 Baden wegen seiner Haltung in der deutschen Krisis, übernahm die Leitung der »Preußischen Jahrbücher« in Berlin und wurde im Herbst 1866 ordentlicher Professor in Kiel. 1867 als Häussers Nachfolger nach Heidelberg berufen, ging er 1874 nach Berlin, 1871-88 war er nationalliberales Mitglied des Reichstags. 1889 legte er die Redaktion der »Preußischen Jahrbücher« nieder. Nach Rankes Tod wurde er Historiograph des preußischen Staates, 1895 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Obwohl seit seiner Jugend am Gehör leidend, im spätern Alter ganz taub, war er ein glänzender, von der studentischen Zuhörerschaft hochverehrter Lehrer und hat zur Verbreitung politischer Bildung viel beigetragen. Sein Hauptwerk ist die »Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert«, von der 5 Bände (Leipz. 1879-94, bis 1848 reichend; Bd. 1 in 7. Aufl. 1904, Bd. 5 in 4. Aufl. 1899) erschienen sind. In diesem glänzend geschriebenen Buch prägen sich leidenschaftlicher Patriotismus und Abneigung gegen den Liberalismus aus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

15 Kiefer

"Kiefer, Friedrich, deutscher Politiker, geb. 14. Jan. 1830 zu Mappach im badischen Oberland, gest. 2. Sept. 1895 zu Freiburg i. Br., studierte 1850-54 die Rechte, trat in den Staatsjustizdienst, ward 1864 Staatsanwalt in Offenburg, 1867 Ministerialrat im Justizministerium, wurde 1868 als Geheimer Regierungsrat zur Generaldirektion der Verkehrsanstalten versetzt, schied deswegen aus dem Staatsdienst und wurde Rechtsanwalt in Offenburg, aber schon 1870 Oberstaatsanwalt am Kreis- und Hofgericht in Mannheim, 1880 Landgerichtsdirektor in Freiburg und 1885 Landgerichtspräsident in Konstanz. Seit 1865 war K. ununterbrochen Mitglied der badischen Zweiten Kammer, seit 1875 auch ihr Vizepräsident, 1871-74 sowie 1877-84 Mitglied des deutschen Reichstags und zählte zu den Führern der nationalliberalen Partei."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

16 Löw: konnte ich nicht identifizieren

17 Schultze: konnte ich nicht identifizieren

18 Tag Sanctae Balbinae: das Fest der Heiligen Märtyrin Balbina ist der 31. März

19 20  Ghibellinen: im Mittelalter seit der Zeit der staufischen Kaiser Parteiname der Anhänger des Kaisers, im Gegensatz zu den Guelfen oder Welfen, den Verfechtern der päpstlichen Interessen.

21Olpe: Kreisstadt im (damals) preußischen Regierungsbezirk Arnsberg, an der Bigge

22 Reichensperger: die Brüder Reichensperger (der eine von Olpe, der andere von Krefeld)

"Reichensperger, 1) August, ultramontaner Politiker, geb. 22. März 1808 in Koblenz, gest. 16. Juli 1895 in Köln, studierte die Rechte und stand bis 1879 im Staatsdienst, erst als Landgerichtsrat in Trier und seit 1849 als Appellationsgerichtsrat in Köln. In seiner Jugend für Frankreich schwärmend und nicht besonders kirchlich gesinnt, mehr erst seit 1837, hielt er sich 1848 als Mitglied des Frankfurter Parlaments zur Rechten, stimmte als Mitglied des Erfurter Parlaments 1850 gegen die Union und war 1850-63 Mitglied der preußischen Zweiten Kammer, 1867-84 Mitglied des Reichstags und seit 1879 auch wieder Mitglied des Abgeordnetenhauses. Während er früher mit seinem Bruder Peter (s. unten) die Manteuffelsche Reaktion bekämpft und die Zivilehe verteidigt hatte, stiftete er 1852 die katholische Fraktion, die sich 1861 Zentrum nannte, und ward einer der begabtesten Redner dieser 1871 erneuerten und im Abgeordnetenhaus und Reichstag mächtigen Partei.

2) Peter Franz, Bruder des vorigen, geb. 28. Mai 1810 in Koblenz, gest. 31. Dez. 1892 in Berlin, war seit 1850 Appellationsgerichtsrat in Köln, dann bis zur Auflösung des Obertribunals (1879) Obertribunalsrat in Berlin. 1848 Mitglied der preußischen Nationalversammlung, 1850 des Volkshauses in Erfurt, seit 1858 des preußischen Abgeordnetenhauses und seit 1867 des Reichstags, gehörte er anfangs zur liberalen Opposition, dann zum Zentrum wie sein Bruder (s. oben) und ließ seit 1866, namentlich aber seit dem Kulturkampf, seine ultramontane Gesinnung mehr hervortreten, wenn auch mit Mäßigung. Er schrieb: »Die Agrarfrage« (Trier 1847); »Die freie Agrarverfassung« (Regensb. 1856); »Deutschlands nächste Aufgaben« (mit seinem Bruder August R., Paderb. 1860); »Gegen die Aufhebung der Zinswuchergesetze« (Berl. 1861); »Kulturkampf oder Friede in Staat und Kirche« (1.-4. Aufl., das. 1876); »Die Zins- und Wucherfrage« (das. 1879) und »Erlebnisse eines alten Parlamentariers im Revolutionsjahr 1848« (das. 1882). Eine Sammlung der »Parlamentarischen Reden der Gebrüder August und Peter Franz R.« erschien Regensburg 1858.

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

23 Windthorst

"Ludwig Windthorst (* 17. Januar 1812 auf Gut Kaldenhof bei Osnabrück; 14. März 1891 in Berlin) war ein deutscher Politiker.

Er war Vorsitzender der katholischen Zentrumspartei und war nach Gründung des Deutschen Reiches ein wesentlicher Gegenspieler Otto von Bismarcks. Für die Stadt Meppen saß er im deutschen Reichstag.

Windthorst war gelernter Jurist. Von 1851 bis 1853 und von 1862 bis 1865 bekleidete er das Amt des Justizministers im Königreich Hannover. Dort diente er auch als Rechtsberater und Beauftragter des abgesetzten Königs Georg V. von Hannover. Von 1867 an saß er als Abgeordneter im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus.

Im Kulturkampf, den Bismarck gegen den Einfluss der katholischen Kirche führt, ist er der führende Repräsentant des deutschen Katholizismus. Vehement setzte er sich für eine religiöse Grundlage des Schulwesens ein. Deshalb sind heute mehrere katholische Schulen in Deutschland nach Ludwig Windthorst benannt. Sein Grab befindet sich in der St. Marienkirche zu Hannover.

Nach Windthorst ist der Windthorstbund, die Jugendorganisation des Zentrums benannt."

[Quelle. http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Windthorst. -- Zugriff am 2004-11-12]

24 Leopold Sonnemann (1831 - 1909)

"Sonnemann, Leopold, Journalist, geb. 29. Okt. 1831 zu Höchberg in Unterfranken von jüdischen Eltern, lernte als Kaufmann, gründete 1856 die »Frankfurter Zeitung« (s. d.) und ist seit 1867 deren alleiniger Eigentümer und Herausgeber (vgl. »Geschichte der Frankfurter Zeitung«, Frankf. 1906). Mitbegründer des volkswirtschaftlichen Kongresses, wirkte er lange als Berichterstatter über Bankwesen bei dessen Tagungen, gehörte 1871-76 und 1878-84 dem deutschen Reichstag an, half die deutsche Volkspartei begründen und ist einflußreiches Mitglied der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

25 Episkopus: Bischof, d.h. Ketteler

26 Greilius (Greil?): konnte ich nicht identifizieren

27 Synode: Kirchenversammlung

28 59: Der Antrag Reichenspergers wurde mit 223 Stimmen gegen 59 abgelehnt


Unfehlbar?!? -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 18, 2. Beiblatt. -- 1871-04-16

Helle glänzt im Kerzenschimmer durch die Nacht der Quirinal1,
Fröhliche Musik erschallt in dem reichgeschmückten Saal;
Alexander2 aus dem Hause Borgia, Papst von Gottes Gnaden,
Hat drei hohe Kardinäle heut zum Abendmahl geladen.

Welch ein Rennen, welch Getöse, welch ein plötzlich Angstgeschrei?
Durch die Stadt hin läuft die Kunde, dass der Papst gestorben sei.
Einen Fluch noch auf den Lippen, war er jählings umgesunken;
An dem Gift, bestimmt den Gästen, hat er sich den Tod getrunken.

Als man mit dem größten Pompe diesen Papst zu Grabe trug,
Stand im Dom ein loser Spötter -- ihrer gibt's in Rom genug;
Lächelnd sagt er seinem Nachbar, flüstert ihm ins Ohr hinein:
Der im Gifte fehlgegriffen, sollte der unfehlbar sein?

Erklärungen:

1 Quirinal: 1574 [!] erbaute päpstliche Sommerresidenz Palazzo Quirinale auf dem Quirinal-Hügel Roms

2 Alexander VI.

"Alexander VI., Papst 1492–1503, vorher Kardinal Rodrigo Borgia, geb. 1430 oder 1431 in Jativa bei Valencia, gest. 18. Aug. 1503, studierte anfänglich die Rechte, wurde dann durch seinen Oheim Papst Calixtus 111. 1456 zum Kardinal und 1458 zum Erzbischof von Valencia erhoben. Er führte auch als solcher ein wüstes Leben. Die schöne Vanozza de Cataneis war seine anerkannte Konkubine und gebar ihm drei Söhne und eine Tochter; auch aus andern Verbindungen hat er Kinder gehabt, und noch als Papst ward ihm ein Sohn geboren, den er durch eine Bulle vom Jahre 1501 legitimirte. Nach Innocenz' VIII. Tod erkaufte er die Tiara und ward unter großen Festlichkeiten 26. Aug. 1492 gekrönt. Klug, kräftig, umsichtig und berechnend, war er zugleich maßlos ehrgeizig und habsüchtig, treulos und schamlos, grausam und wollüstig. Sein Ziel war die Erhebung seines Hauses, der ð Borgia (s. d.), zu einer mächtigen Dynastie; daher war er tief verflochten in die verwickelten politischen Kämpfe, deren Schauplatz damals Italien war. Trotz Alexanders Sittenlosigkeit und Entartung dauerte der politische Einfluß der Kirche unter ihm fort. A. entschied den Streit zwischen Spanien und Portugal über die Teilung der Neuen Welt (vgl. Demarkationslinie). Unter seiner Regierung wurde die Bücherzensur verschärft und Savonarola 1498 als Ketzer verbrannt. Sein Tod wurde nicht durch Gift, wie man geglaubt hat, sondern durch das römische Fieber herbeigeführt. Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia (3. Aufl., Stuttg. 1875); Leonetti, Papa Alexandro VI (Bologna 1880, 3 Bde.); Clément, Les Borgia (Par. 1882); Höfler, Don Rodrigo de Borja und seine Söhne (Wien 1888); Pastor, Geschichte der Päpste, Bd. 3 (Freib. 1895). Die Rettungsversuche von Ollivier (Par. 1870), Kayser (Regensb. 1878) und Nemec (Klagenf. 1879) sind ohne jeden wissenschaftlichen Wert."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Vindelicische1 Schnaderhupfeln2. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 19, 2. Beiblatt. -- 1871-04-23

Der Pfarrer von Mehring3
Is a kreuzbraver Mo.
Hat Kurasch in die Lendn
Und sagt Ihne's no.

Der hat's an nen Sunnda
Von der Kanzel verkündt:
"Dös, was in Rom gsagt habn.
Dös glaubts net so gschwind!"

Kreuz Dunner! Wie dö Gschicht
Is ruchbar nu worn,
Da glüht der Pancrazi4
In Ausgburg von Zorn.

Und d' Dumhhern sand gsprunga,
Dass Kitteln grad staubn;
Dös kunnt von an Pfarrer
Koa Mensch ja net glaubn!

Auf d' Eisbahn sinds gsessn,
Nach Münka sinds gfahrn,
Und erzähln dem Gregori5
Ganz fuchti den Schmarrn.

Der sagt: "Gehts zum Minister6,
Nacha wirds vielleicht gricht't;
Pfui Teufl, no, dös is
A saubere Gschicht!"

Zu dem sinds a ganga
Und derzähln ihms net schlecht.
der sagt: "Meine Herrn ja,
Da habens ganz Recht!"

Jetzt tuans dem Herrn Pfarrer
Glei d' Kanzel verwehrn;
Koa Mess darf er lesn,
Koa Beichtkind mehr hörn.

Do denkt si der Pfarrer:
Dös wär mir scho z' dumm!
Jetzt geh i auf der Stell ins
Mi-ni-ste-ri-um.

Und zum Minister is er ganga
Und derzählt ihms net schlecht.
Der sagt: "Mein Herr Pfarrer,
Ja, da habens ganz Recht!"

Und der Bischof wird kreuzfalsch,
Der Pfarrer liest Mess,
Und der mehringer denkt si:
"Ja, was is denn dös?"

Jetz bitt i, wenns Oana
So wissn grad möcht,
Wer recht hat, i glaubet,
Der krieget a Recht.

Erklärungen:

1 Vindelicisch

"Vindelicĭen, die Hochebene zwischen Donau und Alpen, Inn und Bodensee, die von den vier keltischen Stämmen der Licates, Catenates, Consuanetes und Rucinates bewohnt wurde, die den gemeinsamen Namen Vindelici führten. Das Land wurde 15 v. Chr. von Tiberius unterjocht, zu dem gleichzeitig unterworfenen Rätien geschlagen und erst unter Diokletian als Raetia secunda wieder davon getrennt. Der Hauptort war Augusta Vindelicorum (Augsburg), das frühzeitig emporblühte; eine Reihe befestigter Orte schützte die Donau von der Quelle bis Regina Castra (Regensburg); weiter östlich lagen noch die befestigten Orte Sorviodurum (Straubing) und Castra Batava (Passau) mit der keltischen Vorstadt Bojodurum (Innstadt). Nach dem Sturze der römischen Herrschaft nahmen germanische Baiwaren das Land östlich, Alemannen das Land westlich vom Lech in Besitz und verdrängten die vorgefundenen Kelten."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Schnadahüpfeln

"Schnaderhüpfeln (Schnadahüpfeln), bei den Alpenbewohnern in Bayern, Tirol und Steiermark improvisierte epigrammartige Gedichte, die immer aus Einer (vierzeiligen) Strophe bestehen und nach einer bestimmten, doch mannigfach modifizierten Melodie gesungen werden, wobei eine Person oder Partei die eine Strophe singt und eine andre Person oder Partei darauf antwortet."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

Anklicken, um die Melodie zu hören

Die in Österreich meist verbreitete Schnaderhüpfel-Melodie

[Quelle der midi-Datei: http://de.wikipedia.org/wiki/Gstanzl.  -- Zugriff am 2008-01-06]

 

3 Mehring

4 Pankratius von Dinkel (1811 - 1894): Bischof von Augsburg 1858–1894

"Dinkel, Pankratius von, Bischof von Augsburg, geb. 9.2.1811 Staffelstein (Oberfranken), gest. 11.10.1894 Augsburg
Nach dem Studium der Theologie und Philosophie und der Priesterweihe (1834) war D. zunächst als Kaplan in Forchheim tätig, bevor er 1843 die Stelle des Stadtpfarrers in Erlangen antrat. Seit 1858 amtierte er infolge kgl. Ernennung als Bischof von Augsburg, gründete in dieser Funktion 1862 ein Knabenseminar in Dillingen, führte im folgenden Jahr die Pfarrvisitationen wieder ein, restaurierte den Dom und die Ulrichskirche in Augsburg und gründete 1871 den Cäcilienverein. Als Mitglied des bayerischen Reichsrats (1861-82) setzte sich D. für die Erhaltung der christlich-konfessionellen Schule ein und nahm während des Kulturkampfes zahlreiche aus Preußen ausgewiesene Priester und Theologiestudenten in seiner Diözese auf."

[Quelle: Deutsche biographische Enzyklopädie & Deutscher biographischer Index. -- CD-ROM-Ed. -- München : Saur, 2001. -- 1 CD-ROM. -- ISBN 3-598-40360-7. -- s.v.]

5 Gregor von Scherr OSB (1804 - 1877): Erzbischof von München und Freising 1856–1877

"Scherr, Gregor von, Benediktiner, Theologe, Erzbischof von München und Freising, geb. 22.6.1804 Neunburg vorm Wald (Oberpfalz), gest. 24.10.1877 München
Aus einer Gastwirtsfamilie stammend, studierte S. an der Univ. Landshut und am Lyzeum in Regensburg, wurde 1829 zum Priester geweiht, war in der Seelsorge tätig und trat 1832 in die Benediktinerabtei Metten ein. Er wurde Pfarrer in Metten, 1838 Prior und Pfarrer im Kloster Scheyern und kehrte im selben Jahr als Prior nach Metten zurück, wo er seit 1840 Abt war. 1856 wurde S. Erzbischof von München und Freising. 1860 wurde er nobilitiert. S. nahm am Ersten Vatikanischen Konzils 1869/70 teil, lehnte die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit ab, unterwarf sich jedoch und exkommunizierte Ignaz von ->Döllinger und Johann ->Friedrich. Als Abt von Metten baute er die Lateinschule zu einem Vollgymnasium aus, richtete ein Priesterseminar ein, war an der Gründung der Klöster Weltenburg (1842) und St. Bonifaz in München (1850) beteiligt und setzte sich für die Wiedererrichtung der bayerischen Benediktinerkongregation ein."

[Quelle: Deutsche biographische Enzyklopädie & Deutscher biographischer Index. -- CD-ROM-Ed. -- München : Saur, 2001. -- 1 CD-ROM. -- ISBN 3-598-40360-7. -- s.v.]

6 Johann Freiherr von Lutz (1826 - 1890): bayrischer Kultusminister 1867 - 1890

"Lutz, Johann, Freiherr von, bayr. Staatsminister, geb. 4. Dez. 1826 zu Münnerstadt in Unterfranken, gest. 3. Sept. 1890 in Pöcking am Starnberger See, Sohn eines Lehrers, studierte 1843–48 in Würzburg die Rechte, wurde 1852 Rechtskonzipient und 1854 Richter beim Kreis- und Stadtgericht in Nürnberg. 1857 war er Protokollführer der in Nürnberg tagenden Konferenz für Bearbeitung eines deutschen Handelsgesetzbuchs, begleitete sie auch nach Hamburg zur Bearbeitung des Seerechts und gab 1861 die Konferenzprotokolle der Handels- und Seerechtskonferenz und einen Kommentar zu dem bayrischen Einführungsgesetz für das allgemeine deutsche Handelsgesetzbuch (Würzb. 1863–66) heraus. Nach seiner Rückkehr nach Bayern als Hilfsarbeiter in das Justizministerium berufen, ward er 1863 Sekretär im Privatkabinett des Königs Max und unter Ludwig II. im Dezember 1866 Chef des Kabinetts. Aber schon 1. Okt. 1867 übernahm L. das Portefeuille der Justiz im Ministerium Hohenlohe, führte unter großen Schwierigkeiten einen neuen Zivilprozeß in Bayern ein und übernahm 20. Dez. 1867 auch das Ministerium des Kultus. Hervorragend an den Verhandlungen über die Begründung des Deutschen Reichs, erst in München, dann in Versailles, beteiligt, verteidigte er den Vertrag vom 23. Nov. 1870 im Dezember 1870 und Januar 1871 vor den bayrischen Kammern. Bei der Neubildung des Ministeriums im August 1871 gab L. die Justiz ab, behielt aber im neuen Kabinett Hegnenberg-Dux das bei dem beginnenden kirchlichen Kampf besonders wichtige Ministerium des Kultus. Zur Abwehr der ultramontanen Herrschaftsgelüste veranlaßte er im November 1871 den Beschluß des sogen. ð Kanzelparagraphen (s. d.) durch Bundesrat u. Reichstag, der die politischen Ausschreitungen des Klerus im Zaume halten soll. Auch in Bayern selbst trat er der anmaßenden Forderung der Bischöfe, dass die Regierung den Altkatholizismus unterdrücken solle, entgegen, wenngleich die Altkatholiken selbst von seinem durch Rücksichten beschränkten Verhalten nicht zufriedengestellt wurden. Durch die Besetzung der erledigten Bistümer mit gemäßigten, friedliebenden Männern suchte L. den klerikalen Hetzereien ein Ende zu machen, zog sich aber dadurch den Haß der extremen Ultramontanen zu, die ihn im Landtag heftig angriffen und wiederholt vom König seine Entlassung forderten. Der König lehnte dies nicht nur ab, sondern ernannte ihn auch 1880 nach Pfretzschners Rücktritt zum Präsidenten des Ministeriums und versetzte ihn 1884 in den erblichen Freiherrenstand. Auch nach der Entsetzung Ludwigs II. unter dem Regenten Prinz Luitpold blieb L. im Amt und wurde 1886 Mitglied der Reichsratskammer. Erst 21. Mai 1890 nahm er wegen Kränklichkeit seine Entlassung und starb bald darauf."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Banale Scherze. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 20, S. 77.  -- 1871-04-30

Ist's wahr? Ist's wahr? Ist's wirklich wahr?
Ich kann's nicht fassen, nicht glauben
Und doch möcht ich um keinen Preis
Den Spaß mir lassen rauben.

Der Bann — wer lacht da? — der große Bann
Jetzt wirklich ausgesprochen
Über die Zwei in München,
Die nicht gleich zu Kreuz gekrochen?

Der Friedrich1 und der Döllinger2,
Der Döllinger und der Friedrich,
Benahmen sich gegen Rom etwas
Comment- und regelwidrig.

Sie glaubten sonst Alles, die frommen Zwei,
Nach Kirchenlehr und Bibel,
Nur eins nicht, -- dass der alte Herr
Rebb Pius infallibel3.

Sie haben dem ökumenischen
Concilium opponieret,
Und seine Definition
Bass ad absurdum geführet.

Das ärgert die Väter in Rom, dass just
Aus Bayerland, dem frommen
Aus München, der frommen Isarstadt,
Solch Ärgernis musst kommen.

Besonders von Döllinger,
Dass Der vom Zweifel geraubt war,
Der in der der ecclesia militans4
Gar ein gefürchtet Haupt war.

Es ward der Greis im Vatikan
Erfasst von jähem Grimme;
"Anathema sit!5 Anathema sit!" --
Flucht' er mit kreischender Stimme.

"Anathema! Anathema!" --
So hört man's von allen
Katholischen Kanzeln der Christenheit
Eintönig wiederhallen.

Dem Volk verkünden den Urteilsspruch
Vom allerheiligsten Forum
viel Hirtenbriefe -- epistolae
Virorum obscurorum6,

Es ward den Zwei'n, zu retten des Volks
Seelenheil und Gewissen,
Die excommunicatio
Major7 an den Kopf geschmissen.

So sehen wir als ein Ketzerpaar
Die sonst so frommen Herrn am
Pranger stehn propter haeresin
Formalem et externam8.

Gemieden und ausgestoßen, gleichwie
Die Pest des Menschengeschlechtes;
Und wer sie tötet, ist Mörder nicht
Im Sinn kanonischen Rechtes.

Im Leben geweiht dem geistigen
Und leiblichen Verderben,
Ist christlich Begräbnis ihnen versagt,
Wenn einst sie kommen zu sterben.

Vor Staunen dreht sich im Grabe rum
der selige Heinrich Heine9;
er hält sich vor Lachen den seligen Bauch,
Es klappern die sel'gen Gebeine.

Ist das derselbe -- o tempora!
Wie hat die Welt sich gewandelt! --
Der "Pfaffe Dollingerius",
den ich so schlecht behandelt?

Den ich "mit dem Armensündergesicht
Sah am Karfreitag wallen";
Den ich den Dunkelsten genannt
Von den dunklen Männern allen?

Der jetzt ein Freiheitskämpe? Fürwahr,
Toll scheint mir Alles auf Erden.
Wär ich nicht selig verstorben -- bei Gott,
Ich könnte jetzt Papst noch werden!

Erläuterungen:

1 Friedrich: Johannes Friedrich, der am 1871-04-17 vom Fürstbischof von München-Freising München exkommuniziert worden war

"Friedrich, Johannes, kath. Theolog und Führer des Altkatholizismus, geb. 1836 zu Poxdorf in Oberfranken, wurde 1862 Privatdozent, 1865 außerordentlicher, 1873 ordentlicher Professor der Theologie in München. Ein besonderer Schüler und Freund Döllingers, begleitete er 1869 den Kardinal Hohenlohe zum vatikanischen Konzil und lieferte in seinem »Tagebuch« (Nördling. 1871, 2. Aufl. 1873) und seinen »Documenta ad illustrandum Concilium Vaticanum« (das. 1871) wertvolle Beiträge für unbefangene Würdigung der Vorgänge in Rom. Den Beschlüssen des Konzils weigerte er wie Döllinger die Unterwerfung und wurde mit jenem 17. April 1871 exkommuniziert. Als lebhafter Verfechter der altkatholischen Ideen nahm er auch an der Gründung der altkatholischen Fakultät in Bern teil und hielt dort 1875 ein Semester Vorlesungen. Im I. 1882 wurde er in die philosophische, Fakultät der Münchener Universität versetzt. Aus seinen zahlreichen Schriften sind weiter hervorzuheben: »Kirchengeschichte Deutschlands« (Bamb. 1867-69, 2 Bde.); »Beiträge zur Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts« (Münch. 1876); »Der Mechanismus der vatikanischen Religion« (Bonn 1876); »Geschichte des vatikanischen Konzils« (das. 1877-87, 3 Bde.); »Zur ältesten Geschichte des Primats« (das. 1879); »Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens« (Münch. 1881); »Die Konstantinische Schenkung« (Nördling. 1889); »Joh. Adam Möhler, der Symboliker« (Münch. 1894); »Ignaz von Döllinger« (das. 1899-1901, 3 Tle.). Außerdem gab F. eine Neubearbeitung von Döllingers »Janus« u. d. T.: »Das Papsttum« (Münch. 1892) und die 2. Auflage von Döllingers »Papstfabeln des Mittelalters« (das. 1890) heraus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Döllinger: Ignaz Döllinger, der am 1871-04-17 vom Fürstbischof von München-Freising München exkommuniziert worden war

"Döllinger, Johann Joseph Ignaz, berühmter katholischer Theolog, Sohn des vorigen, geb. 28. Febr. 1799 in Bamberg, gest. 10. Jan. 1890 in München, ward 1822 Kaplan in der Bamberger Diözese, 1823 Lehrer am Lyzeum zu Aschaffenburg, 1826 außerordentlicher und 1827 ordentlicher Professor der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts in München. Zu dieser Würde traten mit der Zeit die eines Mitgliedes der Akademie der Wissenschaften (1838), Propstes zu St. Cajetan (1847) und Reichsrates (1868). Auch war er Mitglied der bayrischen Ständekammer seit 1845 und dann wieder seit 1849 sowie 1848 und 1849 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Für die durchaus ultramontane Tendenz, von der seine damalige Wirksamkeit geleitet war, sind unter seinen zahlreichen Schriften am bezeichnendsten: »Lehrbuch der Kirchengeschichte« (Regensb. 1836; 2. Aufl. 1843, 2 Bde.); »Die Reformation, ihre innere Entwickelung und ihre Wirkungen« (das. 1846-48, 3 Bde.; Bd. 1, 2. Aufl. 1851) und »Luther, eine Skizze« (Freiburg 1851, neuer Abdruck 1890). Aber seit seiner Romreise von 1857, seit dem italienischen Kriege von 1859 und noch mehr seit dem vatikanischen Konzil von 1870 trat ein Umschwung in Döllingers Überzeugungen ein, der sich zuerst 1861 in zwei zu München gehaltenen Vorträgen offenbarte, in denen die Möglichkeit einer völligen Aufhebung der weltlichen Gewalt des Papstes dargelegt war. Schon jetzt stark angefeindet, unterwarf er sich zwar und zog in der Schrift »Kirche und Kirchen, Papsttum und Kirchenstaat« (Münch. 1861) noch einmal gegen den Protestantismus zu Felde, nachdem schon gründliche wissenschaftliche Leistungen in seinen Schriften: »Hippolytus und Kallistus« (Regensb. 1853), »Heidentum und Judentum, Vorhalle zur Geschichte des Christentums« (das. 1857), »Christentum und Kirche in der Zeit der Grundlegung« (das. 1860, 2. Aufl. 1868) erschienen waren. Einen neuen Schritt vorwärts tat er aber 1863, als er auf der Versammlung katholischer Gelehrten in München eine Rede über »Vergangenheit und Gegenwart der katholischen Theologie« (Regensb. 1863) hielt und bald darauf sein Werk »Die Papstfabeln des Mittelalters« (Münch. 1863; 2. Aufl., Stuttg. 1890) erscheinen ließ. Eine scharfe Kritik des Syllabus und auch der bereits in der Luft liegenden Unfehlbarkeitslehre enthielt das von ihm und seinen Kollegen Friedrich und Huber ausgearbeitete Buch »Janus« (Leipz. 1869; 2. Aufl. u. d. T.: »Das Papsttum«, Münch. 1891). Während des Konzils erhob er von München aus in zwei Gutachten vergeblich seine warnende Stimme gegen die Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit und gab das Signal zur Entstehung des Altkatholizismus (s. d.). Dieser nahm nun freilich schon auf seinem ersten Kongress zu München durch sein Vorgehen zu selbständiger Gemeindebildung (23. Sept. 1871) eine Wendung, in deren Folge D., der bloß den Standpunkt der Notwehr innerhalb der alten Verfassung einzuhalten gedachte, sich nicht mehr persönlich an der Weiterentwickelung der Sache beteiligte. Wie wenig aber damit ein Rückschritt in der Richtung nach Rom verbunden und beabsichtigt war, zeigten gleich 1872 seine Vorträge über »Die Wiedervereinigung der christlichen Kirche«, ein wahrhaft versöhnender Abschluss der hochbedeutenden und in vieler Beziehung tragischen Wirksamkeit Döllingers, dem um diese Zeit die Universitäten zu Wien, Marburg, Oxford und Edinburg den juristischen und philosophischen Doktorhut verliehen, während die zu München ihn zum Rektor wählte. Als Frucht seiner gelehrten Muße erschienen noch: »Ungedruckte Berichte und Tagebücher« (Nördlingen 1876, 2 Tle.) mit der Fortsetzung »Briefe und Erklärungen über die vatikanischen Dekrete« (Münch. 1890); »Akademische Vorträge« (Nördling. 1888-91, 3 Bde.; 1. Bd. in 2. Aufl. 1890); »Geschichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche seit dem 16. Jahrhundert« (mit Reusch, das. 1888, 2 Bde.); »Beiträge zur Sektengeschichte« (Münch. 1889); die »Selbstbiographie des Kardinals Bellarmin« (mit Reusch, Bonn 1886). »Kleinere Schriften« von ihm gab Reusch heraus (Stuttg. 1890)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 infallibel: unfehlbar

4 ecclesia militans: kämpfenden Kirche

5 Er sei gebannt (mit dem Kirchenbann belegt)

6 epistolae obscurorum virorum = Dunkelmännerbriefe

7 excommunicatio maior = völliger Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft (im Unterschied zur excommunicatio minor, dem Ausschluss von den Sakramenten)

8 propter haeresin formalem et externam (lateinisch) = wegen ausdrücklicher und öffentlicher Häresie

9 Heine: Heinrich Heine (1797 - 1856): Der Ex-Nachtwächter:

Apropos! Der erzinfame
Pfaffe Dollingerius —
Das ist ungefähr sein Name —
Lebt er noch am Isarfluss?

Dieser bleibt mir unvergesslich!
Bei dem reinen Sonnenlicht!
Niemals schaut ich solch ein hässlich
Armesünderangesicht.

Wie es heißt, ist er gekommen
Auf die Welt gar wundersam,
Hat den Afterweg genommen,
Zu der Mutter Schreck und Scham.

Sah ihn am Karfreitag wallen
In dem Zug der Prozession,
Von den dunkeln Männern allen
Wohl die dunkelste Person.

Siehe: Heine, Heinrich <1797 - 1856>: Religionskritische Gedichte. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/heine02.htm. -- Zugriff am 2004-11-08       



Abb.: Geschäftliches aus Rom. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 20, 1. Beiblatt.  -- 1871-04-30

"Die Nachfrage nach Reliquien ist augenblicklich so gesteigert, dass man nur mit größter Anstrengung im Stande ist, die Besteller zu befriedigen."


Die schwarze Jagd. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 21, S. 81.  -- 1871-05-07

(Nach bekannter Weise1 zu singen.)

Was glänzt dort im Reichstag im Mondenschein
Der kahl geschorenen Glatzen?
Sie sitzen gescharet in düsteren Reihn,
Die einen fanatisch, mit dürrem Gebein,
Die andern gemästet zum Platzen.
Und wenn ihr die frommen Gesellen fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Was schleicht, wie Gespenster in nächtlichem Graus,
Und kriecht in Kutten und Roben?
Sie kommen, schmeißt Einer von vorn sie hinaus,
Ganz sacht durch die Hintertür wieder ins Haus,
Doch der Segen kommt ihnen von oben.
Und wenn ihr die frommen Schleicher fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Was flüstert im Beichtstuhl? Was gellet und schallt
Die Kanzel von lautem Gezeter?
Sie werden den Mann mit des Bannes Gewalt,
Die Frauen mit listigem Hinterhalt
Für Rom und den heiligen Peter.
Und wenn ihr die frommen Werber fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Wo die Reden dort glühen, dort brauset der Rhein,
Wo der Schinken wächst in Westfalen,
Wo Bayerlands mächtige Knödel gedeihn,
Da drängten und fraßen sie emsig sich ein
Und wurden die Sieger der Wahlen.
Und wenn ihr die frommen Gewählten fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Wer glüht für die Grundrecht in heiligem Zorn
Und sprühet Flammen und Funken?
Wer stieß -- Sankt Gerlach3 reitet jetzt vorn --
Mit mächtiger Lung in der Freiheit Horn?
Das sind die biedern -- Majunken4!
Und wenn ihr die frommen Majunken fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Sie priesen das Recht und die Freiheit so laut,
Grundrechtliche Freiheitsverfechter!
Doch über ein Kleines, und lustig schaut
Der Wolf aus des Schafes wolliger Haut;
Rings tönt olympisch Gelächter.
Und wenn ihr die Schaf und die Pelze fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Und stille ward es im Zentrum5 zumal,
Und rückwärts wichen die Recken.
Sankt Kettler6 verließ den unheimlichen Saal,
Einzog die Krallen, was klerikal,
Samtpfötchen jetzt uns zu strecken.
Und wenn ihr die frommen Geschlagnen fragt --
Das ist Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Ins Zentrum, ins schwarze, drum fliege, mein Pfeil,
Und triff mit tötendem Witze
Die Ritter alle vom heiligen Greil7,
Bis sie zu des Reiches endlichem Heil
Verjagt von erschlichenem Sitze --
Dass lachend die Welt, die befreite, sagt:
Das war Pii2 schwarze verlogene Jagd!

Erklärungen:

1 Lützows wilde, verwegene Jagd / Text: Theodor Körner (1791 - 1813), 24. 4. 1813 ; Melodie: Karl Maria von Weber (1786 - 1826), 1814

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?
Hör's näher und näher brausen.
Es zieht sich herunter in düsteren Reihn,
Und gellende Hörner schallen darein,
Erfüllen die Seele mir Grausen.
Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist,
|: Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd. :|
 

Anklicken, um die Melodie zu hören

[Quelle der midi-Datei: http://ingeb.org/Lieder/wasglanz.html. -- Zugriff am 2008-01-05]

2 Pii = des (Papstes) Pius IX. (1792 - 1878)

3 Ernst Ludwig von Gerlach (1795 - 1877)

"Gerlach, Ernst Ludwig von, preuß. Politiker, Bruder von G. 1), geb. 7. März 1795 in Berlin, gest. 18. Febr. 1877, machte 1813–15 die Kriege gegen Frankreich mit, trat in den Justizdienst, wurde 1823 Oberlandesgerichtsrat in Naumburg, 1829 Land- und Stadtgerichtsdirektor in Halle und 1835 Vizepräsident des Oberlandesgerichts in Frankfurt a. O., 1842 Geheimer Oberjustizrat, bald darauf Mitglied des Staatsrates und der Gesetzgebungskommission und 1844 Chefpräsident des Oberlandesgerichts zu Magdeburg. Bereits in Frankfurt war er Mitglied des Klubs in der Wilhelmsstraße, der sich die Rekonstruierung des christlich-germanischen Staates als Aufgabe gesetzt hatte, und Mitarbeiter des »Politischen Wochenblattes«, gründete 1849 mit andern die »Neue Preußische Zeitung« (»Kreuzzeitung«), deren Redaktion sein Verwandter Wagener übernahm, und schrieb für die monatliche oder vierteljährliche »Rundschau«, worin er eine pikante Übersicht über die Zeitereignisse im Sinne der ultrakonservativen, feudalen Richtung zu geben pflegte. Als Mitglied der Ersten Kammer seit 1849 zur äußersten Rechten haltend, führte er einen beharrlichen Kampf gegen den Konstitutionalismus und für die Herstellung mittelalterlicher Adelsprärogativen, war 1850 Mitglied des Erfurter Parlaments sowie 1851 und 1852–58 wieder Mitglied der Ersten Kammer. Beim Beginn der Regentschaft 1858 trat er von der Führung seiner Partei zurück, machte aber als Verfasser der »Rundschau« seine politischen Anschauungen noch immer geltend. Auch den Ereignissen von 1866 gegenüber an seinen legitimistischen Grundsätzen festhaltend,-missbilligte er die Annexionen und den Ausschluss Österreichs in der Broschüre »Die Annexionen und der Norddeutsche Bund« (Berl. 1866). Im preußischen Landtag seit 1873 einer der heftigsten Gegner der neuen Kirchengesetze, bekämpfte er diese gegen Falk und Bismarck. Noch 1865 zum Wirklichen Geheimen Oberjustizrat befördert, wurde er 1874 wegen einer Flugschrift gegen die Regierung gerichtlich bestraft und erhielt seine Entlassung als Präsident in Magdeburg, wurde aber im Januar 1877 mit Unterstützung der Ultramontanen in Osnabrück zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Er starb aber bald in Berlin infolge eines Unglücksfalles. Vgl. »Ernst Ludwig v. G. Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken« (hrsg. von Jak. v. G., Schwerin 1903, 2 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Paul Majunke (1842 - 1899)

"Majunke, Paul, ultramontaner Publizist, geb. 14. Juli 1842 zu Groß-Schmograu in Schlesien, gest. 21. Mai 1899 in Hochkirch bei Glogau, studierte 1861 bis 1866 in Breslau die Rechte, dann katholische Theologie, wurde Kaplan in Neusalz a. O. und Breslau, war 1869–70 Redakteur der »Kölnischen Volkszeitung«, dann Kaplan in Grottkau und seit März 1871 Chefredakteur des ultramontanen Zentralorgans »Germania« in Berlin, das er bis 1. Okt. 1878 mit Geschick, aber in schroffer Opposition gegen das neue Deutsche Reich und Preußen leitete. In seinem ultramontanen Eifer machte sich M. sogar zum Verteidiger der Louise ð Lateau (s. d.), über die er eine besondere Schrift herausgab (»Luise Lateau«, 2. Aufl., Berl. 1875). 1874 in den Reichstag und 1878 in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, wurde er 1874 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und während der Reichstagssession verhaftet. 1884 zum Pfarrer in Hochkirch bei Glogau ernannt, legte er seine Mandate nieder und zog sich vom politischen Leben zurück. Er schrieb: »Geschichte des Kulturkampfes in Preußen« (Paderb. 1886, Volksausgabe in 2. Aufl. 1902), »Geschichtslügen« (anonym, 17. Aufl., das. 1902), »Ludwig Windthorst« (Frankf. 1891), »Luthers Lebensende« (5. Aufl.), »Luthers Testament an die deutsche Nation« (mit noch andern als »Gesammelte Lutherschriften«, Mainz 1894), insgesamt ultramontane Tendenzschriften."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

5 die klerikal-katholische Zentrumspartei: sie hatte bei den ersten Reichstagswahlen am 3. März 1871 18,7% der Stimmen und 61 Mandate gewonnen: Damit war sie nach der Nationalliberalen Partei (30,2%, 125 Mandate) die zweitstärkste Partei im Reichstag

6 Wilhelm Emanuel Kett(e)ler (1811 - 1877)

"Ketteler (Kettler), Wilhelm Emanuel, Bischof von Mainz, geb. 25. Dez. 1811 in Münster, gest. 13. Juli 1877, wurde in der Jesuitenanstalt zu Brig in der Schweiz erzogen, studierte die Rechte, war 1834–38 Referendar in Münster, schied aber infolge des Kölner Bischofstreites aus dem Staatsdienst, studierte in München und Münster Theologie, erhielt 1844 die Priesterweihe und wurde 1846 Pfarrer. 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, erregte er Aufsehen durch eine freimütige Rede, die er am Grabe des ermordeten Fürsten Lichnowski hielt. 1849 Propst an der Hedwigskirche in Berlin geworden, im Juli 1850 auf den Bischofssitz zu Mainz berufen, verfolgte er konsequent das Ziel, die Staatsgewalt zur Dienerin der Kirche zu machen. Durch Einführung von Schulbrüdern und Schulschwestern, die Errichtung von katholischen Waisen- und Rettungshäusern, eines Priesterseminars und Knabenkonvikts brachte er die Jugenderziehung in die Gewalt des Klerus, durch Stiftung klösterlicher Institute, auch einer Jesuitenniederlassung in Mainz (1858), und mannigfaltiger religiöser Vereine erzog er die Bevölkerung in ultramontanem Geiste. Die rechtlichen Zustände in der oberrheinischen Kirchenprovinz bekämpfte er in der Schrift »Das Recht und der Rechtsschutz der katholischen Kirche in Deutschland«. Von der katholischen Großherzogin unterstützt, errang er von dem reaktionären Minister Dalwigk in einer geheimen Konvention vom 23. Aug. 1854 bedeutende Zugeständnisse: der Staat verzichtete auf seine Patronatsrechte, seine Mitwirkung bei der Besetzung des Bistums, das Placet, das Aufsichtsrecht über das katholische Vereinswesen und die geistlichen Lehranstalten, überließ dem Bischof die Heranbildung des Klerus allein (die katholisch-theologische Fakultät in Gießen ging ein), gestattete freien Verkehr mit Rom und die Herstellung einer geistlichen Gerichtsbarkeit. Daneben suchte K. durch eine vielseitige Beteiligung an der sozialen Bewegung (z. B. »Die Arbeiterfrage und das Christentum«, 4. Aufl., Mainz 1890) dem Einfluß der Kirche auf den Arbeiterstand die Wege zu bahnen. Auch fügte er sich rasch und mit Geschick in die 1866 in Deutschland eingetretene Wendung der politischen Verhältnisse (»Deutschland nach dem Krieg von 1866«, 6. Aufl., Mainz 1867). Als treuer Anhänger des Papsttums wohnte er 1854 der Publikation des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis in Rom bei, feierte im Juni 1855 mit großem Pomp das 1100jährige Säkularfest des heil. Bonifatius und war 1860 und 1867 wieder in Rom. Auf dem Konzil 1870 bekämpfte er das Unfehlbarkeitsdogma als nicht zeitgemäß, tat noch 15. Juli einen (vergeblichen) Fußfall vor Pius IX., unterwarf sich aber schon im August und verteidigte das Dogma in verschiedenen Hirtenbriefen. Seitdem stand er an der Spitze der ultramontanen Partei im Kampfe gegen das Deutsche Reich und die preußische Kirchengesetzgebung, ward 1871 in den deutschen Reichstag gewählt, legte aber sein Mandat bald zugunsten seines Domkapitulars Moufang nieder. An den Versammlungen der preußischen Bischöfe in Fulda nahm er regelmäßig teil und vertrat hier die Politik des unbedingten Widerstandes gegen die staatliche Gesetzgebung, untersagte 1874 sogar in den Kirchen seiner Diözese die Feier des Sedantages und nannte den Rhein einen katholischen Strom. Er starb auf der Rückreise von Rom im Kloster Burghausen in Oberbayern. K. besaß bedeutende Gelehrsamkeit, große geistige Begabung, Gewandtheit und Schlagfertigkeit im mündlichen wie schriftlichen Gebrauch der Rede und hielt als hartköpfiger Westfale zäh an seinen Zielen fest, bis er sie erreichte. Von seinen zahlreichen Schriften sind noch zu erwähnen: »Freiheit, Autorität und Kirche« (7. Aufl., Mainz 1862); »Die wahren Grundlagen des religiösen Friedens« (3. Aufl. 1868); »Die Katholiken im Deutschen Reiche, Entwurf zu einem politischen Programm« (5. Aufl. 1873); »Das allgemeine Konzil und seine Bedeutung« (5. Aufl. 1869); »Die Zentrumsfraktion auf dem ersten deutschen Reichstage« (Mainz 1872). Kettelers »Predigten« (Mainz 1878, 2 Bde.), »Briefe von und an W. E. Freih. v. K.« (das. 1879) und »Hirtenbriefe« (das. 1904) gab Raich heraus. Vgl. Pfülf, Bischof von K., 1811 bis 1877 (Mainz 1899, 3 Bde.); Greiffenrath, Bischof K. und die deutsche Sozialreform (Frankf. 1893); Kannengießer, K. et l'organisation sociale en Allemagne (Par. 1894); Girard, K. et la question ouvrière (Bern 1896); Lionnet, Un évêque social (Par. 1903)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

7 Greil: Zentrumsführer und  Abgeordneter


St. Gerlach1 unter den Schwarzen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 21, 1. Beiblatt.  -- 1871-05-07

Legende.

Hielten einst die Schwarzen Sitzung unter sich mit Wispern, Flüstern,
Krähen ähnlich, welche flattern um die Gipfel alter Rüstern2,
Oder ähnlich Fledermäusen, die sich gern in Höhlen drängen,
Durcheinander schwirren oder angekrallt herunterhängen.

Plötzlich geht die Tür auf -- Einer tritt herein. Beim heilgen Knochen!
's ist St. Gerlach1, das Gespenst ist's längst begrabner Zeitepochen!
Wenn's der heilge Vater selber wäre, könnt nicht mehr erstaunen
Die Versammlung -- augenblicklich hört das Flüstern auf und Raunen.

Mit der Rede weißer Salbe, mit dem üblichen Brimborium
Von banalen Floskeln grüßt er das lichtscheue Auditorium!
"Seht, ich bin gekommen" -- ruft er -- "zwischen euch, Sankt Petri Knechten,
Und den Altkonservativen3, uns, ein Bündnis fest zu flechten."

"Ah!" und "Oh!" tönt es im Kreise mit Geräusper und Gehüstel,
Ähnlich klingend wie der Ostwind, wenn er pfeift um trockne Distel.
"Sei willkommen!" -- so entschlüpft des Grußes Wort schon manchem Munde,
Wie ein Schlänglein, und ein Schauer weht andächtig in der Runde.

"Denn" -- so spricht St. Gerlach weiter -- "dem Unglauben muss gewehrt sein,
Und das Heer der Glaubenslosen muss vertilgt mit Feu'r und Schwert sein.
Dazu helft uns, Infallible4, dass wir aus dem Schwefelpfuhle
Uns erretten!" .. Also sprechend stieg er von dem Rednerstuhle.

Da umringten freundlich schmunzelnd ihn die Schwarzen, höflich grinsend,
Seiner salbungsvollen Rede ungemessnen Beifall zinsend,
Glück ihm wünschend, dass auch er sich endlich ein Bekehrter zeige,
Und, wie es auch Schuldigkeit und Pflicht sei, vor dem Papst sich neige.

Doch im Hintergrund ein Pfäfflein sprach zu sich -- denn Zweifel regte
Sich in ihm: "Was kann uns helfen dieser in den Scat5 Gelegte?
Dieser Uhu, dessen Fänge lang schon keinen Spatz mehr würgten?
Dieser Popanz, den schon längst nicht mehr die kleinen Vögel fürchten?

Der von seinen einstgen Freunden ist zerzaust, zerhackt, zerbissen?
Eigentlich wohl könnte Rom ihn auch so gut wie Deutschland missen.
Doch zurückgewiesen werde bei uns Keiner! Mag er laben
Sich an unserm Schatten! Lasst ihn, lasst ihn seinen Willen haben!"

Also trat St. Gerlach kürzlich bei den Schwarzen auf- Majunken6
Schien es gut, er schrieb darüber in sein Blatt7 begeistrungstrunken.
Aber du, o Deutschland freu dich, dass sich Schwarz und Schwarz gesellen;
Denn der Tag kommt, der das Dunkel scheucht. Bald wirst du stehn im Hellen!

Erklärungen:

1 Ernst Ludwig von Gerlach (1795 - 1877): siehe zum Vorhergehenden

2 Rüster = Ulme

3 Altkonservative: sie hatten bei der Reichtagswahl 14,% der Stimmen und 57 Mandate gewonnen. Sie waren nach dem Zentrum die drittstärkste Partei im Reichtag.

"Die Konservative Partei entwickelte sich 1848 in Preußen aus der relativ losen Zusammenarbeit konservativer Vereine, Gruppierungen und Abgeordneter. Zu ihnen gehörten unter anderem der "Verein zu Wahrung der Interessen des Grundbesitzes", Friedrich Julius Stahl und die Brüder Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach und Ernst Ludwig von Gerlach, die in der „Kreuzzeitung“ publizierten. Nach dieser wurde die Gruppierung ab 1851 „Kreuzzeitungspartei“ genannt.

Ihre Ziele waren die Verteidigung der Monarchie und die Bewahrung der Vorrechte des Adels. Wirtschaftsliberalismus und Demokratisierung lehnten sie ab. Auch finden sich bereits früh schon antisemitische Anklänge. Für ihre Mitglieder spielte eine christliche Grundhaltung eine wichtige Rolle. Doch schlossen sich die katholischen Mitglieder nach der Gründung des Zentrums diesem an.

Bismarck war ein aktiver Abgeordneter dieser Partei, doch hielt sie nach seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten erst einige Distanz zu ihm, wurde aber im Laufe des Verfassungskonflikts eine wichtige Stütze für ihn. 1866 trennte sich die Freikonservative Partei von den Konservativen, die danach Altkonservative genannt wurden. Ab 1876 formierten sie sich als Deutschkonservative Partei."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Konservative_Partei_%28Preu%C3%9Fen%29. -- Zugriff am 2008-01-05]

4 Ifallible = unfehlbare

5 Scat (griechisch σκάτος) = Kot

6 Paul Majunke (1842 - 1899): siehe zum Vorhergehenden

7 sein Blatt: Germania

"Germanĭa, am 1. Jan. 1871 begründete, täglich zweimal in Berlin erscheinende politische Zeitung ultramontaner Richtung, vertritt die Interessen der deutschen Zentrumspartei und des römischen Stuhles unter jesuitischem Einfluss. Eine hervorragende Rolle spielte sie während des Kulturkampfes unter der Leitung Paul Majunkes, der 1878 aus der Redaktion ausschied."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Aus Rottenburg. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 22, 1. Beiblatt.  -- 1871-05-14

Das war der Bischof Hefele1; aus Furcht vor Himmels-Sträfele und Höllenpfuhls Schwefele, sandt er, als kluges Pfäffele, dem Papst ein Telegräphele, dass er zur rechten Lehre sich plötzlich wieder bekehre.

Der Papst sprang auf vom Täfele, erweckt vom Mittagsschläfele, und sandt, entzückt an Hefele ein artig Telegräphele: Ich reinge und entschwefele und sprech dich frei vom Sträfele und grüß dich liebes Pfäffele. Nun weide deine Schäfele, du treustes Schaf, mein Hefele!

Erklärung:

1 Karl Joseph von Hefele (1809 - 1893): Bischof von Rottenburg 1869 - 1893

"Hefele, Karl Joseph von, kath. Theolog, geb. 15. März 1809 zu Unterkochen in Württemberg, gest 5. Juni 1893 in Rottenburg, wurde 1834 Repetent am theologischen Konvikt, 1840 ordentlicher Professor an der theologischen Fakultät zu Tübingen und 1869 Bischof von Rottenburg. 1842–43 war er auch Mitglied der württembergischen Ständeversammlung. Unter seinen Werken sind zu nennen die Ausgabe der Apostolischen Väter (»Patrum apostolicorum opera«. Tübing. 1839; 4. Aufl. 1855) und der »Chrysostomus-Postille« (Übersetzung von 74 Predigten, das. 1845; 3. Aufl. 1857); »Geschichte der Einführung des Christentums im südwestlichen Deutschland« (das. 1837); »Der Kardinal Ximenes und die kirchlichen Zustände Spaniens im 15. Jahrhundert« (das. 1844; 2. Aufl., das. 1851); »Beiträge zur Kirchengeschichte, Archäologie und Liturgik« (das. 1864–65, 2 Bde.); vor allem die »Konziliengeschichte« (Freiburg 1855–1869, 7 Bde.; 2. Aufl. 1873–79, 4 Bde.; Fortsetzungen beider Auflagen von Hergenröther, 8. und 9. Bd. 1887–90, und von Knöpfler, 5. und 6. Bd., 1886 bis 1890). Als ein gefährlicher Gegner der Infallibilitätslehre erwies er sich in seinen beiden Schriften über die Honoriusfrage (»Honorius und das sechste allgemeine Konzil«, Tübing. 1870, und »Causa Honorii papae«, Neapel 1870; deutsch von Rump, Münster 1870). 1871 unterwarf er sich dem neuen Dogma, indem er ihm in einem Hirtenbrief eine gezwungene Auslegung gab. Immerhin verschonte er seine Professoren und Pfarrer mit der Forderung ausdrücklicher Zustimmung und bewahrte auf solche Weise Württemberg vor dem Schisma."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


"Wer regiert heute?" -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr. 24/25, S. 99.  -- 1871-05-28

Ein mit dieser Überschrift versehenes Gedicht in dem ultramontanen "Tyroler Volksblatt" liefert folgende Anfangs-  und Schlussstrophe:

"Wer schaltet und wer waltet
Allheut in jedem Reich?
Nicht Kaiser und Minister,
Noch hoher Rat zugleich,
Die Loge1 und der Jude
Regieren alle Welt:
Die Loge nimmt den Glauben,
Der Jude nimmt das Geld!"

Das gottesfürchtige Blatt hat vergessen, eine Strophe anzureihen, etwa folgenden Inhalts:

Doch ärger als die Beiden
Treibt es die Pfaffenzunft;
Die nähm' samt Geld und Glauben
Uns gern auch die Vernunft!

Erklärung:

1 Loge = Freimaurer


Den schwarzen Reichs-Rebellen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.31, S. 123.  -- 1871-07-02

Da habt ihr's nun! Papa1 missbilligt euch.
Papa nahm euer Vorgehn ernstlich übel,
Papa begrüßt voll Sympathie das Reich!
Papa ist unser Freund und -- infallibel2.

Was soll das Brummen noch? Majunke3, still!
Stumm in den Stand, gehorsame Heiducken4!
Wenn euch Papa einmal verleugnen will,
So habt ihr nicht zu belfern und zu mucken.

Die Glatzen in den Staub! Wer wagt ein Nein?
Ballt meinethalb die Fäuste in der Tasche,
Und Jeder bete für des Reichs Gedeihn
Dreimal den Rosenkranz in Sack und Asche!

Mein braver Windthorst5! Nur hübsch national!
Wozu das ewge Jammern um die Welfen6?
Papa befiehlt's, Papa verlangt's einmal --
Was können ihm die Herrn in Hietzing7 helfen?

Mein Ketteler8, mein vielgetreuer Sohn,
Und ihr vor allen, tapfre Reichensperger!
Geht, holt von Lasker9 euch Absolution,
Und reizt den Kanzler10 nicht zu neuem Ärger.

Hört ihr? Vor allem reizt den Kanzler10 nicht!
Papa befiehlt's -- braucht Gründe ihr zu wissen?
Und tritt Papa euch manchmal ins Gesicht,
Dürft ihr dabei ihm -- den Pantoffel küssen!

Erklärungen:

1 Papa = Papst Pius IX.

2 infallibel = unfehlbar

3 Paul Majunke (1842 - 1899): siehe oben

4 Heiducken, Haiduken, Hajduci oder Heyducken, Singular Hajduk (von serbisch und kroatisch hajduk, хајдук, bulgarisch хайдут, rumänisch: haiducvon albanisch:Hajduk), wurden in Südosteuropa die Treiber riesiger Viehherden bezeichnet, zu deren Aufgaben es zählte, die Herden vor Dieben oder bewaffneten Räubern zu schützen. Auf dem Balkan werden die Hajduken traditionell als Heldengestalten gesehen, die mit ihren Kriegern gegen die osmanischen Unterdrücker vorgingen. (Wikipedia)

5 Ludwig Windthorst (1812 - 1891)

"Windthorst, Ludwig. deutscher Politiker, geb. 17. Jan. 1812 in Osterkappeln bei Osnabrück, gest. 14. März 1891 in Berlin, wurde auf dem Carolinum in Osnabrück für den geistlichen Stand vorbereitet, studierte 1831-34 die Rechte, wurde Rechtsanwalt in Osnabrück, dann ritterschaftlicher Syndikus und vorsitzender Rat des katholischen Konsistoriums daselbst und 1848 Oberappellationsgerichtsrat in Celle. Seit 1849 Mitglied der hannoverschen Zweiten Kammer, im unterstützte W. die partikularistische, preußenfeindliche Politik Stüves, wurde 1851 als Führer der ministeriellen Partei Präsident der Kammer, 22. Nov. Justizminister und setzte die Errichtung des katholischen Bistums Osnabrück durch. 1853 schied er aus dem Ministerium und ward wieder Abgeordneter, 1862 in dem Ministerium Brandis-Platen Justizminister, unterstützte die Bemühungen Österreichs, Hannover an seine Politik zu ketten, und ward 21. Okt. 1865 Kronoberanwalt in Celle. Nach der Annexion von 1866 legte er sein Amt nieder und führte 1867 die Verhandlungen mit Bismarck über die Abfindung des Königs Georg, die mit dem Vertrage vom 29. Sept. 1867 endeten. Seit 1867 auch Mitglied des norddeutschen Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses für Meppen (»Perle von Meppen«), hielt er sich anfangs zurück, nahm 17. Juni 1869 an dem anti-infallibilistischen Laienkonzil in Berlin teil, stellte sich aber zuerst im Reichstag im März 1871, dann auch im Abgeordnetenhaus entschieden an die Spitze der ultramontanen Partei, die er straff zusammenhielt, und mit der er die partikularistischen Elemente der Opposition (Polen und Welfen) gegen die Regierung verschmolz. Schlagfertig und witzig, in allen Künsten sophistischer Dialektik erfahren, errang W. als Führer der Opposition bedeutende rednerische Erfolge, und wenn er auch die Maigesetzgebung nicht hindern konnte, so bereitete er doch Bismarck und Falk durch seine scharfe Opposition manche Schwierigkeiten, verzögerte durch seine zahllosen Reden den Fortgang der Geschäfte und suchte jede Erstarkung der Reichsgewalt zu verhindern. Ein Staatsmann war W. nicht, aber ein ausgezeichneter Parlamentarier. Auf den jährlichen Katholikenversammlungen gab er die politische Parole für die ultramontane Partei aus. Nach seinem Tod erschienen seine »Ausgewählten Reden, gehalten in der Zeit 1851-1891« (Osnabr. 1901-02, 3 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

6 Welfen = ehemaliges Königreich (seit 1814) Hannover, das 1866 an Preußen gefallen war, Der entthronte König Georg V. Friedrich Alexander Karl Ernst August (1819 - 1878) förderte die Bildung einer welfischen Partei in Hannover (Deutschhannöversche Rechtspartei), die der Dynastie der Welfen das Königreich Hannover wiederzugewinnen strebt, und errichtete 1867 in Frankreich die sogen. Welfenlegion, wodurch er Preußen zur Stiftung des Welfenfonds herausforderte.

7 Hietzing: heute 13. Bezirk Wiens. 1866–71 Wohnsitz des entthronten Königs Georg V. von Hannover.

8 Bischof Wilhelm Emanuel Ketteler (1811 - 1877): siehe oben

9 Eduard Lasker (1829 - 1884)

"Lasker, Eduard, deutscher Politiker, geb. 14. Okt. 1829 in Jarotschin (Posen) von jüdischen Eltern, gest. 5. Jan. 1884 in New York, studierte seit 1847 in Breslau und in Berlin Mathematik und Rechtswissenschaft, beteiligte sich im Oktober 1848 in der akademischen Legion an den Kämpfen in Wien, wurde 1851 Auskultator am Berliner Stadtgericht, lebte drei Jahre in England, kehrte 1856 als Referendar in den preußischen Staatsdienst zurück und wurde 1858 Assessor am Berliner Stadtgericht. Mehrere Abhandlungen in Oppenheims »Deutschen Jahrbüchern« (1861–64), die später u. d. T.: »Zur Verfassungsgeschichte Preußens« (Leipz. 1874) gesammelt erschienen, machten L. zuerst bekannt. 1865 in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, hielt er sich zur Fortschrittspartei und zählte bald zu deren hervorragendsten Persönlichkeiten. 1866 war L. einer der Gründer und seitdem einer der Führer der national- liberalen Partei im Abgeordnetenhaus und im norddeutschen wie im deutschen Reichstag und hatte an dem Zustandekommen der zahlreichen organisatorischen Gesetze hervorragenden Anteil. In der hohen Politik vertrat er die Sache der nationalen Einigung wie der konstitutionellen Freiheit. Großes Aufsehen erregte seine Rede vom 7. Febr. 1873 über die schwindelhaften Gründungen, namentlich die Beteiligung des Geheimrats Wagener. Nachdem er 1870 Rechtsanwalt beim Stadtgericht geworden, trat er 1873 als Syndikus des Pfandbriefamtes in den Dienst der Stadt Berlin und ward 1876 Mitglied des Verwaltungsgerichts. 1873 ward er von der Leipziger Juristenfakultät zum Doktor der Rechte und 1875 von der Freiburger Universität zum Ehrendoktor der Philosophie promoviert. In seiner Partei sank Laskers Einfluss, als ihn der Reichskanzler wegen seiner Opposition gegen Regierungsvorschläge wiederholt heftig angriff. Da L., seit 1879 dem Abgeordnetenhause nicht mehr angehörig, in wichtigen Fragen, wie der Wirtschafts- und Steuerreform, dem Sozialistengesetz u.a., nicht mehr mit der Mehrheit der nationalliberalen Reichstagsfraktion übereinstimmte schied er im März 1880 aus derselben aus und schloss sich den Sezessionisten an. Seit längerer Zeit kränkelnd, reiste er 1883 nach Nordamerika, wo er, im Begriff, in die Heimat zurückzukehren, an einem Schlaganfall starb. Er ward 28. Jan. in Berlin beigesetzt. Das Repräsentantenhaus in Washington beschloss 9. Jan. für L. eine Resolution und übermittelte sie zur Abgabe an den Reichstag dem Reichskanzler, der sie aber nicht annahm. Von den Schriften Laskers sind noch zu erwähnen: »Zur Geschichte der parlamentarischen Entwickelung Preußens« (Leipz. 1873); »Die Zukunft des Deutschen Reichs« (das. 1877); »Wege und Ziele der Kulturentwickelung«, Essays (das. 1881); außerdem (anonym) »Erlebnisse einer Mannesseele« (hrsg. von B. Auerbach, Stuttg. 1873; von L. selbst aus dem Buchhandel zurückgezogen). Aus dem Nachlas erschien: »Fünfzehn Jahre parlamentarischer Geschichte, 1866–1880« (hrsg. von Cahn, Berl. 1902). Vgl. Bamberger, Eduard L., Gedenkrede (Leipz. 1884); A. Wolff, Zur Erinnerung an E. L. (Berl. 1884); Freund, Einiges über E. L. (Leipz. 1885)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

10 Kanzler = Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (1815 - 1898): Reichskanzler 1871 - 1890



Abb.: Prise gefällig? -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.36, 1. Beiblatt.  -- 1871-08-06

München, 29. Juli. Bei der heutigen Wahl des Rektors für die hiesige Universität wurde Professor Döllinger1 mit 54 gegen 6 Stimmen gewählt.

Erklärung:

1 Ignaz Döllinger (1779 - 1890): siehe oben



Abb.: Der arme Mann! -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.37, S. 148.  -- 1871-08-13

Der Verlust, welchen der Bischof1 von Bourges bei dem Brande seines Palastes erlitt, beträgt eine halbe Million!

Erklärung:

1 Charles-Amable de la Tour d'Auvergne Lauragais: Erzbischof von Bourges 1861-1879


Den Halben. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.37, 1. Beiblatt.  -- 1871-08-13

Genug des schimpflichen Betragens,
Genug der feigen Heuchelei,
Genug des Schwanken und Vertagens --
Rom gibt nicht nach, Rom lässt nicht frei.

Hier hilft kein Fliehn mehr und Entreinnen,
Nur immer enger schließt der Kreis;
Kein Zaudern mehr und kein Besinnen --
Ja oder Nein! Schwarz oder Weiß!

Rom fordert bare nackte Klarheit,
Ob ihr verleugnet, ob bekennt,
Ob ihr den Wahnwitz höchste Wahrheit,
Und Wahrheit Trug und Lüge nennt.

Ob ihr Verfluchte, ob Bekenner,
Ob Feinde oder Freunde seid,
Ob Sklavenseelen oder Männer --
Rom fordert ehrlichen Entscheid.

 

Entsagt der Menschheit höchsten Schätzen,
Verfluchet Wissen und Vernunft,
Stürzt in den Staub vor Roma's Götzen
Und seiner schwarzen Muckerzunft!

Gesteht, dass ihr als Idioten
Dem Unfehlbaren dienen wollt,
Und seinen donnernden Geboten
Lautlose Unterweisung zollt!

Nur zu! Nur zu! Nur Eins von Beiden,
Roms Todfeind oder treuer Knecht;
Nur offnes männliches Entscheiden!
So oder so -- uns ist es recht!

Lieb oder Hass! Tod oder Leben!
Klar scheide sich der Menschheit Strom!
Fluch nur dem feig verzagten Beben!
Seid ehrlich wenigstens -- wie Rom!


Aus Vörde1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.38/39, 2. Beiblatt.  -- 1871-08-20

In Vörde ward mit Prangen
Das Friedensfest2 begangen,
Doch ach! der Pfarr zu Vörde,
Der sprach zu seiner Herde:
Solch sündgem Festestreiben
Sollt Lämmlein fern ihr bleiben,
Dieweil solch Festgetute
Nur zeugt vom Übermute,
Wie ihn oftmals, ihr Lieben,
Der Bonapart3 getrieben.
Darum ist euch das Beste:
Nehmt teil nicht an dem Feste;
Insonders ihr, ihr Kleinen,
Sollt nicht dabei erscheinen!
Ihr frommen Konfirmanden,
Bleibt fern vom Fest der Schanden,
Das Sinneskitzel reget
Und böse Lüste pfleget.
Euch sei durch meine Noten
Das Fest direkt verboten!
Dass Keiner es besuche,
Bei meinem Zorn und Fluche,
Bei meinem Amt und Namen! --
Ich hab gesprochen! Amen!

* * *

Hört 's, Völker dieser Erde!
Dies ist geschehn in Vörde,
Und Vörde liegt bei Wesel,
Und Schutze heißt der -- Pfarrer.

Erklärungen:

1 Voerde (Niederrhein) ist eine Stadt am unteren Niederrhein im Nordwesten des Ruhrgebiets in Nordrhein-Westfalen. Sie ist eine Mittlere kreisangehörige Stadt des Kreises Wesel im Regierungsbezirk Düsseldorf.

2 Am Friedensfest 1871 wurde die Heimkehr der Soldaten aus dem Deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der Sieg über Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches gefeiert.

3 Bonapart = Napoleon III. (Charles-Louis-Napoléon Bonaparte) (1808 - 1873): 1852 bis 1870 Kaiser der Franzosen.


Graefe1. Eine Geisterstimme. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.38/39, 2. Beiblatt.  -- 1871-08-20

Ich sah euch stehn an meinem Grabe,
Euch, meiner treuen Freunde Schar;
Was ich gewirkt auf Erden habe,
Das legte Langenbeck2 euch dar.
Doch sagt -- ich schlaf schon fünfzig Wochen,
Und bin gespannt auf den Bericht! --
Warum hat Langenbeck gesprochen?
Warum denn sprach Freund Traube3 nicht?

Vernimm! -- Gern hätt gesprochen Traube
Zu deinem Ruhm von ganzer Seel;
Doch sieh, ihm fehlt der rechte Glaube,
Er ist ein Sohn von Israel!
Zwar wär schon mancher bei den Toten,
Wenn nicht der Jude Traube wär;
Doch ward zu reden ihm verboten,
Wo Christen schlafen rings umher.

O schweigt! Vergebens hab durchbrochen
Ich manchen Auges dunkle Nacht.
Vergebens, ach! den Star4 gestochen
Und Licht und Leben neu gebracht.
Vergebens ist, was ich geschaffen --
Seht, dass wir Alle Stümper sind!
Denn keiner von euch heilt die Pfaffen,
Die sind und bleiben ewig -- blind!

Erklärungen:

1 Albrecht von Gräfe (1828 - 1870-07-20)

"Gräfe, Albrecht von, Mediziner, Sohn des vorigen, geb. 22. Mai 1828 in Berlin, gest. daselbst 20. Juli 1870, studierte seit 1843 in Berlin, Prag, Wien, Paris, London, Dublin und Edinburg Medizin, speziell Augenheilkunde, errichtete 1850 in Berlin eine Privataugenheilanstalt, die das Vorbild für eine große Reihe ähnlicher Institute in Deutschland und der Schweiz wurde, habilitierte sich 1853 als Privatdozent an der Universität, wurde 1858 außerordentlicher Professor, erhielt bald darauf eine Abteilung für Augenkranke in der königlichen Charité und wurde 1866 ordentlicher Professor. Mit sich fortreißend als Lehrer, unübertroffen als scharfer Beobachter, unermüdlich und energisch im Handeln als Arzt, erwarb er sich bald einen über die Grenzen Europas hinausreichenden Ruf, und in überraschend kurzer Zeit erhob er die Augenheilkunde, indem er namentlich auch der Helmholtzschen Erfindung des Augenspiegels sich bemächtigte, zu der exaktesten und vollendetsten Disziplin der gesamten Medizin. Er operierte zuerst den bis dahin unheilbaren grünen Star mit Erfolg und erfand eine neue Operationsmethode des grauen Stars (sogen. peripherer Linearschnitt im Gegensatz zu dem frühern Lappenschnitt), durch welche die Gefährlichkeit des frühern Verfahrens so weit beseitigt wird, dass 94–96 Proz. aller Operierten ein gutes Sehvermögen wiedererlangen. Auch wies er zuerst auf die Bedeutung der Augenerkrankungen für oie Diagnose der Hirnaffektionen und verschiedener Erkrankungen des Gesamtorganismus hin. G. war ein durchaus allseitiger Mediziner und besonders auch auf dem Gebiete der Nerven- und Gehirnkrankheiten Autorität. Seine zahlreichen klassischen Arbeiten auf dem Gebiete der Augenheilkunde sind fast alle in dem von ihm gegründeten, in Gemeinschaft mit Arlt und Donders herausgegebenen »Archiv für Ophthalmologie« erschienen. Vgl. Alfr. Gräfe, Ein Wort der Erinnerung an Albr. v. G. (Halle 1870); Michaelis, A. v. G., sein Leben und Wirken (Berl. 1877); Jacobson, A. v. Gräfes Verdienste um die neue Ophthalmologie (das. 1885); »Erinnerungen an A. v. G.«, zusammengestellt aus Werken und Briefen L. Jacobsons (Königsb. 1895). Am 22. Mai 1882 wurde sein Denkmal in Berlin, modelliert von Siemering (s. Tafel ð »Bildhauerkunst XVII«, Fig. 3), enthüllt."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Bernhard Rudolf Konrad von Langenbeck (1810 -1887): Direktor des königlichen chirurgischen Klinikums in Berlin.

3 Ludwig Traube (1818 - 1876)

"Traube, Ludwig, Mediziner, geb. 12. Jan. 1818 in Ratibor, gest. 11. April 1876 in Berlin, studierte in Breslau und Berlin, ließ sich daselbst 1841 als Arzt nieder, habilitierte sich 1848 als Privatdozent, wurde 1849 Assistent Schönleins, 1853 dirigierender Arzt an der Charité, 1857 außerordentlicher Professor, 1862 ordentlicher Professor am Friedrich Wilhelms- Institut und 1872 an der Universität. Mit seinen experimentellen Studien an Tieren wurde er der Begründer der experimentellen Pathologie in Deutschland. Zu seinen wichtigsten Untersuchungen gehören die über Digitalis und das Fieber, durch welch letztere er der Begründer der wissenschaftlichen Thermometrie in der Medizin wurde. Daran schließen sich die Arbeiten über die Lungen-, Herz- und Nierenkrankheiten. Die exakte wissenschaftliche Methode, die er selbst übte, hat er in Norddeutschland allgemein gemacht. Seine Verdienste um die physikalische Diagnostik stellen ihn neben Laënnec und Skoda. Er schrieb: »Über den Zusammenhang von Herz- und Nierenkrankheiten« (Berl. 1856); »Die Symptome der Krankheiten des Respirations- und Zirkulationsapparats« (das. 1867); »Gesammelte Beiträge zur Pathologie und Physiologie« (das. 1871, 2 Bde.). Mit Virchow und Reinhardt gab er »Beiträge zur experimentellen Pathologie« (Berl. 1846–47, 2 Hefte) heraus. Vgl. die »Gedächtnisreden auf L. T.« von Leyden (Berl. 1876) und Freund (Bresl. 1876)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 grauer Star (Katarakt)


Das Konzil von Mainz. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.44/45, S. 174. -- 1871-09-24

Es saßen zusammen zornesvoll
Die finsteren Ketzerrichter,
Sie flammten auf in heilgem Groll
Die ranzigen Kirchenlichter:
Und Lieder sang man zu Ruhm und Ehr
Dem Knechte der Knechte Gottes.
Vor allen glänzte Herr Ketteler1,
Der Mann des schneidigen Spottes.
Nette Gesellschaft!

Sie waren gekommen von nah und fern
Die infalliblen1a Lehrer;
Aus Bayern kamen viel geistliche Herrn
Und aus der Schweiz Graf Scheerer2.
Das war ein Eifern und Geifern nun,
Ein Blitzezucken und Zischen!
Dazwischen kräht Stadtpfarrer Huhn3
Und er Auer4 kollert dazwischen.
Saubere Musikanten!

Bannflüche wurden geschleudert viel
Auf alle Verächter der Messe,
Verflucht auf ewig mit Stumpf und Stiel
Die liberale Presse.
Sie ist — sprach Huhn — bös von Natur,
Erfüllt vom Geist der Verneinung;
Doch ist sie "ein Packträger nur
Der öffentlichen Meinung".
Gut gekräht Hühnchen!

Wir sind — ich schwör's auf Enzyklika4a
Und bei des Syllabus Strahlen —
Nur wir — sprach Ketteler — wir sind ja
Die wahrhaft Liberalen!
Zum Teufel mit der frivolen Zunft
Der literarischen Schwätzer!
Zum Teufel auch mit der Vernunft
Der Denker und der Ketzer!
Prosit Fegefeuer!

Graf Scheerer aber öffnet den Mund
Als feuriger Zornesschnauber:
"Es fahre zum tiefsten Höllengrund
Der Kronen- und Kirchenrauber!" —
Bravo! — rief da der ganze Chor
Der Zeter- und Mordiobrüller;
Bravo rief Domherr Molitor5
Zu deutsch benamst Herr Müller
Bravo Müller! — sagt Schultze.

Und Grimm und Holzwart6, Speil7 und Hach8,
Bareis, Potthoff und Auer4,
Sie seufzten erschrecklich Weh und Ach
Und saßen in tiefster Trauer.
Und heulten Angst und sprachen Blech
In salbungsvollsten Weisen,
Und der und jener schalt etwas frech
Den "Mann von Blut und Eisen"8a
Welche Courage!

Und setzten auf ein Schriftstück dann,
Darin der Welt verkündigt:
Die Fürsten haben Mann für Mann
Sich wider Gott versündigt,
Dieweil dem Papst sie halfen nicht
In seinen ärgsten Wehen;
Es wird deshalb ein streng Gericht
Einst über sie ergehen.
Wer weiß, ob's wahr ist!

Zum Schluss vereinte ein Bankett
Die Frommen des Konziles,
Und Lieder tönten hell und nett
Zum Klang des Saitenspieles.
Und Treue schwur man feierlich
Dem Papst bei kühlem Trunke,
Und in den Armen lagen sich
Der Ketteler1 und Majunke9
Par nobile fratrum10!

Erläuterungen: Bezieht sich auf die Generalversammlung der deutschen Katholiken (Katholikentag) in Mainz, die am 1871-09-10 eröffnet worden war.

1 Wilhelm Emanuel von Ketteler (1811 - 1877), seit 1850 Bischof von Mainz

1a infalliblen: unfehlbaren

2 Graf Theodor Scheerer-Boccard (1816 - 185), Präsident des Schweizer Piusvereins

3 Adalbert Huhn (1839 - 1914), Zeitschriftenverleger

4 Ludwig Auer (1839 - 1903), Lehrer, Zeitschriftenherausgeber

4a Enzyklika und Syllabus: Enzyklika Quanta Cura und Syllabus errorum, die am 8. Dezember 1864 veröffentlicht wurden. Siehe

Pius <Papa, IX.> <1792 - 1878>: Syllabus Pii IX, seu Collectio errorum in diversis Actis Pii IX proscriptorum = Syllabus von Papst Pius IX. oder Sammlung der von Papst Pius IX. in verschiedenen Äußerungen geächteten Irrtümer (1864-12-08). -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/syllabus.htm. -- Zugriff am 2004-11-12 

5 Wilhelm Molitor (1819 - 1880), Domkapitular in Speyer, Gründer des Pressvereins, Herausgeber einer katholischen Zeitung

6 Josef Holzwarth, Instruktor

7 Ferdinand Speil (1835 - 1907), Domkapitular in Breslau

8 Heinrich Hach, Schuhmacher

8a Bismarck

9 Paul Majunke (1842 - 1899), Redakteur der katholischen Zeitung "Germania"

10 par nobile fratrum (lateinisch): ein edles Brüderpaar



Abb.: Illustrierte Rückblicke <Ausschnitt>. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.44/45, S. 177. -- 1871-09-24

Die wahre Internationale, die der Schwarzen, entlarvt sich auf einigen Herbstversammlungen. Bei dieser Gelegenheit geht einem ein Licht darüber auf, dass man sich bisher die Schwarzen noch immer nicht schwarz genug vorgestellt hat.


Kampfgesang der Jesuiten. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.46, S. 183. -- 1871-10-01

Vertreiben wollt ihr uns aus dem Reich,
Der Jesuiten Orden?
Wohlan, ihr Herrn, erprobt sogleich
Die Stärke eurer Horden!
Du schwarzes Häuflein, tummle dich
Nach unsres Meisters Sitten!
Wir sind gefasst auf Hieb und Stich,
Auf jeden Weg und Steg und Schlich --
Juchhe! -- wir Jesuiten!

Austilgen könnt ihr Luchs und Bär,
Ausmerzen Greif und Schlangen
Mit Schling und Netz und Mordgewehr;
Doch uns könnt ihr nicht fangen.
Wir hausen in den Landen frei,
Und, muss denn sein gestritten;
So forscht, wo unser Orden sei,
Und dann versucht 's und kommt uns bei,
Ja uns, den Jesuiten!

Zerstört des frommen Klosters Wand,
Ihr wilden Jagdgesellen,
Und werft der Fackel Feuerbrand
In die geweihten Zellen!
Und ob die Flammen voller Wut
Von Dach zu Dache schritten;
Wir lächeln mit getrostem Mut:
Gerettet ist die junge Brut, --
Die Brut der Jesuiten!

Unfassbar sind wir, wie der Hauch,
Der Nachts sich senkt mit Schweigen,
Wie Düfte, die aus Moor und Strauch
Und giftgen Kelchen steigen.
Und glaubt ihr uns zu halten fest,
Sind wir euch schon entglitten,
Entschlüpft in ein unsichtbar Nest;
Ausräuchern könnt ihr eh' die Pest,
Als uns, die Jesuiten!

Man hat uns, ach! mit Hass und Groll
Gehetzt von allen Seiten,
Und wie uns jetzt geschehen soll,
Geschah uns schon vor Zeiten.
Wir haben der Verfolgung Graus
Mit frommem Sinn gelitten:
Wie Schafe trieb man uns hinaus,
Als Wölfe kehrten wir ins Haus
Zurück, wir Jesuiten!

Wir sind die Könige der Welt!
Im Weltbuch steht geschrieben:
Erst wenn der letzte Herrscher fällt,
Dann werden wir vertrieben.
Denn höher als der Pontifex1
Steht fest undunbestritten
Als Summus Rex2 doch Pater Beckx!
Summa iniuria, summa lex,
Lex nobis3 -- uns Jesuiten!

Erklärungen:

1 Pontifex (maximus) = höchster Priester = Papst

2 summus rex = höchster König

3 P. Pierre Jean Beckx (1795 - 1887)

"Beckx, Pierre Jean, Jesuitengeneral, geb. 8. Febr. 1795 zu Sichem bei Löwen in Belgien, gest. 4. März 1887, ward 1819 zu Hildesheim in die Gesellschaft Jesu aufgenommen, nach dem Übertritte des Herzogs Ferdinand von Anhalt-Köthen zur katholischen Kirche diesem als Beichtvater beigegeben, siedelte später mit dessen Witwe, der Herzogin Julie, nach Wien über, ward 1847 zum Prokurator der Provinz Österreich gewählt und wohnte in dieser Eigenschaft der Kongregation der Prokuratoren in Rom bei; schon reichte sein Einfluß bis in das Metternichsche Kabinett. Bei Vertreibung der Jesuiten aus Österreich 1848 begab er sich nach Belgien und ward Rektor des Kollegiums in Löwen. Nach Zurückrufung der Jesuiten nach Österreich wurde er erst Superior für Ungarn, dann Provinzial für Österreich. 1853 bei der zweiten Generalkongregation in Rom anwesend, ward er hier an Roothaans Stelle 2. Juli d. I. zum Ordensgeneral gewählt. Die große Regsamkeit des Ordens in neuester Zeit, die häufigen Jesuitenmissionen in protestantische Gegenden und der bedeutende Einfluß, den der Orden besonders seit Ende der 1850er Jahre gewonnen hat, sind vornehmlich seiner geschickten Leitung der Ordensangelegenheiten zuzuschreiben. Wegen seines hohen Alters trat er Anfang 1884 zurück. Sein Nachfolger war ð Anderledy (s. d.). Er schrieb das in mehrere Sprachen übersetzte Erbauungsbuch »Monat Mariä« (17. Aufl., Freiburg 1901). Unter seinen Auspizien wurde in Rom die »Civiltà cattolica« gegründet. Vgl. A. M. Verstraeten, Leven van den hoogeerwaarden Pater Petrus B. (Antwerp. 1889; deutsch von Martin, Ravensburg 1897)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Sankt Peter Schlemihl1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.46, S. 184. -- 1871-10-01

Das Patrimonium Petri2 gehört zu dem Papsttum wie der Schatten zum Körper. (Mainzer Infallibilisten-Versammlung3)

Erklärungen:

1 Schlemihl

"Schlemihl, im jüdisch-deutschen Jargon ein Mensch, der viel Missgeschick hat, Pechvogel. Ob das Wort von dem hebräischen Eigennamen Schlumiel (4. Mos. 1, 6), »Gottheil«, abzuleiten sei und demnach eigentlich jemand bezeichne, der sein Heil ausschließlich von Gott erwarte, oder mit »Schlimm Massal«, d.h. Unglück, zusammenhängt, ist zweifelhaft. Bekannt wurde der Ausdruck besonders durch Chamissos Erzählung »Peter Schlemihl«, worin der volkstümliche Aberglaube, dass man seinen Schatten verlieren, und dass der Teufel ihn an sich nehmen könne, wenn er über den Menschen selbst nicht Gewalt habe, als Hauptmotiv verwendet ist."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Patrimonium Petri

"Patrimonium Petri (lat.), »Erbgut Petri«, d.h. des Stuhles Petri (s. ð Päpstlicher Stuhl), auch P. ecclesiae, Erbtum der Kirche, der Kirchenstaat, besonders jener Gebietsteil, den Pippin als Besitz des heil. Petrus und seiner Nachfolger (daher P. P.) der Kirche schenkte (donatio Pipini 755) und damit zuerst die weltliche Herrschaft und Souveränität der Päpste begründete. Im engern Sinne das Gebiet der Stadt Rom und seiner Umgebung, das der Papst 1870 als letzten Rest des Kirchenstaates an Italien verlor."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Infallibilisten = Vertreter der Unfehlbarkeit des Papstes = Römische Katholiken; Infallibilisten-Versammlung = Generalversammlung der deutschen Katholiken (Katholikentag) in Mainz



Abb.: Notschrei und Reklame. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.46, S. 184. -- 1871-10-01

Der Münchener "Volksbot"1 schreit in den letzten Zügen um Abonnenten, damit nicht Vaterland, Religion und Volksbote zusammen zu Grunde gehen.

Erklärung:

1 Der Volksbote für den Bürger und Landmann. -- München : Kirschbaum & Schuh. -- 1848 - 1872; dann Erscheinen eingestellt


Der Münchener Kongress. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.46, 2. Beiblatt. -- 1871-10-01

In München an dem Isarstrom
Die Altkatholiken1 tagen.
Nun weh dir, Papst, und weh dir, Rom!
Jetzt wird eure Macht geschlagen!

Jedoch sie meinen 's nicht so schlimm:
Sie mäßgen des Zornes Flammen;
Sie sind behutsam in ihrem Grimm,
Vorsichtig im Verdammen.

"In der Unfehlbarkeit allein
Liegt ja bekanntlich das Übel.
Ein Papst, der muss natürlich sein,
Nur sei er nicht infallibel2!

Und w bestimmt ist zu Trient3,
Das wollen wir unterschreiben,
Nur die Jesuiten -- Kreuz-Element! ---
Die soll der Bismarck vertreiben!"

Sie halten Reden, schön und glatt
Und füllen der Blätter Spalten;
Das Kind, das werfen sie aus dem Bad,
Und wollen das Wasser behalten.

Der Heilige Vater bleibt in Ruh: --
"Vor euch ist mir nicht bange!
Beratet und redet immerzu,
Eure Herrschaft währt nicht lange!

Es ist kein Luther unter euch
Ihr bleichen Schatten und Schemen!
Der wagte noch, mit Papst und Reich
Und Teufel es aufzunehmen.

Ein ganzer Mann und resolut
War der in allen Fällen;
In euch ist nichts von solchem Blut,
Ihr armen, dürftgen Gesellen.

Da bin ich doch ein andrer Held,
Als ihr, an Halbheit Siechen,
Der ich dem Fortschritt der ganzen Welt
Trotz biete mit meinen Flüchen.

Nichts fruchten wird, was ihr versucht
Bedenklich und mit Schwanken!
Müsst ich nicht sagen: Seid verflucht!
So möcht ich euch wahrlich danken."

Erklärungen:

1 Altkatholiken

"Altkatholizismus, Name für eine kirchliche Bewegung, die den von der nationalen Idee getragenen Widerstand der Gewissenhaftigkeit und der Wissenschaftlichkeit im deutschen Katholizismus gegen die im Unfehlbarkeitsdogma vollendete ultramontane Entwickelung der römischen Kirche darstellt. Bisher war es unter Beihilfe der Politik deutscher Regierungen der Kurie gelungen, den Widerspruch der deutschen Wissenschaft (Hermes, Günther, Frohschammer u.a.) zu unterdrücken, Männer, die sich römischen Zumutungen unfügsam zeigten, von den Bischofsstühlen zu entfernen oder zurückzuhalten (Sedlnitzky, Schmid) und in Klerus und Gemeinde den Ultramontanismus zur Herrschaft zu bringen. Als aber trotz der Einsprache der deutschen Theologie, trotz des Protestes einer starken Minorität auf dem vatikanischen Konzil 18. Juli 1870 das Dogma von der Unfehlbarkeit zu stande gekommen war, als dieselben deutschen Bischöfe, die sich vorher so entschieden dagegen ausgesprochen hatten, das Dogma dennoch (in Bayern mit Umgehung des Plazet) verkündigten und gegen die opponierenden Fakultäten von München, Bonn und Breslau sowie gegen einzelne Geistliche und Religionslehrer mit kirchlichen Zensuren einschritten, und als zugleich in dem Verhalten des Klerus und der katholischen Partei des Reichstags es sich unverhohlen zeigte, dass das Streben dahin gehe, den päpstlichen Willen auch zum obersten Gesetz der Staaten zu machen: da wurde es vielen der Besten zur Gewissenspflicht, sich der Einführung eines Dogmas zu widersetzen, das für den Papst eine schrankenlose Gewalt über jeden einzelnen wie über Kirche und Staat in Anspruch nehme, und mit dem kein Recht, keine Freiheit, keine Gewissenhaftigkeit bestehen könne. Ein Brief des Stiftspropstes Döllinger zu München vom 28. März 1871 an den Erzbischof Scherr, in dem er in schneidiger Sprache begründete, dass er als Christ, als Theolog, als Geschichtskundiger, als Bürger das Dogma nicht annehmen könne, und den der Erzbischof mit der Exkommunikation beantwortete, gab der in vielen Kreisen verbreiteten Stimmung Ausdruck und Anlass zu einer weiter gehenden Bewegung, die von einem Aktionskomitee in München geleitet wurde. Die anfängliche Hoffnung, die Annahme des Dogmas in der deutschen Kirche noch rückgängig machen zu können, schwand, als der deutsche Episkopat in einem gemeinsamen Hirtenbriefe seine Unterwerfung aussprach. Ihr stellte der Kongress der Altkatholiken in München (September 1871) die Behauptung entgegen, die Infallibilisten seien, durch den Jesuitismus verführt, vom Glauben der alten Kirche abgefallen, und diese bestehe rechtmäßig nur in ihnen fort. Damit war das Schisma ausgesprochen. Unter dem Schutz und der Begünstigung des Staates bildete sich eine Anzahl altkatholischer Gemeinden, deren kirchlichem Bedürfnis der Erzbischof von Utrecht (s. ð Utrechter Kirche) entgegenkam. In einer Reihe wissenschaftlicher und populärer Schriften entwickelten inzwischen die Führer der Bewegung, Schulte, Friedrich, Reinkens, Michaelis u.a., aus Kirchenrecht und Kirchengeschichte die Ungültigkeit und Unstatthaftigkeit des Dogmas, seinen Widerspruch mit Religiosität und Sittlichkeit. Der zweite Kongress, in Köln September 1872, hielt in seinen Anträgen an den Staat den bisherigen Anspruch, die rechte katholische Kirche zu sein, fest und beauftragte ein Komitee, die Einleitung zu einer Rekonstituierung der Kirche durch eine Bischofswahl zu treffen. Zugleich wurde auch die von Döllinger angeregte Frage nach der Möglichkeit einer Wiedervereinigung der getrennten Konfessionen ins Auge gefasst und offen ausgesprochen, dass man nicht, wie anfänglich beabsichtigt gewesen, nur auf den Zustand des 7. Jahrh., vor der Trennung von der griechischen Kirche, zurückgreifen könne, sondern dass eine Revision der Entwickelung in Lehre, Verfassung und Kultus notwendig sei.

Eine Delegiertenversammlung nahm 4. Juni 1873 in Köln ein Organisationsstatut an, nach dem die Leitung der Kirche bei dem Bischof ruht, dem ein Spezialausschuss von neun Personen, teils Geistlichen, teils Laien, zur Seite steht. Dieser Ausschuss wird von der Synode erwählt, die jährlich in der Pfingstwoche zusammentritt, und zu der sämtliche Geistliche und für jede Gemeinde, bez. für je 200 selbständige Männer ein Laiendeputierter berufen werden. Bei der Bischofswahl vereinigten sich die Stimmen auf den bisherigen Professor in Breslau, Jos. Hubert ð Reinkens (s. d.), der am 7. Okt. 1873 durch den preußischen Kultusminister in Berlin als Bischof der altkatholischen Gemeinden Preußens vereidigt wurde. Die neue Organisation hält an dem auch vom preußischen Obertribunal anerkannten Grundsatze fest, dass die Altkatholiken keineswegs aus der katholischen Kirche ausgeschieden seien, sondern dass sie nur durch Umstände außer ihrer Macht an der Teilnahme der vollen Gemeinschaft gehindert würden. Auf dem dritten Kongresse in Konstanz 1873 wurde eine Synodal- und Gemeindeordnung angenommen.

In Deutschland wurden seit 1874 alljährlich die kirchenverfassungsmäßigen Synoden in Bonn gehalten; ebenso fanden Kongresse statt 1876 in Breslau, 1877 Mainz, 1880 Baden, 1884 Krefeld, 1888 Heidelberg, 1890 Köln, 1892 Luzern, 1894 Rotterdam, 1897 Wien. Die schwierige Frage der Aufhebung des Zwangszölibats der Geistlichkeit, die Professor v. Schulte in Bonn (»Der Zölibatszwang und dessen Aufhebung«, Bonn 1876) im Prinzip bejahte, während er die praktische Ausführung als eine Sache der Zweckmäßigkeit hinstellte, beschäftigte mehrere Synoden. Endlich wurde auf der fünften Synode 1878 unter Hinweis darauf, dass die neue Reichsgesetzgebung (Gesetz über die Eheschließung 6. Febr. 1875) das Ehehindernis der Priesterweihe nicht mehr kennt, mit 75 gegen 22 Stimmen das Zölibat abgeschafft. Geistliche, welche die ideale Seite des Zölibats hervorhoben, wie Reusch und Tangermann, sind durch diesen Beschluss der Sache des A. entfremdet worden. Günstig wirkte dagegen das am 4. Juli 1875 vom König bestätigte preußische Gesetz über die Rechte der altkatholischen Kirchengemeinden an dem kirchlichen Vermögen. Überhaupt beharrten Staatsregierung und Gerichte auch noch nach der Schwenkung der innern Politik seit 1878 an der Auffassung, dass die Altkatholiken als katholische Christen zu betrachten und zu behandeln seien, während die bayrische Regierung sie 1890 zur aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschiedenen Privatkirchengesellschaft mit sehr beschränkten Rechten umstempelte. In Preußen existierten 1901: 16 staatlich anerkannte Pfarren und 20 noch nicht förmlich konstituierte Gemeinden, in Baden 21 (17), in Bayern 4 (10), in Hessen 2 (2). Eine genaue Angabe der Seelenzahl ist deshalb nicht möglich, weil sich bei den Volkszählungen stets nur ein Teil der Altkatholiken als solche einträgt. Die Gesamtzahl wird sich auf rund 50,000 mit 54 Geistlichen belaufen. Bischof ist seit 1896 der frühere Professor der Theologie Th. ð Weber (s. d.).

Auch in andern Ländern hat sich die altkatholische Bewegung verbreitet. Besondere Ausdehnung und Bedeutung erlangte sie in der Schweiz. Die Synodalverfassung der dortigen »christkatholischen« Kirche von 1875 entspricht im allgemeinen der deutschen, und auch in Bezug auf die Zurückstellung der Ohrenbeichte hinter einer allgemeinen Bußandacht vor der Kommunion herrscht Übereinstimmung zwischen beiden Nationalkirchen. Übrigens hat diese Kirche in ihren auf der Synode zu Olten 1876 aufgestellten Prinzipien viel entschiedener mit der hierarchischen Tradition gebrochen, als dies den deutschen Altkatholiken möglich gewesen war. Die altkatholische Fakultät in Bern stellte sich derjenigen in Bonn würdig zur Seite. Bischof ist seit 1876 der bisherige Berner Pfarrer Eduard Herzog. 1901 zählte man 41 Gemeinden mit 56 Geistlichen und rund 50,000 Seelen. In Österreich wurde die altkatholische Religionsgemeinschaft durch Verordnung des Kultusministers vom 18. Okt. 1877 anerkannt. 1901 gab es dort, besonders in Nordböhmen, etwa 17,600 Altkatholiken mit 14 Geistlichen. Bistumsverweser ist M. Czech in Warnsdorf. In Holland gibt es etwa 8000 Altkatholiken mit 30 Geistlichen. Für die übrigen Länder ist die Statistik dadurch erschwert, dass die altkatholische Bewegung vielfach mit andern reformkatholischen Bestrebungen durcheinander geht. In Italien zählt man 8 Gemeinden mit ca. 10 Geistlichen, in Spanien 3000 Anhänger (1170 Kommunikanten) mit 11, in Portugal 330 Kommunikanten mit 5, in Mexiko 1000 mit 13 Geistlichen. – Altkatholische Zeitschriften: »Deutscher Merkur« (Münch., seit 1870), erscheint seit 1900 als wissenschaftliche Beilage zum »Altkatholischen Volksblatt« (Bonn, seit 1885); »Altkatholisches Kirchenblatt« (das., seit 1874); »Der Katholik« (Bern, seit 1877); »Revue Internationale de Théologie« (das., seit 1893); »De Oud-Katholiek« (Rotterdam, seit 1874); »La Luz« (Madrid); »La Riforma cattolica«. Vgl. Friedberg, Aktenstücke, die altkatholische Bewegung betreffend (Tübing. 1876); v. Schulle, Der A. (Gießen 1887); Herzog, Beiträge zur Vorgeschichte der christkatholischen Kirche der Schweiz (Bern 1896)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 infallibel = unfehlbar

3 Konzil von Trient: Konzil der Römisch-katholischen Kirche 1545 bis 1563; diente der Antwort auf die Reformation


Den Gleichgültigen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.47, 2. Beiblatt. -- 1871-10-08

Das schwarze Nachtgevögel muss verschwinden
Vor des Jahrhunderts hellem Wissenslicht;
Denn vor der Wahrheit zürnendem Gericht
Zerstiebt der Lüge Schwarm nach allen Winden.

Und mächtig strebt der Geist auf Riesenschwingen --
Genug! Genug! Wir sind der Phrasen müd!
Wie lang noch mit dem alten Zauberlied
Lasst täglich neu ihr in den Schlaf euch singen?

Indessen rüstet sich die schwarze Bande
Mit allen Waffen ihrer Lügenmacht,
Zur heißen, grimmigen Entscheidungsschlacht
Still und geräuschlos überall im Lande.

Schaut hin nach Östreich, wo in harten Qualen
Ein Brudervolk schon ringt mit ihrer Brut,
Und sprecht, bleibt euch noch immer frisch der Mut,
Den bittren Ernst mit Phrasen fortzuprahlen?

Nein, nein! Hier hilft kein vornehm Überheben!
Stählt euch das Herz! Mit Hass und Grimm erfüllt 's!
Denn mit der Hölle selbst zu ringen gilt 's,
Und einen Mutkampf gilt 's auf Tod und Leben.

In Reih und Glied, eh' sie zum Kampf sich scharten!
Seit Monden stoß' ich mahnend in das Horn.
Zertreten könnt ihr das Gewürm im Zorn,
Doch blast ihr's nimmer fort mit -- Redensarten!

Erläuterung: gegen die Jesuiten gerichtet. Im Anschluss an den Deutschen Protestantentag (3. bis 5. Oktober 1871) in Darmstadt, wo Johann Kaspar Bluntschli (1808 - 1881), Staatsrechtprofessor an der Universität Heidelberg, die Parole ausgegeben hatte: "Fort mit den Jesuiten!"


Nachruf1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.48, S. 190. -- 1871-10-15

Weiße Beffchen und Krawatten,
Röcke von bigottem Schnitte,
Aus der breiten Krempen Schatten
Gleißt der Blick demütger Sitte.
Und das Haar, à la Johannes
Stirngescheitelt, ohrgestriegelt,
Dass das Bild des Gottesmannes
Jedes Löcklein wiederspiegelt.
dass sich gleich als fromme Hirten
Würd und Amt von fern bezeugen,
Und die Schäflein, die verirrten,
Sich in schwerer Ehrfurcht beugen.
Frommer Denkung Milchgestalten,
Kaum -- so schien 's -- von gläubgem Häuchlein
In den Fugen noch gehalten,
Doch auch manch schmermastig Bäuchlein
Sah ich durch die Straßen schleichen,
Sah manch frommen Scheitel glänzen;
Doch ich hielt mich fern den bleichen,
Den kurzatmigen Existenzen.
Denn ich wollt, da sie zu Gast hier,
Sie in Frieden wandeln lassen,
Und nicht stören ihre Rast hier,
Doch mich freut 's, dass sie mich hassen,
Dass sie einen losen Schwätzer,
Sünder mich und Spötter schelten;
Doch ich mag -- so sind wir Ketzer! --

Nicht mit gleichem Maß vergelten.
Und mich freut 's, dass sie in Hitze
Den Karikaturen fluchen,
So durch Bilder oder Witze
Unsre Zeit zu prangern suchen.

Wandelt denn, ihr schwarzen Scharen,
Ruhig auf einsamen Spuren,
Ihr, des großen Unfehlbaren
Kleinliche -- Karikaturen!

Erklärung:

1 Nachruf auf den Kongress der Altkatholiken in München im September 1871.



In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.53/54, S. 216. -- 1871-11-19

Jesuitenlob, garstig Lob.

Die Kind, kein Engel ist so rein,
Lasst eurer Huld empfohlen sein!1

Die sieben † Weisen

Aus Österreich.

Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.

Erklärung:

1 Friedrich Schiller (1759 - 1805): Der Gang nach dem Eisenhammer (1797), letzte Strophe

Und gütig, wie er nie gepflegt,
Nimmt er des Dieners Hand,
Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt,
Die nichts davon verstand.
»Dies Kind, kein Engel ist so rein,
Lassts Eurer Huld empfohlen sein,
Wie schlimm wir auch beraten waren,
Mit dem ist Gott und seine Scharen.«


A bas les voleurs!1 -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 24, Nr.56, S. 221. -- 1871-12-03

"A bas les voleurs! Die Hallunken,
Die Diebe nieder!" -- gellt 's im Chor,
Im tausendstimmigen, zornestrunken,
Und sprühend heilgen Zornes Funken,
Loht der Empörung Flamm empor.

Genug des Frevels und der Schande.
Der allzu lang getragnen Schmach!
Zu Wasser ging -- Schmach unsrem Lande --
Der Krug der schwarzen Diebsbande,
Bis endlich jetzt der Henkel brach.

Der Oberdieb2, Genie im Rauben --
Wer wagt zu sagen, dass er stahl?
Er hat nur, schuldlos wie die Tauben,
Doch schlangenklug, im frommen Glauben
"Christianisiert das Kapital!"

Der Juden Gold als Fuchs, als schlauer,
Hätt er "verchristlicht" gar zu gern,
Verschmäht auch nicht den reichen Bauer;
Doch ach! die Trauben waren sauer
Und hingen gar zu hoch dem Herrn.

Im frommen Eifer nun, dem warmen,
Sucht bei den Kleinen er sein Glück;
Er wies in christlichem Erbarmen
Den Pfennig auch des ärmsten Armen,
Der Witwe Scherflein nicht zurück.

Er stärkt die Schwachen im Vertrauen
Und macht sie aller Zweifel bar:
"Die Kirch allein, meine lieben Frauen,
Kann ungerechtes Gut verdauen" --
Das ist je und gewisslich wahr!

So macht, in Glauben spekulierend,
Er, nur zu Gottes größrem Ruhm,
Des Papstes Segen negotiierend,
"Das Kapital christianisieren;"
Zu Kapital sein Christentum.

Wer an ihm zweifelte, den trafen
Des Fluches Blitz aus heilger Hand;
Der Feinde Frevelmut zu strafen,
Hat ihn -- vernimm 's, o Welt -- zum Grafen
Der heilge Vater selbst ernannt.

Der heilge Graf -- er ist verflossen,
Geborgen wohl an sichrem Ort;
Doch seiner Freund und Diebsgenossen
Rechtgläubge Schar setzt unverdrossen
Sein fromm Geschäft noch heute fort.

Minister, und in schamlos frecher
Verlogenheit des Landes Schmach --
Das Maß ist voll, und der Verbrecher
Wahnblinde Torheit rief als Rächer
Des Volks Gewissen endlich wach.

"A bas les voleurs! Die Hallunken,
Die Diebe nieder!" -- gellt 's im Chor,
Im tausendstimmigen, zornestrunken,
Und sprühend heilgen Zornes Funken,
Loht der Empörung Flamm empor.

Also geschah 's im Belgierlande,
Wo fröhlich, frisch, frei, fromm regiert
Der Pfaff, und wo, zu Schand und Schande,
Die schwarze Pest, Roms finstre Bande
"Das Kapital christianisiert!"

Erklärungen:

1 A bas les voleurs! (französisch) = Die Diebe nieder! Schlachtruf bei den Unruhen in Brüssel im November 1871 anlässlich der Ernennung von Pierre de Decker zum Gouverneur der Provinz Limburg.

"Decker, Pierre de, belg. Staatsmann und Schriftsteller, geb. 25. Jan. 1812 in Zele bei Dendermonde, gest. 5. Jan. 1891 in Brüssel, widmete sich, bei den Jesuiten erzogen, der Advokatenlaufbahn und erwarb sich als Mitherausgeber des »Journal des Flandres«, bez. Mitgründer der katholischen »Revue de Bruxelles« (1837) sowie durch die Gedichtsammlung »Religion et amour« (1835–36, 2 Bde.) bald einen literarischen Ruf. In der Kammer, der er 1839–66 angehörte, sowie in den weitverbreiteten Broschüren »Du pétitionnementen faveur de la langue flamande« (1840), »De l'influence du clergéen Belgique« (1843), »Quinze aus 1830–1845« (7. Aufl. 1846), »L'esprit de parti et l'esprit national« (5. Aufl. 1852) etc. vertrat er gemäßigt-klerikale und flamenfreundliche Anschauungen mit großem Eifer. 1846 auf Grund seiner »Études historiques et critiques sur les monts-de-piétéen Belgique« (1844) in die belgische Akademie gewählt und 1855 zum Minister des Innern im gemäßigt-klerikalen Kabinett Vilain XIIII. (s.d.) ernannt, musste er schon im Herbst 1857 infolge der Straßentumulte anläßlich des von ihm eingebrachten Gesetzes über die Organisation des Wohltätigkeits- und Stiftungswesens zurücktreten. Später an den berüchtigten Finanzoperationen von Langrand- Dumonceau (s.d.) beteiligt und Direktor der »Christlichen Bank«, ward er, nachdem seine Ernennung zum Gouverneur der Provinz Limburg (November 1871) einen Straßenkrawall in Brüssel und den Rücktritt des ultramontanen Ministeriums d'Anethan (s.d.) herbeigeführt hatte, in den Langrandschen Kriminalprozess verwickelt, 1877 aber außer Verfolgung gesetzt. Später schrieb er noch: »Étude politique sur le vicomte Ch. Vilain XIIII« (Brüss. 1879); »Les missions catholiques« ' (das. 1879); »Henri Conscience« (das. 1885); »L'Eglise et l'ordre social chrétien« (Löwen 1887)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Oberdieb = André Langrand-Dumonceau (1826 - 1900)

"Langrand-Dumonceau (spr. langgrang- dümongßō), André, belg. Abenteurer, geb. 5. Dez. 1826 in Vossem bei Lüttich, gest. 25. April 1900 in Rom, anfangs Kolporteur und Bäckerjunge, trat 1843 in die afrikanische Fremdenlegion. Seine Idee einer »Christianisierung des Kapitals« fand beim belgischen Klerus und bei Pius IX., der L. in den römischen Grafenstand erhob und seinen Finanzunternehmungen den apostolischen Segen erteilte, großen Beifall. Als die von ihm in Belgien und im Ausland mit dem Geld von Geistlichen, Bauern, Witwen, Waisen etc. gegründeten 24 Aktien- und Kommanditanstalten zahlungsunfähig wurden, fand L. bei den belgischen Klerikalen einen Rückhalt, so dass sein Prozess verzögert, einer seiner Hauptmitschuldigen 1871 Vorsitzender der Budgetkommission der Kammer und ein andrer, de Decker (s. ð Decker 4), Gouverneur der Provinz Limburg ward. Dies führte Ende des Jahres zu Volkstumulten und zum Sturz des Kabinetts d'Anethan, worauf L., der nach Brasilien geflüchtet war, in contumaciam zu langjährigem Gefängnis verurteilt ward."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


1872



Abb.: Neujahrs-Nacht-Träume sind Schäume <Ausschnitt>. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 1, S. 4. -- 1872-01-07

Triumphierender Traum eines tief Schwarzen.

Erklärung:

O.A.M.D.G. (auf dem Beichtstuhl) = Omnia ad majorem Dei gloriam = Alles zur höheren Ehre Gottes. Wahlspruch der Jesuiten.



Abb.: Toleranz. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 2, S. 8. -- 1872-01-14

Man hat in der Schweiz Abstand genommen, die Jesuiten zu verbannen, und ihnen, mit geringen Einschränkungen, den ferneren Aufenthalt gestattet.



Abb.: Zur Rache braucht man keine Bildung. Der französische Klerus. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 3, S. 12. -- 1872-01-21



Abb.: Dienst und Gegendienst. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 5, 1. Beiblatt. -- 1872-02-04

Die Kirche soll frei sein!
Deshalb muss der Staat aus der Kirche.

Dagegen verlangen wir nur eine Kleinigkeit:
Dass auch die Kirche aus der Schule bleibe.



Abb.: Das entschleierte Bild zu Sais1. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 6, S. 23. -- 1872-02-11

Auch du, Brutus?2

Erklärungen:

Inschrift auf der Bismarck-Büste: Eccelsia taceat in politicis = die Kirche sollin politischen Fragen schweigen. In Anlehnung an 1. Korintherbrief 14,34:  Mulier taceat in ecclesia (Vulgate): "das Weib soll in der Kirche schweigen"

1 Nach Friedrich Schiller (1759-1805): Das verschleierte Bild zu Sais:

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
[...]

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riss ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
»Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

2 Auch du, Brutus?: Diese Worte soll Julius Cäsar ausgerufen haben, als mehrere Mörder auf ihn eindrangen, unter denen er auch seinen Freund, Brutus, erblickte. Verwendet, wenn man unter seinen Gegnern eine Person erblicken, die man bisher zu seinen Freunden gezählt hat.



Abb.: Chinesische Höflichkeit. Gewissen Herren zur Nachahmung empfohlen. -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 8/9, S. 33. -- 1872-02-25

Mandschu. Ach, was haben Sie dich für eine herrliche Religion!
Kandschu. Nun, lieber Freund, die Ihre ist auch nicht von schlechten Eltern
Mandschu. Bitte, bitte, ganz auf meiner Seite!


 
Abb.: Hinc illae lacrimae!1 -- In: Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 14/15, S. 60. -- 1872-03-31

Weshalb die Geistlichkeit am Rhein und in Schlesien den Bauern so angelegentlich das Lesen liberaler Zeitungen verbietet.



Abb.: Anti-Kladderadatsch. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, 18, S. 72. -- 1872-04-21

Die Unfehlbaren der "Germania"1 behaupten, dass ihr Humor der wahre sei, und wollen jetzt auch ein Witzblatt gründen. Die ultramontanen2 Scherze kennt man zur Genüge.

Erklärungen:

1 Germania

"Germania, am 1. Jan. 1871 begründete, täglich zweimal in Berlin erscheinende politische Zeitung ultramontaner Richtung, vertritt die Interessen der deutschen Zentrumspartei und des römischen Stuhles unter jesuitischem Einfluß. Eine hervorragende Rolle spielte sie während des Kulturkampfes unter der Leitung Paul Majunkes, der 1878 aus der Redaktion ausschied. Gegenwärtig (1904) ist Chefredakteur H.ten Brink."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 ultramontan

"Ultramontanismus (lat.), diejenige Auffassung des Katholizismus, die dessen ganzen Schwerpunkt nach Rom, also jenseits der Berge (ultra montes), verlegen möchte; ultramontan ist somit das ganze Kurial- oder Papalsystem (s. d.). "

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Eine alte Röm'sche Ode
Treu verdeutscht nach neu'ster Mode. (Horat. Carm. III., 18.)
. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, 18, S. 72. -- 1872-04-21

Faune, Nympharum fugientum amator,
Per meos finis et aprica rura
Lenis incedas abeasque parvis
Aequus alumnis:

Si tener pleno cadit haedus anno
Larga nec desunt Veneris sodali
Vina craterae, vetus ara multo
Fumat odore.
 

Ludit herboso pecus omne campo
Cum tibi nonae redeunt Decembres,
Festus in pratis vacat otioso
Cum bove pagus,

Inter audacis lupus errat agnos,
Spargit agrestis tibi silva frondes,
Gaudet invisam pepulisse fossor
Ter pede
terram.
Wie Gott Faun, der Gönner der demi-monde,
Durch die sonngen Felder, so schleichen leise
In den Deutschen Grenzen die schwarzen Brüder,
Segnend die Dummen.

Doch zu Hause da schäumt in dem Glas das Bockbier;
Wein auch kann nicht fehlen, noch Frauenzimmer,
Und es riecht die Stunde vom Duft der feinen
Cubazigarre.

Einge gar verspielen in Homburg Alles;
Andre auch, wenn irgend ein Kirchweihfest kommt,
Tummeln auf der Wiese sich, wo die Kuhmagd
Tanzend das Bein schwingt.

Wölfen gleich umlauern sie arme Herden,
Und den Feldzehnt stehlen sie. -- Weiser Kanzler,
Schick die schwarzen Brüder doch aus dem Land mit
Kräftigem Fußtritt!

Quintus Horatius Flaccus (65 - 8 v. Chr.): Carmina III,181  
Erklärung:

1 Übersetzung von Johann Heinrich Voß (1751 - 1826):

An Faunus.

Faunus, du, der flüchtigen Nymphen hold ist,
Durch die Feldmark mir und die Sonnenäcker
Wolle sanft hinwandeln und hold den kleinen
        Zöglingen abziehn;

Wenn am Jahrfest blutet ein zartes Böcklein,
Und der Mischkrug dir, ein Genoss der Venus,
Reichen Weins nicht darbt, und des Moosaltares
        Vieler Geruch dampft!

Alles Vieh frohlockt in dem grünen Anger,
Wenn geehrt dir sind die Dezembernonen;
Müßig feirt durch Wiesen das Dorf, und müßig
        Weidet der Pflugstier.

Ohne Furcht sehn Lämmer den Wolf gesellet;
Ehrend streut dir ländliches Laub die Waldung;
Fröhlich stampft Erdreich, das ihn quält, der Winzer,
        Hüpfend im Dreischlag.



Abb.: Arbeitsaufnahme. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 19, S. 76. -- 1872-04-26

Der Papst, des langen Fluchens müde, kehrt wieder an die Arbeit zurück und fängt mit einer Hand wieder an zu segnen.

Erklärung:

Abgebildet ist neben Pius IX. sein Kater (Pius IX. war für seine Katzenliebe bekannt)


Wie das Wiener "Vaterland"1 über den Ausbruch des Vesuv2 denkt. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 20, 2. Beiblatt. -- 1872-05-05

Was grollst und schnaubest du, Vesuv?
Warum erbebt die Hölle?
Was wirfst du empor mit wildem Ruf
Jetzt Schlacken und glühend Gerölle? --
"Ich seh von den Feinden groß und klein,
Bedrängt den heiligen Vater;
Da muss ich wohl Feuer und Flamme spein
Zur Strafe der Welt -- auf Krater!

Ich sah, wie man den Papst beraubt
Zum Schrecken aller Frommen,
Wie man von seinem heiligen Haupt
Die Krone frech genommen;
Wie man ihm weigert allerwärts
So Zehnten als Octava3;
Da muss ich brüllen wohl vor Schmerz
Zum Himmel hoch -- auf Lava!

Ich sah, wie ein König4 sich erfrecht,
Zu thronen -- o des Spottes! --
In Roma dort dicht neben dem Knecht,
Dem Knecht der Knechte Gottes.
Mich ekelt bass vor solcher Schand --
Er büße seinen Frevel!
Verderben spei ich auf sein Land!
Ich muss jetzt spein -- auf Schwefel!

Ich seh zu meinem Gipfel dreist
Verwegne Briten5 klimmen;
Sie halfen mit ihrem Gold und Geist
Einst Garibaldi6, dem Schlimmen.
Fluch über sie! Sie sein verdammt!
Zur Hölle mit diesem Packe!
Ich will sie begraben allesamt
In Schlacke -- Ja -- auf Schlacke!

Die ganze Welt ist von Teufelslust
Erfasst und falschem Wahne!
Die ganze Welt tanzt unbewusst --
Heidi! -- auf einem Vulkane.
O dass aus meinem Rachen hier
Ein Feuerstrom entquölle,
Zu tilgen des Papstes Feinde schier,
Ja alle -- alle -- auf Hölle!

O könnt ich mit der Felsen Geschoß
Des Kreuzbergs7 Haupt bedecken!
Dort lebt ein Feind ja, mächtig groß,
Der lässt durch nichts sich schrecken:
Durch Donner nicht noch Weheschrein;
Ob Nönnlein gleich und Pater
Gleich mir heut Feuer und Flamme spein:
Der -- Kladderadatsch -- auf Krater!"

Erklärungen:

1 Das Vaterland: Zeitung für die österreichische Monarchie. -- Wien. --  1860 - 1911; damit Erscheinen eingestellt. -- Erscheinungsweise: täglich. -- Online: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vtl. -- Zugriff am 2008-01-07

2 Ausbruch des Vesuv am 26. April 1872:  zerstörte die Orte Massa di Somma und San Sebastiano und tötete 20 unvorsichtige Schaulustige

3 Octava

"Oktave (octava, lat.), in der katholischen Liturgie zunächst der achte Tag (dies octava) nach einem Feste, dann überhaupt die achttätige Feier eines großen Kirchenfestes. Sich anlehnend an den alttestamentlichen Gebrauch (Osterfest, Versöhnungsfest, Laubhüttenfest, Tempelweihe), soll die O. die Feierlichkeit eines Festes in besonderer Weise erhöhen; solche Feste (cum octava) sind: Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Epiphanie, Fronleichnam, Christi Himmelfahrt, dann Empfängnis, Geburt, Himmelfahrt Mariä, ferner die Festtage der Heiligen: Stephanus, Johannis Evangelist, unschuldige Kinder, Johannes der Täufer, Peter und Paul, Laurentius, Allerheiligen, sowie einzelner Bistums-, Landes- und Ordensheiligen; auch Kirchweih- und Patroziniumsfest hat eine O."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Vittorio Emanuele II. (1820 -1878): 1861 - 1878 König Italiens

5 Seit ca. 1700 gehört der Vesuv zum klassischen Programm der Grand Tour, der obligatorische Reise der Söhne des britischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums durch Mitteleuropa und Italien

6 Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882): italienischer Freiheitskämpfer

7 Berlin-Kreuzberg


Einfache Antwort. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 21, S. 83. -- 1872-05-12

Ob auch Sankt Peter, wo ihm prangt sein Dom,
Gewesen ist? Davon, ihr Herren, später!
Jetzt weiß ich, dass der Papst in Rom --
Und er hat nichts zu schaffen mit Sankt Peter.

Sankt Peter war, wie ihr es Alle wisst,
Ein Mann, der menschlich irren konnt und fehlen;
Jetzt aber in des Vatikans Sälen
Regiert ein Götze, der unfehlbar ist.



Abb.: Abkühlendes. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 22/23, S. 89. -- 1872-05-19

[Bismarck:] Cardinal gefällig?
[Pius IX.]: Danke, mache ich selber.


Die armen Biedermänner. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 22/23, S. 91. -- 1872-05-19

Wie haben wir sie so sehr verkannt
Die Herrn mit den breiten Hüten!
Sie sind so friedlich, so tolerant,
Die biederen Jesuiten!

Sie lieben das Vaterland so sehr --
Man kann 's kaum ärger lieben!
Sie haben von alten Zeiten her
Patriotismus getrieben!

Auch ihre Treu ist weit und breit
Im Reich berühmt geworden;
Wie heilig hält den geschworenen Eid --
Mit Vorbehalt -- der Orden!

Den Gury1 hat man stark verschrien
Als unmoralisch und scgändlich;
Doch was nichtswürdig uns erschien,
Ist uns nur -- unverständlich!

So hat der Moufang2 ein helles Licht
Im Reichstag uns angezündet:
Was man von den Jesuiten spricht,
Ist alles unbegründet!

Der Moufang2 tut noch Eins sogar:
Anstatt uns zu verfluchen,
Ersucht er uns, sein Seminar
In Mainz mal zu besuchen.

Wir sollen bei ihm zu Haus in Mainz
Ihn hören; es wird nicht fehlen
An einem guten Becher Weins
Für unsre durstigen Kehlen.

Nun wohl, o Moufang2! Wir werden sehn!
Du magst uns in Mainz erwarten,
Nur müssen wir den Wein verschmähn,
Und wär 's "Jesuitengarten".

Wir trinken nie Jesuitenwein,
Wir zähmen unser Gelüsten;
Sonst könnt es doch wohl möglich sein,
Dass wir -- dran glauben müssten!

Erklärungen:

1 P. Jean Pierre Gury SJ (1801 - 1866)

"Gury (spr. güri), Jean Pierre, kath. Moraltheolog, geb. 23. Jan. 1801 in Mailleroncourt (Franche-Comté), gest. 18. April 1866 in Vals, trat 1824 in den Jesuitenorden, ward 1833 Professor der Moral am Jesuitenkollegium in Vals bei Le Puy, 1847 am Collegium romanum in Rom, kehrte aber schon im folgenden Jahre, durch die Revolution vertrieben, nach Vals zurück. Sein nach A. v. Liguori gearbeitetes und in vielen Auflagen, auch in deutscher Übersetzung (Regensb. 1868) verbreitetes Hauptwerk ist das »Compendium theologiae moralis« (Lyon u. Par. 1850, 2 Bde.; beste Ausgabe von Ballerini, 6. Aufl., Rom 1882), ein System der katholischen Sittenlehre zum Gebrauch für Geistliche bei der Beichte und Absolution, das die altjesuitische Kasuistik und den Probabilismus erneuert und an vielen Seminaren (z. B. in Mainz) eingeführt worden ist. Ihm folgten 1863 die »Casus conscientiae« (Lyon u. Par., 2 Bde.; 8. Aufl. 1891). Vgl. A. Keller, Die Moraltheologie des Jesuitenpaters G. (2. Aufl., Aarau 1870)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Christoph Moufang (1870 - 1890)

"Moufang (spr. mu-), Christoph, kath. Geistlicher, geb. 12. Febr. 1817 in Mainz, gest. daselbst 27. Febr. 1890, ward 1839 Priester, 1845 Gymnasiallehrer in Mainz, 1851 Regens des bischöflichen Seminars, 1854 Mitglied des Domkapitels daselbst, 1863 Vertreter des Bischofs Ketteler in der hessischen Ersten Kammer, 1871–76 Mitglied des Reichstags, 1877–1886 von der Regierung nicht bestätigter Bistumsverweser und 1886 päpstlicher Hausprälat. Er veröffentlichte: »Aktenstücke, betreffend die Jesuiten in Deutschland« (Mainz 1872), »Die Mainzer Katechismen von Erfindung der Buchdruckerkunst bis zu Ende des 18. Jahrhunderts« (das. 1878), »Katholische Katechismen des 16. Jahrhunderts in deutscher Sprache« (das. 1881), »Officium divinum«, kathol. Gebetbuch, lat. u. deutsch (19. Aufl., das. 1905) und gab seit 1850 mit Heinrich die Zeitschrift »Der Katholik« heraus."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Petition an den Reichstag. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 22/23, S. 92. -- 1872-05-19

Die siebente Bitte.1

Erklärung:

1 Die siebte Bitte des Vaterunser: "Erlöse und von dem Übel"


Eine wundersamb aber wahre Historia, so sich begeben zu Paris in diesem Jahr. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 26, S. 101. -- 1872-06-09

Frei nach "Le Monde" und der "Germania" in lustige Reimlein gebracht und zu singen nach der frummen Frei-Frau-von-Droste-Vischering-Weis1.

Der Knabe André in Paris --
Pi-Pu-Po-Paris,
Der hatte lahme Händ und Füß --
Hi-Ha-Händ und Füß
Auch war an Aug und Ohren
Er blind und taub geboren,
Kunnt stehen nicht und gehen,
Kunnt hören nicht und sehen.

Die Eltern, reich und edler Art --
I-A-edler Art,
Die hatten kein klein Geld gespart,
Gi-Ga-Geld gespart,
Heilung dem Sohn zu bringen,
Doch wollt es nicht gelingen;
All Kunst der Herrn Doktoren,
An ihm schien sie verloren.

Sogar der Doktor Nélaton2 --
Na-Nu-Nélaton
Erklärte: Euer armer Sohn --
I-A-armer Sohn
Behält die blinden Augen,
Die Ohren, die nichts taugen,
Die lahmen Füß und Hände
Bis an sein selig Ende!

Da führt ein altes frommes Weib --
Frou-Frou-rommes Weib
Das arme Kind zum Zeitvertreib
Zi-Za-Zeitvertreib
Zum Ort, wo sie begraben
Zehn Jesuiten haben:
Hier wirst vom bösen Wesen,
Mein Sohn, du bald genesen!

Am achtundzwanzigsten April --
I-A-I-April
War 's, als man gläubig, stumm und still --
Sti-Sta-stumm und still
Des Morgens gegen Achte
Das kranke Knäblein brachte
Aus seinem kleinen Wagen
Zum Wundergrab getragen.

Spektakel! Schon um halber Neun --
Hi--Ha-halber Neun,
Mocht kaum vorbei die Messe sein --
Mi-Ma-Messe sein,
Da sprang der kranke Knabe
Urplötzlich auf vom Grabe,
Kunnt hören stracks und sehen,
Kunnt stehen stracks und gehen.

Der Knabe André turnte keck --
Ti-Ta-turnte keck
Noch selben Tags an Barrn und Reck --
Bi-Bo-Barrn und Reck;
Er machte wunderschnelle
Kreuzbiege und Bauchwelle.
Im Wettlauf und Freispringen
Tät er den Preis erringen.

Auch hört er Alles, was man spircht --
Wie-Wa-was man spricht,
Hatt auch sein volles Augenlicht --
I-A-Augenlicht:
Er schmiss aus fernsten Weiten
Selbst nach den ältsten Leuten,
Und traf mit seinem Steine
Sie sicher an die Beine.

Der fromme Knabe André war --
I-A-André war
Also geheilt im zehnten Jahr --
Zi-Za-zehnten Jahr.
Und tausendfältig Zeugnis
Bestätigt dies Ereignis
Selbst in der glaubenslosen
Hauptstadt der Franzosen.

Moral:

Auf einem Jesuitengrab --
Ja -- Jesuitengrab
All dies Mirakel sich begab --
Sie-Sa-sich begab.
Ergo3: ihr heilgen Fratres,
Ihr infalliblen4 Patres,
Zum Heile frommer Knaben
Lasst -- Alle euch begraben!

Erklärungen:

1 Rudolf Löwenstein schrieb1844 folgendes Spottlied:

[Quelle: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten : Bd. 1 u. Bd. 2 reprinted u. zusammengebunden / Wolfgang Steinitz
Sonderausg. -- Frankfurt am Main : Zweitausendeins, 1979. --  XLIV, 630 S. : Noten ; 21 cm. --  Nebentitel: Der grosse Steinitz. -- ISBN: 3-88436-101-5. -- Bd. II, S. 146ff]

2 Auguste Nélaton (1807 - 1873)

"Nélaton (spr. -tóng), Auguste, Mediziner, geb. 18. Juni 1807, gest. 21. Sept. 1873 in Paris, studierte in Paris, ward 1836 Chirurg an verschiedenen Hospitälern und habilitierte sich zugleich als Privatdozent bei der medizinischen Fakultät daselbst. 1851 wurde er Professor der chirurgischen Klinik, 1866 Leibchirurg des Kaisers und 1868 Mitglied des Senats. Einer der ausgezeichnetsten Chirurgen der Neuzeit, hat er sich besonders um die Steinoperation verdient gemacht. Er schrieb: »Traité des tumeurs de la mamelle« (Par. 1839); »Parallèle des divers modes opératoires dans le traitement de la cataracte« (1850); »De l'influence de la position dans les maladies chirurgicales« (1851); »Éléments de pathologie chirurgicale« (1844–60, 5 Bde.; 2. Aufl. von Jamain, Péan u.a., 1868–85, 6 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 ergo (lateinisch) = folglich

4 infallibel = unfehlbar



Abb.: Temporaliensperre. -- In Kladderadatsch. -- Nr. Jg. 25, Nr. 27, S. 108. -- 1872-06-16

Eine ganz neue Variante des alten Liedes: "Friss, Vogel, oder stirb!"

Erklärung:

Bismarck droht mit einer Temporaliensperre.

1 Temporaliensperre

"Temporalĭensperre, die Einbehaltung der aus staatlichen Mitteln fließenden Zuschüsse zu dem Amtseinkommen der Geistlichen. Sie findet als repressives Zwangsmittel der Staatsgewalt gegen renitente Geistliche Anwendung. In umfassendem Maß ist sie namentlich in Preußen während des Kulturkampfes gehandhabt worden, indem durch Gesetz vom 22. April 1875 (sogen. Sperrgesetz) die Einstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für die im § 1 aufgezählten Bistümer, deren Institute und Geistlichen allgemein angeordnet worden war (vgl. Kirchenpolitik, S. 51). Ob und inwieweit die T. auch als bloße Verwaltungsmaßregel ohne eine (allgemeine oder spezielle) gesetzliche Ermächtigung zulässig sei, ist bestritten. Vgl. Kahl, Über die T., besonders nach bayerischem Recht (Erlang. 1876)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Radikal, nicht palliativ1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 29/30, S. 120. -- 1872-06-30

: Das Aufstöbern hilft nichts, sie werden nur noch bissiger dadurch. Man muss sie entweder ganz in Ruhe lassen oder vollständig ausrotten; einen Mittelweg gibt's nicht.

Erläuterung:

1 Am 14. Mai 1872 schreibt Bismarcks Mitarbeiter Karl Ludwig Aegidi (1825 - 1901) an Heinrich von Treitschke: "Ja 'palliativ' — möchte es nur nicht so mit den Jesuiten gemacht werden. Sondern radicitus... Die Jesuitensache ist eine solche, die man nicht anfassen darf, wenn man sie nicht gleich töten will. Das Schlimmste ist, sie anregen und dann nichts dagegen oder so gut wie nichts tun. In diesen Fehler soll die Regierung nicht verfallen. Entweder — oder. Aut Caesar aut nihil."

[Quelle für die Erläuterung: Koch, Ursula E. <1935 - >: Der Teufel in Berlin : von der Märzrevolution bis zu Bismarcks Entlassung ; illustrierte politische Witzblätter einer Metropole, 1848 - 1890. -- Köln : Informationspresse Leske, 1991. -- 880 S. : zahlr. Ill. ; 25 cm. -- (Reihe ilv-Leske-Republik Satire und Macht). -- (ISBN 3-921490-38-3). -- S. 518; 752, Anm. 32]


Vatikannegießereien. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 31, S. 121. -- 1872-07-07

So spricht des Kirchenstaates
Exfürst im Fürstenwahn,
So spricht der römische Vates1
Vom hohen Vatikan:

Groß Unheil ist gekommen,
Verfolgung und Schmach zugleich,
Ach! über alle Frommen
Im neuen Deutschen Reich.

Von Ketzerwut, von blinder
Wird dort die Kirche geplagt,
Und meine treusten Kinder
Hat man hinausgejagt!

Sie müssen hungern und dürsten
Und leiden Not zur Frist.
Weh über Bismarck, den Fürsten!
Weh über den Antichrist!

Er ist emporgestiegen
Zum mächtige Herrn der Welt,
Und von Triumpgh und Siegen
Ist ihm der Kamm geschwellt!

Wie er mit seinen Gesellen
Gefällt den gallischen Stamm,
So will er schlagen und fällen
Jetzt auch Ecclesiam2!

Er strebt in frevler Begierde
Nach Ruhm und Herrlichkeit;
Ihm fehlt des Mannes Zierde,
Die echte Bescheidenheit!

Ja, durch sein sündhaft Walten
Und böser Diener Tross
Tät sich das Reich gestalten
Zum mächtigen Koloss!

Doch hört, was als Bewahrer
Der Himmelsschlüssel ich schau,
Und was als unfehlbarer
Prophet ich künde genau.

Ein Steinchen wird sich lösen,
Und rollen zum Abgrund schnell;
Das wird dem Koloss, dem bösen
zerschmettern das Fußgestell!

Es werden des Riesen Gebeine
Daliegen hingestreckt,
Wie einst von Davids Steine3
Der Goliath ist verreckt!

Es wird im Himmelsgebäude
Drob großer Jubel sein,
Und werden darob vor Freude
Laut singen die Engelein! —

So spricht des Kirchenstaates
Exfürst im Fürstenwahn,
So spricht der römische Vates1
Vom hohen Vatikan.

Zu Bismarck eilt ein Bote:
Lies, was dir prophezeit!
Das Reich schütz, das bedrohte,
O Fürst vor solchem Leid!

Wie willst die Katastrophe —
O sprich! — abwenden du? —
"Was ich mir davor koofe!"4
Sprach's, lacht und ging zur Ruh.

Erläuterungen:

Papst Pius IX. hatte am 1872-06-24 in einer Rede an die Mitglieder des Deutschen Lesevereins gesagt::

"Wir haben es [in Deutschland] mit einer Verfolgung zu tun, die von weitem vorbereitet und jetzt ausgebrochen ist. Es ist der erste Minister einer mächtigen Regierung, der nach seinem siegreichen Erfolge im Felde nun sich auch an die Spitze dieser Verfolgung stellt . . . Wer weiß, ob nicht bald sich das Steinchen von der Höhe loslöst, das den Fuß des Kolosses zerschmetterta  Aber wenn Gott auch zulassen will, dass weitere Verfolgung kommt — die Kirche hat keine Furcht."

a Anspielung auf Daniel 2,44f.: "Aber zur Zeit solcher Königreiche wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Königreich wird auf kein ander Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und verstören; aber es selbst wird ewiglich bleiben; wie du denn gesehen hast einen Stein, ohne Hände vom Berge herabgerissen, der das Eisen, Erz, Ton, Silber und Gold zermalmte. Also hat der große Gott dem König gezeigt, wie es hernach gehen werde; und der Traum ist gewiss, und die Deutung ist recht." (Lutherbibel 1912)

1 vates (lateinisch):Prophet, Weissager

2 ecclesiam (lateinisch): die Kirche (Wenfall)

3 1. Samuel, Kapitel 17, 49: "Und David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte und traf den Philister [den Riesen Goliath] an seine Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht."

4 "was ich mir dafür kaufe (wat ick mir dafor koofe)!: Ausdruck der Geringschätzung und Ablehnung. Wohl hergenommen von einer solch geringen Geldgabe, dass man mit ihr nichts kaufen kann. Berlin, spätestens seit 1840" [Küpper, Heinz: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. -- Berlin : Directmedia Publ.2000. -- 1 CD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 36). -- ISBN 3-89853-136-8. -- s.v. "kaufen"]


In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 32, 2. Beiblatt. -- 1872-07-14

In jesuitischen Angelegenheiten befragt, erteilte ein Echo folgende Antworten:

Scisne, quid sit Jesuita? -- -- Ita!
Nonne sunt boni religiosi? -- -- O, si!
Nonne bene docent et disputant? -- -- Putant!
Nonne veram fidem introducunt in alienas terras? -- -- Erras!
Quomodo sunt constituti eorum praelati? -- -- Elati!
Qualem habent erga pauperes naturam? -- -- Duram!
Nonne illos prosequuntur amore? -- -- Ore!
Quid debeo facere, dum video Jesuitem venire? -- -- Ire!
Sed quid Deus dicet, quando venient Jeuitae? -- -- Ite!
Et quid paratum est viris tam dignis? -- -- Ignis!
Ibi ardebunt ad stramen? -- -- Amen!


Schreckliche, aber wahre Geschichte, so sich zugetragen zu Lautenberg1 in Westpreußen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 33, S. 131. -- 1872-07-21

Der Pfarrer Gorski zu Lautenberg
Nahm Fledermaus- und Katzenknochen
Und tät am Kreuzweg im finstern Wald
Sich eine Zaubersuppe kochen.

Der Pfarrer Gorski übte so
Die Kunst, unsichtbar sich zu machen;
Zwar wusst 's ganz Lautenberg, doch blieb
Er ruhig im Amt -- ist 's nicht zum Lachen?

Der Pfarrer Gorski hat heimlich auch
Manch falsches Tälerchen geschlagen;
Als das im Städtchen ruchbar ward,
Gleich kriegt' ihn die Polizei am Kragen.

Der Pfarrer Gorski, der gar fromm
Und salbungsvoll so oft gesprochen,
Unfehlbar wär er unsichtbar jetzt,
Hätt er nur -- seinen Katzenknochen!

Moral.

O Pfarrer Gorski, merk dir 's und bleib
Doch künftig von solchen Zaubersachen!
Es ist wohl leicht, unfehlbar zu sein,
Doch schwer, unsichtbar sich zu machen.

Erklärung:

1 vermutlich richtig: Lautenburg (heute: Lidzbark)


 


Abb.: Zu früh! -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 35, S. 140. -- 1872-07-04

Fürst Bismarck soll in Varzin1 begonnen haben, seine Memoiren zu schreiben. Da erscheint ihm eines Nachts ein Jesuit, um ihn daran zu erinnern, dass noch Viel zu tun übrig sei, ehe er an den Abschluss seiner sämtlichen Werke denken könne.

Erläuterung:

Nachgebildet dem Wurf Luthers mit dem Tintenfass gegen den Teufel auf der Wartburg.

1 Varzin: Dorf und Rittergut im preußischen Regierungsbezirk Köslin, Kreis Rummelsburg, seit 1867 in Bismarcks Besitz, wo er gern zur Erholung weilte, heute: Warcino (Polen)



Abb.: Frommes Werk. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 41, S. 164. -- 1872-09-08

Ein Jesuitenpater in Pechschwarzenhausen soll so fromm sein und stets so nach oben blicken, dass er bereits zwei Löcher durch seine Hutkrempe gesehen hat.


Zur Erinnerung an den Fuldaer Kongress1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 43, S. 169. -- 1872-09-22

Durch den Dom von Fulda traurig
Zieht der Waller fromme Menge,
Hoch zur Kuppel tönen schaurig
Orgelklang und Klaggesänge.
Matt nur flackern dürftge Kerzen,
Schwarz verhüllt sind die Altäre,
Und aus angsterfüllten Herzen
Schallt ein dumpfes Miserere2.

Und voran dem Zuge schreitet
Melchers3 mit dem Silberstabe,
Und die Hirtenbrüder leitet
Er zu Bonifacii4 Grabe.
Und der Krypta Marmorstufen
Steigen mit fürsichtger Zehe
Sie hinab, und schmerzlich rufen
Sie ein schrecklich: "Wehe! Wehe!"

"Weh!" -- so spricht der Herr vom Sande5,
So von Breslau kam schritten --
"Welches Unheil, welche Schande
Haben, Brüder, wir erlitten!
Denn in unsre Hürden kommen
Ist der Wolf, der Lämmerwürger!" --
Beifall nickten ihm die frommen
Straß-. Augs-, Würz- und Regensbürger.

"Weh dem Mann" -- beginnt ein Andrer,
So von München kam geschritten --
"Der hinaus als arme Wandrer
Jagt die biedren Jesuiten!
Dass er sie hinausgetrieben,
Ist ein Frevel, ein immenser!" --
Beifall nickten da die lieben
Rotten-, Frei- und Limburgenser.

"Weh!" -- so rief von Mainz der Kettler6 --
"Luch den übermütgen Großen!
Wie man jene hetzt als Bettler,
Wird man einst auch uns verstoßen.
Weh! Schon seh ich blutge Körner
Reifen aus dem blutgen Keime." --
Bravo! -- rief der Paderbörner,
Amen! -- der von Hildesheime.

Doch, entsandt vom Ermelander7
Bischof, rief Herr Pope8 grollend:
"Weh uns Allen miteinander!" --
Und, die Augen furchtbar rollend,
Sprach er: "Meinem lieben Herren
Droht Verhungern und Verdürsten;
Denn die Temporalia9 sperren
Will man meinem gnädgen Fürsten!"

Und Entsetzen hob und Murren
Sich da bei des Popen Klagen;
Manchem war, als hört er knurren
Schon vor Hunger seinen Magen.
Bamberg, Culm und Münster dachten:
Herr, erlös uns von dem Übel!
"Weh!" -- rief Fulda -- "Wir verschmachten!" --
"'s ist entsetzlich!" -- rief Herr Kübel10.

Drauf der Gruft entstiegen wieder,
Sangen sie in Trübsinns Schwere
Ihre alten Klagelieder:
Miserere! Miserere!2
Doch ich weih mitleidge Schmerzens-
Tränen dem Episkopate,
Und ich schreie vollen Herzens:
Völker Deutschlands, jubilate!11

Erklärungen:

1 der Fuldaer Bischofkonferenz 1872

2 Miserere!

"Miserēre (lat., »erbarme dich«), kath. Kirchengesang, dem als Text der 57. Psalm (in der Vulgata mit den Worten: »Misrere mei, Domine« beginnend) zugrunde liegt, und der an den Mittwochen und Freitagen der Fastenzeit, insbes. in der Karwoche, regelmäßig aber beim Begräbnisgang und als Bußgesang (besonders in Klöstern), gesungen wird. Berühmte M. sind die von Allegri, Palestrina, Baini, Orlando di Lasso."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Paulus Melchers (1813 - 1895): Erzbischof von Köln 1866 -1885. Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz 1867 - 1885

4 Hl. Bonifatius (672/75 - 754): Apostel der Deutschen. Seine Grabstätte ist im Dom zu Fulda.

5 nach der Breslauer Sand- und Dominsel. Fürstbischof von Breslau war 1873 - 1875 Heinrich Förster (1799 - 1881)

6 Wilhelm Emmanuel Freiherr von Kett(e)ler (1811 - 1877): Bischof von Mainz 1850 - 1877

7 Philipp Krementz (1819 - 1899): Bischof von Ermland 1868 - 1885. 1872 exkommunizierte er fünf Geistliche seiner Diözese, die die Unfehlbarkeit des Papstes leugneten, was zu einem Konflikt mit dem Preußischen Staat führte. Der Konflikt endete am 25. September 1872 mit der Sperrung der Temporalia.

8 Pope

9 Temporalia: staatliche Zuwendungen zum Unterhalt der Geistlichen

10 Lothar von Kübel (1823 - 1881): Bischofsverweser des  Erzbistums Freiburg 1868 - 1881



Abb.: Modern-Französisch. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 43, S. 172. -- 1872-09-22

Wallfahrt der ältesten Töchter1 der Kirche nach Lourdes, am kommenden 6. Oktober1.

Erklärung:

1 Frankreich trägt den Ehrennamen "älteste Tochter der Kirche" ("fille ainée de l'Eglise") (Ludwig IX. = Ludwig der Heilige, 1214 - 1270)

2 Damals kamen aus allen Gegenden Frankreichs Pilger nach Lourdes und trugen ihre regionalen Banner (Prozession der Banner), deshalb hieß diese Wallfahrt  «pèlerinage de bannières».



Abb.: Illustrierte Rückblicke vom 1. Juli bis Ende September. <Ausschnitt>. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 44/45, S. 180. -- 1872-09-29

Die Reise-Saison beginnt schon früh. Es richtet sich der Hauptstrom der das Weite suchenden, mit dem vom Reichstage geschriebenen Führer aus Deutschland in der Hand, nach Tirol und dem schönen Italien.1 Der heilige Vater, welchem schon längere Zeit der Vatikan zu eng ist, sieht sich bei der jetzt herrschenden Wohnungsnot vergebens nach  einem bequemeren Unterkommen um. Pater Hyacinth3 tritt, um nicht den Beispielen Gabriels und Dufours zu folgen, in den Ehestand und gibt sich selbst den Segen. Als ob die Pfaffen sich nicht ohnehin schon über Gebühr vermehrten!
  Man sollte es mit den Herren Klerikalen nicht zu weit treiben! Es wäre doch entsetzlich, wenn sie, durch die Temporaliensperre2 gereizt, Streik machten, die Lokale schlössen und über uns eine Aeternaliensperre verhängten.  

Erklärungen:

1 durch Reichsgesetz vom 4. Juli 1872 wird im Deutschen Reich der Jesuitenorden verboten.

2 Temporaliensperre: Sperre der staatlichen Zuwendungen zum Unterhalt der Geistlichen. (Temporalia  = Zeitliches -- Aeternalia = Ewiges)

3 Pater Hyacinth = Charles Losyson (1827 - 1912) (siehe unten!)


Der  arme Krementz1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 46, S. 181. -- 1872-10-06

Ein neues Lied nach alter Melodei2.

Was fang ich armer Bischof an?
Erbarme dich o Herre!
Jetzt macht mich zum geschlagnen Mann
Die Temporaliensperre.
Nicht einen Groschen krieg ich mehr,
Das grämt mich und betrübt mich sehr.
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!3

Dass just der Schlag mich treffen muss
In diesen schweren Zeiten!
Wie soll ich armer Klerikus
Den Haushalt nun bestreiten?
Allüberall die Wohnungsnot,
Das teure Bier, das kleine Brot!
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

O heilger Vater, nimm 's nicht schief,
Wenn ich dir nichts mehr sende;
Ich schickte dir ja manchen Brief
Mit mancher fetten Spende.
Jetzt hab ich nichts als mein Brevier --
Hast du was übrig, schick es mir!
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

Wer konnte denken, dass der Staat
Im Stande sei, Ernst zu machen?
Er hat sich aufgerafft zur Tat,
Nun ist vorbei mein Lachen.
Getroffen ist der wunde Punkt,
Jetzt bin ich arm wie ein Adjunkt4!
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

Hätt ich geahnt die Kümmernis,
Die plötzlich sollte kommen,
Ich hätt vielleicht, ich hätt gewiss
Ganz anders mich benommen.
Kein süßes Wort hätt ich gespart --
Ich war zu schroff, ich war zu hart!
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

Jetzt hab ich wieder traurig mich
Ums trockne Brot zu quälen.
Den Schaden hab ich, sicherlich
Wird auch der Spott nicht fehlen!
Nun wünsch ich nur -- des wär ich froh --
Den Andern ging 's auch ebenso!
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

Erklärungen:

1 Bischof Philipp Krementz von Ermeland (Bezirk Königsberg), der sich der Regierungsgewalt nicht fügen wollte. Darauf verhängte man über ihn die Temporaliensperre, d.h. es wurde ihm 1872-09-25 sein staatliches Einkommen von der preußischen Staatsverwaltung entzogen.

"Krementz, Philipp, Kardinal und Erzbischof von Köln, geb. 1. Dez. 1819 in Koblenz, gest. 6. Mai 1899 in Köln, Sohn eines Fleischers, studierte seit 1837 in Bonn und München Theologie und wurde 22. Okt. 1842 in Trier Priester. Nacheinander Kaplan an der St. Kastorkirche in Koblenz, seit 1846 Religionslehrer an der Ritterakademie in Bedburg, seit 1849 Pfarrer von St. Kastor in Koblenz, auch Dechant und Ehrendomherr, stand er als Prediger und Seelsorger in großem Ansehen. Am 22. Okt. 1867 zum Bischof von Ermeland gewählt und 24. Mai 1868 in Frauenburg inthronisiert, gehörte er auf dem vatikanischen Konzil 1869-70 zu der gegen die kurialistischen Tendenzen opponierenden Minderheit, veröffentlichte 19. Febr. 1870 eine Erklärung gegen Döllingers Kritik des die päpstliche Infallibilität betreffenden Antrags, unterzeichnete aber noch die Erklärung, die vor der entscheidenden Sitzung vom 18. Juli 1870 die Opposition dem Papst überreichte. Ende August d. J. nahm er an der Versammlung deutscher Bischöfe in Fulda teil, unterzeichnete den Hirtenbrief und verkündete das Infallibilitätsdogma bald darauf in seiner Diözese und schloss sich durch Unterzeichnung der Hirtenbriefe vom Mai 1871 den entschieden infallibilistischen Bischöfen an. Im März 1872 geriet K. in Konflikt mit der preußischen Staatsregierung, indem er sich hartnäckig weigerte, die Staatsgesetze ohne Vorbehalt anzuerkennen, und der am 25. Sept. 1872 mit der Sperrung der Temporalien endete. Weitere Konflikte vermeidend, entging K. der Absetzung und ward auf Wunsch der preußischen Regierung 1885 an Stelle von P. Melchers Erzbischof von Köln. 1893 erhielt er die Kardinalswürde."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Nach dem Studentenlied "Was fang ich armer Teufel an?"; Melodie: O alte Burschenherrlichkeit

Anklicken, um die Melodie zu hören

[Quelle der midi-Datei: http://ingeb.org/Lieder/oaltebur.html. -- Zugriff am 2008-01-09]

3 O quae mutatio rerum: O welche Änderung der Zustände!

4 Adjunkt = Amtsgehilfe


Wiener Geschichten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 46, S. 183. -- 1872-10-06

Ein böser Bub ward arretiert.
Was tat er?
Hat eine Dame attackiert
Im Prater.
Wild frevelnd -- denkt! -- bei Tageslicht
Ihr naht er.
Und wer war dieser Bösewicht?
Ein Frater
Vom Orden mit die bare Füß1.
O Pater!
Nun sitzt er, dass er schrecklich büß,
Der Kater.
Wenn nur die Dam -- so seufzet schwer
Der Pater --
Nicht gar so alt gewesen wär
Im Prater.

Erklärung:

1 d.h. vermutlich ein Franziskaner strenger Observanz.



Abb.: Endlich! -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 46, S. 184. -- 1872-10-06

Der Fürst Bismarck wird es müde, seine Nase als ein öffentliches Vergnügungslokal betrachtet zu sehen.

Erläuterung:

Temporalia: alle mit der Verwaltung eines bestimmten kirchlichen Amtes verbundenen Einkünfte an Geld, Naturalien und sonstigen Gefällen, also die dem Amtsträger zustehenden individuellen Vermögensrechte (siehe unten!)


Die heilige Grotte von Lourdes1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 47, S. 185. -- 1872-10-13

War einst zu Lourdes ein Edeljungfräulein,
Des Herzlein Amors Feuerpfeil entflammten;
Sie liebte -- einen Rittersmann? O nein.
Sie liebte einen jungen Zollbeamten.

Sie durft es ihrer Sippe nicht gestehn,
Der altblaublütigem Geschlecht entstammten;
Nur heimlich und verstohlen konnt sie sehn
Den Mann der Liebe, ihren Zollbeamten.

An trautem Ort, von Efeu überdacht,
Ganz nah bei Lourdes ist eine stille Grotte;
Dort traf das Liebespaar sich manche Nacht
Und opferte dem Amor, ihrem Gotte.

Einst aber ward das süße Stelldichein
Gestört des Zöllners und der edlen Schönen;
Zur Grotte kam ein Bauernmägdelein2 --
Vielleicht, um gleichem Opferdienst zu fröhnen.

Der junge Zöllner eilt in stummer Hast
Erschreckt davon und mit verstörter Miene;
Das Edelfräulein, aber schnell gefasst --
Sie hatte wohl schon einige Routine --

Gar schnell gefasst und festen Muts trat sie
Mit sichrem Schritt der Bauernmaid entgegen:
"Ich bin die Jungfrau! Nieder auf die knie!
Empfang aus meiner Hand des Himmels Segen!"

Gläubigen Sinns verkündete die Magd
Das Winder jetzt der himmlischen Erscheinung;
Bald war In Lourdes, vom Zweifel unbenagt,
Auch überzeugt die öffentliche Meinung.

Die heilge Grotte ward zum Wallfahrtsort
Erklärt von Männern, Frauen, Kindern, Greisen;
Gegründet ward ein Eremit sofort
Und auch ein Gastwirt mit erhöhten Preisen.

Auch ein unschuldig Quellchen, klar und kalt,
Ward durch der Jungfrau Huld zum Wunderbronnen;
So ward die wundertätigste sie bald
Von allen wundertätigen Madonnen.

Nach Lourdes wallfahrten aus Fern und Näh
Die Laien jetzt und Priester aller Orden;
Aus purem Brotneid ist zu Verdelais3
Das Muttergottesbild ganz schwarz geworden.

Voltaires und Rousseaus großes Vaterland,
Heut eilt nach Lourdes es hin zur heilgen Grotte;
Es bringt die Republik mit offner Hand
Dort Liebesopfer dem -- Froschdorfer Gotte!

Du, Frankreich, hast erwählt das beste Teil --
Schick deine Völker immerhin nach Lourdes!
In dem Vernünftgen ist für dich kein Heil --
Ein ander Bild! Es lebe das Absurde!

Erklärungen:

1 Lourdes

"Lourdes (spr. lurd'), Stadt im franz. Depart. Oberpyrenäen, Arrond. Argelès, 386–420 m ü. M., in schöner Gebirgsgegend am rechten Ufer des Gave de Pau, Knotenpunkt der Südbahn, hat ein ehemals festes Schloss (teilweise aus dem 14. Jahrh.), das malerisch auf einem Felsen über der Stadt liegt und jetzt als Gefängnis dient, eine neue Pfarrkirche im romanischen Stil, einen Gerichtshof, eine Ackerbauschule, Marmor- und Schieferbrüche, starken Viehhandel und (1901) 7843 (als Gemeinde 8708) Einw. 1,5 km östlich liegt der neue Stadtteil (Massabielle oder Grotte) mit der berühmten Grotte, in der 1858 die Jungfrau Maria der 14jährigen Bernadette Soubirous (gest. 1879) erschienen sein soll, und die, namentlich seit 1870, den Anziehungspunkt für zahlreiche Wallfahrer bildet (jährlich bis 500,000). Das Wunder wurde 1862 durch den Bischof von Tarbes anerkannt; 1891 wurde von Leo XIII. ein Fest der Erscheinung (11. Febr.) eingeführt. In der Grotte befindet sich eine Marienstatue und die wundertätige Quelle, deren Wasser auch in Flaschen weithin versandt wird. Der neue Stadtteil enthält die Kirchen Notre-Dame (1864 bis 1870 im Stile des 13. Jahrh. erbaut, mit zahlreichen Kunstwerken) und du Rosaire (1884–89 im byzantinischen Stil ausgeführt), außerdem mehrere Kapellen, Klöster, Hotels, Verkaufsläden etc. In der Nähe drei andre Grotten und westlich der See von L. (48 Hektar). "

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Bernadette Soubirous (1844 - 1879)

3 Verdelais, département de la Gironde, région Aquitaine. Wallfahrtskirche: Basilique Notre-Dame de Verdelais mit Gnadenbild (aber keine schwarze Madonna)


Die Maße. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 47, S. 187. -- 1872-10-13

Zum Messen braucht man Mancherlei:
Das Korn misst man mit Scheffeln;
Mit Litern kalt und heißen Brei,
Die Medizin mit Löffeln,
Mit Ellen misst man Leinewand,
Die Luft mit Barometern,
Mit Rut und Fuß Das Ackerland,
Mit Takten bei Trompetern.
Der Weisheit Maß ist Salomo,
Jedoch damit steht es so so!
Der Torheit Maß? Das kenn ich,
Das ist -- der Peterspfennig1.

Erklärung:

1 Peterspfennig

"Peterspfennig (Peterpenny, lat. Denarius Petri), Abgabe, die von Ina, König von Wessex, 725 n. Chr. in der Absicht eingeführt worden sein soll, davon in Rom eine Herberge für die angelsächsischen Pilger einzurichten. Diese Schola Anglorum hat jedenfalls Äthelwolf 855 wiederhergestellt und bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich den Grund zu jener drückenden Abgabe gelegt, die anfangs einen Silberpfennig von jeder ansässigen Familie betrug. Der P. wurde auch in Dänemark und Polen seit dem 11. Jahrh., in Schweden, Norwegen, Island seit dem 12. Jahrh. gezahlt, in Preußen aber im 14. Jahrh. ebenso vergeblich wie in Frankreich im 11. Jahrh. eingefordert. Mit der Reformation erlosch der P. als Abgabe. Als Liebesgabe für den Papst ist der P. seit der Wegnahme des Kirchenstaates eine regelmäßig sowie bei besondern Anlässen statthabende, freiwillige Sammlung der Katholiken aller Länder für die Bedürfnisse des Päpstlichen Stuhls (s. d.), da der Papst den ihm vom italienischen Garantiegesetz bestimmten Gehalt nicht erhebt. Der P. betrug früher im Durchschnitt etwa 5 Mill. Lire, ist aber seit 1900-05 auf 2 1/2 Mill. zurückgegangen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

Hefele1 und Konsorten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 49, S. 194. -- 1872-10-27

Sämtliche Deutsche Bischöfe haben den Bischof Hefele wegen seiner Glaubenstreue beglückwünscht. (S. die Zeitungen der letzten Woche.)

Sie möchten ihr Gewissen gern beschwichtgen,
Indem sie Jenen loben, weil er tat
Das Schlimme, dessen selbst sie sich bezichtgen --

Weil er, gleich ihnen, von der Wahrheit Pfad
Gewichen ist, erschrocken und mit Bangen,
Gleich ihnen hörend auf der Schlechten Rat.

Da kam der Glaube, als der Mut gegangen,
Als sie verlassen Kraft und Männlichkeit,
Und als die Scham entflohn von ihren Wangen.

Ihr Herz erbebte vor dem großen Streit,
In welchen halb schon sie hineingerissen
Sich wähnten -- der  nur Qual verhieß und Leid.

Ihr  Geist erschrak vor all den Hindernissen,
Die vor sich endlos sie gelagert sahn --
Da suchten sie zu binden das Gewissen.

Da widersprachen nicht mehr sie dem Wahn
Und beugten Rom sich schmeidig und gefüge,
Mit Andern wallend auf der breiten Bahn.

Doch wer das Herz auf seinen Lippen trüge,
Der nennte, was er seine Schäflein lehrt,
Vielleicht auch heut noch "Albernheit" und "Lüge".

Hervorgegangen sind sie unversehrt
Aus Kämpfen,  die so manches Herz verwirrten --
Fürwahr des größten Lobes sind sie wert!

O würdiges Konsortium von Hirten!
Wie treue Wächter seid ihr eurer Schar,
Und welche Führer seid ihr den Verirrten!

Mag auch vergehn darüber Jahr um Jahr,
Doch wird es niemals Deutschland euch vergessen,
Wie ihr gekämpft für Krone und Altar!

Dass sich von euch nicht Einer hat vermessen,
Zu schwimmen wider den gewaltgen Strom,
Dass auch nicht einer solchen Mut besessen!

Was "Glaubenstreu" in Welschem Idiom
Genannt wird -- ihr bewährt es, euer Scherge
Wird 's euch versichern, euer Gott in Rom --

"Treulosigkeit" heißt es diesseits der Berge.

Erklärung:

Obwohl die deutschen Bischöfe beim 1. Vatikanischen Konzil mehrheitlich gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes waren, haben sich alle dem Dogma unterworfen.

1 Karl Joseph von Hefele (1809 - 1893): Bischof von Rottenburg 1869 - 1893

"Hefele, Karl Joseph von, kath. Theolog, geb. 15. März 1809 zu Unterkochen in Württemberg, gest 5. Juni 1893 in Rottenburg, wurde 1834 Repetent am theologischen Konvikt, 1840 ordentlicher Professor an der theologischen Fakultät zu Tübingen und 1869 Bischof von Rottenburg. 1842–43 war er auch Mitglied der württembergischen Ständeversammlung. Unter seinen Werken sind zu nennen die Ausgabe der Apostolischen Väter (»Patrum apostolicorum opera«. Tübing. 1839; 4. Aufl. 1855) und der »Chrysostomus-Postille« (Übersetzung von 74 Predigten, das. 1845; 3. Aufl. 1857); »Geschichte der Einführung des Christentums im südwestlichen Deutschland« (das. 1837); »Der Kardinal Ximenes und die kirchlichen Zustände Spaniens im 15. Jahrhundert« (das. 1844; 2. Aufl., das. 1851); »Beiträge zur Kirchengeschichte, Archäologie und Liturgik« (das. 1864–65, 2 Bde.); vor allem die »Konziliengeschichte« (Freiburg 1855–1869, 7 Bde.; 2. Aufl. 1873–79, 4 Bde.; Fortsetzungen beider Auflagen von Hergenröther, 8. und 9. Bd. 1887–90, und von Knöpfler, 5. und 6. Bd., 1886 bis 1890). Als ein gefährlicher Gegner der Infallibilitätslehre erwies er sich in seinen beiden Schriften über die Honoriusfrage (»Honorius und das sechste allgemeine Konzil«, Tübing. 1870, und »Causa Honorii papae«, Neapel 1870; deutsch von Rump, Münster 1870). 1871 unterwarf er sich dem neuen Dogma, indem er ihm in einem Hirtenbrief eine gezwungene Auslegung gab. Immerhin verschonte er seine Professoren und Pfarrer mit der Forderung ausdrücklicher Zustimmung und bewahrte auf solche Weise Württemberg vor dem Schisma."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Süd und Nord. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 49, S. 196. -- 1872-10-27

Wenn in Frankreich eine beim Rendez-vous überraschte Dame sich für "die Jungfrau" ausgibt, dann wird die Grotte heilig gesprochen, eine ewige Lampe angesteckt, und es werden Wallfahrten dahin von Stangen veranstaltet.1 Wenn in einem Belgischen Eisenbahncoupé eine Dame beim tète-à-tète durch den Schaffner gestört wird und sich für eine Jungfrau ausgibt, glaubt man es ihr nicht, auch wenn ein Pfaffe dabei sitzt. Wenn in Berlin bei Nacht eine einzelne Jungfrau in der Friedrichsstrasse auf die Wallfahrt geht -- sagt sie es schon gar nicht, sondern wird einfach von Madal eingesteckt.

Erklärung:

1 Lourdes. Siehe oben



Abb.: Zur Naturgeschichte des Dompfaffen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 25, Nr. 50, 1. Beiblatt. -- 1872-11-03

Der eigensinn'ge Dompfaff wird
Durch Fasten, wie man sagt, gekirrt,
So dass er endlich pfeifen muss
In puris temporalibus.1

Erläuterung:

Bezieht sich auf den Bischof Philipp Krementz von Ermeland (Bezirk Königsberg), der sich der Regierungsgewalt nicht fügen wollte. Darauf verhängte man über ihn die Temporaliensperre, d.h. es wurde ihm 1872-09-25 sein staatliches Einkommen von der preußischen Staatsverwaltung entzogen.


Abb.: Philipp Krementz [Bildquelle: Otto, Bertram <1924 - >: 100 Jahre Nacht und Tag : Geschichte d. dt. Katholizismus zwischen 1868 u. 1968. -- Bonn : Borromäusverein, 1968. --  353 S. : Ill. ; 8°. -- S. 85]

1 in puris temporalibus: in rein zeitlichen Dingen


1873


Berliner Empfindungen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 3, S. 10. -- 1873-01-19

Schon wieder ist mir wunderlich, konsistorialabsunderlich1,
So orthodoxhinkauerlich und henkerblocköbeschauerlich,
So ketzerscheiterhäuferlich und salbungsüberträferlich,
So jesuitenregelig, sophistenmystischhegelig,
So seelenbauernfängerlich, so frommkopfundzopfhängerlich,
So sydowitensiederlich2, sterngucklich und kernliederlich,
So Ducherowsalbaderlich5 und Büchseltorquemaderlich6,
So bullendonnerpolterhaft7, stahnvatikanhaftpolterhaft8,
So höllenpfuhldurchwühlerisch, so eichhornraumermühlerisch9,
Empfängnisuntersucherlich10 und zweifelspottverflucherlich,
So himmelswonnenfieberlich und Knakhaftsonnenschieberlich11,
So lämmerbrüderlämmerlich12, mit einem Wort so -- jämmerlich!

Erklärungen:

1 konsistorialabsunderlich: Konsistorium = oberste protestantische Behörde, durch die der Landesherr das im zustehende Kirchenregiment tatsächlich ausübt

2 sydowitensiederlich:

"Sydow, Adolf, prot. Theolog, geb. 23. Nov. 1800 in Charlottenburg, gest. 22. Okt. 1882 in Berlin, einer der treuesten Schüler Schleiermachers, 1836 Hofprediger in Potsdam, 1846 Prediger an der Neuen Kirche in Berlin, wurde von Friedrich Wilhelm IV. zur Beobachtung der kirchlichen Zustände nach England geschickt und gab ein von der Königin Viktoria veranlaßtes Gutachten über die schottische Kirchentrennung heraus: »Die schottische Kirchenfrage« (Potsd. 1845). Eine gegen ihn wegen eines Vortrags: »Über die wunderbare Geburt Jesu« (gedruckt in der Sammlung »Protestantischer Vorträge«, Berl. 1873) eingeleitete Disziplinaruntersuchung endete 1873 mit einem »geschärften Verweis« (vgl. darüber die von S. veröffentlichten »Aktenstücke«, 2. Aufl., Berl. 1873). Bald darauf trat er in den Ruhestand. Sein Lebensbild schrieb seine Tochter Marie S. (Berl. 1885)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

5 Ducherowsalbaderlich: (evangelisches) Missionsproseminar Bugenhagenstift Ducherow

6 Büchseltorquemaderlich

Karl Büchsel (1803 - 1889)

"Büchsel, Karl (Albert Ludwig), evang. Theologe, geb. 2.5.1803 Schönfeld/Uckermark, gest. 14.8.1889 Berlin
B. studierte in Berlin Mathematik und Theologie u.a. bei August ->Neander und wurde 1827 Hilfsprediger in Schönwerder. 1829 kam er als Pfarrer nach Schönfeld, wurde 1841 Superintendent in Brüssow in der Uckermark und 1846 Pfarrer an der neugegründeten Matthäuskirche in Berlin. 1853-84 war er Generalsuperintendent für die Neumark und die Niederlausitz, seit 1858 Leiter des Elisabethkrankenhauses und der Goßnerschen Missionsgesellschaft. Bekannt wurde er durch seine auf Anregung Ernst Wilhelm ->Hengstenbergs veröffentlichten Erinnerungen eines Landgeistlichen (5 Bde., 1865-97)."

[Quelle: Deutsche biographische Enzyklopädie & Deutscher biographischer Index. -- CD-ROM-Ed. -- München : Saur, 2001. -- 1 CD-ROM. -- ISBN 3-598-40360-7. -- s.v.]

Thomas de Torquemada (1420 - 1498)

"Thomas de Torquemada, span. Inquisitor, geb. 1420 in Valladolid, gest. 16. Sept. 1498 im Kloster von Avila, getaufter Jude, war 22 Jahre lang Prior des Dominikanerklosters in Segovia, 1482 Adjunkt der Inquisition, seit 1483 General- oder Großinquisitor in Kastilien und Aragonien. Als solcher hat er seinen Namen mit Fluch und Blut beladen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

7 eichhornraumermühlerisch

Johann Albrecht Friedrich Eichhorn (1779 - 1856)

"Eichhorn, Johann Albrecht Friedrich, preuß. Staatsmann und Rechtsgelehrter, geb. 2. März 1779 in Wertheim a. M., gest. 16. Jan. 1856 in Berlin, studierte 1796–99 die Rechte und Geschichte in Göttingen, trat 1800 in den Justizdienst und wurde 1810 Kammergerichtsrat und zugleich Syndikus bei der neuerrichteten Universität zu Berlin. Dem Kreise patriotischer Männer, die an Preußens Wiedergeburt arbeiteten, angehörend, ward E. 1813 Mitglied des Ausschusses für Landwehr und Landsturm zu Berlin und folgte im August d. J. als Freiwilliger dem Blücherschen Hauptquartier. Nach der Einnahme von Leipzig vom Minister vom Stein zum Mitglied der Zentralverwaltung der gegen Frankreich verbündeten Mächte über die eroberten deutschen Lande berufen, beschrieb C. die Wirksamkeit derselben in der anonymen Schrift »Die Zentralverwaltung der Verbündeten unter dem Freiherrn vom Stein« (Deutschland 1814). 1815 mit der Unterstützung des Ministers Altenstein in der Verwaltung der besetzten französischen Provinzen beauftragt, sorgte er für die Wiedererlangung der geraubten deutschen Schätze der Wissenschaft und Kunst. Sodann zum Geheimen Legationsrat im Ministerium des Auswärtigen, später zum vortragenden Rat bei dem Staatskanzler v. Hardenberg und 1817 zum Mitglied des Staatsrats ernannt, bearbeitete E. besonders die deutschen Angelegenheiten, erwarb sich um die Gründung des Zoll vereins die größten Verdienste und war unausgesetzt dafür tätig, Preußens Einfluß in Deutschland zu verstärken. Seit 1831 Direktor im Ministerium des Auswärtigen, ward er im Oktober 1840 zum Minister für die geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten ernannt, suchte in Übereinstimmung mit Friedrich Wilhelm IV. die Kirchlichkeit im Volk zu heben, begünstigte die durch die Hengstenbergsche »Kirchenzeitung« vertretene Partei und rief dadurch Unwillen, an manchen Orten auch Austrittserklärungen von Geistlichen und die Stiftung der sogen. Freien Gemeinden hervor. Durch Errichtung der katholischen Abteilung in seinem Ministerium erleichterte E. die Emanzipation der kathol ischen Kirche von der Staatsaufsicht und förderte Ultramontanismus wie die pietistisch-orthodoxe Richtung im Protestantismus. Nach dem Ausbruch der Bewegung von 1848 trat E. 19. März zurück. 1850 war er Mitglied des Erfurter Staatenhauses."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

Karl Otto von Raumer (1805 - 1859)

"Raumer, Karl Otto von, preuß. Staatsmann, geb. 7. Sept. 1805 zu Stargard in Pommern, gest. 6. Aug. 1859 in Berlin, Sohn des 1831 verstorbenen preußischen Generalleutnants Karl Friedrich Albert von R., Vetter des vorigen, studierte die Rechte, wurde 1834 Regierungsrat in Posen und Frankfurt a. O., 1840 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, 1841 vortragender Rat im Ministerium des Innern, 1845 Regierungspräsident in Königsberg, dann in Köln, 1848 in Frankfurt a. O. und verwaltete unter Manteuffel 1850–58 das Unterrichtsministerium. Ein Hauptvertreter der orthodox-absolutistischen Reaktion, wurde er wegen der 1854 erschienenen sogen. (Stiehlschen) »Regulative«, die das christlich-kirchliche Element zum Fundament der Volksschule machen sollten, heftig angefeindet. Vgl. »Der Staatsminister von R.« (Berl. 1860)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

Heinrich von Mühler (1813 - 1874) und seine Gattin Adelheid, geborne v. Goßler (gest. 1901)

"Mühler, Heinrich von, preuß. Kultusminister, Sohn des vorigen, geb. 4. Nov. 1813 in Brieg, gest. 2. April 1874 in Potsdam, studierte 1830–35 die Rechte, kam 1840 als Hilfsarbeiter ins Kultusministerium und wurde besonders bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung der evangelischen Kirche beschäftigt, 1846 auch der Generalsynode als Sekretär beigegeben; damals schrieb er auch eine »Geschichte der evangelischen Kirchenverfassung in der Mark Brandenburg« (Weim. 1846). 1846 vortragender Rat im Kultusministerium, 1849 Mitglied des Oberkirchenrats geworden, half er diese neue Behörde organisieren und ihren Geschäftsbereich abgrenzen. Zugleich bildete sich unter dem Einfluss seiner ehrgeizigen, frömmelnden Gattin Adelheid, geborne v. Goßler (gest. 4. Okt. 1901), eine Hinneigung zum Pietismus aus, die seine liebenswürdigen Eigenschaften, Geist, Gemüt und gesellige Talente, wie sie seine »Gedichte« (Berl. 1842; 2. Aufl., Jena 1879) bekunden, unterdrückte. Als er 18. März 1862 im Ministerium Hohenlohe die geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten übernahm, trat er als gewandter Jurist mit wohlgebildeten Phrasen über die Pflichten der von Gott eingesetzten Regierung den ebenfalls vagen Angriffen der Opposition entgegen, tat aber in der eigentlichen Verwaltung seines Amtes im wesentlichen nichts, ging der Entscheidung aller Prinzipienfragen aus dem Wege, kam den kirchlichen Behörden stets in geradezu verderblicher Weise entgegen und gestattete seiner Frau in wichtigen Dingen entscheidenden Einfluss. Immer größer wurde die Missstimmung gegen ihn, die auch sein schwächlicher Versuch, nach dem Vatikanum der katholischen Hierarchie entgegenzutreten, nicht beschwichtigte. Im Januar 1872 entlassen, schrieb er in Potsdam »Grundlinien einer Philosophie der Staats- und Rechtslehre nach evangelischen Prinzipien« (Berl. 1873)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

8 bullendonnerpolterhaft: päpstliche Bullen (= Erlasse)

9 stahnvatikanhaftpolterhaft: Stahn: Konsistorialrat

10 Empfängnisuntersucherlich: Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Maria (immaculata conceptio) vom 8. Dezember 1854

11 Knakhaftsonnenschieberlich: Gustav Friedrich Ludwig Knak (1806 - 1878): evangelischer Erweckungsprediger, Förderer des Missionsgedankens und viel beachteter Kirchenlieddichter. Vertrat und verteidigte das biblisch-antike - geozentrische - Weltbild. Die Evangelischen gedenken seiner am 27. Juli.



Abb.: Schwarzer Schmerzensschrei. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 4, S. 16. -- 1873-01-26

Nachdem wir schon an die tausend Jahr Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt, sollen wir sie jetzt auch noch halten? Und obenein noch das Abiturienten-Examen ablegen? Heiliger Moretto1, wo bleibt da die Frömmigkeit?

Erklärung:

Bezieht sich auf die Beratungen zur sogen. Maigesetzgebung von 1873. Im Gestz 11. Mai über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen wird von Geistlichen Universitätsbildung und damit Abitur verlangt

1 Alessandro Bonvicino, genannt Moretto (1498 - 1555):  italienischer Maler



Abb.: Der leibhaftige Schwarze. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 7/8, S. 32. -- 1873-02-16

Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus
Schon sieht es wie ein Nilpferd aus.

([Goethe:] Faust. [Szene im Studierzimmer])



Abb.: Schach dem König! -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 9, S. 36.-- 1873-02-23

 Schwarz zieht an und wird in drei Zügen matt gesetzt.



Abb.: Zur Nachahmung empfohlen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 10, S. 40.-- 1873-03-02

Der Großkuckuck legt seine Eier in fremde Nestern wo sie dann zu allerlei Unheil ausgebreitet werden. Der kleine Schweizer Bergfink aber, dem ein solches Ei ins Nest gelegt wurde, hat es -- einfach hinausgeworfen. Probatum est!1

Erklärung:

Bezieht sich auf die Landesverweisung des Genfer Bischofs Mermillod durch den Schweizer Bundesrat.

"Mermillod (spr. -mijó), Kaspar, Kardinal, geb. 22. Sept. 1824 in Carouge, Kanton Genf, gest. 23. Febr. 1892 in Rom, studierte im Jesuitenkollegium zu Freiburg i. d. Schweiz und empfing 1847 in Annecy die Priesterweihe. Zum Vikar des Genfer Pfarrers Dunoyer ernannt, machte er sich früh als vorzüglicher Kanzelredner geltend und gründete zur Förderung der katholischen Interessen ein politisches Blatt: »L'Observateur catholique«, sowie eine gelehrte Zeitschrift: »Annales catholiques«. Im Juni 1864 zum Stadtpfarrer und Generalvikar in Genf ernannt, ließ er sich im September d. J. bei einem Besuch in Rom zum Bischof von Hebron weihen, und Bischof Marilley von Lausanne-Genf delegierte ihm auf höhere Weisung die volle bischöfliche Gewalt über Genf. Der Genfer Staatsrat erklärte jedoch 6. Nov., dass er eine mit dem legalen Bestand der Diözesanverhältnisse im Widerspruch stehende besondere Mission Mermillods nicht anerkenne, untersagte M. alle bischöflichen Funktionen und entsetzte ihn, als er sich weigerte, dem Verbot Folge zu leisten, seiner Pfarrstelle (20. Sept. 1872). Am 16. Jan. 1873 erfolgte als Antwort der Kurie die förmliche Ernennung Mermillods zum apostolischen Vikar von Genf, worauf der schweizerische Bundesrat dessen Ausweisung verfügte, bis er auf die ihm rechtswidrig übertragenen Funktionen verzichte. Im März 1883 wurde er zum Nachfolger des verstorbenen Bischofs Cosandey von Lausanne ernannt, womit nach der ausdrücklichen Erklärung des päpstlichen Staatssekretärs Jacobini das apostolische Vikariat in Genf wegfiel. Infolgedessen hob der Bundesrat auf Ansuchen Mermillods sein Verbannungsdekret auf und gestattete ihm die Rückkehr in die Schweiz. 1890 wurde er als Kardinal nach Rom berufen. Die »Œuvres du cardinal M.« erschienen gesammelt Paris und Lyon 1893–1894, 3 Bde. Seine Biographie schrieben Belloc (Freiburg in der Schweiz 1892) und Lesur und Bournand (Abbeville 1895)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

 1 probātum est (lateinisch) = es ist bewährt, es hilft.



Abb.: Die Probiermamsell. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 16, S. 64.-- 1873-04-06

Gelt Mutterchen, wenn es die Kleine da durchsetzt, kannst du es auch einmal versuchen.

Erläuterung: Bezieht sich auf den (erfolgreichen) Kulturkampf in der Schweiz (1871 - 1884), der in der revidierten Bundesverfassung von 1874-04-19 als Verfassungsartikel das Verbot der Betätigung des Jesuitenordens, das Verbot der Neugründung von Klöstern sowie die bundesrätliche Zustimmung als Bedingung für neue Bistümer enthält.



Abb.: Obrigkeitliche Rangliste. Wie sich dieselbe in eines richtigen Ultramontanen Hirn darstellt. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 17, 1. Beiblatt. -- 1873-04-13

Papst > Bischof > Pfarrer > Kaplan > Kaiser > Küster, Bismarck etc. etc.



Abb.: So wie so! -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 18, S. 71. -- 1873-04-20

Wenn man einen Orthodoxen1 und einen Ultramontanen2 in ein Fass steckt und einen beliebigen Kirchberg hinabrollen lässt, so liegt immer ein — Pfaffe oben.

Erklärungen:

1 Orthodoxer: protestantischen Fundamentalist

2 Ultramontaner: katholischer Papsthöriger



Abb.: Nächste Emission Heiliger. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 19, 1. Beiblatt. -- 1873-04-27

Ledochowsky1.

Weil er dem Papst gibt, was des Kaisers ist.

Lachat2.

Weil er der Verweltlichung der Linderschen Stiftung ein frommes Manko entgegensetzte

Der  Pfaffe Santa Cruz3.

Weil er sich von dem häufigen Spanischen Blutverguss durch Petroleum weiß brannte.

Erklärungen;

1 Erzbischof Miecislaw Graf Ledóchowski (1822 - 1902)

"Ledóchowski, Miecislaw, Graf, Kardinal, geb. 29. Okt. 1822 in Gorki, gest. 22. Juli 1902 in Rom, im Lazaristenkollegium zu Warschau erzogen, erhielt 1840 die Priesterweihe und studierte dann im Jesuitenkollegium zu Rom, erwarb sich die Gunst Pius' IX., der ihn zum Hausprälaten und apostolischen Protonotar erhob, als Auditor bei verschiedenen Nunziaturen verwendete und 1861 zum Erzbischof von Theben in partibus ernannte. Im Januar 1866 von der preußischen Regierung auf den erzbischöflichen Stuhl von Posen-Gnesen berufen, um dort die katholische Geistlichkeit von der politischen Agitation fern zu halten, forderte er im November 1870 persönlich in Versailles eine Intervention Deutschlands zugunsten des Papstes und trat, als dies abgelehnt wurde, an die Spitze der ultramontanen Opposition gegen das Reich, ward auch Wortführer der polnischen Nationalitätsbestrebungen; dafür ernannte ihn der Papst zum Primas von Polen. Wegen seines herausfordernden Auftretens gegenüber der Regierung zu hohen Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und 3. Febr 1874 verhaftet, verbüßte er 2 Jahre Gefängnis zu Ostrowo. Am 15. April 1874 wurde er vom Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten seines Amtes entsetzt, dafür 15. März 1875 vom Papst zum Kardinal ernannt. Im Februar 1876 seiner Hast entlassen, begab er sich nach Rom, wurde im März 1885 Sekretär der Breven, verzichtete im Januar 1886 auf sein Erzbistum und wurde 1892 Generalpräfekt der Propaganda Fidei. Im Posener Dom soll ihm ein Denkmal errichtet werden."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Bischof Eugène Lachat (1819 - 1886): ab 1863 Bischof von Basel, der während des Schweizer Kulturkampfs am 30. Oktober 1873 abgesetzt werden wird. Die Anspielung auf die Lindersche Stiftung kann ich nicht auflösen.

3 Pfaffe Santa Cruz: ???



Abb.:  Allen teilnehmenden Freunden und Feinden. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 23, S. 92. -- 1873-05-18

die Anzeige, dass unsere Stiefmutter Herrenhaus1 nach langen Mühen glücklich von den Kirchengesetzen entbunden ist

Erläuterung:

Bezieht sich auf die sog. Maigesetze:

"Die Maigesetze bezeichnen die während des Kulturkampfes in den Jahren 1873/1874 erlassenen preußischen Gesetze.

Mit den Maigesetzen erreichte der Kulturkampf seinen Höhepunkt, entbrannte der Konflikt zwischen Staat und Kirche. Die Maigesetze waren, mit Ausnahme des Expatriierungsgesetzes, nur für Preußen gültig. Die vom 11. Mai bis 14. Mai 1873 erlassenen vier Gesetze beinhalteten folgendes:
  • Die Ausübung eines geistlichen Amtes wird abhängig gemacht von der Staatszugehörigkeit, dem Studium an einer deutschen Universität und der Ablegung eines vorgeschriebenen Kulturexamens.
  • Alle kirchlichen Ausbildungsanstalten unterliegen der staatlichen Aufsicht.
  • Die Anstellung von Geistlichen muss staatlich genehmigt sein.
  • Die kirchliche Disziplinargewalt wird auf deutsche Kirchenbehörden beschränkt und unter Kontrolle eines königlichen Gerichtshofes gestellt. Die kirchliche Disziplinargewalt ist auf solche Mittel zu beschränken, die auf religiöser Ebene liegen.
  • Der Kirchenaustritt wird erleichtert.

Die katholische Geistlichkeit erkannte die Maigesetze nicht an. Die große Mehrheit der Katholiken stand geschlossen hinter ihrer Kirche und reagierte mit passivem Widerstand.

1874 versuchte die preußische Regierung, mit neuen Gesetzen (4., 20. und 21. Mai) die Maierlasse von 1873 zur Geltung zu bringen; aber auch damit war der Widerstand der katholischen Kirche nicht zu brechen."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Maigesetze. -- Zugriff am 2004-11-18]

1 Herrenhaus: Erste Kammer der preußischen Legislative



Abb.: Ecclesia militans1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 29/30, S. 120. -- 1873-06-29

Der Krieg der Bischöfe gegen die Regierung beginnt. Zum Sammeln ist bereits geblasen, und schon reißen sie die Büchsen von den Wänden, um alles zusammenschießen zu lassen, was von der Regierung gesperrt wurde.

Erklärung:

1 ecclesia militans = kämpfende (militante) Kirche



Abb.: Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 31, S. 123. -- 1873-07-06

Wenn die Franzosen die Volks-Erziehung wieder ganz in die Hände der Pfaffen geben, so wird bald nichts mehr von ihnen zu befürchten sein. Es ist so gut, als wenn sie ihre Kanonen mit eigenen Händen vernagelten.



Abb.: Frommes Anerbieten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 33, 1. Beiblatt. -- 1873-07-20

Sie! Brauchens kein Wunder? Ich kann mich gelähmt stellen, stundenlang ohnmächtig daliegen, die Augen verdrehen und nach Tisch längere Zeit hungern! Was zahlens?


Spitzederiade1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 34, S. 133. -- 1873-07-27

Nun ist verflogen das Märchen
Aus "Tausend und eine Nacht";
Nun ist sie zu drei Jährchen
Zuchthäuschen jäh erwacht.
Nun sitzt Adele Spitzeder
In grauem Büßerkleid,
Der einst mit Herz und Feder
Viel Fromme sich geweiht.

Wie  haben die Literaten
An ihrer Tafel schmarotzt,
Wie haben die Advokaten
Von ihrem Golde gestrotzt!
Wie haben ihr die Lieben,
So mit als ohne Tonsur,
Die Schäflein zugetrieben
Dereinst zu gründlicher Schur!

Sie haben gepriesen die Vettel
Als "gütige Fee" fürwahr,
Empfohlen als Ablasszettel
Ihr Wechsel-Formular.
Sie halfen ihr lustig säubern
Der Bauern gefüllten Sack
Und halfen ihr fälschen und räubern --
O muckerndes2 Lumpenpack!

Heut senken die Mucker in Ängsten
Das Haupt auf den feisten Bauch;
Denn "Ehrlich währt am längsten" --
So heißt es in Bayern auch.
Heut starren vor Schreck die Glatzen,
Heut beten in tiefstem Weh
Der Pfäfflein fromme Fratzen
Für ihre "gütige Fee":

"Erbarm dich ihrer Seele,
Crispin3, du heiliger Mann
Wir flehen für Adele
Dich jetzt inbrünstig an.
Du schenktest, das weiß Jeder,
Viel tausend Stiefel und Schuh
Den Armen; doch das Leder,
Das stahlest du dazu.

So  hat -- o zeig Erbarmen! --
Auch sie getan mit Müh,
Zum Heil allein der Armen
Gestohlen spät und früh.
Drum blick mit gnädger Miene
Auf ihren Lebenslauf,
Und nimm als heilge Crispine
Sie einst zu den Deinen auf!"

Erklärungen:

1 Adele Spitzeder (1832 - 1895)

"Adele Spitzeder (auch Adele Vio; * 9. November 1832 in Berlin; † 27. Oktober 1895 in München) war eine deutsche Schauspielerin und wegen Betrugs verurteilte Spekulantin.

Leben

Adele Spitzeder war die Tochter des Sänger-Ehepaars Josef Spitzeder und Betty Spitzeder-Vio. Sie besuchte teure Privatschulen und verkehrte in vornehmen Gesellschaften. 1856 gab sie ihr Debüt als Schauspielerin in Coburg und war dann in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg, Frankfurt am Main, Karlsruhe und Altona engagiert. Sie hatte mehrere Lebensgefährtinnen.

Spitzeder hatte keine eigene Wohnung, sondern lebte in Hotels und Gasthäusern und unterhielt eine Privatangestellte. Diesen aufwändigen Lebensstil konnte sie jedoch mit ihren Einkünften aus der Schauspielerei nicht finanzieren.

Die Spitzeder'sche Privatbank

Völlig mittellos versprach sie einem Zimmermann 10 Prozent Zinsen im Monat für 100 Gulden und zahlte ihm die ersten beiden Monatszinse sofort aus. Dies sprach sich schnell herum und bald kamen weitere Bürger, die ihr Geld zu diesen Konditionen anlegen wollten. 1869 gründete sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Emilie Stier in München eine Bank. Die Zinsen zahlte sie weiterhin bar aus, was damals nicht üblich war und ihrem Unternehmen einige Mundpropaganda bescherte.

Die "Spitzeder'sche Privatbank" wurde innerhalb kürzester Zeit vom Geheimtipp aus Insiderkreisen zum Großunternehmen. Spitzeder zog aus einem einfachen Hotel in ein prachtvolles Gebäude in der Schönfeldstraße 9 in München um und hatte bald 40 Angestellte. Ihr Geschäftsgebaren und ihre Buchführung waren nicht nur unkonventionell, sondern regelrecht chaotisch. Das Geld wurde säckeweise in der Wohnung gestapelt und teils im Tresor eines Friseurs verwahrt. Angestellte, alle ohne kaufmännische Ausbildung, bedienten sich regelmäßig an den Geldern und die Finanzbuchführung beschränkte sich auf ein Quittungsbuch, in dem vermerkt wurde, wer wieviel eingezahlt hatte.

Spitzeder wusste um die Vorteile einer guten medialen Präsentation und bestach mehrere Redakteure mit bis zu fünfstelligen Guldenbeträgen für ein positives mediales Feedback (Rating). Zeitweise unterhielt sie sogar eine eigene Zeitung. Mit einer Reihe großzügiger Spenden und ihrem manchmal resoluten, manchmal fromm wirkenden Auftreten verschaffte sie sich Vertrauen und den Ruf als Wohltäterin. So eröffnete Spitzeder etwa die Volksküche im Orlandohaus am Platzl.

Aufgrund der meist bäuerlichen Kundschaft aus dem nördlichen Umland Münchens wurde ihre Einrichtung bald "Dachauer Bank" genannt. Bauern verkauften ihre Höfe, weil sie glaubten, von den Zinsen leben zu können. Spitzeder erweiterte ihre Geschäfte und kaufte und verkaufte diverse Häuser und Grundstücke in ganz Bayern.

Bankrott und Verurteilung

Spitzeder konnte dem stärker werdenden Druck der Regierung, der Banken und einzelner Zeitungen, die gegen die „Schwindelbanken“ zu Felde zogen, noch einige Zeit widerstehen. Als die Gegner jedoch etwa 60 Gläubiger organisieren konnten, die sich gleichzeitig ihr Geld auszahlen lassen wollten, brach die Bank zusammen. Spitzeder war nicht solvent und wurde von der Polizei am 12. November 1873 verhaftet.

In knapp zwei Jahren wurden 31.000 Bürger um insgesamt 8 Millionen Gulden geprellt. Nicht wenige davon begingen Suizid. Auch ganze Gemeinden waren ruiniert.

Adele Spitzeder wurde vor Gericht gestellt und nach zehnmonatiger Untersuchungshaft zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Als strafmildernd wurden unter anderem die fehlenden behördlichen Auflagen zur Buchführung sowie der Umstand anerkannt, dass Spitzeder nie mit irgendwelchen Sicherheiten geworben hätte. Spitzeder verbüßte ihre Strafe jedoch aus gesundheitlichen Gründen nicht im Zuchthaus, sondern in dem Gefängnis in der Badstraße in München, wo sie ihre Memoiren schrieb.

Das Leben nach der Haft

Nach der Haft ging Spitzeder ins Ausland, da sie in Deutschland keine Engagements mehr bekam, kehrte dann aber wieder nach München zurück und veröffentlichte 1878 die „Geschichte meines Lebens“. 1880 versuchte sie erneut, ein Bankgeschäft zu eröffnen, wurde aber aufgrund mangelnder Zulassung sofort wieder verhaftet.

Später trat Spitzeder unter dem Namen Adele Vio als Volkssängerin auf und lebte, von Freunden und Gönnern gesponsort, ein relativ sorgenfreies Leben.

Am 27. Oktober 1895 starb Spitzeder in München an Herzversagen und wurde am alten Südfriedhof in München beerdigt.

Bearbeitungen des Themas

Adele Spitzeders Geschichte wurde von Gabriel Gailler als Marionettenstück auf die Bühne gebracht und 1972 von Martin Sperr unter der Regie von Peer Raben zu einem Fernsehspiel mit Ruth Drexel in der Titelrolle verarbeitet. Das Theaterstück Die Spitzeder von Sperr wurde am 11. September 1977 uraufgeführt.

1992 entstand für den Bayerischen Rundfunk die Fernsehdokumentation „Adele Spitzeder oder das Märchen von den Zinsen“ von Hannes Spring.

Literatur
  • Adele Spitzeder: Geschichte meines Lebens. Der große Münchner Bankskandal 1872. München 1998, ISBN 392798454X
  • Karl Weinberger: Adele Spitzeder. 1956
  • Puppentheatermuseum München (Hrsg.): Adele Spitzeder. Marionettenspiel um einen Münchner Finanzskandal im Jahre 1873; wortgetreue Wiedergabe einer alten Handschrift. Mit einem Vorw. von Irena Raithel-Zivsa. (= Schriftenreihe des Münchner Puppentheatermuseums; H. 2). Puppentheatermuseum, München 1981
  • Christine Spöcker: Das Geldmensch. Ein tragikomisches Stück über den kapitalistischen Exzess der Adele Spitzeder, Bankfrau zu München, die 1872 durch Bankrott ihrer Dachauer Bank 30860 Gläubiger ins Unglück trieb. Fischer, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-10-074201-X
  • Dirk Schumann: Der Fall Adele Spitzeder 1872. Eine Studie zur Mentalität der „kleinen Leute“ in der Gründerzeit. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, 58. Jg. 1995, S.991–1026 (Digitalisat)

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Spitzeder. -- Zugriff am 2007-01-09]

2 Mucker: allgemeiner Spottname für die Anhänger einer ungesunden und exklusiven Frömmigkeit.

3 Crispin

"Crispīnus und Crispiniānus, Heilige und Märtyrer, vielleicht Brüder, Patrone der Schuhmacher, weil sie, unter Diokletian von Rom nach Soissons geflüchtet, dort zu ihrem Unterhalte die Schuhmacherei betrieben haben sollen. Um den Armen umsonst Schuhe zu liefern, sollen sie das Leder gestohlen haben; daher Wohltaten auf Kosten andrer Crispinaden genannt werden. Tag: der 25. Oktober."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Ländlich, sittlich. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 36, 1. Beiblatt. -- 1873-08-10

Wenn ein französischer Bauer auf seinem Kirschbaum eine Jungfrau entdeckt, so kniet er nieder, betet sie an, und es werden sofort Wallfahrten nach dem Kirschbaum veranstaltet. Wenn auf  einem Kirschbaum der Pankower-Chaussée der Feldhüter eine Jungfrau bemerkt, so fasst er sie ab, pfändet sie und wallfahrtet mit ihr nach dem nächsten Revier-Polizei-Büro.


Abb.: Die schwarzen Sirenen1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 37, S. 148. -- 1873-08-17

Der Weise verstopft sich die Ohren oder lässt sich wenigstens an den Mast binden; aber wehe Denen, die zu willig dem alten Lied ihr Ohr leihen.

Erklärung:

1 Sirenen

"Sirēnen (Σειρῆνες), Töchter des ð Phorkys (s. d.) oder des Acheloos und einer Muse. bei Homer zwei, in späterer Sage drei Jungfrauen, die auf einem Eiland zwischen der Insel der Kirke und der Skylla, auf einer Strandwiese, umgeben von bleichenden Gebeinen, durch ihren Gesang Vorübersegelnde anlockten, um sie zu verderben. Als Odysseus vorbeifuhr, verklebte er die Ohren seiner Gefährten mit Wachs und ließ sich selbst an den Mast binden, um sie ohne Gefahr zu hören."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Ein reinliches Geschäft. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 41, 1. Beiblatt. -- 1873-09-07

In dreiundzwanzig Jahren hundertundsiebenzig Millionen Lire für die Unsterblichkeit geschnorrt!


Abb.: Andere Völker, andere Sitten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 43, S. 172. -- 1873-09-21

Wie man bei den verschiedenen Völkern dem Himmel "frommen Zwang antut."



Abb.: 's gibt kein schöner Leben als das Pilgerleben. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 44/45, S. 180. -- 1873-09-28

Der Eil-Pilger, I. II. und III. Klasse. Der Wallfahrer. Der Wallreiter.
Der Doppel-Pilger oder das Vielliebchen. Der englische Touristen- oder Velocipilger. Der Zimmer-Pilger oder Gedankenwallfahrer


Abb.: Die Renitenten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 46, S. 184. -- 1873-10-05

Falk1.  Aber meine Herren, hier ist ja die Tür; warum wollen Sie denn durchaus mit dem Kopf durch die Wand rennen?

Erläuterung:

Die Bischöfe suchen mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, die sie von den staatlichen Einkünften (Besoldung usw.) (Temporalia) trennt

1 Falk

"Falk, Adalbert, preuß. Staatsmann, geb. 10. Aug. 1827 zu Metschkau in Schlesien, gest. 7. Juli 1900 in Hamm, studierte die Rechte, trat in den Justizdienst, bearbeitete als Staatsanwalt das für Juristen wichtige Ergänzungswerk zum allgemeinen Landrecht in der 4. Auflage, das sogen. »Fünfmännerbuch« (ursprünglich hrsg. von Gräff, Koch, Wentzel, Rönne und Heinrich Simon), und wurde deshalb in das Justizministerium berufen. Unter dem neuen Justizminister Lippe 1862 zum Appellationsgerichtsrat in Glogau ernannt, ward Falk von Leonhardt in das Ministerium zurückberufen und zum vortragenden Rat befördert. 1871 Bevollmächtigter der Regierung im Bundesrat und Mitglied der Kommission für die deutsche Zivilprozessordnung, erhielt Falk nach dem Rücktritt des Ministers v. Mühler das Kultusministerium (22. Jan. 1872) und damit die Aufgabe, der katholischen Kirche gegenüber die unveräußerlichen, seit Eichhorn geschmälerten Hoheitsrechte des Staates wieder geltend zu machen. Falk löste die Aufgabe durch die sogen. Maigesetze unter heftigem Widerspruch der Klerikalen, allerdings ohne den passiven Widerstand des katholischen Klerus zu brechen. Durch das Schulaufsichtsgesetz befreite er die Volksschule von dem Einfluss der Kirche, vermehrte durch Erhöhung der Gehalte, Vermehrung der Seminare und zweckmäßige Organisation die Zahl der Lehrer und der Schulklassen sehr beträchtlich und setzte der Polonisierung der katholischen Schulkinder in Posen und Westpreußen ein Ziel. Die Universitäten versah er mit reichlichern Mitteln, erhöhte die Ausgaben für die Pflege der Kunst, aber ein Unterrichtsgesetz, welches das Schulwesen fortan gegen Verwaltungswillkür sicherstellen sollte, scheiterte 1876 an den dadurch erwachsenden Mehrkosten. Der evangelischen Kirche Preußens gab Falk durch die 1875 von einer außerordentlichen Generalsynode gebilligte und 1876 vom Landtage genehmigte Synodalverfassung für die acht alten Provinzen eine selbständige Stellung, erregte aber damit den Unwillen der orthodoxen Hofpredigerpartei, die erst den von Falk berufenen Präsidenten des Oberkirchenrats, Herrmann, stürzte, dann Falk selbst 1878 zum Abschiedsgesuch nötigen wollte. Blieb Falk 1878 noch im Amte, so nahm er im Juli 1879 den Abschied, als Bismarck aus Anlass der Zolltarifsverhandlungen im Reichstag sich der Zentrumspartei näherte, und betätigte sich nur noch parlamentarisch. Seit 1858 dem Abgeordnetenhaus angehörend, ward er 1867 in den konstituierenden Reichstag und seit 1873 wiederum gewählt, zog sich aber nach seiner Ernennung zum Präsidenten des Oberlandesgerichts in Hamm 1882 vom politischen Leben ganz zurück. Eine Sammlung seiner »Reden 1872-1879« (Berl. 1880) blieb unvollendet."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Dem Propst Dinder1 in Königsberg. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 46, 1. Beiblatt. -- 1873-10-05

Du sprachst: Nie in geweihter Erde,
Wo man der Auferstehung harrt,
Nein, an der Kirchhofsmauer werde
Der Altkatholische verscharrt!

So hast du, strenger Mann, geboten;
Doch merke, Pfäfflein, dir zur Zeit:
Die Erde wird nie von den Toten,
Doch oft von Lebenden entweiht.

Erklärung:

1 Julius Dinder (1830 - 1890)

"Dinder, Julius, Erzbischof von Posen-Gnesen, geb. 9. März 1830 zu Rössel in Ermeland, gest. 30. Mai 1890 in Posen, studierte in Braunsberg, war 1856–66 Kaplan in Bischofsburg, 1866–68 Pfarrer in Grieslinen und wurde 1868 Propst und Militärpfarrer in Königsberg. Nach Ledochowskis Verzicht (Anfang 1886) wurde D. von der preußischen Regierung im Einverständnis mit dem Papst 26. März zum Erzbischof von Gnesen-Posen ernannt und bemühte sich, im friedlichen Sinne zu wirken."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Asiatisch. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 46, 1. Beiblatt. -- 1873-10-05

Li.
Führ mich, Dschung, zu deinem Buddha,
Denn der meine hilft mir nicht;
Deiner aber ist unfehlbar --
Lass mich schaun sein Angesicht.

Dschung.
Sprich mir nicht von meinem Buddha,
Den bisher ich angefleht!
Fruchtlos war ja auch mein Opfer
Und vergebens mein Gebet.

Übergab ihn drum dem Feuer,
Den ich für unfehlbar stark
Und für einen Gott gehalten.
Kladderadatsch! Da liegt der Quark!


Bekenntnis einer schönen Seele. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 48, S. 190. -- 1873-10-19

Dank dir, Times, du hast enthüllt
Frei vor aller Welt das Sehnen,
Das uns Pfarrern und Kaplänen
Schmerzlich, ach! die Brust erfüllt.

Gebt -- so sprichst du -- frei das Frein,
Sprengt des Zölibates Bande,
Dass die Pfäfflein auch im Lande
Sich dem Dienst der Liebe weihn.

Wo die Lieb ins Herze zieht,
Ist des Friedens traute Wohnung,
Walten Duldung, Mild und Schonung,
Und der Zwietracht Geist entflieht.

O wie freudig deinem Rat
Möcht ich folgen mit Behagen.
Und wie gern möcht ich entsagen
Dem verhassten Zölibat!

Ja, ich kenn -- ich beicht es dir --
Schon ein Mädchen hier im Städtchen;
Herz und Hand und Zölibettchen
Teilt ich herzlich gern mit ihr!


Vanitas, vanitatum vanitas!1 -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 48, 2. Beiblatt. -- 1873-10-19

Aus den Klageliedern Germaniae nigrae2.

Weh, alter Herr im Vatikan,
Was hast du jüngst geschrieben3!
Es scheint, dich hat, als du 's getan,
Der böse Geist getrieben!
Nicht also schreibt man an einen Rex4
Und mächtigen Potentaten.
O Pontifex5, o Pontifex,
Wie schlecht warst du beraten!

Du schreibst: Ich hab genau erspäht
Des Königs Herz und Nieren;
Ich weiß, es grollt die Majestät
Den Herrn, so da regieren,
Den Bismarck, Falk6 und dem Annex
Ungläubiger Demagogen.
O Pontifex, o Pontifex,
Wie hat man dich belogen!

Du schreibst: Wenn Majestät befiehlt! --
Und, Sir, ihr müsst befehlen --
So wird man, wie mein Brief erzielt,
Nicht mehr die Priester quälen,
Und jeder Hirt wird seinen Grex7
Nach meinem Sinn nur lenken,
O Pontifex, o Pontifex,
Wie schwach bist du im Denken!

Du sprichst: Der Wahrheit Hort sind wir,
Nur wir zu Gottes Ehren
Sind fest geschart um ihr Panier
Enzyklisch; wir erklären
Den Syllabus8 für die Summa lex9
Und aller Wahrheit Muster.
O Pontifex, o Pontifex,
Wie tappst du doch im Duster!

Du sprichst: Jed Schäflein, so getauft,
Gehört zu meiner Herde,
Wenn 's auch lutherisch Wasser sauft
Auf ketzerischer Erde;
Das räudge selber -- ich entdeck 's
Und führ 's zur rechten Quelle.
O Pontifex, o Pontifex,
Wie leer sind deine Ställe!

Du sprichst: Mir gibt die Wahrheit Mut
In dieser Zeiten Drange;
Und wenn ihr nicht, Herr König, tut,
Wie ich von euch verlange,
So ist 's mit eurem Throne ex10 --
Jählings wird er zerschmettert!
O Pontifex, o Pontifex,
Wie hast du dich verheddert!

Du sprichst -- o hättest Schweigen du
Geboten den Gefühlen!
Wie sollen heut wir noch in Ruh
zum Heil der Kirche wühlen?
Jetzt haftet, ach! ein großer Klex
An dir und den schwarzen Vätern.
O Pontifex, o Pontifex,
Du stempelst uns zu Verrätern!

Weh! Weh! Erloschen ist nunmehr
Der Hoffnung letzter Funke! --
So seufzt aus tiefstem Herzen schwer
Sogar der schwarze Majunke11.
Hat denn der schwarze Papst, Herr Beckx12,
Auch den Verstand verloren?
O Pontifex, o Pontifex,
Wie hast du dich blamoren!

Erlärungen:

1 vanitas, vanitatum vanitas (lateinisch): Eitelkeit, Eitelkeit der Eitelkeiten! (nach Ecclesiastes (Prediger) 1, 2: vanitas vanitatum dixit Ecclesiastes vanitas vanitatum omnia vanitas (Vulgata)

2 Germania nigrae (lateinisch) = des schwarzen deutschland

3 Schreiben von Papst Pius IX. an Kaiser Wilhelm I. vom 7. August 1873:

Papst Pius IX. Schreiben an Kaiser Wilhelm I.

Im Vatikan, den 7. August 1873.

Majestät!

Sämtliche Maßregeln, welche seit einiger Zeit von Eurer Majestät Regierung ergriffen worden sind, zielen mehr und mehr auf die Vernichtung des Katholizismus 30 ab. Wenn ich mit mir selber darüber zu Rate gehe, welche Ursachen diese sehr harten Maßregeln veranlasst haben mögen, so bekenne ich, dass ich keine Gründe aufzufinden im Stande bin. Andererseits wird mir mitgeteilt, dass Eure Majestät das Verfahren Ihrer Regierung nicht billigen und die Härte der Maßregeln wider die katholische Religion nicht gutheißen. Wenn es aber wahr ist, dass Eure Majestät es nicht billigen, — und die Schreiben, welche Allerhöchst dieselben früher an mich gerichtet haben, dürften zur Genüge dartun, dass Sie dasjenige, was gegenwärtig vorgeht, nicht billigen können, — wenn, sage ich, Eure Majestät es nicht billigen, dass Ihre Regierung auf den eingeschlagenen Bahnen fortfährt, die rigorosen Maßregeln gegen die Religion Jesu Christi immer weiter auszudehnen, und letztere hierdurch so schwer schädigt, werden dann Eure Majestät nicht die Überzeugung gewinnen, dass die Maßregeln keine andere Wirkung haben, als diejenige, den eigenen Thron Eurer Majestät zu untergraben? Ich rede mit Freimut, denn mein Panier ist Wahrheit, und ich rede, um eine meiner Pflichten zu erfüllen, welche darin besteht, allen die Wahrheit zu sagen, auch denen, die nicht Katholiken sind. Denn jeder, welcher die Taufe empfangen hat, gehört in irgend einer Beziehung oder auf irgend eine Weise, welche hier näher darzulegen nicht der Ort ist, gehört, sage ich, dem Papste an. Ich gebe mich der Überzeugung hin, dass Euro Majestät meine Betrachtungen mit der gewohnten Güte aufnehmen und die in dem vorliegenden Falle erforderlichen Maßregeln troffen werden.

Indem ich Allerhöchstdenselben den Ausdruck meiner Ergebenheit und Verehrung darbringe, bitte ich Gott, dass Er Euro Majestät und mich mit den Banden der gleichen Barmherzigkeit umfassen möge.

Pio P. M.

[Quelle: Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus / von Carl Mirbt. -- 4., verb. und wesentl. verm. Aufl. --  Tübingen : Mohr, 1924.  -- 680, XXXII S. ; 4°. -- S. 469f.]

4 rex (lateinisch) = König

5 pontifex (maximus) (lateinisch) = oberster Priester = Papst

6 Adalbert Falk (1827 - 1900): siehe oben!

7 grex (lateinisch) = Herde

8 Syllabus: Siehe:

Pius <Papa, IX.> <1792 - 1878>: Syllabus Pii IX, seu Collectio errorum in diversis Actis Pii IX proscriptorum = Syllabus von Papst Pius IX. oder Sammlung der von Papst Pius IX. in verschiedenen Äußerungen geächteten Irrtümer (1864-12-08). -- Fassung vom 2004-04-12. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/syllabus.htm

9 summa lex (lateinisch) = oberstes Gesetz

10 ex (lateinisch ) = aus

11 Paul Majunke (1842 - 1899), Redakteur der katholischen Zeitung "Germania": siehe oben!

12 P. Pierre Jean Beckx (1795 - 1887): General des Jesuitenordens(siehe oben!)



Abb.: Wer viel schreibt, bekommt viel Antwort1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 49, S. 196. -- 1873-10-26

I, da soll doch gleich ein heiliger Kreuz-Himmel-Don — — —" (Fortsetzung folgt bald).

Erklärung:

1 Kaiser Wilhelms I. Antwort vom 3. September 1873 auf das zum Vorigen wiedergegebene Schreiben Papst Pius' IX.

Kaiser Wilhelm I. Antwort an Papst Pius IX.

Berlin, den 3. Sept. 1873.

Ich bin erfreut, dass Eure Heiligkeit mir, wie in früheren Zeiten, die Ehre erweisen, Mir zu schreiben; Ich bin es umso mehr, als mir dadurch die Gelegenheit zu Teil wird, Irrtümer zu berichtigen, welche nach Inhalt des Schreibens Eurer Heiligkeit vom 7. August in den Ihnen über deutsche Verhältnisse zugegangenen Meldungen vorgekommen sein müssen. Wenn die Berichte, welche Eurer Heiligkeit über deutsche Verhältnisse erstattet werden, nur Wahrheit meldeten, so wäre es nicht möglich, dass Eure Heiligkeit der Vermutung Raum geben könnten, dass Meine Regierung Bahnen einschlüge, welche Ich  nicht billigte. Nach der Verfassung Meiner Staaten kann ein solcher Fall nicht eintreten, da die Gesetze und Regierungsmaßregeln in Preußen Meiner landesherrlichen Zustimmung bedürfen.

Zu Meinem tiefen Schmerze hat ein Teil Meiner katholischen Untertanen seit zwei Jahren eine politische Partei organisiert, welche den in Preußen seit Jahrhunderten bestehenden konfessionellen Frieden durch staatsfeindliche Umtriebe zu stören sucht. Leider haben höhere katholische Geistliche diese Bewegung nicht nur gebilligt, sondern sich ihr bis zur offenen Auflehnung gegen die bestehenden Landesgesetze angeschlossen.

Der Wahrnehmung Eurer Heiligkeit wird nicht entgangen sein, dass ähnliche Erscheinungen sich gegenwärtig in der Mehrzahl der europäischen und in einigen überseeischen Staaten wiederholen.

Es ist nicht Meine Aufgabe, die Ursachen zu untersuchen, durch welche Priester und Gläubige einer der christlichen Konfessionen bewogen werden können, den Feinden jeder staatlichen Ordnung in Bekämpfung der letzteren behilflich zu sein; wohl aber ist es Meine Aufgabe, in den Staaten, deren Regierung mir von Gott anvertraut ist, den inneren Frieden zu schützen und das Ansehen der Gesetze zu wahren. Ich bin Mir bewusst, dass Ich über Erfüllung dieser Meiner königlichen Pflicht Gott Rechenschaft schuldig bin, und Ich werde Ordnung und Gesetz in Meinen Staaten jeder Anfechtung gegenüber aufrecht halten, solange Gott mir die Macht dazu verleiht; Ich bin als christlicher Monarch dazu verpflichtet, auch da, wo ich zu Meinem Schmerz diesen königlichen Beruf gegen die Diener einer Kirche zu erfüllen habe, von der ich annehme, dass sie nicht minder, wie die evangelische Kirche, das Gebot des Gehorsams gegen die weltliche Obrigkeit als einen Ausfluss des uns geoffenbarten göttlichen Willens erkennt.

Zu Meinem Bedauern verleugnen viele der Eurer Heiligkeit unterworfenen Geist-Lehen in Preußen die christliche Lehre in dieser Richtung und setzen Meine Regierung in die Notwendigkeit, gestützt auf die große Mehrzahl Meiner treuen katholischen und evangelischen Untertanen, die Befolgung der Landesgesetze durch weltliche Mittel zu erzwingen.

Ich gebe mich gern der Hoffnung hin, dass Eure Heiligkeit, wenn von der wahren Lage der Dinge unterrichtet, Ihre Autorität werden anwenden wollen, um der unter bedauerlicher Entstellung der Wahrheit und unter Missbrauch des priesterlichen Ansehens betriebenen Agitation ein Ende zu machen. Die Religion Jesu Christi hat, wie Ich Eurer Heiligkeit vor Gott bezeuge, mit diesen Umtrieben nichts zu tun, auch nicht die Wahrheit, zu deren von Eurer Heiligkeit angerufenen Panier ich Mich rückhaltslos bekenne.

Noch eine Äußerung in dem Schreiben Eurer Heiligkeit kann ich nicht ohne Widerspruch übergehen, wenn sie auch nicht auf irrigen Berichterstattungen, sondern auf Eurer Heiligkeit Glauben beruht, die Äußerung nämlich, dass Jeder, der die Taufe empfangen hat, dem Papste angehöre. Der evangelische Glaube, zu dem Ich Mich, wie Eurer Heiligkeit bekannt sein muss, gleich Meinen Vorfahren und mit der Mehrheit Meiner Untertanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem Verhältnis zu Gott einen anderen Vermittler als unseren Herrn Iesum Christum anzunehmen.

Diese Verschiedenheit des Glaubens hält Mich nicht ab, mit denen, welche den unseren nicht teilen, in Frieden zu leben und Eurer Heiligkeit den Ausdruck Meiner persönlichen Ergebenheit und Verehrung darzubringen.

Wilhelm.

[Quelle: Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus / von Carl Mirbt. -- 4., verb. und wesentl. verm. Aufl. --  Tübingen : Mohr, 1924.  -- 680, XXXII S. ; 4°. -- S. 470f.]



Abb.: Das kommt davon. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 52, S. 208. -- 1873-11-16

Während die Fortschrittlichen und die Nationalliberalen sich öffentlich herumzanken, gewinnen die Klerikalen manch liebes Plätzchen im Abgeordnetenhause.


An die Zentralen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 53, S. 211. -- 1873-11-23

Was hör ich drin im hohen Haus,
Was dort auf der Tribüne?
Klang für die Freiheit — 's ist ein Graus! —
Nicht euer Wort, das kühne?

Ist's wahr? — Die Feder sträubt entsetzt
Sich mir im Tintenfasse:
Die Unfehlbaren brechen jetzt
Der Freiheit eine Gasse?

O Freiheit, wohin kam's mit dir?
Nun weine, du Ärmste weine!
Die Klerikalen kämpfen für
Die Freiheit, die ich meine!

Du arme Freiheit, wie wird mir weh,
Wie fasst mich ein grauend Ahnen,
Wenn ich dich in der Gesellschaft seh,
Im Bund der Ultramontanen!

Nun schneidet den Lebensfaden bald
Dir ab die böse Parze1:
Mit seiner Liebe Zaubergewalt
Lockt dich ins Grab der Schwarze!

Ihr seid mit der Freiheit in festem Bund?
Oh über die belle alliance2!
Ihr, deren Devise noch heut zur Stund
Ist: Honny soit qui — pense!3

Erläuterungen:

Gleich nach Eröffnung des Landtages stellte Windthorst im Namen der Zentrumspartei den Antrag, das Dreiklassen-Wahlsystem abzuschaffen und das allgemeine direkte Wahlrecht in Preußen einzuführen. Damit wollte die  Zentrumspartei zeigen, dass sie die eigentlich liberale Partei ist.

1 Parze

"Moiren (griech. Moirai, bekannter unter dem lat. Namen Parcae, Parzen), die griechischen Schicksalsgöttinnen, die jedem sein Geschick zuteilen. Bei Homer ist Moira das personifizierte Verhängnis, das dem Menschen von Geburt an nach dem Ratschluß der Götter beschieden ist. Hesiod kennt der M. drei: Klotho (Spinnerin), die den Lebensfaden spinnt, Lachesis (Erlosung), die seine Länge bestimmt, Atropos (die Unabwendbare), die ihn abschneidet. Sie heißen bald Töchter der Nacht, bald Töchter des Zeus und der Themis. Als das Schicksal von der Geburt bis zum Tod bestimmend, stehen sie mit der Geburtsgöttin Eileithyia und mit den Keren in Verbindung. Bald erscheinen sie als unparteiische Vertreterinnen der Weltordnung, bald als grausam und neidisch, bald als von Zeus' Willen abhängig, bald über ihm stehend. In der ältern Kunst erscheinen sie mit Zeptern als Zeichen der Herrschaft, später Klotho spinnend, Lachesis mit Lostäfelchen oder auf dem Globus mit einem Griffel schreibend, Atropos mit Schriftrolle, Schrifttäfelchen oder Sonnenuhr. "

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 belle alliance (französisch): gutes Bündnis

"Belle-Alliance, La (spr. bäl-alljangß'), Wirtshaus an der Straße von Brüssel nach Genappe, in der belg. Provinz Brabant, Arrond. Nivelles, nach dem die Preußen die Schlacht von Waterloo (s. d.) benennen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Honny soit ...

"Honny soit qui mal y pense (franz., spr. onni ßua ki mall i pángß'), »Schmach über den, der Arges dabei denkt!«, Devise des vom König Eduard III. von England 1350 gestifteten Hosenbandordens (s. d.). Das Wort selbst war (einer Stelle in den Acta Sanctorum, III, zufolge) schon vor Eduard III. in Frankreich sprichwörtlich."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]


Spruch der Karmeliterinnen zu Neuß. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 54/55, S. 218. -- 1873-11-30

Wenn Papst und Patres nicht mehr fluchen,
Sich Mönch und Nonne fromm besuchen,
Und keusche Nonnen Mütter werden,
Dann -- naht das Paradies auf Erden.


Klerikales Trost- und Jubellied. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 54/55, 2. Beiblatt. -- 1873-11-30

(neuer Text zu einer alten Volksweise1.)

Nach so viel Kreuz und ausgestandnen Leiden
Erwarten uns die himmlischen Freuden;
Drum will ich euch jetzt singen
Von den lieben himmlischen Dingen,
Die Jeder zu schmecken einst kriegt,
Der dem Falk2 und dem Bismarck erliegt.

Sobald wir nahen der Himmelspforten,
Grüßt uns Sankt Peter mit solchen Worten:
Seid mir herzwillkommen,
Ihr Lämmer, ihr frommen,
Jetzt zum Paradiese geht ein
Und lasst es euch wohlig drin sein!

Dort stehen nun die heiligen Väter
Die lieben Englein rings als Trompeter,
Und blasen Fanfaren
Der Seraphim Scharen,
Und wie sie uns schaun im Gedräng,
Da schmettert ein Tusch: Schneddredeng!

Und treten wir dann ein im Saale,
Da reichet man uns güldne Pokale,
Und lädt  uns zu Tische,
Zu Braten und Fische,
Zu Austern, Pasteten, Konfekt,
Zu Lacrimae3, Rheinwein und Sekt.

Die Heiligen all aus den Kalendern
Stehn da in güldnen Gewändern,
Und reichen und preisen
Die himmlischen Speisen,
Sankt Nepomuk4 bringt einen Toast
Und spendet uns also den Trost:

Gegrüßt in dieser Kartause,
Ihr Martine5 und Miecislause6
Aus preußischem lande,
Ihr Herr vom Sande7,
Ihr Bischöf, empfanget zum Lohn
Zuerst jetzt die Märtyrerkron!

Ihr, die man hat auf Erden gepfändet,
Denen Pferd und Wagen man entwendet,
Hier werden euch tragen
Echt englische Wagen;
Elias8 kutschiert euch sogleich
Herum in dem himmlischen Reich.

Vergesst drum er irdschen Lappalien,
Der Sperre der Temporalien9,
Der Strafe Verhängnis,
Bedräng- und Gefängnis!
Hier lebt ihr von ewiger Gunst,
Hier wohnt ihr und zecht ihr umsunst.

Hier dürft ihr auch holdselig wallen
Mit elftausend Jungfraun nach Gefallen.
Sie haben zwar halter
Kanonisches Alter10;
Doch sind sie, was bass euch entzückt,
Mit ewiger Schönheit geschmückt.

Und wenn ihr Honig schwelgt und Manna
Und Kyrie singt und Hosianna,
Im Feuer dann sitzen
Und fürchterlich schwitzen
Wird Bismarck und Falk2 sonder Trost.
Fiducit11 drum, Brüder, und Prost!

Erklärungen:

1 Das Lied: "Nach so viel Kreuz und ausgestandnen Leiden erwarten uns die himmlischen Freuden"

2 Adalbert Falk (1827 - 1900): siehe oben!

3 Lacrimae Christi

"Lacrĭmae Christi (lat., »Christustränen«), ein Wein des Vesuvs, benannt nach der Lacrimatraube und dem Kloster auf dem Vorsprung des Vulkans, wird nur in sehr geringer Menge erzeugt, kommt selten in den Handel und ist sehr kostbar. Er ist ein Likörwein ersten Ranges, hellrot, sehr feurig, gewürzig und von köstlichem Parfüm."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Nepomuk

"Nepŏmuk, Johann von, Heiliger, Schutzpatron Böhmens, Helfer gegen Verleumdungen und Wassersnot, ist ein Gebilde der Legende, die vor allem vom Jesuiten Balbinus (1670) ausgebildet worden ist. Im böhmischen Städtchen N. oder Pomuk um 1330 geboren, soll er in Prag die Magisterwürde erlangt und, nachdem er die Priesterweihe empfangen, Prediger an der Teynkirche in Prag, bald darauf Domherr von St. Veit und Propst der Allerheiligenkirche sowie später Almosenpfleger des Königs Wenzel IV. und Beichtvater der Königin Johanna geworden sein. Als solcher soll er 1383 am Vorabend von Himmelfahrt, weil er trotz aller Drohungen des Königs und aller Folterqualen nicht hätte verraten wollen, was die Königin ihm im Beichtstuhl anvertraut hatte, in die Moldau gestürzt worden sein. Auch die Geschichte kennt einen von Wenzel ertränkten Johann von N., aus dessen Lebensbild die Legende einige Züge entlehnt hat. Aber einmal steht fest, dass dieser am 20. März 1393, sodann dass er wegen kirchenpolitischer Meinungsverschiedenheiten getötet worden ist. Die Tatsache, dass Benedikt XIII. 1729 einen Mann heilig gesprochen, dessen Dasein nicht erweislich ist, hat Schmude (»Geschichte des Lebens und der öffentlichen Verehrung des ersten Märtyrers des Beichtsiegels«, Innsbr. 1883) durch die Behauptung zu widerlegen versucht, es habe zwei Nepomuks gegeben. Doch ist dies ebenso hinfällig wie die Annahme Abels (»Die Legende vom heil. N.«, Berl. 1855), dass N. eine Umbildung des ketzerischen Volkshelden Hus in einen katholischen Heiligen sei. Vgl. Frind, Der geschichtliche Johannes von N. (2. Aufl., Prag 1871) und Der heil. Johann von N. (das. 1879); Reimann in Sybels »Historischer Zeitschrift« (Bd. 27). Nepomuks Gedächtnistag (16. Mai) wird in Böhmen als hohes Kirchen- u. Volksfest begangen."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

5 Martine: Konrad Martin (1812 - 1879)

"Martin,  Konrad, Bischof von Paderborn, geb. 18. Mai 1812 zu Geismar im Eichsfeld, gest. 16. Juli 1879 in Belgien, studierte in Halle orientalische Sprachen, in München und Würzburg katholische Theologie und ward 27. Febr. 1836 in Köln Priester. Er wirkte als Rektor des Progymnasiums in Wipperfürth, Religionslehrer am katholischen Gymnasium in Köln und wurde 1844 Professor der Theologie und Inspektor des Konvikts in Bonn. 1856 zum Bischof von Paderborn erwählt, suchte er unermüdlich den kirchlichen Geist namentlich in der seiner Diözese zugeteilten Diaspora in Sachsen und Thüringen zu heben; er errichtete in Paderborn ein Konvikt, in Heiligenstadt ein Knabenseminar und bewirkte die Stiftung zahlreicher neuer Pfarreien, auch den Bau vieler katholischer Kirchen in protestantischen Orten. In seinen Schriften: »Ein bischöfliches Wort an die Protestanten Deutschlands« (1864) und »Zweites Wort etc.« (1866) behandelte er die Protestanten seiner Diözese als seine Untergebenen, wie er die Bekehrung von Protestanten zum Katholizismus sowie die katholische Taufe aller Kinder gemischter Ehen nicht ohne Erfolg betrieb; ja, er knüpfte auch mit orthodoxen lutherischen Pastoren Verhandlungen über ihre »Rückkehr« zur katholischen Kirche an. Die Ansiedelung von Jesuiten begünstigte er besonders. 1869 wurde er nach Rom berufen, um an den Vorarbeiten für das vatikanische Konzil teilzunehmen, war dann Mitglied der dogmatischen Kongregation und kämpfte für die Infallibilität, die er auch schriftstellerisch verteidigte (»Die Arbeiten des vatikanischen Konzils«, 3. Aufl., Paderb. 1873; »Vaticani concilii documentorum collectio«). Den Kulturkampf verglich M. mit der Diokletianischen Verfolgung. Er wurde in dessen Verlauf wiederholt zu hohen Geldstrafen, endlich 1874 zu Festungshaft verurteilt und im Januar 1875 abgesetzt, in Wesel interniert, floh aber im Sommer 1875 nach Belgien. Er schrieb ferner: »Lehrbuch der katholischen Religion für höhere Lehranstalten« (15. Aufl., Mainz 1873, 2 Bde.); »Lehrbuch der katholischen Moral« (5. Aufl., das. 1865); »Die Wissenschaft von den göttlichen Dingen« (3. Aufl., das. 1869); »Drei Gewissensfragen über die Maigesetze« (anonym, das. 1874), dessen erste Auflage wegen einer der Kurie anstößigen Stelle auf den Index gesetzt wurde; »Katechismus des römisch-katholischen Kirchenrechts« (Münst. 1875); »Drei Jahre aus meinem Leben« (Mainz 1877, 3. Aufl. 1878); »Blicke ins Jenseits« (das. 1878) u. a. Seine »Kanzelvorträge« erschienen gesammelt in 7 Bänden (Paderb. 1882–90). Vgl. Stamm, Dr. Konrad M. (Paderb. 1892; dazu »Urkundensammlung«); »Aus der Briefmappe des Bischofs Dr. K. M.« (das. 1902)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

6 Miecislause: Miecislaw Ledochowski (1822 - 1902)

"Ledóchowski, Miecislaw, Graf, Kardinal, geb. 29. Okt. 1822 in Gorki, gest. 22. Juli 1902 in Rom, im Lazaristenkollegium zu Warschau erzogen, erhielt 1840 die Priesterweihe und studierte dann im Jesuitenkollegium zu Rom, erwarb sich die Gunst Pius' IX., der ihn zum Hausprälaten und apostolischen Protonotar erhob, als Auditor bei verschiedenen Nunziaturen verwendete und 1861 zum Erzbischof von Theben in partibus ernannte. Im Januar 1866 von der preußischen Regierung auf den erzbischöflichen Stuhl von Posen-Gnesen berufen, um dort die katholische Geistlichkeit von der politischen Agitation fern zu halten, forderte er im November 1870 persönlich in Versailles eine Intervention Deutschlands zugunsten des Papstes und trat, als dies abgelehnt wurde, an die Spitze der ultramontanen Opposition gegen das Reich, ward auch Wortführer der polnischen Nationalitätsbestrebungen; dafür ernannte ihn der Papst zum Primas von Polen. Wegen seines herausfordernden Auftretens gegenüber der Regierung zu hohen Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und 3. Febr 1874 verhaftet, verbüßte er 2 Jahre Gefängnis zu Ostrowo. Am 15. April 1874 wurde er vom Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten seines Amtes entsetzt, dafür 15. März 1875 vom Papst zum Kardinal ernannt. Im Februar 1876 seiner Hast entlassen, begab er sich nach Rom, wurde im März 1885 Sekretär der Breven, verzichtete im Januar 1886 auf sein Erzbistum und wurde 1892 Generalpräfekt der Propaganda Fidei. Im Posener Dom soll ihm ein Denkmal errichtet werden."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

7 Herr vom Sande = Fürstbischof von Breslau (nach der Breslauer Sand- und Dominsel): Heinrich Förster (1799 - 1881)

"Förster, Heinrich, Fürstbischof von Breslau, geb. 24. Nov. 1800 in Großglogau, gest. 20. Okt. 1881 in Johannisberg, studierte Theologie, wurde 1825 Priester, 1837 Domkapitular, erster Domprediger und Inspektor des Klerikalseminars in Breslau, erwarb sich den Ruf eines bedeutenden Kanzelredners und trat der von Schlesien ausgehenden deutschkatholischen Bewegung als entschiedener Vorkämpfer des römisch-katholischen Kirchentums entgegen. Im Sommer 1848 in die Nationalversammlung zu Frankfurt gewählt, wohnte er im November d. J. der Synode der deutschen Bischöfe in Würzburg bei und ward 19. Mai 1853 Fürstbischof von Breslau. Von Natur friedliebend und gemäßigt, besaß F. doch nicht den Mut, der Kurie gegenüber seinen persönlichen Standpunkt zu vertreten, was sich besonders im Falle des Professors Baltzer (s. ð Baltzer 1) zeigte. Auf dem vatikanischen Konzil gehörte F. zur Opposition gegen das Unfehlbarkeitsdogma, stimmte 13. Juli 1870 mit 87 andern Bischöfen gegen das Dogma und verließ mit der Mehrheit derselben nach dem Protest vom 17. Juli Rom. Den Fuldaer Hirtenbrief vom 31. Aug. 1870 unterschrieb er nicht, unterwarf sich indes, nachdem er in Rom vergeblich um seine Enthebung vom Amt nachgesucht, bald und schritt bereits im Oktober gegen die Breslauer theologische Fakultät ein. Wegen Vergehen gegen die Maigesetze mehrfach zu Geldstrafen verurteilt und gepfändet und der Temporalien beraubt, ward er 6. Okt. 1875 abgesetzt, hatte sich aber schon vorher nach dem Schloß Johannisberg im österreichischen Teil seiner Diözese begeben. Gesammelt er schienen Försters »Kanzelvorträge« (Bresl. 1854, 6 Bde.; 5. Ausg. 1878) und seine »Hirtenbriefe« (Regensb. 1880, 2 Bde.). Auch schrieb er ein »Lebensbild« seines fürstbischöflichen Vorgängers Melchior von Diepenbrock (Bresl. 1859; 3. Aufl., Regensb. 1878). Vgl. Franz, Heinrich F., Fürstbischof von Breslau (Bresl. 1875)."

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8 Elias ( אליהו‎ ):  biblischer Prophet (9. Jhdt. v. Chr.)

9 Temporaliensperre: Sperre der staatlichen Zuwendungen zum Lebensunterhalt der Geistlichen

10 Kanonisches Alter: vom Kirchenrecht vorgeschriebenes Alter für Pfarrhaushälterinnen: wenn es sich nicht um nahe Verwandte handelt, müssen sie "von fortgeschrittenem Alter" sein

11 Fiducit: in der Studentensprache Antwort auf den Trinkgruß Schmollis



Abb.: Martyrium. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 56, S. 224. -- 1873-12-07

 Anno Sancti Sebastiani1 — Anno Sancti Ledochowski2.

Erläuterungen:

Die strengen Maßregeln der Regierung gegen den renitenten Erzbischof Ledochowski von Posen machten ihn in den Augen romtreuer Katholiken zum Märtyrer.

1 Anno Sancti Sebastiani: im Jahr des heiligen Sebastian

" Sebastian, Heiliger, Patron der Schützen, soll unter Diokletian Hauptmann in der Prätorianergarde gewesen und, da er sich weigerte, seinen Glauben abzuschwören, im J. 280 (?) von mauretanischen Schützen mit Pfeilen durchbohrt worden sein. Tag: 20. Januar. Sebastians Martyrium bildet einen Lieblingsgegenstand der christlichen Kunst, die ihn meist als schönen, nur mit dem Lendentuch umgürteten Jüngling, an den Baum oder Pfahl gebunden und von zahlreichen Pfeilen durchbohrt, darstellt."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

2 Anno Sancti Ledochowski: im Jahr des heiligen Ledochowski

"Ledóchowski, Miecislaw, Graf, Kardinal, geb. 29. Okt. 1822 in Gorki, gest. 22. Juli 1902 in Rom, im Lazaristenkollegium zu Warschau erzogen, erhielt 1840 die Priesterweihe und studierte dann im Jesuitenkollegium zu Rom, erwarb sich die Gunst Pius' IX., der ihn zum Hausprälaten und apostolischen Protonotar erhob, als Auditor bei verschiedenen Nunziaturen verwendete und 1861 zum Erzbischof von Theben in partibus ernannte. Im Januar 1866 von der preußischen Regierung auf den erzbischöflichen Stuhl von Posen-Gnesen berufen, um dort die katholische Geistlichkeit von der politischen Agitation fern zu halten, forderte er im November 1870 persönlich in Versailles eine Intervention Deutschlands zugunsten des Papstes und trat, als dies abgelehnt wurde, an die Spitze der ultramontanen Opposition gegen das Reich, ward auch Wortführer der polnischen Nationalitätsbestrebungen; dafür ernannte ihn der Papst zum Primas von Polen. Wegen seines herausfordernden Auftretens gegenüber der Regierung zu hohen Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und 3. Febr 1874 verhaftet, verbüßte er 2 Jahre Gefängnis zu Ostrowo. Am 15. April 1874 wurde er vom Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten seines Amtes entsetzt, dafür 15. März 1875 vom Papst zum Kardinal ernannt. Im Februar 1876 seiner Hast entlassen, begab er sich nach Rom, wurde im März 1885 Sekretär der Breven, verzichtete im Januar 1886 auf sein Erzbistum und wurde 1892 Generalpräfekt der Propaganda Fidei. Im Posener Dom soll ihm ein Denkmal errichtet werden."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Schreckliche Folgen des Syllabus1. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 26, Nr. 57, S. 228. -- 1873-12-14

Wenn ein Altkatholik oder ein sonst mit dem Bann belegter einen infalliblen2 Christen grüßt, so darf dieser in keinem Fall danken3.

Erklärungen:

1 Syylabus: siehe:

Pius <Papa, IX.> <1792 - 1878>: Syllabus Pii IX, seu Collectio errorum in diversis Actis Pii IX proscriptorum = Syllabus von Papst Pius IX. oder Sammlung der von Papst Pius IX. in verschiedenen Äußerungen geächteten Irrtümer (1864-12-08). -- Fassung vom 2004-04-12. -- URL:  http://www.payer.de/religionskritik/syllabus.htm

2 infallibel = unfehlbar; infellibler Christ = Römisch-Katholischer

3 Nach dem damaligen Kirchenrecht hatten Katholiken bürgerlichen Verkehr mit Exkommunizierten zu meiden; dazu gehörte auch, dass der (freundschaftliche) Gruß zu verweigern ist!


1874


Der heilige Martin1, aber nicht der Alte2. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 1, S. 3. -- 1874-01-04

Der Bischof Martin von Paderborn --
Nie war ein frömmerer Herr.
"Was hilft mir wider Bismarcks Zorn
Das Sträuben und Gesperr?
Da helfe mir zu dieser Frist
Jesuitenlist,
Die aller Gewalten Meister ist!"

Dem lieben Bruder drauf verschreibt
Er Alles, was er hat;
Nicht das Geringste ihm verbleibt
In Paderborn, der Stadt.
Und wo nichts ist in Paderborn,
Trotz allem Zorn
Hat da der Kaiser sein Recht verlorn.

"Wenn ich nun Buße zahlen soll,
Nehmt alles, was ihr findt!
Ich bin so arm und kummervoll,
Wie Kirchenmäuse sind.
Hier trink ich aus geborgtem Glas --
Wer nimmt mir das? --
Das edle goldne gepumpte Nass!"

So spricht er fröhlichen Gesichts --
Die List hat ihm genützt:
Er kann beschwören, dass er nichts
Auf dieser Welt besitzt.
Der Exekutor klopft ans Tor;
Doch mit Humor
Zeigt Martin die Verschreibung vor.

Herr Martin ist 's von Paderborn,
Ein Mann von frommer Art.
Kommt nun von hinten oder vorn,
Er  hat sich wohl verwahrt.
Er wendet es mit Vorteil an,
So gut er kann,
Was er gelernt vom Börsenmann.

 

Hast du nur, Martin, nicht gemacht
Die Rechnung ohne Wirt?
Nimm vor dem Kanzler3 dich in Acht,
Du biedrer Seelenhirt!
Der ist am Ende so wenig fein --
Was kann da sein? --
Und -- steckt den Martin selber ein!

Erklärungen:

1 Konrad Martin (1812 - 1879): 1856 bis 1875 Bischof von Paderborn.

"Als in Preußen der Kulturkampf ausbrach, den Martin mit der Diokletianischen Verfolgung verglich, gehörte er natürlich zu den schärfsten Gegnern der Regierung und bot derselben durch Ungehorsam und dreiste Verletzung der Maigesetze Trotz. Wiederholt zu hohen Geldstrafen, endlich 1874 zu Festungshaft verurteilt und im Januar 1875 abgesetzt, war er in Wesel interniert, von wo er jedoch im Sommer 1875 nach Belgien floh. Hier starb er am 16. Juli 1879 und wurde in Paderborn beigesetzt.

Martin war seit 1869 Vorkämpfer für das Unfehlbarkeitsdogma. Es läuft ein Seligsprechungsverfahren."

[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Martin.  -- Zugriff am 2008-01-10]

2 der Alte = Martin von Tours (316/317 - 397)

3 Kanzler = Bismarck



Abb.: Der durch Herzensgüte an den B--ischofsstab gebrachte arme Martin. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 1, 1. Beiblatt. -- 1874-01-04

Bischof von Paderborn. Alles, was ich besitze, gehört meinem Bruder.

siehe die Erklärung zum Vorhergehenden!



Abb.: Zur Nachahmung empfohlen. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 3, S. 12. -- 1874-01-18

Pater Hyacinth1 und Mater Loyson fegen die genfer Kirche aus.

Erklärung:

1 Pater Hyacinth = Charles Loyson (1827 - 1912)

"Loyson (spr. lŭasóng), Charles, bekannt unter dem Namen Pere Hyacinthe (spr. ĭassängt'), franz. Prediger, geb. 10. März 1827 in Orléans, empfing 1851 die Priesterweihe, ward 1854 Lehrer der Dogmatik in Nantes, dann Vikar an der Kirche St.-Sulpice in Paris und trat 1863 in Rom in den Karmeliterorden. Mit ungeheuerm Beifall predigte er in Notre-Dame, bis ihm 1869 wegen seiner antiultramontanen Anschauungen vom Karmelitergeneral Schweigen auferlegt wurde. Er trat aus dem Orden, wurde exkommuniziert, verließ Paris und wandte sich nach New York, wo er sehr gefeiert wurde. Noch Ende 1869 nach Europa zurückgekehrt, protestierte er 1870 gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit, trat mit den deutschen Altkalholiken in Verbindung, heiratete 1872 eine zum Katholizismus übergetretene Amerikanerin und ließ sich 1873 in Genf nieder, wo er schon 1874 mit den ihm zu weit gehenden Altkatholiken zerfiel. Er verzog nach Paris und eröffnete dort 1879 die »Église catholique gallicane«, als deren Rektor er bis 1884 fungierte, wo die Gemeinde sich an die altkatholische Kirche Hollands anschloß. Seitdem lebt er in Genf, neuerdings viel beschäftigt mit der Idee einer Zukunftskirche, in der Christen, Juden und Mohammedaner Gott einmütig verehren sollen. Er schrieb unter anderm: »La société civile dans ses rapports avec le christianisme« (1867); »De la réforme catholique« (1872–73, 2 Tle.); »Les principes de la réforme cathōlique« (1878); »Liturgie de l'Église catholique-gallicane« (4. Aufl. 1883); »Ni cléricaux ni athées. Discours et lettres« (1890); »Edmond de Pressensé«, Gedächtnisrede (1891); »Mon testament« (1893)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]



Abb.: Den renitenten Bischöfen könnten Exekution und Gefängnis erspart werden ---  In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 9, 1. Beiblatt. -- 1874-02-22

wenn man  ihnen nur gestattete, von jenseits der Grenze ihre deutschen Schafe zu weiden.



Abb.: Zum roten Hut. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 10, S. 40. -- 1874-03-01

Der Papst hat, wie alle Potentaten, ein handwerk gelernt. Er ist in seinen Mußestunden Hutmacher und wird nächstens wieder einen Posten neugebackener Kardinäle mit seinem Fabrikat beglücken.



Abb.: Ein fruchtbares Land. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 11, S. 44. -- 1874-03-08

In Frankreich erscheinen jetzt fortwährend neue Jungfrauen. Man hofft damit so lange fortzufahren, bis jeder ausgewachsene Franzose seine eigene hat.


Neuestes Stammbuchblatt eines stuttgarter Prälaten. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 12, S. 47. -- 1874-03-15

O Binder1, böser Binder,
Verführer unsrer Kinder,
Du weinst am Grab des Atheisten,
Des David Strauß2, des Antichristen?

Du rühmst ihn, böser Binder,
Den Christenhautabschinder,
Statt kapffisch3 ihn zu verunglimpfen
Und ihm ins Jeseits nachzuschimpfen?

Du bitterböser Binder,
Du sehnden Auges Blinder,
Du saubrer "Studienratsdirekter",
Scheinst mir ein Heide, ein versteckter!

Nicht fürder sei der Jugend
Christlich-germansche Tugend
Vertraut dir höllenreifem Sünder!
Apage4 Binder, böser Binder!

Erklärungen:

1 Gustav v. Binder 1807-1885: Theologe, Freund von David-Friedrich Strauß, Präsident der Kultministerial-Abteilung in Stuttgart

2 David Friedrich Strauß (1808 - 1874-02-08)

"Strauß, David Friedrich, prot. Theolog und Schriftsteller, geb. 27. Jan. 1808 zu Ludwigsburg in Württemberg, gest. daselbst 8. Febr. 1874, bildete sich in dem theologischen Stift zu Tübingen, ward 1830 Vikar, 1831 Professoratsverweser am Seminar in Maulbronn, ging aber noch ein halbes Jahr nach Berlin, um Hegel und Schleiermacher zu hören. 1832 wurde er Repetent am theologischen Seminar in Tübingen und hielt zugleich philosophische Vorlesungen an der Universität. Damals erregte er durch seine Schrift »Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet« (Tübing. 1835, 2 Bde.; 4. Aufl. 1840) ein fast beispielloses Aufsehen. S. wandte darin das auf dem Gebiete der Altertumswissenschaften begründete und bereits zur Erklärung alttestamentlicher und einzelner neutestamentlicher Erzählungen benutzte Prinzip des Mythus auch auf den gesamten Inhalt der evangelischen Geschichte an, in der er ein Produkt des unbewusst nach Maßgabe des alttestamentlich jüdischen Messiasbildes dichtenden urchristlichen Gemeingeistes erkannte. Die Gegenschriften gegen dieses Werk bilden eine eigne Literatur, in der kaum ein theologischer und philosophischer Name von Bedeutung fehlt. Strauß' Antworten erschienen als »Streitschriften« (Tübing. 1837, 3 Hefte). Für die persönlichen Verhältnisse des Verfassers hatte die Offenheit seines Auftretens die von ihm stets schmerzlich empfundene Folge, dass er noch 1835 von seiner Repetentenstelle entfernt und als Professoratsverweser nach Ludwigsburg versetzt wurde, welche Stelle von ihm jedoch schon im folgenden Jahre mit dem Privatstand vertauscht wurde. Früchte dieser ersten (Stuttgarter) Muße waren die »Charakteristiken und Kritiken« (Leipz. 1839, 2. Aufl. 1844) und die Abhandlung »Über Vergängliches und Bleibendes im Christentum« (Altona 1839). Von einer versöhnlichen Stimmung sind auch die in der 3. Auflage des »Lebens Jesu« (1838) der positiven Theologie gemachten Zugeständnisse eingegeben, aber schon die 4. Auflage nahm sie sämtlich zurück. 1839 erhielt S. einen Ruf als Professor der Dogmatik und Kirchengeschichte nach Zürich; doch erregte diese Berufung im Kanton so lebhaften Widerspruch, dass er noch vor Antritt seiner Stelle mit 1000 Frank Pension in den Ruhestand versetzt ward. 1841 verheiratete sich S. mit der Sängerin A. Schebest (s. d.), doch wurde die Ehe nach einigen Jahren getrennt. Sein zweites Hauptwerk ist: »Die christliche Glaubenslehre, in ihrer geschichtlichen Entwickelung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft dargestellt« (Tübing. 1840–41, 2 Bde.), worin eine scharfe Kritik der einzelnen Dogmen in Form einer geschichtlichen Erörterung des Entstehungs- und Auflösungsprozesses derselben gegeben wird. Auf einige kleine ästhetische und biographische Artikel in den »Jahrbüchern der Gegenwart« folgte das Schriftchen »Der Romantiker auf dem Thron der Cäsaren, oder Julian der Abtrünnige« (Mannh. 1847; 3. Aufl., Bonn 1896), eine ironische Parallele zwischen der Restauration des Heidentums durch Julian und der Restauration der protestantischen Orthodoxie durch den König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. 1848 von seiner Vaterstadt als Kandidat für das deutsche Parlament aufgestellt, unterlag S. dem Misstrauen, das die pietistische Partei unter dem Landvolk des Bezirkes gegen ihn wachrief. Die Reden, die er teils bei dieser Gelegenheit, teils vorher in verschiedenen Wahlversammlungen gehalten hatte, erschienen unter dem Titel: »Sechs theologisch-politische Volksreden« (Stuttg. 1848). Zum Abgeordneten der Stadt Ludwigsburg für den württembergischen Landtag gewählt, zeigte S. wider Erwarten eine konservative politische Haltung, die ihm von seinen Wählern sogar ein Misstrauensvotum zuzog, in dessen Folge er im Dezember 1848 sein Mandat niederlegte. Seiner spätern, teils in Heidelberg, München und Darmstadt, teils in Heilbronn und Ludwigsburg verbrachten Muße entstammten die durch Gediegenheit der Forschung und schöne Darstellung ausgezeichneten biographischen Arbeiten: »Chr. Friedr. Daniel Schubarts Leben in seinen Briefen« (Berl. 1849, 2 Bde.); »Christian Märklin, ein Lebens- und Charakterbild aus der Gegenwart« (Mannh. 1851); »Leben und Schriften des Nikodemus Frischlin« (Frankf. 1855); »Ulrich von Hutten« (Leipz. 1858; 6. Aufl., Bonn 1895), nebst der Übersetzung von dessen »Gesprächen« (Leipz. 1860); »Herm. Samuel Reimarus« (das. 1862); »Voltaire, sechs Vorträge« (das. 1870; 8. Aufl., Bonn 1895; Frankf. a. M. 1906); ferner »Kleine Schriften biographischen, literatur- und kunstgeschichtlichen Inhalts« (Leipz. 1862; neue Folge, Berl. 1866; 3. Aufl., Bonn 1898), woraus »Klopstocks Jugendgeschichte etc.« (Bonn 1878) und der Vortrag »Lessings Nathan der Weise« (4. Aufl., das. 1896) besonders erschienen. Eine neue, für das Volk bearbeitete Ausgabe seines »Lebens Jesu« (Leipz. 1864; 13. Aufl., Stuttg. 1904) ward in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Einen Teil der hierauf gegen ihn erneuten Angriffe wies er in der gegen Schenkel und Hengstenberg gerichteten Schrift zurück: »Die Halben und die Ganzen« (Berl. 1865), wozu noch gehört: »Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte, eine Kritik des Schleiermacherschen Lebens Jesu« (das. 1865). Noch einmal, kurz vor seinem Tod, erregte S. allgemeines Aufsehen durch seine Schrift »Der alte und der neue Glaube, ein Bekenntnis« (Leipz. 1872; 16. Aufl. als Volksausg., Stuttg. 1904), in der er mit dem Christentum brach, alle gemachten Zugeständnisse zurücknahm und einen positiven Aufbau der Weltanschauung auf Grundlage der neuesten, materialistisch und monistisch gerichteten Naturforschung unternahm. S.' »Gesammelte Schriften« (mit Ausschluss der spezifisch theologischen und dogmatischen), hat Zeller herausgegeben (Bonn 1876–78, 11 Bde., auch die von ihm hinterlassenen »Literarischen Denkwürdigkeiten« und die Gedichte enthaltend), dazu »Poetisches Gedenkbuch«, Gedichte (das. 1878) und »Ausgewählte Briefe« (das. 1895), die Briefe an Binder-Ziegler (in der »Deutschen Revue«, 1905). Vgl. Hausrath, David Friedrich S. und die Theologie seiner Zeit (Heidelb. 1876–78, 2 Bde.); Zeller, David Friedrich S. in seinem Leben und seinen Schriften geschildert (Bonn 1874); Eck, David Friedrich S. (Stuttg. 1899); Harräus, David Friedrich S. (Leipz. 1901)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Sixt Karl Kapff (1805 - 1879)

"Kapff, Sixt Karl, Theolog, Führer des schwäbischen Pietismus, geb. 22. Okt. 1805 zu Güglingen in Württemberg, gest. 1. Sept. 1879 in Stuttgart, wurde Vikar seines Vaters, dann Religionslehrer am Fellenbergschen Institut in Hofwil, 1829 Repetent am Tübinger Stift. Nachdem er seit 1833 Pfarrer in Kornthal, seit 1843 Dekan in Münsingen, seit 1847 in Herrenberg gewesen war, wurde er 1850 Generalsuperintendent in Reutlingen und außerordentliches Mitglied der Oberkirchenbehörde und des Studienrats, 1852 Stiftsprediger, später auch Prälat und Oberkonsistorialrat in Stuttgart. Von seinen zahlreichen Schriften haben besonders das größere und kleinere »Kommunionbuch« und das »Gebetbuch« große Verbreitung gefunden, dann die »Predigten über die alten Evangelien des Kirchenjahrs« (3. Aufl., Stuttg. 1875) und »Predigten über die alten Episteln« (6. Aufl., das. 1879). Auch schrieb er: »Die württembergischen Brüdergemeinden Kornthal u. Wilhelmsdorf« (Stuttgart 1839) und »Kasualreden« (das. 1880). Vgl. Karl Kapff, Lebensbild von Sixt Karl v. K. (Stuttg. 1881, 2 Bde.)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Apage, Satana! (Vulgata) = Weiche Satan! (Matthäusevangelium 4,10)



Abb.: Wilhelm Scholz (1824 - 1893): Das schwarz-rote Turnier des neunzehnten Jahrhunderts. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 14/15, S. 60. -- 1874-03-29

Sozialdemokrat: Wenn dieser Gang vorüber ist, komm' ich an die Reihe!



Abb.: Lebendes Bild im österreichischen Landtag. (A propos der jesuitischen Fakultät1 in Innsbruck.). -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 116, S. 64. -- 1874-04-05

Caesar Vaticanus. Auch du, Brutus, mein ältester Sohn?
Brutus Austriacus. Es ist halt nicht so böse gemeint

Erklärung:

1 Theologische Fakultät der Universität Innsbruck

"Die neuere Entwicklung setzt damit ein, dass 1857 Kaiser Franz Joseph I. die Theologische Fakultät wiedererrichtet und dem Jesuitenorden übertragen hat. Der österreichische Provinzial konnte Professoren einsetzen und abberufen, auch den Dekan ernennen. In dieser Rechtsform nahm die Fakultät ihre Arbeit auf und fand schon in den ersten Jahren ihres Bestehens einen beachtlichen Zustrom von Studenten. Die außergewöhnliche Sonderstellung der Fakultät wurde aber nach politisch heftigen Kämpfen gegen die "Jesuitenfakultät" 1873 dahin geändert, dass sie den anderen Fakultäten der Universität angeglichen wurde (Habilitation, Berufung der Professoren durch den Staat u.a.), aber ihre Eigenart grundsätzlich erhalten blieb. Diese Eigenart, besonders hinsichtlich der Zusammensetzung des Lehrkörpers, wurde schließlich auf Verlangen des Kardinal-Staatssekretärs Pacelli, des späteren Papstes Pius XII., im österreichischen Konkordat von 1933 festgehalten."

[Quelle: http://www.uibk.ac.at/theol/chronik/history.html. -- Zugriff am 2008-01-10]



Abb.: Verein gegen Verarmung und Bettelei. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 17, S. 68. -- 1874-04-12

Der Peterspfennig, welcher seit einiger Zeit schon etwas spärlich floss, ist am 24. März ganz versiegt. Wäre es nicht angezeigt für den armen Mann im Vatikan, das Betteln aufzugeben und lieber wieder zu dem fröhlichen und geschäftsmäßigeren Ablasskram zu greifen, bei welchem jetzt nach der Theorie von Leistung und Gegenleistung noch manches zu verdienen wäre?


Das Wunderwasser von Lourdes. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 20, S. 79. -- 1874-05-03

(Da jetzt im Großherzogtum Posen ein schwunghafter Handel mit dem Wasser der Grotte von Lourdes getrieben wird, so geben wir nachstehend eine Anweisung zur richtigen Anwendung dieses Elixiers.)

Das Eau de Lourdes viel wunder tut
Der gläubigen Welt zum Besten:
Es heilt euch, so ihr 's gebrauchet gut,
Von Sünden und von Gebresten.

Wollt ihr des Wunderwassers Wert
Erproben einmal hienieden,
So stellt 's, ihr Christen, auf den Herd
Und lasst es langsam sieden.

Und dass es seine Wunderkraft
Bewähr trotz Hexen und Teufeln,
So lasset der Zitrone Saft
Und Rum darein auch träufeln.

Und trinkt ihr's dann aus dem Römer klar,
Dann werdet ihr allmälig
Der Schmerzen all und der Sorgen bar,
Und werdet endlich -- selig.


Wohlwollend, aber — nichtkönnend. -- In Kladderadatsch. -- Jg. 27, Nr. 21, S. 82. -- 1874-05-10

"Die höchste Anforderung, welche wir an uns selbst stellen können, ist: mit Wohlwollen den verschiedenen religiösen Bekenntnissen zu begegnen." von Mallinckrodt1 [Zentrumsabgeordneter], in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. Mai.

Wohlwollen, Liebe, frommes Schonen
Für jeden Glauben, jeden Stand!
Wir achten alle Konfessionen,
Wir sind wahrhaftig tolerant.
Was scheltet ihr, wozu poltert
Ihr gegen Papst und Kapitol?
Wenn jemals Ketzer wir gefoltert,
Geschah's zu ihrer Seelen Wohl.

Wohlwollen! — Mit gelindem Zwange
Einst mahnten wir den bösen Hus2.
Umsonst! Er schritt zum letzten Gange,
Ein störrischer Haereticus.
Hätt er die Lehren widerrufen
Abtrünnger Trugtheologie,
Er hätt des Scheiterhaufens Stufen —
Wir schwören's euch — bestiegen nie.

Wohlwollen! — Mit Geduld ertrugen
Wir einst Giordano Brunos3 Trotz;
Und als wir ihn in Ketten schlugen,
Ihn banden an den Schächerklotz,
Da sprachen mild wir: Vom Verderben
Noch macht ein einzig Wort dich frei.
Bekehr dich! — Doch er wollte sterben,
Und schmerzlich riefen wir: Es sei!

Wohlwollen! — In geweihter Stola
Hat zu der Ordensbrüder Schreck
Durch Wort und Tat Savonarola4
Des Papstes Macht gelästert keck.
Als er den Glauben Alexanders5
Verleugnet frevelnd und verkannt,
Da haben wir — es ging nicht anders —
Ihn erst erdrosselt, dann verbrannt.

Wohlwollen! — Tausend zwar verhauchten
Einst unter Henkers Schwert und Beil,
Viel tausend Ketzeropfer rauchten,
Doch stets nur zu der Seelen Heil;
Denn wenn das Holz begann zu schwelen,
Auflohte dann der Scheiterhauf,
Dann stiegen aus der Glut die Seelen
Geläutert zu dem Himmel auf.

Wohlwollen! — Von der Ketzer Rotten
War unsre Kirche wild bedroht;
Doch weihten von den Hugenotten6
Kaum fünfzigtausend wir dem Tod.
Gregor7 befahl — wir mussten eben
Ans Werk in blutgem Hochzeitstanz8;
Den andern schenkten wir das Leben.
Sprecht selbst, was das nicht Toleranz?

Wohlwollen! — Über alle Lande
Einst war gebreitet unser Joch;
Doch lebt noch die lutherische Bande,
Und auch die Juden leben noch.
O, hätten wir mit Eisenbesen
Gefegt sie einst von unsrer Tür!
Wir sind zu tolerant gewesen;
Jetzt aber büßen wir dafür.

Wohlwollen, Liebe, Fried und Milde
Wir übten stets sie treu und rein.
Wir drangen nie in die Gefilde
Der Andersgläubgen zänkisch ein;
Nie haben Seelen wir geknechtet,
Und irdschen Vorteil nie gesucht.
Wer daran zweifelt, sei — geächtet
Und sei verflucht! —  verflucht!! —  verflucht!!!

Erläuterungen:

1 Hermann von Mallinckrodt, ultramontaner Politiker. Siehe oben

2 Hus

"Hus (besser als Huß), Johann, böhm. Reformator, geb. wahrscheinlich 1369 in Husinetz (wonach er sich zuerst Johannes de Husinetz, später Hus nannte), gest. 6. Juli 1415 in Konstanz, war Sohn armer Bauern, studierte in Prag Theologie, erlangte 1393 das Bakkalaureat der freien Künste, 1394 das der Theologie und wurde 1396 Magister der freien Künste. Zu seinen Lehrern gehörte unter andern Mag. Nikolaus Biceps, Nikolaus von Leitomischl, Stephan Palec von Kolin und Mag. Stanislaus von Znaim, sein späterer Gegner, vielleicht auch Albertus Ranconis. Seit 1398 hielt er Vorlesungen an der Universität, um 1400 wurde er zum Priester geweiht, 1401-1402 war er Dekan, 1403 Rektor und gleichzeitig Prediger an der durch ihn berühmt gewordenen Bethlehemskapelle, als Nachfolger Stephans von Kolin. Wichtig für seine Entwickelung, in gewisser Beziehung entscheidend für sein weiteres Leben, wurde die Bekanntschaft mit den theologischen Schriften Wiclifs, die Mag. Hieronymus etwa 1401 nach Prag mitgebracht hatte. Wie seine sogen. »Vorläufer«, Waldhauser und Militsch von Kremsier, beschäftigte er sich in seinen Predigten lebhaft mit den damals akuten Fragen nach Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Schon als im J. 1403 das Prager Kapitel ein Gutachten von der Universität über die von der Londoner Synode (1382) verurteilten 24 Wiclifitischen Lehrsätze, denen Mag. Johannes Hubner noch 21 neue hinzugefügt hatte, abverlangte, soll Hus neben Nikolaus von Leitomischl, Palec und Stanislaus von Znaim auf der Seite der Verteidiger Wiclifs gestanden haben; gleichwohl wurde beschlossen, dass diese Artikel, wenn sie auch nicht als ketzerisch angesehen werden, nicht gelehrt werden sollten. In dem damals oder kurz nachher verfassten Traktat »De corpore Christi« steht Hus auf vollkommen kirchlichem Boden. Auch erfreute er sich damals der vollen Gunst des Prager Erzbischofs Sbinko, wurde von ihm 1405 mit zwei andern Kollegen zur Prüfung des Wunderbluts von Wilsnack (s. d.) bestimmt, das er verurteilte, worauf der Erzbischof die Wallfahrten dahin untersagte; auch nahm er in einer eignen Schrift: »De ommi sanguine Christi glorificato«, Stellung zu dieser Frage. Damals beschäftigte er sich auch mit der Reinigung und Vereinfachung der böhmischen Orthographie, schrieb seine »Orthographia bohemica« und legte die Grundlage zur heutigen böhmischen Rechtschreibung.

Der immer deutlichere Anschluss Hus' an die Lehre Wiclifs bot den Gegnern jeder Kirchenreform Anlass, ihn der Ketzerei zu verdächtigen, und wenn auch diese Anklagen beim Prager Erzbischof keinen Erfolg hatten, so kam doch aus Rom schon 1405 eine Bulle Innozenz' VII., worin der Erzbischof aufgefordert wurde, dem Ketzertum in seiner Diözese entgegenzutreten. Doch noch stand Hus in vollem Einvernehmen mit dem Erzbischof und genoss auch am Hofe Wenzels als königlicher Kaplan und vielleicht auch Beichtvater der Königin Sophie große Gunst. Aber schon 1407 wurde Hus das Amt eines Synodalpredigers, das er seit 1405 innegehabt hatte, vom Erzbischof genommen; und als der Erzbischof im folgenden Jahre die 45 Artikel gegen Wiclif trotz des wiederholten unentschiedenen Gutachtens der Universität vom 20. Mai 1408 auf der Junisynode verbot und die Ablieferung der ketzerischen Bücher bis zum 4. Juli verfügte, vollzog sich der Bruch. Zwar kam auch Hus, wie die meisten seiner Anhänger, der Aufforderung bezüglich der Bücher widerstrebend nach; in seinen Predigten aber fuhr er fort, die Lehren Wiclifs zu verteidigen.

Die Frage für und gegen die kirchliche Reform hatte schon seit langem an der Universität in Prag eine Spaltung unter den Professoren hervorgerufen, und zwar standen die der tschechischen Nationalität angehörigen mehr auf der Seite der Reform. So bildete sich, durch andre Verhältnisse mit beeinflusst, hier ein nationaler Gegensatz immer schärfer heraus. Als die böhmische Nation an der Universität im Gegensatz zu den drei übrigen Nationen dem Wunsche König Wenzels entsprechend beschloss, betreffs des päpstlichen Schismas Neutralität zu bewahren, änderte der König laut dem Kuttenberger Dekret vom 18. Jan. 1409 das bisherige Stimmenverhältnis zugunsten der böhmischen Nation, so dass die deutschen Studenten mit ihren Lehrern Prag 16. Mai 1409 verließen. Der Einfluss, den Hus auf diese Verfügungen hatte, ist nicht sichergestellt; jedenfalls war Hus der erste Rektor, der nach der neuen Stimmordnung gewählt wurde.

Erzbischof Sbinko, der sich 2. Sept. 1409 zur Obedienz Papst Alexanders V. bekannt hatte, schritt nun, da Hus in seinen Predigten fortfuhr, gegen ihn ein, erlangte vom Papst eine Bulle (erlassen 20. Dez. 1409, in Prag verkündet im März 1410), die das öffentliche Predigen nur in bestimmten Kirchen gestattete, wodurch Hus die Wirksamkeit in der Bethlehemskapelle unmöglich gemacht werden sollte, und sprach schließlich 18. Juli 1410, nachdem zwei Tage zuvor die Verbrennung der Wiclifitischen Bücher im erzbischöflichen Hofe stattgefunden hatte, den Bann über Hus aus. Hus verteidigte sich in Disputationen und Schriften (»De libris haereticorum legendis« u. a.), und König Wenzel nahm sich seiner in Rom an; allein auch Johann XXIII. bestätigte die Verfügungen seines Vorgängers und zitierte Hus nach Rom. Eine weitere Verschärfung der Verhältnisse ergab sich, als der Papst (Mai 1412) die Ablassbulle wegen des Kreuzzuges gegen den König Ladislaus von Apulien verkünden ließ und Hus offen gegen die Ablassverkünder auftrat. Damals trennten sich Palec und Stanislaus von Znaim von Hus, der in der Universität, in der Bethlehemskapelle und auch außerhalb Prags gegen den Ablass predigte und auch einen Traktat »Quaestio de indulgentiis sive de cruciata papae Johannis XXIII. fulminata contra Ladislaum Apuliae regem« verfasste. Im Verlaufe von Straßenunruhen in Prag wurden drei junge Leute, die zum Anhange Hus' gehörten, hingerichtet; vom Volke wurden die Leichname in die Bethlehemskapelle gebracht, wobei das Lied »Isti sunt sancti« gesungen wurde, und von Hus feierlich begraben. Die Wirren in Universität und Volk wurden immer stärker, die Ausbreitung der Anhänger Hus' nahm im Land und in den Nachbargebieten immer mehr zu, so dass im Juli 1412 über Hus der große Kirchenbann verhängt wurde. Da die Anwesenheit des Gebannten allen Kirchendienst hemmte, veranlasste König Wenzel Hus (im Dezember 1412), Prag zu verlassen. Hus verbrachte die folgende Zeit auf Schlössern befreundeter Adliger, schrieb hier eine Anzahl von Wiclifsche Anschauung vertretenden Traktaten, darunter »De ecclesia«, woraus später der Anklagestoff in Konstanz wider ihn genommen wurde. Hier und in andern gleichzeitigen Schriften stellte sich Hus bereits vollständig auf den Standpunkt der Schrift als Quelle des Glaubens; dagegen hielt er an der Wandlungslehre, Anrufung der Heiligen etc. fest und leugnete noch nicht die konziliare Autorität in der Kirche. Als daher das Konstanzer Konzil (s. d.) 1414 zusammentrat, veranlasste König Siegmund im Herbst Hus gegen Zusicherung sichern Geleites, dahin zu kommen. Hus folgte der Einladung in der Hoffnung, die Väter zu seinen (d. h. zu Wiclifs) Lehren bekehren zu können. Am 3. Nov. 1414 traf er ein, fast gleichzeitig seine bittersten Feinde und Ankläger, darunter auch Stephan von Palec. Wenige Wochen später (28. Nov.) wurde er unter dem Vorwand eines beabsichtigten Fluchtversuchs verhaftet, und nach der Ankunft Siegmunds traten bald politische, bald kanonische Hindernisse einer versuchten Vermittelung seitens des Königs entgegen. In der Nacht des Palmsonntags 1415 ließ der Bischof von Konstanz Hus in seine Burg Gottlieben verbringen. Proteste blieben erfolglos, und nachdem das Konzil 4. Mai 1415 die Verwerfung der Wiclifschen Lehren feierlich verkündigt hatte, war Hus' Schicksal entschieden. In drei Verhören, am 5., 7. und 8. Juni, die beiden letzten Male in Gegenwart des Königs, beharrte Hus bei seinen Sätzen, solange ihm kein Irrtum nachgewiesen werde. In der 15. öffentlichen Sitzung des Konzils 6. Juli 1415 erfolgte die feierliche Verurteilung. Noch am selben Tage bestieg er auf dem »Brühl« den Scheiterhaufen und litt den Tod standhaft und mit Seelengröße. Sein Todestag ward in Böhmen lange als kalendermäßiges Fest gefeiert, das erst durch die Heiligsprechung des Johann von Nepomuk (s. d.) verdrängt wurde. Sein Bildnis s. Tafel »Reformatoren«. Am Altstädter Ring in Prag soll ihm ein großartiges Denkmal errichtet werden. Eine Ausgabe seiner tschechischen Werke besorgte Erben (Prag 1865-68, 3 Bde.), eine neue (»Mag. Joh. H. opera omnia«) W. Flajshans (das. 1903 ff.), die seiner Briefe und einiger Aktenstücke Palacky (das. 1869); »Ausgewählte Predigten« gab Langsdorff deutsch heraus (Leipz. 1894). Eine kritische Ausgabe der Werke ist erst nach Vollendung der Wiclif-Ausgabe zu erwarten. Die Literatur vor Palackys Geschichte Böhmens (Prag 1845-67) ist veraltet."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

3 Giordano Bruno

"Bruno, Giordano (Jordanus Brunus), berühmter Philosoph, geb. 1548 zu Nola im Neapolitanischen (daher Bruno Nolanus), gest. 17. Febr. 1600 in Rom, verließ seiner freimütigen Ansichten wegen das Dominikanerkloster zu Neapel, dem er seit seinem 15. Jahr etwa angehört hatte, und floh 1576 nach kurzem Aufenthalt in Rom von da und gelangte auf mancherlei Umwegen nach Genf, von wo er wegen der Unduldsamkeit der dortigen Calvinisten weiter nach Lyon und Toulouse ging. Hier blieb er 21/2 Jahre und hielt über verschiedene Teile der Philosophie Vorlesungen. 1581 endlich begab er sich nach Paris, wo er über Philosophie mit Beifall vortrug, auch von dem König Heinrich III. Gunst erfuhr. Hier gab er seine an komischen, oft zynischen Zügen reiche Komödie »Candelajo« (»Der Lichtzieher«) heraus sowie einige philosophische Schriften. Bedrängt von den Aristotelikern, mit denen er in Streit geraten war, begab er sich 1583 nach London, wo er von dem französischen Gesandten Michel de Castelnau, Herrn de la Mauvisière, wohlwollend aufgenommen wurde, auch mit diesem öfter an den Hof der Königin Elisabeth kam. Dort schrieb er seinen »Spaccio della bestia trionfante« (Par. 1584), drei Gespräche, in denen die Tugenden durch die Laster, beide als himmlische Konstellationen dargestellt, vom Firmament verjagt werden, mit satirischen Anspielungen auf die Hierarchie; »La cena delle ceneri«, in der er als Verteidiger des kopernikanischen Weltsystems auftrat, und seine wichtigsten Werke: »Della causa, principio ed uno« (Vened. 1584; deutsch von Lasson, 3. Aufl., Leipz. 1902) und »Del infinito universo e mondi« (Vened. 1584). 1585 ging er wieder nach Paris, wo er »Gli eroici furori« veröffentlichte, dann 1586 nach Wittenberg, 1588 nach Prag, wo er »De specierum scrutinio et lauripode combinatoria Raym. Lulli« herausgab. Hierauf wandte er sich nach Helmstedt, wo er wichtige lateinische Lehrgedichte entwarf, weiter nach Frankfurt a. M. (1590), Padua (1591) und endlich nach Venedig, wo er 1592 von der Inquisition ergriffen und 1593 nach Rom ausgeliefert ward. Wegen Abfalls und hartnäckiger Ketzerei zum Tode verurteilt, ward er in Rom auf dem Campo dei Fiori lebendig verbrannt. Seinen Richtern rief er zu, sie fällten mit größerer Furcht das Urteil, als er es empfange. Das befreite Italien errichte le ihm als Märtyrer der freien Überzeugung eine Statue zu Neapel. Auch auf dem Campo dei Fiori wurde 9. Juni 1889 sein Standbild enthüllt.
In seiner Philosophie ist Bruno durchaus Gegner des scholastischen Aristoteles. Seine Logik ging auf die »große Kunst« des Lullus zurück, die er als unfehlbare Methode sowohl zum Finden als zum Behalten der Wahrheit pries. Seine Weltanschauung ist eine pantheistische, indem er die Theorie des Nikolaus von Cusa (s.d.) von der Entstehung des Endlichen durch Selbsteinschränkung des Unendlichen mit dem kopernikanischen Weltsystem in phantastisch- poetisch er Weise verschmolz, dabei vielfach die Alten, namentlich Platon, die Neuplatoniker, die Stoiker, aber auch Epikur benutzte. Er war voller Sehnsucht nach dem Ideal der Schönheit, zugleich ein leidenschaftlicher Verehrer der Na kur oder des Unendlichen, lobte zwar den neuen, durch Telesius eingeschlagenen Weg, vom Einzelnen zum Höchsten aufzusteigen, ohne ihn aber selbst streng einzuhalten, so dass seine Lehre an vielen Unklarheiten, Inkonsequenzen und mystischem Dunkel leidet. Der Philosoph muss nach ihm ein Dichter sein, wie er auch selbst, namentlich in seinem Dialog: »Eroici furori« (heroischer Enthusiasmus), viele Gedichte einwob und seine Lehre z. T. in lateinischen Versen veröffentlichte. Grund und Ursache von allem ist nach ihm das Eine, in dem Alles und das selbst in Allem ist, beseelt und beseelend, natura naturans und natura naturata. Kleinstes, weil es im Kleinsten, und Größtes, weil alles Kleinere in ihm ist, das ins Unendliche sich ausdehnende, raumzeitliche Universum. Eines Gottes im Sinn der peripatetischen Scholastiker, eines extramundanen Bewegers, bedarf es nicht. Form, bewegende Ursache und Zweck sind mit der Materie eins, da der unendliche Äther alle Einzeldinge im Keime in sich birgt und sie nach bestimmten Gesetzen aus sich hervorgehen lässt. Das Endliche ist dem Unendlichen wie dieses jenem innerlich verwandt und daher das Ganze ebenso in jedem Teil wirkend wieder Mensch als Teil des Universums im Ganzen letztern »erkennend« gegenwärtig. Dem unzerreißbaren Zusammenhang zwischen dem Größten und Kleinsten im Realen entspricht das ununterbrochene Aufsteigen vom Kleinsten zum Größten, vom Nächsten zum Fernsten (vom Menschen zur Gottheit) im Idealen. Während das Ganze als Ganzes stets unverändert bleibt, sind die Teile desselben in steter Wandlung begriffen. Die Welt ist ihrem Wesen nach Harmonie, als Ganzes durchaus vollkommen, weil Gott in ihr lebt bis ins einzelnste. In Brunos Philosophie finden sich Keime mancher spätern philosophischen Systeme, so des Spinozistischen, Leibnizschen, auch neuerer pantheistischer; doch ist ihre Bedeutung mehrfach überschätzt worden. Sie wurde von Jacobi im Anhang zu dessen »Spinoza« (Werke, IV, Abt. 1), dann von Schelling im »Bruno« (Berl. 1802) und Steffens (»Nachgelassene Schriften«, das. 1816) der Vergessenheit entrissen. Die italienischen Schriften sind von Wagner (Leipz. 1830, 2 Bde.) mit Einleitung herausgegeben, einen neuen Druck besorgte P. de Lagarde (Götting. 1888-89, 2 Bde.); die lateinischen wurden ediert von Fiorentino (Neap. 1880-91, 2 Bde. in 3 Teilen). Die Schrift »De umbris idearum« (Par. 1582) hat S. Tugini (Berl. 1868) herausgegeben. Eine Übersetzung der philosophischen Werke ins Deutsche hat Kuhlenbeck begonnen (»Reformation des Himmels«, Leipz. 1890; »Vom Unendlichen, dem All und den Welten«, Berl. 1893; »Eroici furori oder Zwiegespräche zwischen Helden und Schwärmer«, das. 1898), der auch »Lichtstrahlen aus G. Brunos Werken« (Leipz. 1891) veröffentlichte."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

4 Savonarola

"Savonarola, Girolamo (Hieronymus), berühmter ital. Reformator, geb. 21. Sept. 1452 in Ferrara, gest. 22. Mai 1498 in Florenz, studierte Theologie und Philosophie und trat, von dem weltlichen Treiben in seiner Vaterstadt abgestoßen, 1475 in das Dominikanerkloster in Bologna. Hier wandte er seine Aufmerksamkeit den Schäden der Kirche zu, die er in dem Gedichte »De ruina ecclesiae« behandelte, und predigte seit 1482 in Florenz, Brescia und andern Städten. 1490 als Lektor in das Kloster San Marco in Florenz berufen, wurde er 1491 dessen Prior und entfaltete nunmehr als Schriftsteller, Lehrer und Prediger eine außerordentliche Tätigkeit, die auf Hebung wahrer Religiosität und Sittlichkeit im scharfen Kampfe gegen die Gebrechen in Staat und Kirche abzielte. Mit besonderer Vorliebe weilte er bei den strafenden Gesichten der Offenbarung Johannis, deren nahe bevorstehende Erfüllung ihm das Erscheinen Karls VIII. von Frankreich in Italien und die Vertreibung der Medici aus Florenz (1494) gewährleistete. Nunmehr griff er selbst in die Politik ein. Geistliches und Weltliches verknüpfend, bewirkte er, dass anfangs 1495 in Florenz in schroffem Gegensatz gegen die mediceische Weltfreudigkeit eine Republik auf theokratischer Grundlage entstand, in der er zwar keine amtliche Stellung einnahm, aber durch seine Predigten ausschlaggebenden Einfluß übte, dem Florenz mannigfache Gesetze zur Hebung von Zucht und Sitte, Bestrafung öffentlicher Laster zu danken hatte. Zum Karneval 1495 wurden die Zeichen weltlicher Lust aus der ganzen Stadt zusammengeschleppt und verbrannt. Die Hinrichtung mediceischer Parteigänger hat Savonarola nicht gehindert. In heftigem Streit standen sich die Parteien gegenüber: die Anhänger Savonarolas (Frateschi, d.h. »Mönchische«, oder Piagnoni, d.h. »Wimmerer« oder »Heuler«) und seine Gegner (Arrabbiati, die über das »Narrenregiment« des Mönches »Wütenden«). Diese Gegner, hinter denen die Macht der Medici und des durch Savonarolas schonungslose Angriffe gereizten Papstes Alexander VI. stand, der den Mönch vergeblich nach Rom zu locken suchte, erhielten binnen kurzem die Oberhand. Vor allem regte sich die Opposition der auf Savonarolas moralisches Ansehen eifersüchtigen Franziskaner. Schon 4. Mai 1497 kam es gelegentlich einer Predigt des Dominikaners zu heftigen, mit Lebensgefahr für Savonarola verbundenen Tumulten. Am 12. Mai exkommunizierte ihn der Papst, und der Bann übte auch in Florenz seine Wirkung. Erst gegen Ende 1497 gestatteten die Behörden dem Gebannten wieder einige geistliche Handlungen; seit Februar 1498 predigte er von neuem und schonungsloser als je gegen die Verderbtheit der Kirche und ihres Hauptes. Um seine Lehren als göttlich zu erweisen, erboten sich die Dominikaner von San Marco zur Feuerprobe, und die Franziskaner stellten sich dem Gericht, dessen Abhaltung am 7. April die Behörde genehmigte, das aber nicht zur Ausführung kam, weil die Gegner es durch allerhand Machenschaften zu verhindern wußten. Den Nachteil hatte Savonarola, da die zusammengeströmte Volksmasse nunmehr in seinen Prophetenberuf verstärkte Zweifel setzte. Tags darauf wurde San Marco gestürmt, Savonarola vor die Signoria geführt und einem parteiisch zusammengesetzten Gerichtshof übergeben. Der Papst sandte zur Leitung des Prozesses zwei Delegierte. In langen Verhandlungen, bei denen die Folter nicht gespart wurde, suchte man Savonarola mürbe zu machen. Er blieb fest und starb schweigend den Feuertod. Seine Asche wurde in den Arno geworfen. Fra Bartolommeo aber ging in seine Werkstatt und zog um das Bild des Freundes einen goldenen Reif, und noch heute streben die Dominikaner Savonarolas Heiligsprechung an. 1875 wurde ihm in Ferrara ein Denkmal (von Galotti) errichtet, 1881 eine Kolossalstatue (von Passaglio) im Palazzo pubblico in Florenz. Die Jahrhundertfeier 1898 bewies, dass sein Andenken noch immer Gegenstand leidenschaftlicher Erörterung ist. Eine Sammlung von Werken Savonarolas erschien zu Lyon 1633-40 in 6 Bänden; »Opere inedite«, anonym herausgegeben von N. Tommaseo, 1835. Eine Sammlung der wichtigsten Predigten und andre Schriften gaben Villari und Casanova heraus (»Un saggio delle prediche e degli scritti di G. S.« Flor. 1898). Den reichsten Bestand an Savonarola-Drucken weist die in der Nationalbibliothek zu Florenz aufgestellte Guicciardinische Bibliothek auf. Zahlreiche Neudrucke einzelner Schriften wurden gelegentlich der Jahrhundertfeier veranstaltet, darunter deutsch: »Der Triumph des Kreuzes« (hrsg. von Seltmann, Bresl. 1898). »Erweckliche Schriften« übersetzte Rapp (Stuttgart 1839); »Auserwählte Predigten« W. v. Langsdorff (Leipz. 1890) und Schottmüller (Berl. 1901)."

[Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon. -- DVD-ROM-Ausg. Faksimile und Volltext der 6. Aufl. 1905-1909. -- Berlin : Directmedia Publ. --2003. -- 1 DVD-ROM. -- (Digitale Bibliothek ; 100). -- ISBN 3-89853-200-3. -- s.v.]

5 Papst Alexander VI.

6 Hugenotten

"Hugenotten (franz. Huguenots), Name der französischen Protestanten, der wahrscheinlich von den protestantischen Genfern herrührt, die im Kampfe gegen Savoyen sich an die Schweizer anlehnten und deshalb die Partei der »Eidgenossen« oder in französischer Verstümmelung Huguenots genannt wurden. Schon unter König Franz I. hatte der unter den Gebildeten herrschende, der alten Kirche feindliche Humanismus der Reformation Eingang verschafft, die, von des Königs Schwester Margarete von Navarra begünstigt, besonders unter den Gelehrten große Verbreitung fand. 1523 entstand in Meaux die erste lutherische Vereinigung. Indes politische Rücksichten und despotische Gesinnung veranlassten Franz I. zur Verfolgung der Lutheraner, deren viele seit 1525 hingerichtet wurden. Nichtsdestoweniger dehnte sich der Protestantismus schnell unter Adel und Bürgertum aus, und gerade die Verfolgung ließ an Stelle des friedfertigern Luthertums die streitbare und tatkräftige Lehre Calvins treten. Vergebens steigerte Heinrich II. (1547-1559) noch die Schärfe der Verfolgung. Bei seinem Tode zählten die Reformierten schon 400,000 Anhänger und hatten im Mai 1559 ihre erste große Landesversammlung gehalten, die sie in Gemeinden, Provinzialsynoden und einer Nationalsynode in demokratischem Sinn und auf praktischste Weise organisierte und zugleich in 40 Glaubens- und ebensoviel Disziplinarartikeln ihr Bekenntnis auf Calvinscher Grundlage feststellte. Die prinzliche Familie Bourbon und das mächtige Haus Châtillon übernahmen ihre Führung, während die Guisen ihre erbittertsten Gegner wurden. Da diese unter dem König Franz II. (1559-60) die Regierung in Händen hatten, verhängten sie über die Hugenotten die schlimmsten Verfolgungen. Indes ehe die Guisen ihren Zweck erreicht hatten, starb Franz II., und für dessen minderjährigen Bruder, Karl IX., übernahm die Königin-Mutter Katharina von Medici die Regentschaft, die sie, aus Eifersucht gegen die Guisen, derart hugenottenfreundlich gestaltete, dass man an ihren Übertritt zum Kalvinismus glaubte. Die Ständeversammlung von Orléans (im Dezember 1560) zeigte sich, mit Ausnahme der Geistlichkeit, diesem Bekenntnis durchaus geneigt. Katharina veranstaltete zwischen katholischen und reformierten Geistlichen zu Poissy (im September 1561) ein Religionsgespräch, das mit dem Siege der Protestanten endete. Darauf wuchs die Zahl der neugläubigen Gemeinden auf 2500, und fast der gesamte Adel ging zu den Hugenotten über, denen das sogen. Januaredikt (17. Jan. 1562) freie Übung des Gottesdienstes außerhalb der Städte gestattete. Die eifrig katholische Partei antwortete darauf durch Niedermetzelung der Hugenottengemeinde von Vassy. Dieses Blutbad von Vassy (1. März 1562) führte den ersten Hugenottenkrieg herbei. Katharina von Medici vermittelte einen Frieden, der am 19. März 1563 in Form des Edikts von Amboise verkündigt wurde, freilich aber die Hugenotten mehr einschränkte, als das Januaredikt dies getan.

In den folgenden Friedensjahren vollendeten die Hugenotten ihre starke politische und militärische Organisation. Strenge Sittlichkeit wurde unter ihren Anhängern aufrecht erhalten und besonderes Gewicht auf den Schulunterricht gelegt, der in den fünf Akademien zu Montauban, Nîmes, Saumur, Montpellier und Sedan gipfelte. Aber die Hugenotten verscherzten endgültig die Gunst der öffentlichen Meinung Frankreichs, als Condé durch den vergeblichen Versuch, sich durch Überfall des jungen Königs im Landhause Monceau zu versichern (27. Sept. 1567), den zweiten Hugenottenkrieg herbeiführte. Von den deutschen Glaubensgenossen mit Truppen unterstützt, nötigte Condé den Hof zum Frieden von Longjumeau (23. März 1568), der den Hugenotten günstig war. Aber wie die große Mehrheit des Volkes, so war auch die Regentin durch die ungerechtfertigte Empörung der Hugenotten mit ihnen unheilbar verfeindet. Blutige Gewalttaten wurden allerorten gegen sie verübt, bis sie im August 1568 den dritten Hugenottenkrieg begannen. Herzog Heinrich von Anjou, des Königs Bruder, besiegte Condé bei Jarnac (13. März 1569). Da Condé in dieser Schlacht gefallen war, ging die Leitung der Hugenotten an den Admiral Coligny über. Zwar wurde auch dieser von Anjou bei Montcontour (3. Okt. 1569) geschlagen; allein die Festigkeit des Admirals, der Mut der Protestanten und die Unterstütz