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Arzt und Patient


Abb.: Rembrandt (1606 - 1669): Der barmherzige Samariter pflegt den Verwundeten, um 1648–1649


von Dr. med. Susanne Blessing


Unterhalten von: Alois Payer

payer@payer.de

Last update / Redaktionsschluss: 2008-09-04

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Rundbrief zum AOK-HÄVG-MEDI-Vertrag



Abb.: Dr. med. Susanne Blessing, geb. 1957, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Rundbrief an alle Hausarztpraxen in Baden-Württemberg vom 2008-07-19

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, 

Heute habe ich "mein" Info-Paket zum AOK-HÄVG-MEDI-Vertrag erhalten. Zu meinem Erstaunen hatte die HÄVG eG bereits alle meine Daten (Geburtstag, LANR, BSNR). Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Vorsicht, wenn hohe Renditen versprochen werden! Meistens profitieren nur Wenige davon, vor allem aber immer die Anlagenberater! So frustriert man angesichts des derzeitigen KV-Sachleistungssystems auch sein mag, sollte man nicht ohne gründliche Prüfung zur erstbesten Alternativlösung greifen, denn durch einen reinen Umstieg im System wird dieses System keineswegs besser, im Gegenteil! Dieser Vertrag kann in der anfänglichen (Werbe-)Phase vielleicht etwas höhere Umsätze bringen, aber um welchen Preis? Ärzte und Patienten werden eher entmündigt und mittelfristig in eine irreversible Abhängigkeit von der Gesundheitskasse geführt. Sicher ist jedenfalls:

Nicht der Hausarzt, sondern Hausarzt plus wird zum Lotsen im "neuen System". 

Darum rate ich Ihnen dringend, vor einer Vertragsunterschrift das Kleingedruckte aller 16 Anlagen mit Anhängen und der Softwarebestellung genauestens zu analysieren. Auch Anlage 7 mit der zweiseitigen Patienteninfo ist sehr wichtig, denn die Vertrags-Hausärzte sind zur Aufklärung verpflichtet und müssen diesen Vertrag ihren Patienten gegenüber verantworten. 

Die wahrscheinlichen Gewinner der Vertragskonstruktion:

  • Grosse Praxen bzw. MVZ's, die vor allem junge Gesunde einschreiben und dann ohne mediz. Kontakt eine "Provision" von 65 Euro für "Boten"-Dienste erhalten können,
  • die AOK, die managed care einführen möchte (absolutes Kosten-Controlling) und die ihren Marktanteil ausbauen könnte (bei fondsbedingtem einheitlichem Beitragssatz),
  • die HÄVG, die an einer sehr hohen Verwaltungspauschale (3 bzw.5%), an der 50%-Beteiligung der (Vertrags-)Software-GmbH, an den Gebühren für vertragskonforme Fortbildungsveranstaltungen und... nicht unerheblich profitieren wird,
  • die IT-Firma icw, wenn es ihr gelingt, als derzeitiger Alleinanbieter einen Vorsprung für weitere 'zig Facharzt-und Hausarztverträge zu erhalten und dann eine monopolartige Position im Praxis-EDV-Markt zu erreichen.

Die sicheren Verlierer werden Ärzte und Patienten sein, die eine individuelle Behandlung nach bestem Wissen und Gewissen anstreben und nicht eine softwaregesteuerte unpersönliche und fließbandartige Massenabfertigung. Entsprechend unserer Berufsordnung üben wir eigentlich einen freien Beruf und kein renditeorientiertes Gewerbe aus. Die  Anforderungen bzgl. Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Schweigepflicht sind  sehr hoch. Insbesondere darf es keine Weisungsbefugnis von Nichtärzten geben!

Was wir nicht brauchen, sind noch mehr Funktionäre in Parallelorganisationen, noch mehr bürokratische Wasserköpfe oder eine teure Rest-KV, die nur noch Nicht-Rosinen abwickeln muss. Deshalb lassen Sie uns endlich solidarisch zusammenstehen, um der Politik die "rote Karte" zu zeigen und für ein menschenwürdiges Gesundheitssystem mit mündigen Ärzten und Patienten zu kämpfen, z.B. für ein transparentes und sozial abgefedertes Kostenerstattungs-System. Wir dürfen uns nicht spalten lassen (Fachärzte/Hausärzte, Vertragsärzte/Nicht-Vertragsärzte...). Ansonsten wäre auch das Nachwuchsproblem nicht zu lösen.

Ich bin in tiefer Sorge um Zukunft und Freiheit unseres einst so schönen Berufes.


Beachtenswerte Punkte im AOK-HÄVG-MEDI-Vertrag:

 Kündigungsfristen:

Achten Sie auf die verschiedenen Fristen und Bedingungen für Patienten, Hausärzte, künftig Fachärzte, AOK, Managementgesellschaften, Vertragssoftware und Sie werden feststellen, dass die Bedingungen für die diversen Teilnehmer sehr unterschiedlich konstruiert sind. Ein Arzt, der  - warum auch immer – aussteigt, verliert seine durch ihn eingeschriebenen Patienten an einen anderen Vertragsarzt.

Mögliche Umsatzsteigerung:

Der erfreulichste Aspekt des Vertrags ist der Wegfall der floatenden Punktwerte. Allerdings beruht der Vertrag auf einer leistungsfeindlichen Pauschalierung, berücksichtigt beispielsweise keine Hausbesuche oder km-Pauschalen, nicht die sehr aufwändige Datenpflege der elektr.  Patientenpässe. Die hochgerechneten maximalen Fallpauschalen kann man übrigens nur bei Aufbietung aller Qualifikationen und Quoten erreichen, sprich bei voller Planerfüllung. Beachten Sie bitte auch, dass manche Pauschalen quartalsweise und andere wiederum jahresweise anzusetzen sind. Und was wird künftig noch in den Pauschalen versenkt? Da Patienten sich freiwillig einschreiben sollen, erübrigt sich eigentlich auch die Diskussion um Vertragseignung.

Vertragssoftware:

Im Moment gibt es nur eine zugelassene (für die Vertragsteilnahme obligatorische) Software,  das in icw-HÄVG-Kooperation entwickelte "Hausarzt plus" mit einer Vertragsdauer von fünf  Jahren. Abweichend von der ansonsten vorgeschriebenen Werbefreiheit werden hier u.a. durch Substitutionsalgorithmen (farblich hinterlegt) Empfehlungen für eine kostengünstigere Therapie gegeben und bei Erreichen einer Quote von mindestens 90% "grüner" Verordnungen mit einem Bonus belohnt. Diese und andere Softwareabschnitte sind in einem geheimen gekapselten Kern enthalten und können von einer anderen Softwarefirma nur en bloc in Lizenz erworben werden. Für die online-Anbindung (zur täglichen Übertragung an das HÄVG- Abrechnungszentrum) stehen zwei Möglichkeiten zur Verfügung: VPN-Technologie oder (empfohlen) ein gematikfähiger teurer Konnektor. Die Konnektorlösung wird durch die AOK subventioniert (1.700 Euro), wenn man am Vorgängerprojekt (nach §140) teilnimmt, auch kurzfristig-pro forma, wegen u.a."möglicher Nutzung von Mehrwertdiensten der AOK". Zur Zeit ist die Kompatibilität von Hausarzt plus und der eigenen Praxissoftware nicht befriedigend gelöst, so dass in vielen Fällen ein extra Rechner benötigt wird.

Qualität???, Managed care:

Künftig wird die Software hier entscheidend Einfluss nehmen. Alle Verordnungsdaten werden  derart aufgearbeitet, dass in den obligatorischen Qualitätszirkeln intensive Nachschulungen stattfinden. Weiterhin wird die Software kontinuierlich mit Leitlinien bestückt werden. Im Hintergrund sind "Qualitätsinstitute" und "Experten" tätig, mitentscheidend ist vor allem eine intransparente "Fachkommission Allgemeinmedizin" (mit Sitz Hausärzteverband Stuttgart). Im übrigen werden ab 01.01.2010 auch bestimmte QM-Systeme verbindlich vorgeschrieben, nur übergangsweise sind eigene Lösungen möglich.

Bürokratie:

Nahezu alle Verwaltungsvorgänge (wie Abrechnung, Praxisgebührverwaltung, Impfstoffe,  Sprechstundenbedarf etc.) sind doppelt (künftig vielleicht mehrfach) zu bewältigen. Neben allen zusätzlichen zeitraubenden Pflichten (Abendsprechstunde, mehr DMP, mehr check-up, Datenpflege der elektr. Patientenpässe etc.) wird auch die zweite Verschlüsselung aller Patientenkontakte nach ICPC-2 neben ICD-10 (mit rightcoding-Kontrollen) zum bürokratischen overkill führen.

Elektronischer Patientenpass:

wurde in dieser Form (fremder Zentralserver, hier LifeSensor von icw) vom Ärztetag abgelehnt.

Prüfung und Disziplinierung:

wird es auch mit diesem Vertrag geben. Dazu können auch Patienten von der AOK befragt werden. Aktive DMP-Teilnahme wird zwingend vorausgesetzt. Die Steuerung erfolgt durch geheime Fachkonzepte.


Information Ihrer Hausarzt-Praxis zum neuen AOK-Hausarzt-Vertrag


Information Ihrer Hausarzt-Praxis zum neuen AOK-Hausarzt-Vertrag

Liebe AOK-Patientin, lieber AOK-Patient,

Seit 1. Juli 2008 können sich Hausärzte und Patienten freiwillig in einen neuartigen Versorgungsvertrag einschreiben. Dieser Vertrag wurde zwischen der AOK Bad.-W. und den Managementgesellschaften zweier Ärzteverbände geschlossen. Ich möchte Ihnen hier die wichtigsten Punkte zusammenfassen:

Eingeschriebene Patienten müssen für mindestens 1 Jahr immer zuerst den gleichen Vertrags-Hausarzt aufsuchen. Ohne rechtzeitige Kündigung verlängert sich die Einschreibung automatisch. Die Behandlung bei Fachärzten ist (außer bei Augen- oder Frauenarzt) nur noch mit Überweisungsschein und nach eingehender Prüfung durch den gewählten Vertrags-Hausarzt möglich. Bei Praxisurlaub muss ein ebenfalls eingeschriebener Hausarzt aufgesucht werden. Wenn Sie ansonsten – außer im Notfall - einen Arzt ohne Überweisung aufsuchen, müssen Sie dies selbst bezahlen. Die Regelung der 10 Euro Praxisgebühr bleibt bestehen.

Folgende Vorteile sollen für Sie als Patienten entstehen:

  • zusätzliche Abendsprechstunde,

  • Wartezeiten von max. 30 Min.,

  • angeblich bessere Versorgung aufgrund genau vorgeschriebener Fortbildung der Ärzte,

  • jährliche Check-up-Untersuchung mit 6 statt 2 Laborwerten und

  • Angebot eines "elektronischen Patientenpasses" (auf einem fremden Zentralcomputer, was der Dt. Ärztetag gerade abgelehnt hat!).

Dafür stimmen Sie bei einer Teilnahme am Vertrag zu, dass Ihre Personalien und alle Diagnosen und Verordnungsdaten täglich direkt auf den Computer des Abrechnungs-Zentrums (der Managementgesellschaft HÄVG eG) übermittelt werden. Die AOK kann anschließend alle Daten zu Steuerungs- und Kontrollzwecken auswerten (zumeist in anonymer Form).

Die teilnehmenden Hausärzte könnten im Rahmen des Vertrags eine etwas höhere Bezahlung von der AOK erhalten, besonders wenn sie sich genau an die Vorgaben des Vertrags-Computerprogramms halten. Der bürokratische Aufwand im Alltag würde allerdings noch höher als schon jetzt, weil Vertragspatienten extra verwaltet werden müssen. Für den einzelnen Patienten stünde dann noch weniger Zeit zur Verfügung.   Auch eine persönliche und individuelle Betreuung würde erschwert, denn das (teils geheime) Computerprogramm lässt wenig Spielraum. Wenn Sie zum Beispiel mit Rückenschmerzen oder einer Entzündung der Nasennebenhöhlen zum Arzt gehen, empfiehlt das Programm eine einfache Standardtherapie und schlägt auch gleich das preisgünstigste Medikament aus den aktuellen Rabattverträgen vor.

Ich habe mich daher entschlossen, trotz einer in Aussicht gestellten besseren Honorierung nicht an dem Vertrag teilzunehmen, da mir weiterhin sehr an einem vertrauensvollen Arzt-Patient-Verhältnis gelegen ist. Ihnen als Patient(in) entstehen    keinerlei Nachteile, wenn auch Sie nicht teilnehmen. Außerdem bleiben Ihre persönlichsten Daten im geschützten Raum der Arztpraxis. Wie bereits erwähnt, ist die Teilnahme für Patienten und Ärzte absolut freiwillig.

Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Ihre Hausärztin Dr. med. Susanne Blessing


Aktion "Rettet den Hausarzt"